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08.05.2026. Die Gewinnerin der Biennale in Venedig dürfte bereits feststehen, glaubt die SZ, nachdem Florentina Holzinger den österreichischen Pavillon mit Urin geflutet hat. Die Welt schaut sich lieber abseits der Biennale die gigantischen Zeichnungen goldener Helden an, die Georg Baselitz im Angesicht des Todes schuf. Artechock erinnert sich dank Lana Dahars Essayfilm "Do You Love Me?" an den Libanon der Vergangenheit. Die FAZ blickt entsetzt auf die Liste der progressiven Gebäude, die Trump am liebsten abreißen würde.
Nach dem Rücktritt der Biennale-Jury stimmen die Besucher über den beliebtesten Pavillon ab, und da steht die Gewinnerin wohl schon fest, glaubt Jörg Häntzschel in der SZ: Es dürfte Florentina Holzinger werden, die den österreichischen Pavillon unter dem Titel "Sea Word Venice" mit gefiltertemBesucher-Urin flutet, um auf Umweltverschmutzung aufmerksam zu machen: "'Jemand hat gekackt', erklärt eine der Mitarbeiterinnen im Klofrauenkittel den Umstehenden. Nun schwappt hinter der Panoramascheibe im Raum mit der Filteranlage die braune Brühe schon 20 Zentimeter hoch. Zwei Mitarbeiter versuchen verzweifelt, die Fontäne zu stoppen, die aus einem Ventil im harten Strahl gegen das Glas prasselt. Sie kämpfen mit herumzuckenden Schläuchen, ringen miteinander, spritzen sich gegenseitig voll, fallen in die Pampe, klopfen verzweifelt an die Scheibe." Ansonsten gibt's auch viel "achtsame" Autokratenkunst, etwa aus dem Oman, lässt uns Häntzschel noch wissen. Für die tazbesucht Beate Scheder den österreichischen Pavillon, für die NZZ berichtet Philipp Meier aus Venedig.
Dem FAZ-Kritiker Stefan Trinks erscheint die diesjährige Biennale nicht zuletzt dank Holzinger wie ein barockes Theatrum Mundi, das "die Welt und ihre Verwerfungen in der Kunst spiegelt". Und so unpolitisch wie uns Hanno Rauterberg gestern in der Zeit weismachte, ist die gezeigte Kunst offenbar auch nicht: "Zur Eröffnung treten im polnischen Pavillon nicht weniger als fünf Kulturminister, vier davon Frauen, mit scharfen Worten gegen den blutigen Usurpator aus Moskau an. Politphrasenfrei undiplomatisch schildern die Ministerinnen der drei baltischen Länder, Polens und Moldaus die Vergangenheit unter russischer Okkupation, bezeichnen Putin als Mörder und als Eliminator der Kultur, schließen die Verteidigung der Freiheit mit jener der Kunst gleich und warnen vor der Soft Power russischer Propaganda. Die lettische Ministerin trägt ein weißes T-Shirt mit dem Thomas-Mann-Titel 'Tod in Venedig' auf Englisch, darunter der Dogenpalast in Blutrot neben einem Kremlturm."
Weitere Artikel: Die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG) und die von ihr eingesetzte, unabhängige Kommission zur Klärung NS-verfolgungsbedingter Ansprüche teilten diese Woche mit, das Gemälde "Thunersee mit Blüemlisalp und Niesen" von Ferdinand Hodler an die Erben und Erbinnen der früheren Besitzerin Martha Adrianna Nathan zu restituieren, meldet Nicolas Freund in der SZ. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Maria Lassnig und Edvard Munch: Malfluss = Lebensfluss" in der Hamburger Kunsthalle (taz).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Interview mit der Welt spricht der ungarisch-britische Autor David Szalay über Ungarn nach der Wahl und über seinen mit dem Booker Prize ausgezeichneten Roman "Was nicht gesagt werden kann", in dem es um einen Mann geht, der ein Gewaltproblem hat. Von "toxischer Männlichkeit" will Szalay aber lieber nicht sprechen: "Ich glaube, der Begriff 'toxisch' entwickelt sich immer mehr zu einem Wort wie 'faschistisch'. Es ist einfach ein Wort, das nach und nach immer mehr nur etwas bezeichnet, das mir nicht gefällt, mit dem ich nicht einverstanden bin. Es ist auf dem besten Weg, jede präzise Bedeutung zu verlieren, wird einfach zu einem universellen Negativbegriff. Die grundlegende Kernidee, auf die 'toxische Männlichkeit' hinweist, lautet: Gibt es hässliche Aspekte der Männlichkeit? Ja, die gibt es. Verhalten sich Männer auf unattraktive oder destruktive Weise, und zwar in einer Art und Weise, die einem Muster zu folgen scheint? Ja, das tun sie. Das ist unbestreitbar. Aber ich glaube auch nicht, dass es sich um ein spezifisches zeitgenössisches Problem handelt."
Besprochen werden Zoe Dubnos Debütroman "Nur das Allerbeste" (FR), ErnstWeiß' "Der Augenzeuge" (Tell), AnjaKampmanns "Die Wut ist ein heller Stern" (Intellectures), Elena Ferrantes Essayband "An den Rändern" (NZZ), Moebius' Comic "Jäger und Gejagter" (SZ) und Jens Sparschuhs "Der Waldmeister" (FAZ).
Frauke Steffens weiß in der FAZ kaum, was sie schlimmer finden soll: Bausünden wie den Ballsaal oder den größten Triumphbogen der Welt, die Trump in Washington plant - oder den angedachten Abriss von Gebäuden, "die für die progressive Vergangenheit des Landes stehen, wie Judith Levine im Guardianin Erinnerung ruft. Auf der Liste der Gebäude, die die General Services Administration loswerden will, steht etwa das Robert-C.-Weaver-Building, Hauptsitz des Ministeriums für Wohnungsbau und Stadtentwicklung. Es gilt als Meisterwerk des Brutalismus. Das Wilbur J. Cohen Federal Building wurde als Sitz der Social Security Administration errichtet, zu Ehren jenes Gesetzes, das das Rentensystem 1935 geschaffen hatte. Drinnen befinden sich einige der bedeutendsten New-Deal-Wandgemälde des Landes, darunter Arbeiten von Ben Shahn, Philip Guston und Seymour Fogel. Der Historiker Gray Brechin nannte das Haus die 'Sixtinische Kapelle des New Deal'. Die Gebäude, die Trump parallel zu seiner Bauwut loswerden will, stünden für 'den Glauben an die Wissenschaft, an einen handlungsfähigen Staat, an die Würde der Arbeit, an Urbanität und zeitgenössische Kreativität: Die Werte der Moderne, verbunden mit einer Verpflichtung auf das Gemeinwohl', meint Levine - alles Werte, die Trump nichts bedeuteten."
Sehr beeindruckt ist Rüdiger Suchsland auf Artechock von LanaDahars Essayfilm "Do You Love Me?", der komplett aus Archiv- und Found-Footage-Material bis zu privaten Super8-Aufnahmen zusammengesetzt ist. Es geht um die Erinnerung an Libanon und Beirut in früheren Zeiten. Es ist "ein Versuch, den Gedächtnisverlust auszugleichen, und eine Art kollektiven Erinnerung zu rekonstruieren, zugleich einen Gegenentwurf zu den dominierenden, von Ideologie und religiöser Identitätspolitik durchtränkten, revanchistischen, oft rassistischen Geschichten zu bieten, die die Welt in allzu einfache Gegensätze, in Gut und Böse, richtig und falsch unterteilen." Darin zeigt sich "auch ein spielerischer Blick, der die Macht der Bilder belegt und Geschichten uminterpretiert, ihnen neue Bedeutungen verleiht - eine Rekonstruktion, die nicht nur historisch, sondern vor allem emotional ist. ... Das Ergebnis ist ein Hohelied auf die Kraft der audiovisuellen Erinnerung. Die Kraft des Kinos."
Weitere Artikel: Dunja Bialas spricht für Artechock mit den neuen Leiterinnen des Münchner DOK.Festes. Nora Moschuering hat für Artechock ins Programm des Festivals geschaut. Benedikt Guntentaler resümiert für Artechock die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen. Joachim Heinz spricht für den Filmdienst mit der Schauspielerin DagmarManzel, die aktuell in WelfReinharts "Der verlorene Mann" im Kino zu sehen ist. Im Standardporträtiert Marian Wilhelm IsabelleHuppert. In der FAZ gratuliert Petra Ahne dem Naturfilmer DavidAttenborough zum hundertsten Geburtstag. Besprochen werden James Vanderbilts "Nürnberg" mit RussellCrowe als HermannGöring (Perlentaucher, Standard, Artechock), CharlotteDevillers' und ArnaudDufeys' "Wir glauben euch" (Artechock) sowie ValéryCarnoys französisches Boxerdrama "Wild Foxes" (SZ).
Szene aus "Serotonin". Foto: Thomas M. Jauk So knapp wie begeistert bespricht Iven Yorick Fenker in der nachtkritikSebastian Hartmanns mehr als fünfstündige "Serotonin"-Inszenierung nach Michel Houellebecq, die ihm Rahmen des Theatertreffens am Hans-Otto-Theater in Potsdam gezeigt wurde. Die Inszenierung ist "maximal reduziert", ihrem Sog ist dennoch nicht zu entkommen, was gleichsam an Guido Lambrechts "fantastischer Erzählstimme und der großartigen Erzählung Houellebecqs liegt. Unwiderstehlich, wäre die Figur nicht so furchtbar widerlich. Der Abend weicht dem nicht aus. Das kann Kunst. Aber vielleicht sind es auch einfach der Frauenhass, die Verherrlichung des Patriarchats, die Femizidfantasien, die Menschen einfach nicht mehr sehen wollen. Wir befinden uns doch bereits mitten im Backlash. WTF! Again: Der Roman von Houellebecq ist Weltliteratur und Lambrecht spielt so gut, das geht nicht besser."
Weitere Artikel: Im Tagesspiegel lässt sich Gunda Bartels von Alina Gause, Intendantin des Theaters im Palais, erklären, wie sie eine höhere Besucherauslastung erreichen will. Besprochen wird außerdem Nicole Schneiderbauers Inszenierung von Iris Sayrams Stück "Für euch" am Staatstheater Augsburg (nachtkritik).
"Die Blues Brothers zelebrieren den Groove; Laibach verhören den Mechanismus dahinter", sagt Ivan Novak von der slowenischen Band im taz-Gespräch mit Robert Mießner. Eben hat die Band ihr neues Album "sick of music" und dazu die Single "Allgorhythm" veröffentlicht: "Die anarchische Freude der Blues Brothers wird in 'Allgorhythm' zu etwas, das eher einer algorithmischen Zwangshandlung nahekommt: eine Choreografie, die die Rhythmen des Scrollens, der Dateneingabe und der Verhaltenserfassung nachahmt. Der Körper tanzt nicht mehr frei - er führt aus. Wenn es bei uns Anklänge an die Blues Brothers gibt, liegen sie weniger im Einfluss als in einer gemeinsamen strukturellen DNA - der Transformation von Musik und Bewegung in ein System. ... Gesten werden wiederholt, Bewegungen mechanisch absolviert, das Gefühl, der Körper ist in einer Schleife ('Loop') gefangen, die er nicht selbst entworfen hat - all das ist auch Chaplins Vision. Doch wo er Raum für einen Bruch lässt - damit der Körper rebellieren, stören, entkommen kann -, neigt unsere Choreografie dazu, den Loop zu schließen. Das System hat kein Außerhalb mehr; es ist verinnerlicht."
"Über zwei Oktaven windet sich die Stimme aus den Höhen schmachtender Lust hinunter in die Bariton-Tiefe der Verzweiflung", schwärmt Daniel Haas in der NZZ nachdem er den Soulsänger Durand Bernarr gehört hat. Von den Nischen des Internets und als Backgroundsänger für größere Stars hat sich Bernarr bis zum Grammy 2025 hochgearbeitet. "Das neue Album 'Bernarr' ist ein 17 Songs umfassendes Porträt des Künstlers als queerer Mann, erzählerisch vielseitig und klangästhetisch überraschend. Humorvoll und dramatisch, lakonisch und engagiert. Die Energie des Rocks in 'River' trifft auf R'n'B-Eleganz im Girl-Group-Stil von 'Hello'. 'Undivided' lässt ein Lamento über den Stress des Starseins über lässige Discohouse-Beats federn, und 'Sugar Family' illustriert mit heiterer, an Prince geschulter Funkyness die alte Einsicht, dass man, um weiterzukommen, Hilfe braucht."
"Den Musikschulen geht das qualifizierte Personal aus", warnt Merle Krafeld auf VAN nach Lektüre dieser Studie (PDF). In knapp zehn Jahren "könnten selbst unter günstigen Annahmen etwa drei Viertel der frei werdenden Stellen nicht qualifiziert besetzt werden". Pikant daran: Das liegt auch daran, dass seit 2022 die große Zahl an Honorvertragskräften an Musikhochschulen nach einem Gerichtsurteil in feste Anstellungen überführt werden mussten. "Der VdM fordert darum jetzt eine größere Beteiligung der Länder an den pädagogischen Personalkosten der Musikschulen." Denn "die Auswirkungen sind bereits deutlich erkennbar: höhere Gebühren, eine wachsende Belastung der Kommunen und zunehmende finanzielle Hürden für Familien. Gerade im ländlichen Raum treffen so steigende Kosten auf begrenzte kommunale Mittel und größere Entfernungen zu den Musikschulen bei zum Teil schlechter Anbindung - mit der Folge, dass Angebote reduziert oder im schlimmsten Fall eingestellt werden müssen."
Weitere Artikel: Kurz vor dem ESC blickt Stefan Ender im Standard auf Wiens Verhältnis zur Musik. Julian Weber ist in der taz sichtlich genervt von den beiden neuen Songs der RollingStones.
Besprochen werden JamesCamerons in 3D gedrehter Billie-Eilish-Konzertfilm, der SZ-Kritiker Joachim Hentschel ziemlich imponiert ("Irgendwann könnte diese Doku als Zeitdokument gelten, das mehr Weisheit über den popkulturellen Status quo und die Rituale der längst sagenumwobenen Generation Z in sich trägt, als es die meisten gut gemeinten Langzeitporträt-Fleißfilme tun"), ein neues Album von AldousHarding (taz), Robyns Album "Sexistential" (FR), ein Konzert von ToriAmos in Zürich (NZZ) und die ARD-Doku "70 Jahre ESC - More than Music" (FAZ).