Efeu - Die Kulturrundschau

Metaphysische Achterbahnfahrt

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.06.2026. Schreibt KI vielleicht doch die bessere Fiktion, weil sie so schön hochstapelt, fragt sich der Freitag. Der Guardian nimmt in London ein göttliches Blutbad mit Anish Kapoor. Der Dlf schickt den klassischen Kunstkritiker in den Ruhestand. Derweil begrüßt Backstage Classical eine neue Generation junger kühner Dirigentinnen. Und die FAZ trägt das Fußballtrikot fortan auch im Büro und bei der Gala.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2026 finden Sie hier

Literatur

"Nun sag, wie hast Du's mit der KI" ist insbesondere nach Olga Tokarczuks Eingeständnis, zumindest zu Recherchezwecken auf die Dienste Künstlicher Intelligenzen zurückzugreifen, die in der Literatur grassierende Gretchenfrage unserer Tage - der Freitag hat sie einigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern gestellt. Die meisten lehnen deren Einsatz rundheraus ab oder tun performativ desinteressiert. Marlen Hobrack nimmt die Anfrage indessen zum Anlass für ein paar grundsätzlichere Überlegungen: Dass KIs bei der Erstellung von Autorenbiografien teilweise blühenden Blödsinn von sich geben, ist ja zunächst einmal eine interessante Beobachtung. "Alle Texte sind für sie im gleichen Maße wahr; faktische Richtigkeit ist irrelevant. Recht und Unrecht, Wahrheit und Lüge sind keine sinnvollen Kategorien für eine, wenn auch äußerst komplexe, Datenverarbeitungsmaschine. So konfrontiert uns die Künstliche Intelligenz mit einem spannenden Gedankenexperiment: Schreibt sie nicht die bessere Fiktion, weil sie sich hemmungslos an den Versatzstücken zirkulierender Texte bedient und gänzlich gewissenlos ist? Künstliche Intelligenz mutet an wie eine hochstapelnde Romanfigur, die lebendig geworden ist und nun die Wahrheit behauptet."

Weiteres: Anna-Louisa Schönfeld resümiert in der FAZ das Literaturm-Festival in Frankfurt, wo unter anderem Marlen Hobrack, Daniela Dröscher, Christoph Hein und Lukas Rietzschel über "das literarische Spannungsverhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland" diskutierten.

Besprochen werden unter anderem Sharon Dodua Otoos "So, in etwa, ist es geschehen" (FR), Thomas Gronles Comic "Das Ritual" (Tsp), Gaito Gasdanows Erzählband "Ein zweites Leben" (NZZ), Madeline Cashs "Verlorene Schäfchen" (FAZ) sowie Claire Calands und Sandrine Kerions Sachcomic "Die Geschichte des Krimis" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Kunst

Das Werk von Anish Kapoor ist immer eine metaphysische Achterbahnfahrt, aber in den neusten Arbeiten scheint das Interesse des indisch-britischen Bildhauers an Religion noch provokativer, stellt Jonathan Jones (Guardian) in der Londoner Hayward Gallery fest. Ein "göttliches Blutbad" erlebt Jones etwa in der Arbeit "The Ritual Expiation", die gottgleiche Gestalten zeigt, die einem Massenmord vorstehen: "Sie ragen über riesige Metallwannen empor, in denen blutgetränkte Leichen und Körperteile aufgestapelt sind, und purpurrotes Blut ergießt sich durch Rinnen. Wir scheinen uns in der Welt der Menschenopfer der Azteken zu befinden. Und doch liegt Schönheit in den Gemälden, die diese abstoßenden Mordschalen umgeben. Goldregen und goldene Rechtecke tauchen aus Farbflächen auf, wie der goldene Regen in Tizians Danaë."

Einen Abgesang auf die Kunstkritik will Laura Helena Wurth im Dlf nicht anstimmen, und doch gibt es den klassischen Kunstkritiker heute nicht mehr, notiert sie: "Es gibt Künstler, die Kritiker sind, Menschen, die im akademischen Bereich arbeiten, Schriftsteller, die sich mit Kunstkritik befassen, Kuratoren, Direktoren, Museumsangestellte, die für verschiedene Publikationen kunstkritische Einschätzungen vornehmen. Sie alle sind oft zusätzlich zu ihrer Funktion auch als Kritiker für Tageszeitungen, Fachmagazine oder Radioprogramme tätig. (…) Und ohne Anstellung, als freischaffender Kritiker ein Leben mit Miete und Nahrungsmitteln und Rücklagen fürs Alter zu bestreiten, ist schlicht unmöglich. Kritiker werden dadurch abhängiger von Kunstinstitutionen, vor allem von Galerien, die sie für Ausstellungs- und Katalogtexte bezahlen, und verstricken sich zusehends in ein System, in dessen Hand sie nicht mehr beißen können, wenn sie von ihr gefüttert werden." Eine Chance sieht Wurth in neuen Formaten in den sonst so schlecht beleumundeten Sozialen Medien.

Weiteres: In der SZ erkennt Peter Richter bei jenen Künstlern, die gegen Künstliche Intelligenz arbeiten, um nicht kopiert zu werden, Manöver der Avantgarde. Für die FAZ besucht Hannes Hintermeier die Bildhauerin Ingrid Baumgärtner in ihrem Atelier in Triftern. Ebenfalls in der FAZ gratuliert Stefan Trinks dem Kunsthistoriker Neil MacGregor zum Achtzigsten. Besprochen wird außerdem die 9. Photo-Triennale in Hamburg (SZ, mehr hier).
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Stichwörter: Kapoor, Anish, Kunstkritik

Bühne

Szene aus "Mokka-Hits und Milchbar-Träume". Foto: Jan Windszus

Hinreißend komisch und musikalisch überwältigend findet Gunda Bartels im Tagesspiegel die Revue "Mokka-Hits und Milchbar-Träume", die Regisseur Axel Ranisch und Musikchef Adam Benzwi auf die Bühne der Komischen Oper im Schiller Theater bringen. Neben Zensiertem aus dem Giftschrank des Kabaretttheaters Distel, Gedichten von Kurt Bartsch und Thomas Brasch und allerhand Nostalgie spart Ranisch in diesem "DDR-Psychogramm" aber auch die Verbrechen der Diktatur nicht aus, atmet Bartels auf: Das Stück "ist eine Gratwanderung aus nostalgischem Schmelz, schräger Persiflage und melodramatischen Tönen. Wenn Tenor Johannes Dunz als Karel Gott mit 'Einmal um die ganze Welt' die Showtreppe herunterschreitet, jubelt und lacht der Saal. Doch dann gruppieren sich folkloristisch gewandete Tänzerinnen und Choristen mit Plakaten des Prager Frühlings dazu, das Lachen bleibt im Hals stecken, die Szenerie kippt in den Ernst."

Weitere Artikel: Fünf Tage bevor der Choreograf Alexei Ratmansky das Ballett "Wunderland" nach den Alice-Romanen von Louis Carrol auf die Bühne des Hamburgischen Staatsoper bringen wird, besucht ihn Stefan Grund für die Welt bei den Proben. In der FAZ resümiert Sophie Klieeisen die Wiener Festwochen.

Besprochen werden außerdem die Choreografie "Toil" von Sheena McGrandles im Frankfurter Mousonturm (FR) und Lara Jungs Inszenierung von Sina Ahlers' "Milch und Schuld" am Theater Lübeck (taz).
Archiv: Bühne

Architektur

Das Wittwer-Haus, ein von Hans Kammerer, Walter Belz und Max Bächer entworfener brutalistischer Bau aus den 1960er Jahren, der einst den Konrad-Wittwer-Verlag und aktuell eine Thalia-Buchhandlung beherbergt, ist ein Wahrzeichen in Stuttgart, weiß Falk Jäger in der FAZ. Entsprechend groß ist das Entsetzen der Stuttgarter, dass der Bau abgerissen werden soll. Das Landesdenkmalamt erachtet den Bau wegen der "Menge und Stärke der Überformungen" nicht für schützenswert, denn: "Es habe im Inneren starke Veränderungen erfahren, und der Sichtbeton habe einen Anstrich bekommen. Stichhaltig ist das nicht, denn Ersteres betrifft den Großteil aller Baudenkmale, und Anstriche hatten noch nie Einfluss auf die Denkmaleigenschaft. Sie sind kurzlebig und können entfernt werden, auch auf Sichtbeton. Würden diese Kriterien konsequent angewandt, könnte man kein einziges Geschäftshaus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter Schutz stellen; ein wichtiger Typus einer ganzen Epoche würde aus den Denkmallisten verschwinden."
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Film

Thomas Klein denkt im Filmdienst über den Erfolg der Microdamas nach, die sich auf Instagram und TikTok im Reel-Format entfalten (mehr dazu bereits in Tilman Baumgärtels Essay für den Perlentaucher). Auf rogerebert.com plauscht Marya E. Gates mit John Waters. Besprochen wird Bernhard Sallmanns Gesprächsfilm "Das Kino", in dem Kinomacher und Kinotheoretiker über das Kino reden (taz).
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Musik

Zur Zeit werden international zahlreiche Dirigentenposten neu besetzt und dabei "deutet Vieles auf einen Paradigmenwechsel hin", schreibt Axel Brüggemann auf Backstage Classical. Auffällig ist, dass zahlreiche Neubesetzungen um die 40 sind - und dass mehr und mehr Dirigentinnen engagiert werden, wiewohl etablierte Namen weiterhin hoch im Kurs stehen. "Der Betrieb erneuert sich, ohne sich zu entledigen. Gerade darin liegt seine eigentümliche Dynamik. Ökonomisch ist diese Entwicklung leicht zu erklären. Orchester und Opernhäuser sind auf öffentliche Mittel, Sponsoren und Spenden angewiesen", da "ist Star-Power kein Luxus, sondern strukturelle Notwendigkeit. Neu ist allerdings, wie diese Strahlkraft inszeniert wird. Neben das Bild des erfahrenen, weißhaarigen Maestros tritt das des jungen, medial präsenten 'Mavericks'. Zwischen diesen Polen - jugendliche Kühnheit hier, lebenslange Autorität dort - positionieren sich die Orchester strategisch. Der Dirigent erscheint mal als Krieger, mal als Schamane, stets aber als Projektionsfigur."

Weitere Artikel: Die Agenturen melden, dass der südafrikanische Jazzmeister Abdullah Ibrahim gestorben ist. Clemens Haustein resümiert in der FAZ das Berliner Kammermusikfestival Intonations, bei dem unter anderem Martha Argerich und Elena Bashkirova auftraten. Am international viralen Erfolg der gemeinsamen Single "Du bist gut genug" von Blumengarten, Kitschkrieg und Shirin David findet Paul Buschnegg auf ZeitOnline insbesondere auch interessant, "dass die deutsche Sprache endlich für Gelassenheit steht". Ganz Italien rätselt, wer der stets maskiert auftretende, neapolitanische Erfolgssänger Liberato ist, berichtet Max Dax in der Welt.

Besprochen werden Vince Staples' neues Album "Cry Baby" ("Flow und Sound ... wirken auf unexplosive Art nach", verspricht tazler Henrik von Holtum), ein Konzert des Ensemble Modern zu Ehren von Hans Werner Henze (FR), Olivia Rodrigos neues Album "You Seem Pretty Sad For a Girl So In Love" (Standard, mehr dazu bereits hier), ein Tributalbum für Albert Mangelsdorff (FR), ein Schumann-Konzert der Wiener Symphoniker unter Petr Popelka (Standard) und neue Popveröffentlichungen, darunter "Inferno", das lange ersehnte neue Album der Boards of Canada (zu hören sind "musikalisch gefällige, nicht allzu verstörende, aber zunehmend pessimistisch gestimmte Kifferimpressionen zu manchmal wackeligen, bisweilen gut groovenden Trip-Hop-Beats und flächig angelegten, wie säuerliches Zitronensorbet zerfließenden esoterischen Synthesizer-Sounds", hält Christian Schachinger im Standard fest).

Archiv: Musik
Stichwörter: Dirigenten, Klassikbetrieb

Design

"Die Etablierung des Fußballtrikots als büro-, party- und galataugliches Kleidungsstück darf als abgeschlossen gelten", schreibt Bernhard Heckler in der FAZ. "In diesem WM-Sommer haben sie ein ästhetisches Allzeithoch erreicht: Hot couture aus kühlem Polyester, gleichzeitig zweckgebunden und zweckentfremdet, es ist kein großer Widerspruch mehr, Deutschland anzufeuern, dabei aber das Trikot der Marokkaner zu tragen, einfach weil das Rot einem so gut gefällt." Damit "kommt die zweite Welle: die langsame Abtragung der ursprünglichen Kollektivbedeutung des Leibchens. Wie Meerwasser an die Felsküste schwappt das moderne Distinktionsverlangen der Konsumenten an das Fußballtrikot, das immer der Ausweis einer Gruppenzugehörigkeit war. Letzte Regeln erodieren langsam: Ein Trikot muss nicht mehr zwingend auf einen Fußballverein oder eine Fußballnation hinweisen."
Archiv: Design