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11.04.2026. In der taz ist Feridun Zaimoglu total genervt von den deutschen Supertürken. Was wird denn jetzt aus dem Haus von Jürgen Habermas am Starnberger See, fragt die SZ und hat auch eine Idee. Außerdem amüsiert sie sich königlich bei den Proben zu Beth Steels Hochzeits-Familiendrama "Wenn die Sterne fallen" am Theater Osnabrück. In der FAZ erzählt B. K. Tragelehn, warum er Anfang der Neunziger aufgehört hat zu inszenieren: Zu viel Ironie. Details sind die Primzahlen der Prosa, verkündet Michael Maar in der FAZ, und die kann KI nicht.
"Die Wirklichkeit ist wirklich öde", sagt der ziemlich streitlustig aufgelegte SchriftstellerFeridunZaimoglu im taz-Gespräch mit Amanda Böhm, denn "Realität verengt die Räume. ... Ein Türke hat nur über seine türkischen Belange zu schreiben? Mit den Mitteln der Sprache und der Literatur kann man entweder gut oder schlecht mit seiner Identität auf dem Papier brechen. Und das ist nicht nur zulässig, das sind die Gesetze der Literatur. Nur so geht's." Er wird müde, "wenn ich als Leser wieder ein identitätspolitisches Buch aufschlage und eine langweilige Türkengeschichte lese. So brutal langweilige Geschichten von jungen Menschen, die sich als Rächer und Rächerinnen der ersten Generation aufführen. Völlig privilegiert, hier lebend. Ich werde erst müde und dann wütend, wenn sich diese Leute inszenieren als Supertürken, obwohlsieDeutschesind. Sie sollen sich nicht mit fremden Federn schmücken, den Federn der ersten Generation. Denn wenn diese Supertürken in das Land ihrer Eltern gehen, fallen sie so was von auf."
"Es geht um Stil", hält der SchriftstellerMichaelMaar, in einem großen, in "Bilder und Zeiten" der FAZ veröffentlichten Essay über KI und Literatur fest: Mag die Mimikry der KIs noch so sehr Fortschritte feiern, das in den Details schlummernde Markante großer Literatur wird sie nicht zutage bringen. "Das Detail, um es auf eine Formel zu bringen, ist das nicht Subsumierbare. Man kann es nicht durch einen Oberbegriff ersetzen oder zusammenfassen. Es räkelt sich aus dem Allgemeinen heraus. Details sind die Primzahlen der Prosa. Und sind wie jene Primzahlen nicht auszurechnen - auch KI kann sie nicht vorhersagen oder im algorithmischen Netz einfangen. Es gibt keine große Literatur ohne markante Details, seien sie sprachlicher oder sachlicher Natur. Und ohne diese Details emaniert nicht das, was wir Menschen unter dem Begriff Schönheit fassen."
Das Nürnberger Start-up "Unwritten" befasst sich derweil mit ganz anderen Fragen rund um KI und Literatur. Per Chatbot sollen Romane quasi über ihr Ende hinaus erkundbar sein, berichtet Theresa Hannig im "Literarischen Leben" der FAZ: Wie geht es mit den Figuren weiter? Welche Geheimnisse verbergen sich in unerzählten Passagen? Bislang steckt das Ganze allerdings offenbar noch in den Kinderschuhen: "Nach zehn Minuten erschöpft sich das Gespräch; der Drang, mit der Figur sprechen zu wollen, ist gestillt. Das liegt vor allem daran, dass deren Antworten keine Intrigen oder Geheimnisse bieten. Es sind alles Vermutungen, die in der pantopischen Kulisse bleiben. Stellt man Fragen, die sich weiter weg vom Buch bewegen, gleichen die Aussagen einem Deutschaufsatz aus der Schule."
In der FAZ stöhnt Sandra Kegel über die "Schnatterzone"-Kontroverse um DenisScheck: Nichts weiter als "ein glänzend funktionierendes Aufmerksamkeitskarussell" sei diese Geschichte. Felix Stephan blickt derweil für die SZ nach Frankreich, wo dank Sendungen wie "La Grande Librairie" die Literatur sehr selbstverständlich mitten in der medialen Öffentlichkeit stattfindet, während in Deutschland Literatur im Fernsehen kaum mehr bedeutet als dass Scheck süffisant Bücher in den Müll entsorgt. "Der Druck in den Redaktionen bei ARD und ZDF scheint jedenfalls enorm zu sein, Kulturfernsehen möglichst für Leute zu machen, die sich für den Gegenstand nicht so recht interessieren, und darüber jene kulturell informierten Publikumsteile zu verlieren, die nach den Reformen das Gefühl haben, man rede mit ihnen, als seien sie etwas schwer von Begriff."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weiteres: DanielKehlmanns Roman "Lichtspiel" über den Regisseur G.W. Pabst wurde vom Dlf als vierteiliges Hörspiel adaptiert, meldet Doris Akrap in der taz. Julian Theilen porträtiert in der WamS den SchriftstellerLeifRandt. Besprochen werden HendrikOtrembas "Der Gräber" (taz), KaeTempests "Ein Leben lang gesucht" (taz), PetroRychlos "Regenbogen über der Donau" (FR), MonikaMarons "Immer noch freundlich, aber kaum noch geduldig. Tagebücher 1980-2021" (FAS), JudithSchalanskys "Marmor, Quecksilber, Nebel - Woraus die Welt gemacht ist" (WamS), MarekTorčíks "Was die Zeit nicht nimmt" (FAZ) und AnjaTuckermanns Kinderbuch "Damals in der Rosenstraße" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Matthias Weichelt über AlexanderGelmans "Wenn das Gedicht noch keine Form hat":
"Wenn das Gedicht noch keine Form hat, wenn es sich in deiner Brust zusammenballt wie blauer Dunst ..."
Das Wohnhaus Jürgen Habermas am Starnberger See. Foto: Brutarchitekt. Unter CC-Lizenz
Was wird denn jetzt aus dem Haus von Jürgen Habermas am Starnberger See, fragt in der SZ Gerhard Matzig. Es ist toll, kubistisch, mit vielen Glasbausteinen. Es war außerdem der erste Bau der Münchner Architekten Heinz Hilmer und Christoph Sattler. Also bloß nicht abreißen (über das Grundstück würden sich Immobilienhaie freuen), ruft Matzig: "Es ist physisch und psychisch verbunden mit dem Werk des Philosophen... Das Haus ist um ein gewaltiges Buchregal herumgebaut. Der Geist von Söcking hatte es mit vielen Treppen zu tun. Splitlevel: viele Ebenen, viele Treppen. Altersgerecht und barrierefrei ist das Haus nicht. Wohnräumlich muss man sich Jürgen Habermas als Sisyphos der Treppenwelt vorstellen. Dem Architekten war Habermas nicht gram. Er sagte ihm einmal: Das viele Treppensteigen sei womöglich das 'Geheimnis' seines hohen Alters gewesen. Könnte humorvoll gemeint gewesen sein." Man könnte aus dem Haus ein Museum machen, aber noch besser gefällt Matzig eine Idee, "die in der Architektenschaft kursiert. Warum macht man aus Haus Habermas nicht eine Art Villa Massimo am Starnberger See?"
Nächsten Freitag hat Azade Shahmiris filmische Performance "You and I Have Seen the Garden from That Cold Sullen Crack" in den Berliner Sophiensälen Premiere: Im Interview mit der taz spricht sie über den Krieg (Schuld sind die anderen: "Der Krieg stellt eine Kontinuität imperialer Machtansprüche dar und wird Iran um Jahrzehnte zurückwerfen") und die Bedeutung von Gärten im Iran. Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht Marina Abramović über ihre Ausstellung "Balkan Erotic Epic", mit der im Oktober die Berliner Festspiele eröffnet werden: "Ich möchte dem Publikum meinen Hintergrund vermitteln. Die Ausstellung spiegelt 65 Jahre meiner Performance-Arbeit in Videos und Fotografien wider." In "Bilder und Zeiten" (FAZ) schreibt Bernd Stiegler über die Fotos Wilhelm von Gloedens in Taormina. In der NZZschreibt Philipp Meier zum 200. Geburtstag des Malers Gustave Moreau.
Besprochen werden die Ausstellung der Sammlung Bührle im Kunsthaus Zürich (wieder nur eine Übergangspräsentation, ärgert sich in der NZZ Philipp Meier: "Das wäre dann bereits der vierte Versuch. Die Sammlung Bührle angemessen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist eine Aufgabe, mit der das Kunsthaus überfordert scheint."), eine Ausstellung des senegalesischen Künstlers Senegalese El Hadji Sy in der Berliner Galerie Thumm (der Raum "explodiert förmlich von all den Farben und Formen", ruft Ingeborg Ruthe in der BlZ), "Vogelperspektiven" im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg (FR) und eine Schau mit Fotos von Bauhaus-Fotografinnen im Berliner Museum für Fotografie, die nächste Woche eröffnet (BlZ).
"Wenn die Sterne fallen" am Theater Osnabrück. Foto: Matthias Horn
"Mitreißende Wimmelbilder statt statischer Tableaus, Unbefangenheit und Leidenschaftstatt Ironie und Brechung": In der SZ ist Alexander Menden hin und weg von Beth Steels Familiendrama "Wenn die Sterne fallen", das Christian Schlüter am Theater Osnabrück inszeniert. Dabei hat Menden nur eine Probe gesehen: "An einem Hochsommertag in einer ehemaligen Bergbaustadt heiratet Sylvia ihren polnischen Freund Marek. Ihre beiden älteren Schwestern Hazel und Maggie, ihre so ordinäre wie unterhaltsame Tante Carol, Vater Tony und andere Familienmitglieder versammeln sich vorher im Haus und nachher in einem Pub, wo unter Alkoholeinfluss familiäre Bruchstellen zutage treten. Der Humor ist derb, die Feier ausgelassen, die Streitereien so hitzig wie existenziell. 'Ich finde am englischen Theater so toll, dass die Spielenden ihre Figuren wichtiger nehmen als sich selbst', sagt Schlüter. Sie träten hinter diesen Figuren zurück, statt, wie im deutschen Theater oft üblich, davor oder danebenzustehen. Davon könne man einiges lernen."
Simon Strauß unterhält sich für die FAZ mit dem Schriftsteller und Bühnenregisseur B. K. Tragelehn, der morgen neunzig Jahre alt wird, über die Dresdner Bombennacht, Brecht, seine Freundschaft mit Heiner Müller und das Theater in der DDR im allgemeinen. Und Tragelehn erklärt, warum er Ende der neunziger Jahre aufgehört hat, am Theater zu inszenieren: "Ich habe kurz nach Heiner Müllers Tod 1993 noch einmal versucht, am Berliner Ensemble 'Die Umsiedlerin' zu inszenieren. Das war absolut schrecklich. Ich musste die Proben abbrechen, und bin in eine schwere Depression verfallen. Das Schreckliche war: Die Schauspieler verhielten sich zum Text ironisch. Einfach um darzustellen, dass sie nicht mehr so dämlich sind wie damals. Sie waren die Verlierer, aber sie wollten keine Verlierer sein und haben sich deshalb über Heiners Text lustig gemacht. Das war eine einschneidende Erfahrung für mich, die mein Schaffen nachhaltig verstört hat."
Besprochen werden außerdem Hannah Frauenraths "Home Sweet Home" am Theater Wuppertal (nachtkritik) und die Uraufführung von Fayer Kochs Stück "Das Klima (no pressure)" in der Inszenierung von Albrecht Schroeder am Mainfranken Theater Würzburg (nachtkritik).
Volker Schlöndorff (SZ), Josef Schnelle (Filmdienst) und Hanns-Georg Rodek (Welt) schreiben Nachrufe auf MarioAdorf (weitere Nachrufe hier). Im Standardempfiehlt Bert Rebhandl die Claire-Denis-Retrospektive im Filmarchiv Austria in Wien. Und Dlf Kultur hat eine "Lange Nacht" über AlexanderKluge von 2010 wieder online gestellt.
Besprochen werden Anna Rollers Adaption von LeifRandtsRoman "Allegro Pastell" (FAS), BarbaraPachl-Eberharts "Vier minus drei" (FAS) und JohnPattonFords "How to Make a Killing" (SZ).
Ins Metaverse der VirtuellenRealität will bislang kaum einer einsteigen. Auch Facebook wickelt seine einst mit großem Enthusiasmus vorangetriebene VR-Sparte mittlerweile still und heimlich ab. Und dann soll man ausgerechnet jetzt mit der VR-App "Virtual Hall" per VR-Brille ingroßeKonzerte internationaler Orchester einsteigen? Thomas Lindemann hat den Versuch für die FAS gewagt und sich Beethovens "Eroica" virtuell in der Victoria Hall in Genf angesehen. Die Überraschung zuerst: Die Andockpunkte, von denen aus man das Konzert verfolgen kann, "liegen alle mitten im Orchester. Dass man im Zuschauerbereich sitzt, ist gar nicht vorgesehen. Wäre ja auch nichts Neues. ... Schon jetzt ist klar, das Erlebnis erzeugt eine gewisse angenehme Ruhe, der Saal ist imposant, die Stimmung andächtig. ... Man darf das trotzdem nicht mit dem Gefühl verwechseln, wirklich in einem großen Konzertsaal zu sitzen", denn: "Irgendwas fehlt. Aber Beethovens Eroica einmal so zu hören, ist andererseits für Fans schon ein kleines Wunder."
Weitere Artikel: "Gut, dass menschenfeindlicheAussagenimPop für millionenschwere Künstler zumindest ein paar kleine Konsequenzen haben", kommentiert Johann Voigt in der taz den Umstand, dass Großbritannien KanyeWest die Einreise verboten hat. David Pfeifer erzählt in der SZ von seiner Reise nach Japan, wo er die von KahchunWong geleiteten Proben zur Aufführung von Beethovens Neunter in der Suntory Hall in Tokio besucht hat. Marta Popowska porträtiert in der taz die Stuttgarter Opernsängerin JosefinFeiler, die nebenbei in einer Punkband singt. Gunnar Meinhardt spricht in der WamS mit der Sängerin JuliaNeigel. Maurice Summen berichtet in der taz vom Psychobilly-Treffen in Stadtlohn. Patrick Bahners gratuliert in der FAZHerbert Grönemeyer zum Siebzigsten. Das dazu passende ARD-Porträt bespricht Jakob Biazza in der SZ. Andrian Kreye (SZ) und Jens Balzer (ZeitOnline) schreiben Nachrufe auf Afrika Bambaataa. Besprochen wird ein Konzert von ArcadiVolodos in Wien (Standard).