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17.03.2026. Die FAZ inhaliert die Musik in Bernd Frankes neuer Oper "Coming up for air" in Leipzig ein wie ein gutes Parfum. Die taz würdigt den bosnischen Schriftsteller Miljenko Jergović, in dessen Werk sich die geballte osteuropäische Erfahrung der letzten vierzig Jahre spiegele. Die Filmkritiker denken weiter über die Oscar-Verleihung nach: politisch war alles sehr zahm, wundert sich die Welt. Die SZ findet allerdings eine Ausnahme: David Borensteins Doku "Mr Nobody Against Putin".
Endlich kann FAZ-Kritiker Michael Ernst wieder eine Uraufführung an der Oper Leipzig sehen und Florentine Kleppers Inszenierung von Bernd Frankes neuer Oper "Coming Up For Air" enttäuscht ihn nicht. Sie verbindet in einer komplexen "Reise durch Zeit und Raum" drei unterschiedliche Schicksale miteinander, die alle unter dem Credo "Ringen um Luft und Atem" verbunden sind: die Unbekannte aus der Seine begegnet dem Kritiker, ein Vater, der um seinen ertrunkenen Sohn trauert und Anouk, die auf eine neue Lunge wartet. Vor allem ist da aber die Musik: "Frankes Musik ist wie gutes Parfum. Man kann sich ihr nicht entziehen, sie umrauscht den Hörer und charakterisiert die Akteure. Matthias Foremny am Pult des höchst motivierten Gewandhausorchesters hat ein kongeniales Gespür dafür. Leipzigs vorzüglicher Opernchor etwa lässt eintauchen in wogende Atemvorgänge sowie in die mal sanften, dann erstickenden Fluten der Seine und des Fjords. Die namenlos bleibende Unbekannte charakterisieren singende Cello-Passagen, während Samatha Gaul die Figur vokal und spielerisch in fragiler Lebenslust darstellt, die letztlich zerbricht. Betörend!"
Weiteres: Greta Haberer resümiert für die taz die diesjährige Tanzplattform Deutschland in Hellerau. Besprochen werden Juan Mirandas Inszenierung von Sivan Ben Yishai Stück "Nora - Oder wie man das Herrenhaus kompostiert" am Schauspielhaus Wien (FAZ), Christopher Rüpings Mozart-Projekt "Die große Stille" an der Staatsoper Hamburg (taz), Michael Letmathes Inszenierung von Lars Werners "Gewalt erben" am Deutschen Theater Göttingen (taz), Martin G. Bergers Inszenierung von Clémence de Grandvals Oper "Mazeppa" an der Oper Dortmund (FR) und Guntbert Warns Inszenierung von Moritz Rinkes "Sophia oder Das Ende der Humanisten" am Renaissance-Theater Berlin (SZ, tsp).
In der tazwürdigt Doris Akrap den SchriftstellerMiljenkoJergović, der dieses Jahr mit dem Preis der Europäischen Verständigung ausgezeichnet wird, als großen Interventionisten der europäischen Literatur, in dessen Büchern sich die geballte osteuropäische Erfahrung der letzten vierzig Jahre finde. "Ob Politik, Unterwelt oder Kultur: wo andere schweigen, fängt Jergović an zu reden. Für kroatische 'Vaterlandsverteidiger' ist Jergović schon seit den Tagen des Unabhängigkeitskrieges ein Verräter - zu entschieden begegnet er seit jeher Nationalismus, Populismus, doppelten Standards und autoritären Entwicklungen. Im Rahmen der ultranationalistisch aufgeheizten Feiern zum 30. Jahrestag des Kriegsendes im vergangenen Jahr in Kroatien kritisierte Jergović die rechten Aufmärsche und Übergriffe auf Journalist*innen, Künstler*innen, Ausstellungen, Theaterfestivals und eine serbische Folkloregruppe. Als der ihm entgegenschlagende Hass in einer MorddrohunganseinerHauswand seinen vorläufigen Höhepunkt fand, sah sich selbst der trumpfüßige Präsident Kroatiens dazu gezwungen, ihm öffentlich seine Solidarität zu versichern."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Michael Pilz fühlt sich in der Welt durch Maxim Billers vor ein paar Wochen in der Zeit veröffentlichte Polemik, dass es keineguteDDR-Literatur gebe, und Carsten Gansel aktuelle Buchveröffentlichung darüber wie die Literatur der DDR in den Neunzigern ins Off gedrängt wurde, an ebendiese Literaturdebatte der Neunziger erinnert. Sieglinde Geisel blickt im Tell-Magazin, das damals im Zuge einer Debatte beim Perlentaucher entstanden ist, auf zehn Jahre Tell zurück. Tilman Krause (Welt) und Lothar Müller (SZ) erinnern an SiegfriedLenz, der heute vor hundert Jahren geboren wurde.
Besprochen werden unter anderem ColmTóibíns Erzählung "Die Schwestern" (NZZ), NorbertGstreins "Im ersten Licht" (Standard), LilliTollkiens "Mit beiden Händen den Himmel stützen" (FR), LenaGoreliks "Alle meine Mütter" (Tsp), JakobMosers "Lukrez' Wolken. Naturgewalt und Phantasma" (FAZ) und DanavonSuffrins "Toxibaby" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Julian Weber berichtet in der taz von dem Fall, dass der US-Jazzpianist JasonMoran mit einem Mal damit konfrontiert war, dass auf Spotify Musik von ihm auftauchte, die gar nicht von ihm stammte. Bis der Streamer handelte, musste Moran aber ziemlich hartnäckig nachbohren. "Spotify kümmert anscheinend weniger, wer Fake-Accounts betreibt und die Plattform hat auch anonyme Komponist:innen mit Auftragswerken für Ghost-Artist-Playlists beauftragt. Mehr Interesse hat der Big-Brother-Konzern daran, zu erfahren, wer seine User:innen sind, welche Tagesabläufe sie haben, wohin sie reisen und mit wem sie auf Social Media befreundet sind. ... Unklar ist, wie hoch der Urheberrechtsschaden beziffert wird, der damit angerichtet wurde und wer den Fake-Account eigentlich betrieben hatte. Sobald Moran das falsche Spotify-Konto unter seinem Namen öffentlich gemacht hatte, berichteten Wegbegleiter:innen wie US-Jazzsängerin GretchenParlato von ähnlichen Vorkommnissen."
ChrisNorman, SuziQuatro, BonnieTyler, ChrisdeBurgh: Joachim Hentschel blickt in der SZ auf das Phänomen, dass einige britische und amerikanische Acts in ihrer Heimat längst nicht mehr populär sind, wenn sie dort überhaupt je einmal angesagt waren, aber in Deutschland große Hallen füllen und dort vor "Oldiefreunden an der Mosel, Bravo-Sammlerinnen aus Eimsbüttel, Rock-Rentnern aus dem Jagsttal" spielen. "Die Symptome einer sogenannten Leitkultur sucht man sonst ja eher im Volkstümlichen, in den regionalen Bieranstichen. Doch wenn es so etwas wie einen typisch deutschen Geschmack geben sollte, womöglich ein typisch deutsches Wesen: Vielleicht kann man es noch kontrastreicher daran ablesen, welche britischen oder amerikanischen Stars wir mehr lieben, als die Briten und Amerikaner es je taten."
Chris de Burgh in Deutschland, das ist vor allem auch deutsche Fernsehgeschichte. Das war sein zweiter Auftritt in "Wetten dass?":
Die Oscars beschäftigen die Feuilletons weiterhin (hier unser erstes Resümee). Angesichts dessen, wie wild entschlossen politisch die beiden zentralen Filme "One Battle After Another" und "Blood Sinners" sind, findet es Jan Küveler in der Welt "umso bemerkenswerter, wie politisch zahm die Oscar-Nacht selbst blieb. ... Hollywood wirkt vorsichtiger als früher, fastverzagt, und auf keinen Fall bereit, moralische Gewissheiten laut zu verkünden, es sei denn, künstlerisch vermittelt in seinen Filmen. Ob aus politischer Müdigkeit, wirtschaftlicher Vorsicht oder schlicht aus Angst vor einem Publikum, das moralische Lektionen von Prominenten zunehmend skeptisch betrachtet - schwer zu sagen."
"Die Wirklichkeit 2026: Trump, Inflation, Krieg, Naturverwüstung, Unrecht", schreibt Dietmar Dath in der FAZ (die 30.000 Toten im Iran hat er vergessen). "Die Oscar-Zeremonie 2026: Witzbolde, Schauspiel- und Regietalente, die ein paar Stunden lang so tun dürfen, als könnten sie auf heiter-feierlicheDistanz zu besagter Wirklichkeit gehen, mit kleinen Spitzen gegen sie." Auch Bert Rebhandl stellt im Standard fest, "dass die Zeremonie sich in politischer Hinsicht vor allem ratlos zeigte. ... Die amerikanische Filmindustrie, die so gern für die ganze Welt sprechen würde, findet im zweiten Jahr von Donald Trumps zweiter Amtszeit keinen gemeinschaftlichen Ton mehr." Oder wie Peter Kümmel auf Zeit Online schreibt: "Offenbar haben sie alle Angst vor ihm" - und man weiß sofort, wer gemeint ist.
Eine große Ausnahme bildete allerdings DavidBorenstein, der in der Doku-Sparte für "Mr Nobody Against Putin" ausgezeichnet wurde, berichtet Kathleen Hildebrand in der SZ. "Man verliert sein Land durch viele kleine Akte der Beihilfe", sagte er in seiner Dankesrede, also wenn "Bürger schweigen, sich angepasst verhalten, obwohl bereits Schreckliches passiert. Sein Film "erzählt von einem russischen Grundschullehrer" namens Pawel Talankin, "der gegen die Indoktrinierung von Kindern in Putins Schulsystem kämpft. Aber man muss gar nicht so weit ins Land des Erzfeindes schauen, um diesen Mechanismus zu beobachten. Sind die USA längst selbst so ein Land geworden? Borenstein weiter: 'Wenn wir uns wie Komplizen verhalten, wenn eine Regierung Menschen auf der Straße ermordet. Wenn wir nichts sagen, während Oligarchen die Medien übernehmen und bestimmen, wie wir sie bespielen und konsumieren. Wir alle müssen eine moralische Entscheidung treffen.'"
"Ein Film über Wladimir Putin hat einen Oscar bekommen", titelte im Anschluss eine kremltreue Internetplattform im Delirium. Daran "lässt sich der Mechanismus ablesen, den Pawel Talankin mit seinem 'Mr. Nobody against Putin'so präzise wie erschreckend auf die Leinwände der Welt bringt, wenn auch nicht auf die Leinwände in Russland selbst", schreibt Inna Hartwich in der NZZ: "Das Regime im Land fasst die Realität neu, in allen Bereichen. Es verdreht sie und verkauft seine Version als die einzig richtige."
Marian Wilhelm verweist im Standard auf den Umstand, dass mit AutumnDuraldArkapaw erstmals eine Frau für die "beste Kamera" (und zwar für ihre Arbeit an "Blood & Sinners") ausgezeichnet worden ist. Und im Tagesspiegel notiert Andreas Busche, dass die Oscars immerhin wieder zu einer gewissen Publikumsnähe zurückfinden, während sie die letzten Jahre sich doch vor allem sehr auf Filme fokussierten, von denen zumindest in den USA wahrscheinlich kaum jemand gehört hat. Weitere Resümees in FR, tazund Filmdienst.
Weiteres: Bert Rebhandl stellt im Standard Patric Chihas bei der Diagonale gezeigten Dokumentarfilm "Un hiver russe" vor, in dem es um unangepasste junge Russen geht, die vor Putin geflohen sind. Besprochen werden Mona Fastvolds "The Testament of Ann Lee" (Standard, unser Resümee) und RichardLinklaters "Nouvelle Vague" (Standard, unsere Kritik).
Félicien Rops, Le Bouge à matelots 1875, Collection de la Fédération Wallonie-Bruxelles, en dépot au Musée Félicie Rops, Namur
Gesellschaftskritik und Pornografie sieht NZZ-Kritiker Philipp Meier auf interessante Weise vereint in den Karikaturen des französischen Illustrators Félicien Rops, die das Kunsthaus Zürich in der Ausstellung "Laboratorium der Lüste" zeigt. Im Paris des 19. Jahrhunderts wurde Prostitution zum "Massenphänomen" und Rops bevorzugte Modelle waren eben jene "Damen der Halbwelt", die begehrt und gleichzeitig verachtet wurden. Rops widmet sich seinen Modellen mit Empathie und Verachtung für die Freier: "Nie stellte Rops seine Modelle auf abschätzige Weise dar. Ob herausgeputzt in den Pariser Straßen und Gassen, ob in den Armen von Matrosen in den Spelunken, ob nackt posierend auf den Canapés der einschlägigen Salons: Immer treten seine Dirnen selbstbewusst und mit Würde in Erscheinung.(...) Die Kunden der Prostituierten verspottete Félicien Rops in einer Reihe von Arbeiten mit dem Sujet der Femme fatale. Da lässt eine 'Dame mit Marionette' den Mann als Opfer der Verführung wie einen kleinen Hampelmann tanzen. Eine andere 'Dame auf dem Veloziped' lenkt ein erigiertes Fahrrad-Glied."
Weitere Artikel: SZ und FR melden, dass die Identität von Banksy nun angeblich enthüllt ist: Robin Gunningham aus Bristol soll es sein, der das Carlton Arms Hotel leitete, das Künstlern im Gegenzug für die Gestaltung eines Zimmers Unterkunft bot. Christiane Meixner schreibt im Tagesspiegel den Nachruf auf den Avantgarde-Sammler Egidio Marzona, der mit 82 Jahren verstorben ist. Besprochen wird die Ausstellung "Herkules - Held und Antiheld" in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden (FAZ).
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Christian Goeschel, Daniel Hedinger: München 38 München 38 steht für Appeasement gegenüber Aggressoren. Denn auf der Münchner Konferenz gaben Chamberlain und Daladier den Drohungen Hitlers nach und ließen die Tschechoslowakei…
Colm Toibin: Die Schwestern Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini. Núria, Conxita und Montse sind noch Kinder, als sie nach dem Tod des Vaters ihre katalanische Heimat verlassen, um zusammen…
Diarmaid MacCulloch: Niedriger als die Engel Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz und Thomas Stauder. Kaum ein Thema erregt so viel öffentliches Interesse wie die Haltung der Kirchen zu Sexualität, Abtreibung und…
Lucie Rico: GPS Aus dem Französischen von Milena Adam. Ariane ist eine junge Journalistin, die sich auf lokale Kriminalfälle spezialisiert hat. Seit zwei Jahren arbeitslos, lebt sie zurückgezogen…
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