Efeu - Die Kulturrundschau
Keine Angst vor der Religionspolizei
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.04.2026. Die NZZ feiert in Zürich die Wiederentdeckung der Künstlerin Marisol, die die indigene Schnitzkunst in die Pop-Art brachte. Außerdem porträtiert die NZZ bei ihrem Rundgang über die Diriyah-Biennale saudische Künstler, die sich nicht einschüchtern lassen. Die FAS wird sich nach einer Ausstellung in München beim Friseur künftig vorm Zähneziehen fürchten. Die SZ träumt nach dem Besuch der Mailänder Designwoche vom Leben im Eames House. Der große Teil der Literaturkritik verzichtet aufs Verreißen, weil der ein oder andere Kritiker bereits einen Buchvertrag unterzeichnet hat, glaubt die taz. Und der Perlentaucher erinnert mit Tete Loepers Roman "Shut up and hide!" an den Genozid an den Tutsi in Ruanda.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
18.04.2026
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Kunst

FAZ-Kritikerin Brita Sachs reist in der Ausstellung "Haar - Macht - Lust" in der Kunsthalle München fasziniert durch 3000 Jahre Kunst- und Kulturgeschichte des Haares. Zu lernen ist hier etwa, wie Haare Machtverhältnisse oder Zugehörigkeit ausdrücken: "Ein Gemälde Luca Giordanos zeigt, wie die bestechliche Delila dem schlafenden Geliebten das Haar kürzt, wodurch er seine legendäre Stärke einbüßt. Wie liebevoll dagegen die heilige Verena, die auf einem Gemälde des 16. Jahrhunderts einem Schwerkranken die Haare wäscht; neben dieser Samariterin zeigt ein Helfer ihr Attribut, den Doppelkamm, ganz so wie 1930 der Friseur aus August Sanders Fotoreihe 'Menschen des 20. Jahrhunderts' sein Rasiermesser präsentiert. Wertvolle gravierte Schildpattkämme, ein elfenbeinerner Bartkamm zum Ausklappen und hübsche Rasierschalen illustrieren das Friseur- und Barbierhandwerk von einst. Doch wer zum Bader ging, musste noch übers Mittelalter hinaus schon mal allen Mut zusammennehmen. Denn in Doppelfunktion rückte dieser Berufsstand seiner Klientel auch in schmuddeligem Ambiente rustikal medizinisch mit Zähneziehen und Aderlass zu Leibe."
Einst war die amerikanische Pop-Art-Künstlerin Marisol berühmter als Andy Warhol, unter anderem wegen ihrer Schüchternheit geriet sie nach ihrem Tod allerdings in Vergessenheit, weiß Philipp Meier in der NZZ. Umso dankbarer ist er, dass das Kunsthaus Zürich nun mit der ersten großen Retrospektive in Europa an Marisol erinnert: "Marisol experimentierte mit der traditionellen Schnitzkunst, holte sich Inspiration bei den indigenen Völkern Nordamerikas und bei der präkolumbischen Kunst des lateinamerikanischen Kontinents. Sie suchte nach neuen Formulierungen für die Skulptur. Kühn und zugleich simpel applizierte sie quaderförmigen Holzkästen geschnitzte, abgegossene, vorgefundene oder fotografierte Elemente wie Gesichter und Körperteile. So wurden die Skulpturen lesbar als Menschen mit eigener Persönlichkeit. Mit diesen popkulturellen Plastiken von der Kennedy-Familie, von John Wayne, von Andy Warhol, von Kindern, von Frauen, erregte Marisol im New York der sechziger Jahre Aufsehen."
Anders als seine KollegInnen verschweigt Werner Bloch in der NZZ in seiner Besprechung der Diriyah-Biennale in Riad keineswegs Menschenrechtsverletzungen, Armut oder Ausbeutung in Saudi-Arabien (unsere Resümees). Aber anhand von Blochs Porträts von saudischen Künstlern hofft man zumindest, dass die Kunst tatsächlich etwas verändern kann. Darunter Ahmed Mater, der mit der Gruppe Edge of Arabia 2012 mit einer Ausstellung die saudische Gegenwartskunst begründete - und keine Angst vor der Religionspolizei zeigte: "Anstatt sich von den Religiösen einschüchtern zu lassen, drehte Ahmed Mater den Spieß um: In einer fulminanten Fotoserie prangerte er die Heuchelei der Wahhabiten an, eine besonders reaktionäre Form des Islamismus, die durch ihre Verbindung mit dem Königshaus quasi zur Staatsreligion avanciert war. Mater dokumentierte, wie Mekka, der Geburtsort des Propheten, durch kommerzielle Exzesse und einen grassierenden Kapitalismus verschandelt wurde." 2018 wurde Mater sogar ins Kulturministerium berufen, das er nach einem Jahr allerdings freiwillig verließ.
Weitere Artikel: Die sechste Ausgabe der alle fünf Jahre stattfindenden Schau "Greater New York" im MoMA PS1 verzichtet sowohl auf Kuratoren, als auch auf ein Motto, gemein ist den 53 KünstlerInnen nur, dass sie alle in New York leben, weiß Frauke Steffens in der FAS. Und doch eint viele der Werke der politische, mitunter sorgenvolle Blick auf die Stadt, die auch durch Ausbeutung am Laufen gehalten wird. Für die Welt besucht Gesine Borcherdt die Künstlerin Jorinde Voigt in ihrem Berliner Atelier. In der SZ spricht heute Jakob Biazza mit Beastie Boy Mike D, der im Jüdischen Museum Frankfurt aktuell die Ausstellung "Mishpocha" kuratiert. Für den Tagespiegel plaudert Susanne Kippenberger mit Jeff Koons.
Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Queere Kunst in der DDR?", die im KVOST, im nGbK, im Mitte Museum und im Berliner Werkbundarchiv stattfindet (taz, mehr hier) und die Ausstellung "Gone Astray" mit Video-Installationen von Julian Rosefeldt in der Berliner Galerie Philippe Bober (Tsp).
Literatur

Ohne Denis Scheck zu verteidigen, ruft Julia Hubernagel in der taz in Erinnerung, dass sich in dieser Causa mit Ildikó von Kürthy, Elke Heidenreich und Sophie Passmann bestens situierte Bestsellerinnen zu Wort melden, während der überwältigende Teil der Literaturkritik - von Scheck mal abgesehen - von dieser Arbeit nicht ernsthaft leben kann. Auch daher erklärt sich vielleicht, dass die deutsche Literaturkritik - nochmal, von Scheck mal abgesehen - bei Verrissen üblicherweise zaudert, denn "auch der ein oder andere Kritiker hat bereits einen Buchvertrag unterzeichnet." Doch "wer mit spitzer Feder kritisiert, macht sich im literarischen Betrieb nicht unbedingt Freunde, so die Befürchtung. Dass ausgerechnet dieser Tage die vermeintlich zu scharfe Literaturkritik ins Fadenkreuz gerät, ist schon etwas absurd."

Besprochen werden unter anderem Christoph Peters' "Entzug" (taz, Presse), Judith Schalanskys "Marmor, Quecksilber, Nebel - Woraus die Welt gemacht ist" (online nachgereicht von der Welt), Elias Hirschls "Schleifen" (taz), Dieter Bongartz' postum veröffentlichter Roman "Vaterland" (FR), Thomas Stöltings "Franco muss vergessen werden. Der Spanische Bürgerkrieg und das Erinnern" (taz), Douglas Stuarts "John of John" (FAS) und Thomas Hettches "Liebe" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Christian Metz über Saids "Die Haustür ist offen":
"Die Haustür ist offen
und der Gang ganz dunkel ..."
Film

In Thierry Klifas "Die reichste Frau der Welt" spielt Isabelle Huppert die Titelheldin - eine obendrein noch sehr schöne und machtbewusste Industrielle, die in die Fänge eines Erbschleichers gerät. Das "satirische Kolportagedrama" interessiert Bert Rebhandl in der FAS vor allem insofern, da sich von Hupperts Darstellung französischen Geldadels aus vor allem zu allgemeinen Beobachtungen über "das Geheimnis von Isabelle Huppert" kommen lässt: "Sie weiß genau, wie man 'sich trägt', als Verkörperung einer freien Nation, die das, was früher Stand war, in ein Selbstbewusstsein überführt hat, das sich seine Rahmenbedingungen frei wählt. ... Die Rolle der Marianne Farrère ist deswegen von besonderem Interesse für Huppert, weil sich in ihr die lange (und problematische) Geschichte der Grande Nation so deutlich zeigt: eine Frau, die als Erbin auch einer Geschichte des Antisemitismus, der Kollaboration mit dem Faschismus, zutiefst angreifbar ist, die das aber längst versiegelt hat. ... Wenn das revolutionäre Frankreich jemals eine Königin suchen würde: Isabelle Huppert wäre eine natürliche Wahl." Für die SZ bespricht Susan Vahabzadeh den Film.
Außerdem: Josef Schnelle erzählt im Filmdienst von seinem Besuch in der Marilyn-Monroe-Ausstellung in der Cinémathèque Française. Besprochen wird Christian Freis Dokumentarfilm "Blame" über Wissenschaftsfeindlichkeit im Zuge der Corona-Pandemie (FAZ).
Bühne
Der Fußballer Pierre Littbarski, Weltmeister von 1990, feiert seinen 66. Geburtstag mit einem Auftritt auf der Bühne des Bürgerhauses Stollwerck in Köln, und Hubert Spiegel widmet diesem Abend der "Selbstheroisierung und Selbstentblößung" den Feuilletonaufmacher der FAZ. Denn Litti hat ihn bestens unterhalten. Auch SZ-Kritiker Alexander Menden verbringt einen "erfreulich bizarren Abend".
Besprochen werden außerdem Katie Mitchells Inszenierung von Maggie Nelsons "Bluets" beim Berliner FIND-Festival (taz, mehr hier), Andrea Breths Inszenierung von Puccinis Oper "Turandot" (Welt, mehr hier) und Theresa Thomasbergers Inszenierung von Anna Neatas "Über die Notwendigkeit, dass ein See verschwindet" am Staatstheater Wiesbaden (nachtkritik) und Jessica Weisskirchens Inszenierung von Ionescos "Der König stirbt" am Hamburger Thalia Theater (nachtkritik).
Besprochen werden außerdem Katie Mitchells Inszenierung von Maggie Nelsons "Bluets" beim Berliner FIND-Festival (taz, mehr hier), Andrea Breths Inszenierung von Puccinis Oper "Turandot" (Welt, mehr hier) und Theresa Thomasbergers Inszenierung von Anna Neatas "Über die Notwendigkeit, dass ein See verschwindet" am Staatstheater Wiesbaden (nachtkritik) und Jessica Weisskirchens Inszenierung von Ionescos "Der König stirbt" am Hamburger Thalia Theater (nachtkritik).
Architektur

Peter Richter muss sich in der SZ an seinen Eames-Chair festhalten, so begeistert ist er, dass er auf der Mailänder Designwoche erfahren durfe, dass die spanische Outdoormöbelfirma Kettal das "Case Study House Nummer 8", also das legendäre Eames House in Pacific Palisades für alle möglich machen will: "Wenn sich Krüppelwalm-Deutschland durch ein paar gut gesetzte Eames House-Klone zumindest ein bisschen kalifornisieren ließe - wäre das nicht herrlich? Mal nicht nur aggressiv weiße Wände mit runtergelassenen Außenrollos, sondern: ein Farbfeld-Gemälde wie von Mondrian in 3D, zum Hereingehen und Bewohnen. Den Eames' ging es um die größte Kubikmetermenge Raum zum geringsten Preis. Das machte die Räume in ihrem Haus angenehm luftig. (...) Die Baukosten werden bisher mit 2600 bis 3200 Euro pro Quadratmeter angegeben, soviel kosten durchschnittliche Fertighäuser sonst auch, und die sind nicht von Ray und Charles Eames."
Auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ erinnert Jens Malling an den tschechischen Kubismus, der gemäß seinem bekanntesten Theoretiker Pavel Janak auf Pyramidenformen, Diagonalen und Dreiecke, um die innere Energie von Objekten freizusetzen. Auch die Architektur war entsprechend geprägt von schrägen Linien und versetzten Flächen, allerdings wurde "dieser spezifisch tschechische Teil des europäischen Kulturerbes ... während eines Großteils des zwanzigsten Jahrhunderts weitgehend ignoriert oder vergessen. Während die Tschechoslowakei hinter dem Eisernen Vorhang verborgen lag, schwand das Bewusstsein für die Leistungen der tschechischen Kubisten. Das kommunistische Regime, 1948 durch einen Staatsstreich an die Macht gekommen und bis zur Samtenen Revolution von 1989 existierend, betrachtete dieses Erbe weitgehend mit Feindseligkeit: Der tschechische Kubismus galt als dekadent und 'bürgerlicher Formalismus'..."
Musik
Deutschrap ist im Wandel und legt seine rüde Hetero-Maskulinität zusehends ab, beobachtet Theresa Hannig in der FAZ: Immer mehr schwule Rapper und Rapperinnen erobern selbstbewusst die Bühne und die Charts. Und "wer Gefühle zeigt, ist nicht mehr schwach: Das verstehen auch immer mehr heterosexuelle männliche Rapper. Selbst muskulöse Jungs wie Disarstar (kahl rasiert und tätowiert) versuchen das homophobe und hypermaskuline Image des klassischen Straßenraps zu dekonstruieren. ... Unterdessen verbreiten sanfte Jungs wie LGoony Melancholie und Verletzlichkeit." Doch "womöglich ist es sogar ein Trend, sich als besonders sensibel und verständnisvoll zu präsentieren, um Frauen zu gefallen. Der 'Performative Male' hat also den Deutschrap erobert, was auch Apsilon weiß: 'Bucht mal eure Indie-Rapper, [...] die auf Feministen machen für ein bisschen Pussy.'"
Weiteres: "Es gibt überhaupt keine Musik mehr in Afghanistan", sagt die aus ihrer Heimat geflohene Musikerin Elena Yaqubee im taz-Gespräch: "Wenn wir nicht aufpassen, geht so viel kulturelles Wissen verloren. Musik zu machen, ist für mich eine Form des Widerstands." Die auch feuilletonistisch messbaren Wallungen um Justin Biebers minimalistischen (manche meinen: die Arbeit verweigernden) Auftritt beim Coachella Festival entlocken tazler Detlef Diederichsen nicht viel mehr als ein müdes Lächeln, viel wichtiger findet er es, mal darauf zu schauen, "dass das Coachella-Festival von der Anschutz Entertainment Group des rechts-religiösen MAGA-Unterstützers Philip Anschutz veranstaltet wird". Jochen Overbeck porträtiert in der Welt den Rapper Marteria. Der Musiker Maximilian Pongratz schreibt in der SZ einen Liebesbrief an das Akkordeon.
Besprochen werden ein Messiaen-Konzert des Tonhalle-Orchesters unter Kent Nagano (NZZ), ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters mit armenischer Musik (FR) und Frank Schäfers Buch über Motörhead (FAZ).
Weiteres: "Es gibt überhaupt keine Musik mehr in Afghanistan", sagt die aus ihrer Heimat geflohene Musikerin Elena Yaqubee im taz-Gespräch: "Wenn wir nicht aufpassen, geht so viel kulturelles Wissen verloren. Musik zu machen, ist für mich eine Form des Widerstands." Die auch feuilletonistisch messbaren Wallungen um Justin Biebers minimalistischen (manche meinen: die Arbeit verweigernden) Auftritt beim Coachella Festival entlocken tazler Detlef Diederichsen nicht viel mehr als ein müdes Lächeln, viel wichtiger findet er es, mal darauf zu schauen, "dass das Coachella-Festival von der Anschutz Entertainment Group des rechts-religiösen MAGA-Unterstützers Philip Anschutz veranstaltet wird". Jochen Overbeck porträtiert in der Welt den Rapper Marteria. Der Musiker Maximilian Pongratz schreibt in der SZ einen Liebesbrief an das Akkordeon.
Besprochen werden ein Messiaen-Konzert des Tonhalle-Orchesters unter Kent Nagano (NZZ), ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters mit armenischer Musik (FR) und Frank Schäfers Buch über Motörhead (FAZ).
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