Als die DDR unterging, kam es fast über Nacht zur Demontage der gesamten ostdeutschen Literatur. Millionen Bücher wurden vernichtet, Verlage und Betriebe für wenige D-Mark veräußert, Bibliotheken geschlossen. Die Bewertung des schriftstellerischen Schaffens und der literarischen Werke - wie auch jener der bildenden Kunst oder des Theaters - erfolgte nicht nach ästhetischen Maßstäben, sondern nach ideologischen. Autorinnen und Autoren wurden pauschal als "staatsnah" oder "-fern" eingeteilt und aus dem kollektiven Gedächtnis verbannt. Das hatte traumatische Folgen, nicht nur für die Diffamierten. Carsten Gansel zeigt in "Ausradiert?" exemplarisch, warum der Westen im Osten bis heute als dominant und übergriffig empfunden wird. Er wirbt in seinem Buch für einen anderen Blick auf die DDR-Literatur und die Ostdeutschen, inklusive einer Rehabilitierung. Von Christa und Gerhard Wolf bis Uwe Johnson, von Werner Bräunig bis Gerti Tetzner, von Brigitte Reimann bis Fritz Rudolf Fries, von Irmtraud Morgner bis Ulrich Plenzdorf, von Volker Braun bis Jenny Erpenbeck.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 06.06.2026
Ein wenig zwiespältig nimmt Rezensent Lothar Müller die These des Literaturwissenschaftlers Carsten Gansel auf, die Literatur der DDR sei "ausradiert" worden. Positiv ist für ihn, mit welchem Kenntnisreichtum Gansel die Entwicklungen innerhalb der DDR von der Entstalinisierung über das 11. Plenum des ZK bis zur Ausbürgerung Wolf Biermanns nachzeichnet. Auch die Schwierigkeiten für DDR-Verlage, nach der Wende zu bestehen, seien Thema. Die These der Ausradierung sieht Müller aber nicht ausreichend dargelegt: Wenn Gansel eine nicht näher bezeichnete "Unmenge an Interpreten" behauptet, die die DDR-Literatur habe "entsorgen" wollen, hält Müller mit der großen Anzahl von Büchner-Preisträgern wie Elke Erb oder den Wiederentdeckungsbestrebungen bei Brigitte Reimann dagegen. Zudem hätte sich der Kritiker eine bessere Einbindung und Reflexion des Begriffs DDR-Literatur gewünscht, bizarr findet er zudem die vielen Entschuldigungen, die der Autor findet, um politische Entgleisungen in Ostdeutschland als berechtigte Empörung auf unfaire Behandlung zu framen. Dennoch liefert er interessante Gedanken zur Geschichte der DDR-Literatur als solche, versichert Müller zum Ende.
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 07.03.2026
Laut Rezensent Erhard Schütz untersucht der Germanist Carsten Gansel in seinem Buch die Frage, ob die DDR-Literatur noch eine Rolle im öffentlichen Bewusstsein spielt. Gansels Fazit ist bitter und laut Schütz auch etwas zu empört. Es geht um "materielle Delegitimierung" durch die Treuhand und "Bücherentsorgung" im großen Stil. Erst nach der Empörung wird das Buch für den Rezensenten interessant. Da berichtet Gansel dann "lebendig" und "anschaulich" von der Rolle des Buches in der DDR als Gegengewicht zur Staatspropaganda, als Korrektiv und Anwalt des Individuums und bietet laut Schütz ein unverzichtbares Kompendium in Sachen DDR-Literatur.
Die Literatur der DDR ist schon während der Wende und schließlich in den Neunzigern "ausradiert" worden, wie der Titel des neuen Buchs von Carsten Gansel lautet. Zum Beleg dafür häuft der Literaturwissenschaftler zwar einiges auf - SZ-Kritiker Lothar Müller bleibt skeptisch. Anders als Gansel suggeriere, "ist der Umgang mit der in der DDR entstandenen Literatur nach 1989/90 kein Gegenstück zum Abriss des Palastes der Republik. ... Groß war in den Neunzigerjahren die Zahl der mit dem Büchner-Preis ausgezeichneten Autoren, die ihre Laufbahn in der DDR begonnen hatten. ... In den Archiven, auch in den Zeitungsarchiven, im Blick auf Nachlässe und Vorlässe, beim Durchforsten von Bibliothekskatalogen, in der Sichtung der Erstpublikationen von Tagebüchern und Briefen, der Neuedition von Werken würde fündig, wer das Nach- und Weiterleben der in der DDR geschriebenen Literatur konkret erforschen wollte. ... Zwischen den 'Probebohrungen', die der Literarhistoriker Gansel unternimmt, und der großflächigen Ausradierungsthese klafft eine Deckungslücke. Je näher er der Gegenwart kommt, desto mehr tritt der Literaturhistoriker hinter dem Zeitzeugen zurück." Unser Resümee
Die Literatur der DDR ist schon während der Wende und schließlich in den Neunzigern "ausradiert" worden, wie der Titel des neuen Buchs von Carsten Gansel lautet. Zum Beleg dafür häuft der Literaturwissenschaftler zwar einiges auf - SZ-Kritiker Lothar Müller bleibt skeptisch. Anders als Gansel suggeriere, "ist der Umgang mit der in der DDR entstandenen Literatur nach 1989/90 kein Gegenstück zum Abriss des Palastes der Republik. ... Groß war in den Neunzigerjahren die Zahl der mit dem Büchner-Preis ausgezeichneten Autoren, die ihre Laufbahn in der DDR begonnen hatten. ... In den Archiven, auch in den Zeitungsarchiven, im Blick auf Nachlässe und Vorlässe, beim Durchforsten von Bibliothekskatalogen, in der Sichtung der Erstpublikationen von Tagebüchern und Briefen, der Neuedition von Werken würde fündig, wer das Nach- und Weiterleben der in der DDR geschriebenen Literatur konkret erforschen wollte. ... Zwischen den 'Probebohrungen', die der Literarhistoriker Gansel unternimmt, und der großflächigen Ausradierungsthese klafft eine Deckungslücke. Je näher er der Gegenwart kommt, desto mehr tritt der Literaturhistoriker hinter dem Zeitzeugen zurück." Unser Resümee
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