Efeu - Die Kulturrundschau
Malereien mit Fäden
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.01.2026. Im Interview mit Regisseurin Alison Kuhn lernt die taz die wütenden Frauen kennen, die in ihrem Debütfilm "Holy Meat" schon mal ein Schwein köpfen, um Machtstrukturen zu durchbrechen. Die FAS ärgert sich über die Versuche der italienischen Neuen Rechten, Pasolini als Ikone den Linken wegzunehmen. Dem Klassikbetrieb kreidet Backstage Classical eine zunehmend unreflektierte Eventkultur an. Wie Kunst das Exil solidarisch aufgreift, zeigt der FAZ eine Ausstellung von Nairy Bagharamian in Brüssel. Die Oper hat in Südkorea eine rosige Zukunft vor sich, freut sich ebenfalls die FAZ.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
05.01.2026
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Film

Wenke Bruchmüller spricht in der taz mit der Regisseurin Alison Kuhn über deren Spielfilmdebüt "Holy Meat", das mit offenbar sehr rustikalen Mitteln - "die Schauspielerin Homa Faghiri musste lernen, ein Schwein zu köpfen" - Kirche und Machtstrukturen kritisiert. Im Mittelpunkt steht eine Metzgerin, die ein subversives Theaterstück inszeniert. "Ihre archaische Kraft und Unabhängigkeit waren mir wichtig. Ich wollte eine wütende Frauenfigur zeigen, die trotzdem verschiedene Schattierungen haben darf." Auch "treibt sie als weiblicher Charakter die Handlung voran, was filmisch noch immer selten ist. ... Handlungsmacht wird Frauen von klein auf eher aberzogen statt gefördert. Als Filmschaffende sehe ich es auch als meine Aufgabe, dem etwas entgegenzusetzen - zumal unsere filmischen Narrative noch stark davon geprägt sind, dass es deutlich weniger weibliche Regiepersonen gibt."
Karen Krüger ist in der FAS einigermaßen ratlos angesichts der in den letzten Jahren wiederholt zu beobachtenden Versuchen der italienischen Neuen Rechten, Pasolini vielleicht nicht bei sich einzugemeinden, aber ihn, wie sie sagen, "aus dem Gefängnis der Linken zu befreien. ... Man schafft Verbindungen zwischen Politik und Kultur, aber es wirkt so grob und oberflächlich, dass dem kaum eine ernste Strategie zugrunde liegen kann. Italiens Rechte hat eigentlich genügend intellektuelle Gewährsleute wie Marinetti oder D'Annunzio, auf die sie sich berufen kann. Doch worum geht es dann? Soll einer Ikone der Linken, die einen Gegenentwurf verkörpert, die Strahlkraft genommen werden, indem man sie dem Verdacht aussetzt und so gewissermaßen mit brauner Soße bekleckert? Oder soll Empörung provoziert werden, die Aufmerksamkeit verspricht und linke Kritiker wie engstirnige Gralshüter aussehen lässt?"
Außerdem: Andreas Busche erzählt im Tagesspiegel von seiner Begegnung mit Jafar Panahi. Mit Interesse verfolgt Valerie Dirk im Standard, wie aktuelle Filme wie etwa "15 Liebesbeweise" (unsere Kritik) und der in Cannes ausgezeichnete "Die jüngste Tochter" (unsere Kritik) lesbische Liebesgeschichten erzählen. Besprochen werden Kate Winslets auf Netflix gezeigtes Regiedebüt "Goodbye June" (ZeitOnline).
Musik
Die Eventisierung der Klassik geht Axel Brüggemann mittlerweile entschieden zu weit. Im Betrieb sollten alle - auch die Kritiker - "wieder mehr Mut für Tiefe aufbringen, für Gegenrede, für Kontroverse und schwierige Auseinandersetzung", schreibt er auf Backstage Classical. "Ist es wirklich die Rettung, die Klassik zur Popkultur zu schrumpfen, zur 'populären' Kultur, die der Mode immer wieder hinterherläuft? Oder ist es nicht gerade jetzt an der Zeit, andere Werte in unserer Kultur zu pflegen? Es ist ja nicht nur die Schnelligkeit, das unreflektierte Herauskotzen von Meinungen in den sozialen Medien, die Dummheit der Oberflächlichkeit und die Illusion, dass Moral sich nach Erfolg definieren lässt; die Trumpisierung unserer Welt bedeutet, alles der lauten Behauptung unterzuordnen und den Kompass von Richtig und Falsch nach dem Geldstrom auszurichten. All das aber widerspricht der Tradition der europäischen Kultur - und besonders unserer Musikkultur!"
Weitere Artikel: Norbert Trawöger, künstlerischer Direktor des Brucknerhauses, singt im Standard-Essay ein Loblied aufs Zuhören mit Muße. Thomas Kamar blickt für die Presse zurück auf die Anfänge von Punk vor 50 Jahren. Aber ist das noch Punkrock, wenn Turnstile in den Charts ist, fragt sich Konstantin Nowotny in der Jungle World. Valerie Dirk schreibt im Standard über 90 Jahre Billboard-Charts.
Besprochen werden eine neue CD des Freiburger Barockorchesters (Welt), das Konzertdebüt der TikTok-Rapperin Zah1de (SZ), neue Musikveröffentlichungen, darunter Tanita Tikarams "LIAR" (FAZ), und das Comeback-Album der Riot-Grrrl-Pionierinnen von Thee Headcoatees (FR).
Weitere Artikel: Norbert Trawöger, künstlerischer Direktor des Brucknerhauses, singt im Standard-Essay ein Loblied aufs Zuhören mit Muße. Thomas Kamar blickt für die Presse zurück auf die Anfänge von Punk vor 50 Jahren. Aber ist das noch Punkrock, wenn Turnstile in den Charts ist, fragt sich Konstantin Nowotny in der Jungle World. Valerie Dirk schreibt im Standard über 90 Jahre Billboard-Charts.
Besprochen werden eine neue CD des Freiburger Barockorchesters (Welt), das Konzertdebüt der TikTok-Rapperin Zah1de (SZ), neue Musikveröffentlichungen, darunter Tanita Tikarams "LIAR" (FAZ), und das Comeback-Album der Riot-Grrrl-Pionierinnen von Thee Headcoatees (FR).
Literatur
Besprochen werden unter anderem Abdulrazak Gurnahs "Diebstahl" (online nachgereicht von der Zeit), Jens Harders Comic-Epos "Gamma" (Jungle World), Sorj Chalandons "Herz in der Faust" (Standard), Colombe Schnecks "Lügen im Paradies" (online nachgereicht von der Welt), Ragnar Helgi Ólafssons "Die Bibliothek meines Vaters" (NZZ), Cristina Karrers Memoir "Warten auf Susy" (NZZ), Helmuth Kiesels "Schreiben in finsteren Zeiten" zur "Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1933 - 1945" (SZ) und neue Krimis, darunter Josh Winnings "Verbrenn das Negativ" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Kunst

Eigentlich wollte Anni Albers Architektin werden, lernt NZZ-Kritikerin Maria Becker im Berner Zentrum Paul Klee in der Schau "Constructing Textiles", aber am Bauhaus konnte sie als Frau nur Weberei studieren: "Albers' 'Pictorial Weavings' haben sich von der Webkunst im Grunde losgelöst. Sie sind wundersame Malereien mit Fäden, hochartifiziell und geheimnisvoll. Tritt man nahe heran an die Texturen, werden sie immer rätselhafter. Es ist eine Sprache ohne Worte, die etwas zu sagen scheint, ohne es preiszugeben. Nicht mehr gebunden an die Architektur, entfaltet sich Albers' Kunst im begrenzten Raum des Gewebes als intuitive Schrift. Es ist ein Spiel, das offen bleibt für Deutungen."
Besprochen werden: Die Ausstellungen "Cleopatra Superstar" im Espace Muséal de Liège-Guillemins (FAZ) und "Anton Henning: Träume, Trichter & Tricksereien" in der Sammlung Philara Düsseldorf (taz).
Architektur
Weiteres: Milena Feldmann besichtigt für die FAZ den Neubau des Perlmuttermuseums in Adorf, entworfen von Architekt Ansgar Schulz.
Bühne
Um die Zukunft der Oper in Südkorea muss sich Sophie Klieeisen in der FAZ keine Sorgen machen. Die Oper als Kunstform kam zwar erst spät ins Land, findet aber trotz nicht idealer Infrastruktur großen Anklang: "Keines der Häuser hier hat ein Ensemble. Die Koreanische Nationaloper, im Jahr 2000 als Aushängeschild gegründet und direkt dem koreanischen Kulturminister unterstellt, hat nicht einmal ein eigenes Haus. Woher kommt diese Begeisterung für Oper in Korea? Vielleicht, lächelt der Intendant der Koreanischen Nationaloper Choi Sang Ho, sei es die Erfahrung des Leids des zwanzigsten Jahrhunderts, das den Koreanern in der Stimme liege. Bei aller Modernität und rasenden Entwicklung der letzten Jahrzehnte hätte das Land eine 'tiefe Sehnsucht nach Innerlichkeit bewahrt'. Die Oper korrespondiere mit der koreanischen Mentalität, die Choi als 'Spannung zwischen Pflicht und Gefühl' beschreibt. 'Sie entspricht unserer asiatischen Vorstellung von Hingabe und Schicksal.'
Weiteres: Die Nachtkritiker gehen ins Archiv und laden noch einmal Nicola Bremers Essay zu der Frage hoch, ob uns die Postdramatik abgestumpft hat und wir eine Empathieschulung brauchen.
Besprochen wird: Die Ausstellung "Ausgefallene Stücke. (Un)mögliche Spielräume am bat-Studiotheater zwischen Mauerbau und friedlicher Revolution" an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch (taz).
Weiteres: Die Nachtkritiker gehen ins Archiv und laden noch einmal Nicola Bremers Essay zu der Frage hoch, ob uns die Postdramatik abgestumpft hat und wir eine Empathieschulung brauchen.
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