Im Kino
Alles kollidiert
Die Filmkolumne. Von Patrick Holzapfel
27.05.2026. Alles spaltet sich in zig Richtungen auf: Pedro Pinhos "I Only Rest in the Storm" ist ein Film, der sich traut, die globalisierten Konflikte unserer Zeit in Bilder zu fassen. Ein Thema des ausgesprochen reichhaltigen Films ist sein eigenes Scheitern.
Unter UNICEF-Arbeitern in Guinea-Bissau gibt es eine pädagogische Strategie namens "Walk of Shame". Auf der Website der Hilfsorganisation wird erklärt, um was es dabei geht: "Bitten Sie die Familien in einer Community, die Stellen rund um ihr Zuhause zu identifizieren, die sie als Toilette benutzen. Nutzen Sie eine Kombination aus Schock, Scham, Stolz und Ekel ─ anstelle abstrakter Gesundheitsbotschaften ─, um eine Veränderung des Verhaltens auszulösen."
Was das konkret bedeutet, zeigt der portugiesische Filmemacher Pedro Pinho in seiner ersten Regiearbeit seit seinem marxistischen Musical "A Fábrica de Nada" aus dem Jahr 2017: der Verlust von Würde und die Arroganz der Bessergestellten, die den Schwarzen begegnen wie Kindern. Es ist schmerzhaft zu sehen, wie eine ältere Frau aus dem Dorf nicht darüber sprechen will, aber von der angestrengt lächelnden Gruppenleiterin gedrängt wird. Die Scham setzt tatsächlich ein, wenn man das sieht, aber anders als von UNICEF gedacht: "Stimmt es, dass ihr in Lissabon eure Toiletten mit Trinkwasser runterspült?", fragt eine der Einwohnerin des Dorfes Sérgio, einen Drifter, der für eine NGO im Land arbeitet. Er schluckt und nickt. Ja, es stimmt. Sie kann es nicht fassen. Er schämt sich und mit ihm können wir uns schämen.
Der bemerkenswerte und lange nachhallende "I Only Rest in the Storm" zeigt in seinen 211 Minuten Laufzeit viele solcher Momente, in denen man als europäischer Betrachter des Films die eigene Perspektive hinterfragen muss. Tatsächlich ist es ein episodischer, bisweilen chaotisch überfrachteter und gerade deshalb so treffender Film, in dem sich prinzipiell untragbare Zustände zu einem Lehrstück über das postkoloniale Wirken im westafrikanischen Land, das bis 1974 eine Kolonie Portugals war, verdichten. Ein Lehrstück, großteils ohne moralistisches Gehabe wohlgemerkt, in dem die Erfahrung einer Entfremdung das mögliche oder unmögliche richtige Handeln in innere Verlorenheit übersetzt.

Szenen wie der "Walk of Shame" beruhen auf Erfahrungen, die Pinho machte, als er einen dokumentarischen Film über eine NGO drehen wollte. Später sammelte er in kollektiven Prozessen mit seinen Darstellern (viele von ihnen Laien) solche Geschichten, die sich nie ganz zu einem wissenden Bild fügen und gerade deshalb die Fallstricke des europäischen Blicks auf das afrikanische Land umgehen oder bewusst aufgreifen, um sie zu entlarven. Die quasi-dokumentarischen Einsprengsel beziehungsweise das Betonen von alltäglichen Situationen zu Lasten einer wie auch immer gearteten narrativen Zuspitzung sind die größte formale Stärke des Films. In der Ziellosigkeit zeigen sich erst die Spitzen der Fäden, die nicht zusammenlaufen können. Ständig verhandelt der Film das Aufeinandertreffen von Bildern und Wirklichkeiten. Dazu passen auch die 35mm-Aufnahmen von Ivo Lopes Araújo, der dem analytischen Blick auf strukturelle Unterschiede einen Überschuss an Sinnlichkeit zugibt. Alles in diesem Film kollidiert, nichts fügt sich nahtlos. Je mehr man sieht, desto deutlicher wird, wie weit sich die Wirklichkeit von den Strategien entfernt hat, mit der wir ihr politisch, ökonomisch, ökologisch und spirituell begegnen können. Der Europäer nimmt das Bestechungsgeld nicht an, weil er es sich leisten kann. Der Europäer geht in ein Bordell, landet mit einer schwarzen Frau im Bett und kann es sich erlauben, mit seinem Gewissen zu ringen. Schonungslos legt Pinho die Schichten hinter angeblich guten und schlechten Taten frei.
Sérgio kommt im Land an wie einer, der vor seinem Leben flieht. Er betreut als Umweltingenieur den Bau einer Straße durch ein Sumpfgebiet, in dem unterschiedliche ethnische Gruppen leben. Er trifft auf Diára und Gui, die in einem Hinterhof eine queere Gemeinschaft um sich versammeln. Der Film mag fiktional sein, aber unter den dramaturgischen Kniffen versteckt sich ein Essay über die Négritude im Spätkapitalismus. Sérgio driftet zwischen den Diskursen und versucht, eine Wahrheit oder Gerechtigkeit oder auch eine Rechtfertigung zu finden. Alles, was heute in Europa oftmals leicht unter Oberbegriffen wie "Schwarz", "Queer", "Arm" oder "Reich" subsummiert wird, spaltet sich in diesem Film in zig Richtungen auf. Selbst der im afrikanischen Kino so wichtige Konflikt zwischen Tradition und Moderne wird mehrfach gebrochen, wenn sich die Vorstellungen der Menschen vor Ort als deutlich ambivalenter herausstellen, als es zunächst scheint. Wie umgehen mit den Ungleichheiten zwischen den ethnischen Gruppen im Land? Was bedeutet es, wenn ein kreolischer Mann den brasilianischstämmigen Gui nicht als Schwarzen liest, weil er nicht in gleicher Weise unterdrückt wurde? Wie umgehen mit dem Begehren, das bereits von einer Geschichte der Ausbeutung besetzt ist? Manche dieser Fragen bräuchten mehrere Bücher, Pinho packt sie alle in seinen Film. Das scheitert, aber das Scheitern ist auch Thema des Films.
Wer glaubt, die globalisierten Konflikte unserer Zeit wären zu komplex, um sie filmisch zu fassen, hat sicher Argumente. Pinho traut sich, Bilder und Narrative zu suchen: Bestechungsversuche auf dem Lauftrainer. Eine ineinanderwachsendes Geflecht aus musikalischen Einflüssen. Ein beständiges Oszillieren zwischen Selbsthass, Idealismus, Prinzipien und Gefühlen in den Figuren. Was sich nicht verstehen lässt, versucht der Film gar nicht erst zu erklären. Da sind beispielsweise die portugiesischen Expats, die im tropischen Sumpfgebiet im Straßenbau tätig sind. Was bringt sie an diese Orte? Was treibt sie an? Wie bei Sérgio liefert Pinho keine Antworten. Vielmehr schaut er in müde Gesichter, aus denen Trauer und Unruhe spricht. Sie gehen ins Bordell und bedienen rassistische Klischees. Sie hadern mit sich und ihrem Leben. Aber aus ihnen spricht auch Sehnsucht und Wärme. Mehr als die Konflikte der postkolonialen Gegenwart in Guinea-Bissau zu erklären, interessiert sich Pinho für die Spuren und Narben, die diese Konflikte in den Menschen zurücklassen.

Die drei Hauptfiguren Diára, Sérgio und Gui sind auf der Suche nach Zugehörigkeit. Sie sind da, aber sie gehören nicht wirklich dazu. Die Kamera filmt sie hilflos in chaotischen Räumen, wankend oder vor endlosen Wüstenweiten. Sie stellen Fragen, aber bekommen wenig Antworten. Sie sind die Drifter des Expat-Zeitalters. Gestalten ohne wirkliche Identität, die einen an Michelangelo Antonionis "Professione: reporter" denken lassen, ein Film, der einmal zitiert wird mit einem Kameraschwenk in einem Hotelzimmer. Die Menschen in diesem Film sind wie Sand, sie könnten jederzeit verschwinden und doch sind sie überall. Manchmal scheint es, als wollten sie genau das. Dann klammern sie sich wieder aneinander.
Diára ist eine besonders starke wie fragile Figur, deren erotisches Interesse an Sérgio mit einem ausgeprägten Bewusstsein für den eigenen Kampf um Unabhängigkeit kollidiert. So ganz wagt sich Pinho nicht zu ihr oder Gui vor, in der hadernden portugiesischen Perspektive Sérgios fühlt er sich wohler. Ob es möglich wäre, wenn der Film schon kollektiv entsteht, den Blick vollends umzukehren, ist schwer zu sagen. Es fällt aber auf, dass Pinho nur bis zu einem bestimmten Punkt gehen kann. Dann verharrt er im selben Selbsthass und Zweifel wie seine Hauptfigur. Vielleicht ist das genug, gerade wenn man seine Arbeit mit den pseudo-kritischen, romantisierten Bildern eines Miguel Gomes vergleicht, der sich ebenfalls öfter filmisch mit der portugiesischen Kolonialvergangenheit beschäftigt hat. Vielleicht aber bräuchte es noch ein bisschen mehr, ein bisschen mehr Zuwendung beispielsweise und ein bisschen weniger Kranken am eigenen Blick. Das ist allerdings keine Kritik an diesem Film, es ist eine Frage in seinem Sinn.
Patrick Holzapfel
I Only Rest in the Storm - Portugal 2025 - OT: O Riso e a Faca - Regie: Pedro Pinho - Darsteller: Sérgio Coragem, Cleo Diára, Jonathan Guilherme und andere - Laufzeit: 211 Minuten.
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