Efeu - Die Kulturrundschau
Aufgeraut im Inneren
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.06.2026. Im Standard ist Milo Rau zerknirscht darüber, dass er Peter Thiels Auftritt bei den Wiener Festwochen absagen musste: er habe das Festival schützen müssen. Die SZ ist bei der Uraufführung von Salvatore Sciarrinos Oper "L' Agamennone" in Bern beeindruckt von Iris van Wijnenn als "furchterregend großartiger" Klytämnestra. Im taz-Gespräch erklärt Jenny Graser, Kuratorin am Leipziger Museum der Bildenden Künste, was Arbeiterbildnisse aus der DDR mit Gemälden aus dem 16. Jahrhundert zu tun haben.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
02.06.2026
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Bühne

Im Standard-Interview zeigt sich Milo Rau unzufrieden mit der Absage an Peter Thiel, der bei den Wiener Festwochen hätte auftreten sollen (unsere Resümees), er hätte die Aktion gerne durchgezogen, durch die vielen Absagen eingeladener Gäste sei sie aber "ganz klar Festival-gefährdend" gewesen: " Wir haben sogar Expertinnen und Experten befragt, auch sie waren für die Durchführung. Es gab aber beginnend mit der Absage von Geoffroy de Lagasnerie irgendwann erdrutschmäßig eine ganze Boykott-Bewegung von Festwochen-Teilnehmenden, die gedroht haben, abzusagen. Lagasnerie ist ein Freund von mir, ich respektiere seine Meinung, auch wenn ich glaube, dass er da irrt. Nichtsdestotrotz musste ich das Festival letztlich schützen, ich kann es nicht opfern für eine einzige Sache, die ich wichtig finde."
In der Welt hält Jakob Hayner die Ausladung für einen Fehler: "Warum nicht den zwischen Trumpismus und Technokratie, Posthumanismus und politischer Theologie irrlichternden Thiel auftreten lassen und sich für die Diskussion mit ein paar klugen Büchern wappnen anstatt nur auf Instagram rumzujammern?" In der FAZ resümiert Hannes Hintermeier die Debatte.
Für die Nachtkritik besuchte Julia Schafferhofer Milo Raus "Glaubenstribunal", das nun ohne Thiel stattfand: Besonders interessant findet die Kritikerin die Veranstaltung nicht, bei der eine Jury mit eingeladenen Gästen kontroverse Themen diskutieren soll, denn "das 'Glaubenstribunal' entpuppt sich als äußerst langatmige und erstaunlich harmonische Veranstaltung. Ins Kreuzverhör wird hier niemand genommen, nach Befindlichkeiten gefragt zuhauf." Zu den interessantesten Rednerinnen zählte "die ukrainische Femen-Aktivistin Inna Shevchenko, die im Exil in Paris und Wien lebt. Als sie 2012 in einer Solidaritätsaktion mit der russischen Punkband Pussy Riot in Kiew ein Holzkreuz zersägte, hätte sie sich durch religiöse und politische Macht geschnitten. Diese sehe sie als Allianz. Russlands orthodoxe Kirche segne russische Panzer und vergebe allen, die Ukrainer:innen töten."
Weitere Artikel: Gerald Felber hat in der FAZ Neuigkeiten aus Chemnitz: Der Vorschlag der SPD, Oper und Schauspielhaus zusammenzulegen ist zum Glück vom Tisch, nachdem sich heftiger Widerstand aus Politik und Zivilgesellschaft geregt hatte (unser Resümee).
Design
Sehr berührend fand die Kuratorin Katharina Krawczyk (SZ) Olivier Saillards neue Performancereihe "Musée Vivant de la Mode" in der Pariser Fondation Cartier: Gezeigt wurde verschlissene, teils auf Pariser Straßen entsorgte Kleidung - getragen von ins Alter gekommenen Models, die einst für "Couturiers wie Madame Grès, Martin Margiela oder Jean Paul Gaultier gearbeitet hatten - und die er deshalb als 'lebendes geschichtliches Erbe' bezeichnet. Eine nach der anderen schritten sie den Raum ab und erweckten die Kleidung mit ihren Gesten langsam wieder zum Leben. Einem Pygmalion gleich kommentierte Saillard danebenstehend das jeweilige Stück, attestierte einem von Motten zerfressenen Mantel einen Burn-out, verwies auf den abgenutzten Saum eines Kleides, der auf lange Tanznächte schließen lässt." Für Krawczyk steht dies im Zusammenhang mit einer neuen Sehnsucht nach und einer neuen Normalisierung von Spuren statt Glätte, Alter statt Jugendfetisch. "Die Zärtlichkeit, mit der Saillard in seinen Performances dem Verbrauchten und vermeintlich nicht mehr Brauchbaren begegnet, berührte die Zuschauer merklich, die ihm mit feuchten Augen, Standing Ovations und tosendem Applaus für diese Ode an den Alltag dankten."
Musik
Jan Brachmann berichtet in der FAZ von den Musikfestspielen in Bergen. Niels Bossert porträtiert in der NZZ die Schweizer Popsängerin To Athena. Good Music präsentiert einen Blumenstrauß an neuen Musikvideos.
Besprochen werden neue Musikveröffentlichungen, darunter Guido Spannocchis Jazzalbum "Kammermusik" ("Spannocchi hat seine Musik farbenschillernd eingekleidet, vereint Kontrabass, Cello, Vibrafon und Saxofon zu hübschen Arrangements", schreibt Christian Schachinger im Standard). Ein kleiner Einblick:
Besprochen werden neue Musikveröffentlichungen, darunter Guido Spannocchis Jazzalbum "Kammermusik" ("Spannocchi hat seine Musik farbenschillernd eingekleidet, vereint Kontrabass, Cello, Vibrafon und Saxofon zu hübschen Arrangements", schreibt Christian Schachinger im Standard). Ein kleiner Einblick:
Literatur
Johan Schloemann berichtet in der SZ von einem Symposium zum Schicksal der Privatbibliothek, deren Weg in Zeiten von reich gefüllten Online-Antiquariaten, übervollen Archiven und KI-Digitalisierung nach dem Ableben des Besitzers immer häufiger ins Altpapier führt. Besprochen werden unter anderem Petr Šestáks "Ausgebrannt" (FR), Helena Falkes "Noch fünf Tage" (FR), Raha Nik-Andischs "Teheran Tagebücher" (SZ) und Luzia Geiers "Zohran Mamdani: Our Time Is Now'. Wie Mut, Haltung und Menschlichkeit Politik verändern können" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

Im taz-Interview erklärt Jenny Graser, Kuratorin am Museum der bildenden Künste Leipzig, unter welchen Prämissen sie den "Bilderkosmos", die Sammlung moderner und Gegenwartskunst, neu gestaltet hat. Was die gezeigte DDR Kunst betrifft, sei es ihr darum gegangen, "die Denkweise aufzubrechen, dass die Zeit der DDR heute nichts mehr mit uns zu tun hat": "Ich glaube, dass man nicht alles explizit kommentieren muss, sondern dass die Kunst selbst ganz viel erzählt. Das geht auch über Epochen hindurch. Am liebsten würde ich in den Raum mit Arbeiterbildnissen aus der DDR noch ein Gemälde aus dem 16. Jahrhundert hängen, weil die Ikonografie da schon angelegt ist. Stattdessen habe ich Portraitfotos von Rineke Dijkstra ergänzt, die im Jahr 2000 Auszubildende in Leipzig fotografiert hat. Es ist ein chronologischer Rundgang, aber es gibt immer wieder Sprünge in der Zeit, nach vorn oder auch zurück, um thematische oder formale Verbindungslinien zwischen den Jahrzehnten aufzuzeigen."
Besprochen werden die Ausstellung "Renoir et l'amour - La modernité heureuse (1865-1885)" im Musée d'Orsay in Paris (NZZ), das Kunstfestival "Various Others - Contemporary Art Munich" in München (tsp) und die Ausstelllung "singuhr XXX - 30 Jahre Klangkunst" im silent green in Berlin (taz).
Film
"Es wäre symbolisch richtig, wenn Wim Wenders - ohne jegliche Präzedenz - diese zwei Minuten entfernt", schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt zur aktuellen Debatte darum, ob Nastassja Kinskis im Alter von 13 Jahren gedrehte Nacktszene aus Wenders' "Falsche Bewegung" geschnitten werden sollte, wie die Schauspielerin das zuletzt auch in öffentlichen Wortmeldungen fordert. "Wenders hat tatsächlich die Macht, diesen Schnitt zu tun, er besitzt sämtliche Rechte an all seinen Filmen, er könnte den Streamern vorschreiben, welche Version sie zeigen dürfen. ... Allerdings stellt sich gleich die weitergehende Frage: Was nützt es? Da sind ja noch Zehntausende von DVDs, auf denen die zwei Minuten erhalten bleiben und ohne Mühe ins Netz zurückbefördert werden können. Nichts verschwindet in unserer Zeit mehr endgültig."
In Danylo Mokryks online veröffentlichtem Dokumentarfilm "Inside Russia's System of Torture" erzählen Menschen aus den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine von den Folterungen, die Russlands Schergen der ukrainischen Zivilbevölkerung antun, berichtet Stefan Locke in der FAZ. "Die Menschen in diesem Film haben zwischen zwei Monaten und zwei Jahren in russischer Gewalt verbracht. Es sind Mitarbeiter lokaler Verwaltungen, Lehrer, Priester, und sie stehen stellvertretend für Zehntausende Ukrainer, die seit Russlands Vollinvasion der Ukraine in die Hände der Besatzer gerieten. ... Es ist schockierend und respekteinflößend zugleich, wie diese Menschen, denen äußerlich keine Spuren der erfahrenen Gewalt mehr anzusehen sind, schildern, in welche Abgründe sie nicht nur geblickt haben. Es sind erschütternde Dokumente von Exzessen, die jeden, der fordert, die Ukraine solle sich endlich ergeben, damit 'Ruhe' ist, das Blut in den Adern gefrieren lassen müssten."
Das vor kurzem in Berlin-Wedding wiedereröffnete Kino Arsenal widmet sich in einer Reihe den Filmen von Debra Granik. In ihrem Werk kommen Spielfilm, Dokumentarfilm und Langzeitbeobachtung zusammen. Die Filmemacherin widmet sich "den Randbereichen der US-amerikanischen Gesellschaft", schreibt Esther Buss im Filmdienst: "Außenseiter, Kriegstraumatisierte, Menschen, die von Gefängnisaufenthalten gezeichnet sind oder deren Leben von Sucht und Armut bestimmt ist. Verwitterte Amerikaflaggen und Slogans, die sich angesichts der realen Lebensumstände wie purer Zynismus lesen ('Proud to be an American') sind allgegenwärtig, auch Haustiere (Katzen, Hunde, Vögel, Schlangen) sind eine Konstante. ... Graniks Blick auf gesellschaftliche Strukturen, und das ist für ihr Werk wesentlich, verläuft immer in der Nahsicht auf die individuelle Figur - und über Identifikation. Die Bewegungen dieser Figur sind stets nach vorne, auf eine nahe Zukunft gerichtet, dabei ist die treibende Kraft ihres Tuns nicht die Dynamik von Selbstzerstörung, Resignation und Verfall, sondern Resilienz."
Besprochen werden Erec Brehmers und Benjamin Rosts Dokumentarfilm "Born to Fake" über den TV-Journalisten Michael Born, der jahrelang gefälschte Beiträge produzierte (taz), Kirk Jones' Tourette-Drama "Verflucht normal" (SZ, unsere Kritik), Charles und Daniel Kinnanes Komödie "Solo Mio" (SZ) und die ZDF-Doku "Generation Porno - Was unsere Kinder online sehen" (FAZ).
In Danylo Mokryks online veröffentlichtem Dokumentarfilm "Inside Russia's System of Torture" erzählen Menschen aus den von Russland besetzten Gebieten der Ukraine von den Folterungen, die Russlands Schergen der ukrainischen Zivilbevölkerung antun, berichtet Stefan Locke in der FAZ. "Die Menschen in diesem Film haben zwischen zwei Monaten und zwei Jahren in russischer Gewalt verbracht. Es sind Mitarbeiter lokaler Verwaltungen, Lehrer, Priester, und sie stehen stellvertretend für Zehntausende Ukrainer, die seit Russlands Vollinvasion der Ukraine in die Hände der Besatzer gerieten. ... Es ist schockierend und respekteinflößend zugleich, wie diese Menschen, denen äußerlich keine Spuren der erfahrenen Gewalt mehr anzusehen sind, schildern, in welche Abgründe sie nicht nur geblickt haben. Es sind erschütternde Dokumente von Exzessen, die jeden, der fordert, die Ukraine solle sich endlich ergeben, damit 'Ruhe' ist, das Blut in den Adern gefrieren lassen müssten."
Das vor kurzem in Berlin-Wedding wiedereröffnete Kino Arsenal widmet sich in einer Reihe den Filmen von Debra Granik. In ihrem Werk kommen Spielfilm, Dokumentarfilm und Langzeitbeobachtung zusammen. Die Filmemacherin widmet sich "den Randbereichen der US-amerikanischen Gesellschaft", schreibt Esther Buss im Filmdienst: "Außenseiter, Kriegstraumatisierte, Menschen, die von Gefängnisaufenthalten gezeichnet sind oder deren Leben von Sucht und Armut bestimmt ist. Verwitterte Amerikaflaggen und Slogans, die sich angesichts der realen Lebensumstände wie purer Zynismus lesen ('Proud to be an American') sind allgegenwärtig, auch Haustiere (Katzen, Hunde, Vögel, Schlangen) sind eine Konstante. ... Graniks Blick auf gesellschaftliche Strukturen, und das ist für ihr Werk wesentlich, verläuft immer in der Nahsicht auf die individuelle Figur - und über Identifikation. Die Bewegungen dieser Figur sind stets nach vorne, auf eine nahe Zukunft gerichtet, dabei ist die treibende Kraft ihres Tuns nicht die Dynamik von Selbstzerstörung, Resignation und Verfall, sondern Resilienz."
Besprochen werden Erec Brehmers und Benjamin Rosts Dokumentarfilm "Born to Fake" über den TV-Journalisten Michael Born, der jahrelang gefälschte Beiträge produzierte (taz), Kirk Jones' Tourette-Drama "Verflucht normal" (SZ, unsere Kritik), Charles und Daniel Kinnanes Komödie "Solo Mio" (SZ) und die ZDF-Doku "Generation Porno - Was unsere Kinder online sehen" (FAZ).
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