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08.06.2026. Wie funktioniert eigentlich Theater, fragen sich die Kritiker nach dem neuen Schimmelpfennig in Stuttgart. Ein Teheraner Revolutionsgericht hat die Haftstrafe gegen Jafar Panahi bestätigt, meldet die SZ. Nastassja Kinski hat in der Debatte mit Wim Wenders eher einen Pyrrhussieg errungen, kommentiert die Welt. Die NZZ ist hyped auf das Zürcher Konzert von Kaytranada. AntoniGaudís Tod ist nun hundert Jahre her, die FAZ erinnert an seine Architektur zwischen Kunst und katalanischer Unabhängigkeit. Ebenfalls die FAZ bestaunt in Venedig die Kunst von Tadeusz Kantor, einem existenzialistischen Surrealisten.
Roland Schimmelpfennigs "Sommersonnenwende", wird im Schauspiel Stuttgart uraufgeführt, Regie führt Daniela Löffner und Judith von Sternburg dreht in der FR fast durch, weil das Kinderlied "Aramsamsam" der Motor des Stücks ist und ständig wiederholt wird. Es geht um eine Familie, die sich zum Gartenfest trifft und so aneinandergerät, dass sich die Menschen bisweilen in Tiere verwandeln: "Wiederholung als Mittel des Schimmelpfennig-Theaters spielt ohnehin eine Rolle. Verwirrend, aber raffiniert die zahllosen feinen Zeitsprünge. Sie werden immer angesagt, man ist dennoch perplex. Sind sie wichtig? Ist es wichtig, an welcher Stelle man in die 'Aramsamsam'-Endlosschleife einsteigt? Insgesamt geht es nicht mit rechten Dingen zu. Dazu könnte es sogar noch justiziabel werden (Knochen, Blut, Messer). Trotzdem leuchtet das ein. So funktioniert Theater, man bleibt dabei, um erst hinterher zu begreifen, dass man letztlich nicht viel Neues erfahren hat." Das Stück stellt so auch die Frage, "ob es eigentlich gut für das Theater sei, dass meistens noch einmal erzählt werde, was schon alle wissen. Guter kniffliger Punkt."
Egbert Tholl macht in der SZ auf den Familienstreit aufmerksam, der sich am Erbe der Geschwister Isabel und Victor und ihrer Partner Albert und Patrizia entzündet und der nun nicht mehr so leicht zu lösen ist: "Das Problem: Isabel und Albert haben ein Kind adoptiert, ein Mädchen, Amina, das nicht nur Victors und Patrizias Erbschleicherpläne zum Wohle der eigenen Brut torpediert, sondern auch überhaupt nicht Patrizias Vorstellungen entspricht. Amina scheint nicht zu passen, vielleicht ist sie schwarz, fremd, wie auch immer: Enge im Hirn kracht auf die mühevolle Behauptung von geistiger Freiheit, alle vier rasen auf zunehmend vollgematschterBühne durch die Nacht, ein klein wenig Politik sickert ins Beziehungsgeflecht. Doch letztlich weiß man: In einem Jahr werden sie sich wieder treffen. Und alles wird wieder genau so sein. Familie halt." Weitere Besprechung in der Nachtkritik.
Anne-Catherine Simon bezieht in der Presse auch noch einmal Stellung zum Fall Rau/Thiel (unsere Resümees): "Milo Rau ist hier nicht der Loser. Ihm ist allein schon mit der Idee etwas gelungen, Peter Thiel einzuladen, und mit dessen Zusage zu einer öffentlichen, kritischen, keinerlei Einschränkungen unterworfenen (Publikums)Diskussion; ganz zu schweigen von der Debatte, die auf die Bekanntgabe der Einladung folgte, sie ist an sich schon ein interessanter Spiegel öffentlicher Zustände. Abgesehen davon: Egal, was man von der Inszenierung dieser Thiel-Einladung halten mag, ja von der Einladung Thiels selbst - was zuletzt an Milo-Rau-Bashing stattgefunden hat, diskreditiert in seiner Ballung und teils gehässigen Zuspitzung nicht den Festwochen-Intendanten, sondern die Attacken auf ihn."
Erst musste das Maxim-Gorki-Theater beim Sparkurs des Berliner Senats einstecken, jetzt droht ihm auch noch eine gepfefferte Mieterhöhung - der Vermieter ist aber selbst ein Unternehmen des Landes Berlin. Für Peter Laudenbach ist in der SZ klar, was getan werden müsste: Es gäbe "eine langfristig tragfähige Lösung für die schwierige Situation der Werkstätten und die über die Stadt verteilten Probebühnen, die schon länger in Planung ist: landeseigene Proben- und Werkstatt-Räumlichkeiten für das Gorki-Theater und die Volksbühne. Die Investition könnte die Infrastruktur der Theater auf Dauer sichern und ihnen ein effizienteres, also deutlich kostengünstigeres Arbeiten ermöglichen. Bisher hatte die unter Wedl-Wilson und ihrem sprunghaften Vorgänger Joe Chialo (CDU) kurzatmig und hektisch agierende Berliner Kulturpolitik nicht die Kraft, solch eine langfristige Entscheidung zu treffen."
Weiteres: Katja Kollmann sieht sich für die taz auf dem Berliner Theatertreffen der Jugend um. Konrad Muschick stellt in der FAZ den jungen Theatermacher Mario Banushi vor, der in Venedig den Silbernen Löwen verliehen bekommt. Arno Widmann erinnert in der FR an Peter Handkes "Publikumsbeschimpfung", die vor 60 Jahren uraufgeführt wurde.
Besprochen werden: "Polaris" am Deutschen Theater, geschrieben und inszeniert von Jan ChristophGockel (Taz, Tagesspiegel), Silvia Costa inszeniert mit "La Musica - zwischen ihr und ihm" am Münchner Residenztheater ein Mash up von zwei Stücken von Marguerite Duras (Nachtkritik), "The Boys are Kissing" von Zak Zarafshan, inszeniert von Anne Lenk am Thalia Theater Hamburg (Nachtkritik) und Maria Lazars "Der blinde Passagier", inszeniert von Ebru TartıcıBorchers am Staatstheater Oldenburg (Nachtkritik).
"Ein Revolutionsgericht in Teheran hat eine gegen den Filmemacher JafarPanahi verhängte einjährige Haftstrafe bestätigt", meldet Susan Vahabzahdeh in der SZ. Der Regisseur war nach einer ausgedehnten PR-Reise für seinen letzten Film trotz dieses in Abwesenheit gefällten Urteils in seine Heimat zurückgekehrt. "Außer der Haftstrafe wurde ein Reiseverbot gegen Panahi verhängt, sagte sein Anwalt der iranischen Nachrichtenagentur Emtedad. Außerdem dürfe er keiner politischen Vereinigung beitreten. Eine Berufung ist noch möglich. In der Anklage hatte es unter anderem geheißen, Panahi habe Proteste unterstützt, außerdem wurde ihm Regimekritik durch den Film 'Ein einfacher Unfall' vorgeworfen, den er heimlich gedreht hat."
Für NastassjaKinski ist Wim Wenders' Einlenken, den Film "Falsche Bewegung" zumindest fürs Erste aus dem Verkehr zu ziehen, ein "Pyrrhussieg", kommentiert Jan Küveler in der Welt. "Einerseits hatte sie sich durchgesetzt mit ihrem Anliegen der rückwirkenden Filmgeschichtsklitterung. Andererseits haben sie nicht mal zu ihren besten Zeiten so viele Bundesbürger nackt gesehen wie jetzt, als bei der Google-Bild-Suche fast die Transistoren durchbrannten. Für die DVD des Films hatte sich jahrelang kein Mensch interessiert. Jetzt gingen die Schwarzmarktpreise durch die Decke. ... Medienanwälte dürften sich unterdessen die Hände reiben. Wenn diese Form der filmischen Vergangenheitsbewältigung Schule macht, lässt sich das gesamte deutsche Kulturgut der 70er und 80er Jahre juristisch rückabwickeln."
Der propalästinensischeIsrael-Boykott wird immer idiotischer. Le Mondemeldet, dass es einigen Filmemachern mit der Ankündigung, ihre Filme aus dem Programm zu ziehen, gelungen ist, den israelischen Filmemacher NadavLapid als Jurymitglied des Festivals FID Marseille herauszuekeln - und damit einen ausgesprochenen Kritiker der Regierung Netanjahus, der mit seinen jüngeren Filmen sich radikalisierende Strömungen in der israelischen Bevölkerung schwer angegriffen hat.
Das Unbehagen in der Architektur: "Backrooms" von Kane Parsons Mit KaneParsons' Horrorfilm "Backrooms" kommt ein Youtube- und Reddit-Phänomen nun auch auf die große Leinwand: Seit einigen Jahren erstellen Leute im Netz gerade in ihrer Kahlheit unheimliche, schier endlose Gang-Labyrinthe, durch die sie einander schicken und über die sich im Netz austauschen. "Sie sind fensterlos, buttergelb tapeziert und mit ockerfarbenem Teppichboden ausgelegt, die Decke ist tief abgehängt, Neonleuchten verteilen giftiges Licht", erklärt Leon Lindenberger auf ZeitOnline das Phänomen. "Diese großen und kleinen Räume sind, soweit wir wissen, über endlose Flure verbunden. Vollständig sinnentleert ist ihre Architektur, wie ein geisterhaftes Konferenzzentrum oder ein Hotel, das nie ein Gast besucht hat. Die backrooms sind die Hinterzimmer der Moderne, eine zeitgenössische Gruselgeschichte. ... Diese Bilder des Verlorenseins fanden besonders in Parsons' eigener Generation Anklang. Viele erkannten hier ihre existenzielle Furcht in einer zunehmend trostlosen Welt, erinnerten sich an die menschenleeren urbanen Gebäude und Räume der für die Gen-Z so prägenden Pandemiejahre. Wie die Internetforen ihrer Schöpfer führen die backrooms in völlige Vereinzelung - und bieten doch Zuflucht."
Weiteres: Johanna Adorján erzählt in der SZ von ihrer Begegnung mit Agathe und Adam Bonitzer, die den Film "Mein Leben, mein Ding" ihrer bei den Dreharbeiten gestorbenen Mutter SophieFillières fertig gestellt haben. Auf Zeit Online erzählt der SchriftstellerBenjaminLebert ausgehend vom neuen "Masters of the Universe" davon, wie ihn He-Man und Co. in seiner Jugend darüber hinweg getröstet haben, gemobbt zu werden. Besprochen werden die beiden Mediensatiren "Truly Naked" von Murield'Ansembourg und "Babystar" von JoschaBongard (Jungle World) und die Amazon-Serie "Off Campus" (Welt).
In der NZZ freut sich Adrian Schräder auf den morgigen Auftritt von Kaytranada in Zürich - und wer derzeit nicht bei den Eidgenossen weilt, dem macht er den Mund zumindest wässrig: Der haitianisch-kanadische Produzent und DJ sorgt mit seinen Sets mitunter für "Defekte in der Matrix. Seine Basslinien wabbeln. Sie laufen nicht einfach mit dem Beat mit, sondern führen ein Eigenleben. ... Dazu kommen Drums, die ihre Akzente leicht neben dem Erwartbaren setzen, ohne aus dem Takt zu geraten. ... Kaytranadas Beats also schlingern und taumeln nicht aus Nachlässigkeit, sondern mit voller Absicht. Während viele Produzenten versuchen, die Maschine zu perfektionieren, interessiert er sich gerade für jene Momente, in denen sie menschlich wirkt. Deshalb klingt die elektronische Musik bei ihm nie mechanisch, sondern organisch. Als würde sie atmen."
Dieses Boiler-Room-Set machte Kaytranada 2013 weltweit bekannt:
Weiteres: Axel Brüggemann schreibt auf Backstage Classical einen Nachruf auf den Kritiker JürgenKesting. In der NZZ am Sonntag spricht Frank Heer mit Rocko Schamoni über das Altern, dem er mit einem lachenden und einem weinenden Auge begegnet: "Je mehr mir der Körper zu schaffen macht, umso besser geht es mir seelisch. Meine Depressionen und Selbstzweifel rücken in den Hintergrund."
Besprochen werden der von AndreasBorsch und TobiasJohann herausgegebene Band "Jüdische Identitäten und Antisemitismus im Punk" (taz), das neue Album von Tori Amos (FAZ), die Ausstellung "Too Hot to Händel" in Halle (FAZ), das neue Album von Kitschkrieg ("Ständig konfrontiert einen das Album mit neuen Stimmen und Stimmungen", schreibt Daniel Gerhardt auf Zeit Online), ein Auftritt von Clueso in Wien (Presse), eine Aufnahme von CharlesTournemires Franziskus-Oper "Le petit pauvre d'Assise" durch das Theater Ulm (FAZ), ein neues Album der FooFighters (FAZ) und eine Netflix-Doku über KylieMinogue (FAZ).
Vor hundert Jahren ist Antoni Gaudí gestorben, der Historiker Lasse B. Lassen wirft für die FAZ einen Blick auf das Werk des Architekten, das gerade in der Sagrada Família Kunst und katalanische Unabhängigkeitsbestrebungen vereint: "als Projektleiter des Bauwerkes war zunächst der Diözesanarchitekt Francisco de Paula Villar vorgesehen. (…) Während die Krypta noch nach den ursprünglichen neogotischen Entwürfen Villars fertiggestellt wurde, ließ Gaudí sich bei der weiteren Planung der Kirche von der katalanischen Natur inspirieren. Nach Eingang einer großen anonymen Spende an Bocabellas Associació de Devots entwickelte Gaudí um 1894 das Konzept einer fünfschiffigen Kirche mit 18 Türmen - zwei für Jesus und die Gottesmutter Maria, vier für die Evangelisten, zwölf für die Apostel. Inspiration für die spitz zulaufenden, kegelförmigen Türme waren die Felsspitzen des Montserrat-Gebirges, während die Gewölbe an der Fassade den Tropfsteinhöhlen der Pyrenäen nachempfunden waren. Die Säulen im Inneren der Kirche wiederum sollten Baumstämme darstellen - Gaudí imaginierte einen Steinwald im Inneren der Kirche."
Dem Künstler (und auch Theaterregisseur) Tadeusz Kantor hätte die Ausstellung seiner Werke unter dem Titel "Emballage, Cricotage und Madame Jarema" parallel zur Biennale in den Procuratie Vecchie mit ihrem "konzertierten Spektakel" gefallen, ist sich Stefan Trinks in der FAZ sicher. Kantors Werk wird gemeinsam mit dem von Maria Jarema gezeigt, mit der er lange zusammengearbeitet hat: "Die scharfgratig silbriggraue Stahlskulptur im Durchgangsbereich, die er noch im polnischen Untergrund des Zweiten Weltkriegs schweißte, changiert als überlebensgroßes Vexierbild zwischen anthropomorpher Guillotine und Harfe. Vielfach erscheinen Saiteninstrumente wie Violinen in Kantors Kunst, am markantesten im großen Saal, wo auf einem Hochformat ein Geiger in Fehlfarben wie bei Chagall sein einsam Liedlein fiedelt, während hinter ihm eine Kirche abbrennt - ein wiederkehrendes Motiv des bei Kriegsende Dreißigjährigen, der alle Schrecknisse der Jahre 1939 bis 1945 mit eigenen Augen durchsehen musste." Er war Existenzialist und Surrealist zugleich: "In allen Bildern wartet Kantor, ein Zeitgenosse von Samuel Beckett, Ionesco und den anderen Existenzialisten, auf Godot. Als Einziger von diesen allerdings weist er eine empathische Sensibilität für die feinsten Nuancen des Menschseins auf."
Weiteres: Hannes Hintermeier schreibt für die FAZ den Nachruf auf die österreichische Fotografin Elfie Semotan, der es in ihrer Modefotografie immer vor allem um die Menschen ging, die diese Mode tragen. Gustav Klimt steht weiterhin vor Gericht, wie Ursula Scheer in der FAZ weiß, die Restitution des "Bildnis Fräulein Lieser" ist immer noch nicht abgeschlossen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im taz-Gespräch mit Luciana Ferrando erzählt die ComicautorinAlisonBechdel, warum sie für "Kaputt", ihren sehr lose autobiografischen Comicroman über eine Comiczeichnerin mittleren Alters, die ihren Memoir zu schreiben versucht, zu den Figuren ihres vor zwanzig ahren erschienenen, fiktiven Comics "Dykes to watch out for" zurückgekehrt ist. "Ich liebe diese Charaktere! Ich habe mir überlegt, wie alt sie heute sind. Wie sie heute aussehen. Sie sind die perfekten Begleiter:innen für diese schwierigen Zeiten, weil sie engagierte Aktivist:innen sind, die nie aufgehört haben zu kämpfen. Anders als meine Hauptfigur, die bequemgeworden ist und ihren früheren Idealismus verloren hat. Über diese Figuren zu schreiben, war ermutigend."
Außerdem: Fürs Literatur-Feature von Dlf Kultur begibt sich Rolf Cantzen in die Welt der "literarischenInselutopien". Besprochen werden unter anderem DinçerGüçyeters Poetikvorlesung "Fake Gucci-Jogginghose auf der Lesebühne" (Standard), RadkaDenemarkovás "Schokoladenblut" (Standard), RobertSeethalers "Die Straße" (Welt), DanielaChanas "Affäre mit einem Erzähler" (FR), MercedesSpannagels "Crashtest Dummies" (Standard), PeggyMädlers "Die Selbstregulierung des Herzens" (NZZ) und AntonioScuratis "M - Das Ende und der Anfang" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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