Efeu - Die Kulturrundschau

Das Prekäre des Moments

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30.06.2026. Im Tagesspiegel erklärt der französische Archivar François-Pierre Goy, weshalb die bisher unbekannten Mozart-Stücke erst jetzt entdeckt wurden. Monopol erfährt in Berlin von Forensic Architecture von den Auswirkungen des deutschen Völkermords an den Herero und Nama. Die FAZ blickt in das deformierte Gesicht des Krieges in der Ukraine, wenn Dusan David Parizek Sofia Andruchowytschs National-Epos "Amakoda" auf die Bühne in Chemnitz bringt. Antisemitische Botschaften sind in der Modewelt inzwischen ein Must, notiert die Jüdische Allgemeine.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.06.2026 finden Sie hier

Musik

Die kürzlich in der französischen Nationalbibliothek aufgetauchten, bislang unbekannten Mozart-Stücke sind François-Pierre Goy - nach eigener Aussage eigentlich Mozart-Laie - fast schon in den Schoß gefallen, verrät der französische Archivar im Tagesspiegel-Gespräch: Nur weil er kurz zuvor bereits andere Mozart-Handschriften auf dem Tisch hatte, fielen ihm die eindeutigen Parallelen etwa in den "Systemklammern" auf, denn "Notenschriften sind, genau wie Handschriften, völlig einzigartig". Aber wie kann das eigentlich sein, dass solche Entdeckungen in den Katakomben der Archive auch heute noch gemacht werden? "Wir haben so viele Handschriften, dass das Leben eines Bibliothekars nicht ausreichen würde, um alles zu untersuchen. Wegen der komplizierten Zusammenführung von Beständen verschiedener Institutionen - viele mit eigenen Inventarsystemen - wurde über die Jahrzehnte einiges nur provisorisch erfasst, hastig auf Zettel notiert. Wir katalogisieren diese Bestände fortwährend. ... Vor allem ergänzen wir aber auch fortwährend die spärlichen Originaleinträge, korrigieren ungenaue oder falsche Datierungen, beschreiben die Inhalte ausführlicher."

Weiteres: Anastasia Tikhomirova berichtet in einer Reportage für Zeit Online vom Open-Air-Festival Fusion, das im ländlichen Mecklenburg-Vorpommern am letzten Wochenende auch trotz brutalster Hitzetemperaturen stattgefunden hat, während andere Festivals abgesagt wurden. Christoph Irrgeher porträtiert im Standard den österreichischen Jazzsaxofonisten Wolfgang Puschnig. Joachim Hentschel plaudert in der SZ mit Sting. Stefan Ender (Standard), Matthias Greuling (NZZ) und Manuel Brug (Welt) erinnern an Peter Alexander, der heute vor hundert Jahren geboren wurde.
Archiv: Musik
Stichwörter: Mozart, Wolfgang Amadeus

Film

Jörg Seewald berichtet in der FAZ vom Auftakt des Filmfests München. Besprochen wird Yann Samuels Jakobsweg-Film "Die Camino-Therapie", der laut Standard-Kritiker Bert Rebhandl "den souveränen französischen Zugriff auf alle Formen des Wohlfühlkinos bestätigt".
Archiv: Film

Kunst

Elke Buhr (Monopol) verdankt Forensic Architecture und seinem deutschen Ableger Forensis einen neuen Blick auf den deutschen Völkermord an den Ovahero und Nama. Denn die Kollektive zeigen aktuell in der Berliner Spore Initiative nicht nur, was sie bei Recherchen in Namibia fanden: "Die Landschaft war nicht nur Ort des Genozids, sie trägt bis heute seine Spuren. Speziell eingefärbte Fotografien zeigen, wie das fruchtbare Gras in den vergangenen hundert Jahren aus der Landschaft verschwunden ist und durch Sträucher ersetzt wurde - ein Zeichen der Versteppung durch die Eingriffe der Kolonialmacht, die unter anderem das Wasser monopolisierte. Die zentrale Filminstallation, in der die Recherche ausgebreitet und mit vielen Interviews mit Einwohnerinnen und Einwohnern ergänzt wird, zeigt die Auswirkungen des Völkermords bis in die Gegenwart. Namibias weiße Minderheit, zwei Prozent der Bevölkerung, besitzt noch immer siebzig Prozent des Landes."

Gestern nun wurden Markus Lüpertz' monumentale Buntglasfenster im Naumburger Dom eingeweiht. In der FAZ ist Stefan Trinks ziemlich angetan: "Das Lüpertz sehr vertraute Thema der stark farbigen Scheiben ist die Verdammnis und Erlösung. Über einem Sockel aus Schädeln, die traditionell auf Tod und Verderben, aber auch auf Golgotha als Richt- sowie Sündentilgungsstätte Christi anzuspielen vermögen, deren 'Gesichter' aber eindrücklich von mehreren Bleiruten durchfurcht sind, erheben sich neben Engeln und Auferstehenden auch die Endgegner. (…) Auch die Farbikonologie, das Kombinieren unterschiedlicher Töne mit Konnotationen, setzt Lüpertz furios ein: Der Wirbel aus hoffnungsfrohen und vielfach abgestuften Grüntönen, wie sie beispielsweise innerhalb der Figur eines Gläubigen mit gen Gott gewendeten Armen auf innig liebevolles Flammenrot in dessen Herzgegend stoßen, vermittelt ebenso die gewollte Atmosphäre und erhellt in einem 'Enlightenment' das Prekäre des Moments, wie die deutlich dunkleren Töne die Gegenwelt charakterisieren."

Weitere Artikel: Für die taz besucht Katrin Bettina Müller das Depot der Sozialen Künstlerförderung, das 15.000 Arbeiten von 2.000 KünstlerInnen beherbergt, die Auftrag des West-Berliner Senats entstanden waren. Ebenfalls in der taz berichtet Hilka Dirks von der Schließung des Berliner Auktionshauses und des Projektraums "Die Möglichkeit einer Insel". Und auch das von der Deutschen Bank betriebene Palais Populaire wird schließen, meldet Nicola Kuhn im Tagesspiegel. In der FAZ befürchtet Frauke Steffens, dass bekannte Wandbilder, etwa von Philip Guston oder Seymour Vogel, die im Wilbur J. Cohen Federal Building hängen, verkauft werden, weil Trump das Gebäude über die General Services Administration möglichst schnell abwickeln möchte.

Besprochen werden außerdem die erste Werkschau des Kanadiers Jon Rafman in der Kunsthalle Nordrhein-Westfalen (SZ, mehr hier).
Archiv: Kunst

Bühne

Szene aus "Amakoda". Foto: Patrik Borecký

Sofia Andruchowytschs dreiteiliges ukrainisches Nationalepos "Amakoda", welches in Fragmenten die Komplexität der ukrainischen Geschichte einzufangen versucht, ist von Dusan David Parizek auf die Bühne des Festivals "Theater der Welt" in Chemnitz gebracht worden - und das gelingt gut, findet Konrad Muschick in der FAZ: "Wie Andruchowytschs Roman beginnt auch Pařízeks Theaterabend mit dem Bild eines deformierten Gesichts. Im Prolog erscheint ein Mann im Unterhemd auf der größtenteils leeren, schwarzen Bühne, nur drei Overheadprojektoren und ein Maskentisch stehen verteilt im Raum, weit hinten eine Leinwand. Der Mann setzt sich an den Maskentisch und beginnt mit einem durchsichtigen Plastikband sein Gesicht zu umkleben, eine Runde nach der anderen. Eine Kamera filmt ihn, zoomt ran, übergroß ist auf der Leinwand zu sehen, wie sein Gesicht immer weiter entstellt wird. Es schwillt an, die Gesichtszüge verlieren ihre Proportion, zunehmend verwandelt er sich in etwas Menschenunähnliches. Wie aus einer abgründigen, surrealen Vorstellungswelt entsprungen, würde man nicht ahnen, dass sich die bittere Realität des Kriegs in ihm spiegelt."

Das "National Noh Theatre" wird im Herbst für zwei Gastspiele mit dem Titel "The Aesthetics of Stillens" nach München kommen, für die SZ schaut David Pfeifer schon mal in Tokio beim Familienbetrieb der Wakebayashis vorbei, um mehr über die Tradition zu erfahren: "Eine Noh-Performance folgt klaren Strukturen. Die Sprache ist poetisch, die Kostüme mächtig, der Singsang monoton, vor allem das schreitende Gleiten der Figuren will gelernt sein (...). Das Publikum muss sich auf diese Art des Erzählens einlassen und eintauchen in diese Welten, in denen von mächtigen Dämonen erzählt wird, von edlen Samurai und Dienern, von Träumen und fantastischen Welten, ohne Spezialeffekte oder großen Bühnenzauber. Immerhin werden die Stücke übersetzt, sogar für Japaner gibt es Untertitel, sonst versteht man so viel wie in einer Oper ohne Libretto."

Bersprochen werden Michael Schachermaiers Parzifal-Inszenierung bei den Bad Hersfelder Festspielen (FR), Wilfried Fiebigs Inszenierung "Die Obdachlosigkeit des Wilhelm Genazino" am Theater Frankfurt (FR), Lies Pauwels' Inszenierung "Same Same. Ein Abend mit Zwillingen" (nachtkritik) und William Kentridges Inszenierung von Monteverdis "L'Orfeo" in Glyndenbourne sowie John Cairds Monteverdi-Inszenierung "Il ritorno d' Ulisse in patria" in Garsington (FAZ).
Archiv: Bühne

Literatur

Sehr angeregt kommt NZZ-Kritiker Paul Jandl von der "großartig subtilen Ausstellung" über Thomas Bernhard im Wiener Literaturmuseum nach Hause. Darin erleben lässt sich, wie der österreichische Schriftsteller "wirklich war. Vor allem aber: was aus ihm geworden ist. Ein dunkler Mythos, aus dem helles Lachen kommt. ... Bernhard war ein Theatermacher in eigener Sache, ein Rollenspieler, dessen Kostümierungen man in der Ausstellung auch sehen kann. Feinste Tweedsakkos, Loden und Massschuhe, die fast ungetragen wirken. Die Selbstübertreibungen des literarischen Übertreibungskünstlers haben keine Klassenschranken gekannt. Vom Landwirt über den Aristokraten bis zum Proletarier war alles drin, und manche Berufe wurden tatsächlich auch ausgeübt", etwa der des Lastwagenfahrers: "Für die Gösser-Brauerei fährt er Bier aus und rammt im Rückwärtsgang einmal eine Zapfsäule und einmal einen Gemüsestand." Nicht zuletzt staunt Jandl aber auch über Bernhards Fähigkeiten, seinem Verleger Siegfried Unseld mit immer unverschämteren Forderungen immer höhere Beträge aus der Tasche zu ziehen.

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Weitere Artikel: Johannes Franzen informiert sich für die SZ in Laura McGraths Studie "Middlemen" über "die steigende Bedeutung, die Agentinnen im literarischen Feld der Gegenwart einnehmen". Die FAZ widmet sich auf einer ganzen Seite für den Deutschunterricht vereinfachten Klassikerausgaben, von denen sie fünf in Form von Kurzbesprechungen vorstellt.
    
Besprochen werden unter anderem Clara Umbachs "Pizza Orlando" (taz), Jeong-in Muns Comic "Langer Atem" (Tsp), Andreas Schäfers "Letzter Akt" (FR) und Róža Domašcynas Gedichtband "Unterm weißleinenen Tuch" (FAZ).
Archiv: Literatur
Stichwörter: Bernhard, Thomas

Design

Als sich vor Jahren John Galliano antisemitisch äußerte, trennte sich Dior von ihm - Galliano hat sich später aufrichtig entschuldigt. Heute ist das Klima völlig verändert, notiert Ute Cohen in der Jüdischen Allgemeinen. Es ist in den teuersten Häusern geradezu ein "Must", antisemitische Botschaften mehr oder weniger subtil zu platzieren, auch wegen der vielen kaufkräftigen Kunden in der muslimischen Welt. Nur ein Beispiel: "Dass Mode heute politische Positionen transportiert, zeigte sich 2025 in einer Saint-Laurent-Kampagne, die den palästinensischen Rapper Saint Levant inszenierte. Dieser ist bekannt für seine Gewaltfantasien gegen israelische Fußballfans. Die Wahl dieses Musikers führte zu Boykottaufrufen, kritischen Artikeln und Debatten über moralische Verantwortung. Parallel tat sich auch die Sängerin Dua Lipa, Gesicht der YSL-Beauty-Kampagne Libre, als politische Aktivistin hervor und machte durch äußerst kritische Bemerkungen gegenüber Israel von sich reden."

Saint Levant ist inzwischen Markenbotschafter von Prada und defiliert mit einem Halskettechen, das ein Palästina ganz ohne Israel zeigt.

Archiv: Design