Im Kino

Wenige Worte, eckige Bewegungen

Die Filmkolumne. Von Stefanie Diekmann
03.12.2025. In "15 Liebesbeweise" folgt Regisseurin Alice Douard den Bewegungen einer Frau, die ein Kind erwartet, mit dem sie nicht schwanger ist. Besonders begeistert an dem Film das mal spröde, mal fragile Spiel der Hauptdarstellerin Ella Rumpf.

Erst geht es zur Geburtsvorbereitung, dann zur Rechtsanwältin. Den ersten Termin nehmen sie zusammen wahr, den zweiten dann eine alleine; und damit sind in wenigen Minuten die Koordinaten abgesteckt, durch die sich die Protagonistinnen Céline (Ella Rumpf) und Nadia (Monia Chokri) in "15 Liebesbeweise" von Alice Douard bewegen werden.

Es gibt die generischen Momente, die in einer Erzählung über die Vorbereitung auf Geburt und Elternschaft dramaturgische Standardsituationen markieren: die gynäkologische Untersuchung, der Info-Tag im Krankenhaus mit anderen Paaren, die logistische Anpassung der Wohnung, die kleinen Panikattacken, die ungebetenen Ratschläge und der Hormonpogo. Und es gibt die Situationen, die für andere Paare nicht auf dem Programm stehen, wie der Besuch bei der Rechtsanwältin, die Céline über das ziemlich komplizierte Procedere der Adoption informiert und darüber, dass dafür, Eheschließung hin oder her, nicht weniger als 15 schriftliche Statements erforderlich sind, in denen sich Familie, Freunde etc. positiv über die Qualität von Célines Beziehung zu Nadia und ihren Umgang mit dem Kind äußern. Danach kann Céline adoptieren, wahrscheinlich jedenfalls; auf acht bis achtzehn Monate Wartezeit sollte sie sich bitte schon mal einstellen.

Der deutsche Titel "15 Liebesbeweise" bezieht sich auf die 15 Statements. Zugleich legt er eine falsche Fährte, weil Douard in ihrem ersten Langfilm keinen Parcours entlang von Stellungnahmen und Personen in Szene setzt, sondern die Bewegungen einer jungen Frau, die ein Kind erwartet, mit dem nicht sie schwanger ist, was alle anderen Figuren sehr genau im Blick haben. Und was - administrativ, kommunikativ, affektiv - ständig neue Herausforderungen erzeugt, denen Céline und Nadia mehr oder weniger einverständlich begegnen. "15 Liebesbeweise" ist, so betrachtet, ein Film über die Mühen der Ebene; über Elternschaft im Zeichen einer Diskriminierung, die mit dem Gesetz zur gleichgeschlechtlichen Ehe ("La loi Taubira", 2013) keineswegs erledigt ist; über Distanz und Nähe, über Konflikte und Allianzen, über die Idiotien des Heteronormativen, über Resilienz, Commitment und über die Momente der Einsamkeit, aus denen noch keine Partnerschaft erlöst hat.


2022 hat Douard mit den sehr bekannten Schauspielerinnen Clothilde Hesme und Laetitia Dosch den Kurzfilm "L'Attente" gedreht, der diese Motive in verdichteter Form vor der Kulisse einer Geburtsstation durchspielt. "15 Liebesbeweise" ist anders, aber nicht weniger interessant besetzt, nicht nur weil im Cast mehrere Personen auftauchen, die sich vor allem als Regisseurin profiliert haben (Jeanne Herry, Anne Le Ny), etliche weitere, die zwischen Schauspiel und Regie unterwegs sind (Noémie Lvovsky, Monia Chokri, Pauline Bayle, Aude Pépin, Julien Gaspard-Oliveri), ein erfolgreicher Kameramann, der zuvor noch nie gespielt hat (Tom Harari), und in den Nebenrollen ein paar Akteur:innen, die dieselben Namen tragen wie die Figuren, die sie spielen. Das Queering von Zuordnungen wird ebenso entspannt gehandhabt wie die Idee der Solidarität und die des Empowerments; wer indes eine ausdrückliche Empfehlung für "15 Liebesbeweise" will, sei auf die Hauptdarstellerin hingewiesen.

Diese Darstellerin ist Ella Rumpf, deren Rollenbiografie zu den erstaunlichsten gehört, die sich im Kino der letzten zehn Jahre entwickelt haben. In "Chrieg" (CH 2014) von Simon Jacquemet spielt sie mit geschorenem Kopf die einzige Frau in einer ziemlich wüsten Gang, in "Tiger Girl" von Jakob Lass (DE 2017) eine Figur, die von ihrem Baseballschäger her gedacht ist. In "Grave" (2016) von Julia Durcounau ist sie eine Kannibalin mit sehr wachem Blick und in "Le Théorème de Marguerite" (2023) von Anne Novion, der ihr 2023 einen César eingebracht hat, eine Mathematikerin, die Brille, kein Makeup und scheußliche Pullover trägt. Das Love Interest mehr oder weniger durchgedrehter Helden hat sie auch ein paarmal geben müssen, wehende Haare und Lipgloss inklusive. In "15 Liebesbeweise" indes spielt sie Céline, die Nadia liebt, sich durch Paris bewegt, mit allen möglichen Figuren interagiert und zugleich eine Protagonistin in der Tradition der filles seules ist. Rumpf, eine sehr schöne Schauspielerin, hat diese Figur als spröde, stille Erscheinung angelegt: wenige Worte, eckige Bewegungen, in den meisten Momenten sehr beherrscht und in einigen anderen fragil und durchlässig. "Anziehend", "rätselhaft", "verschlossen" sind nicht die besten Stichworte, um das zu beschreiben, aber man möchte sich das Kino nicht mehr ohne Ella Rumpf vorstellen.

Stefanie Diekmann

15 Liebesbeweise - Wikipedia - Frankreich 2025 - Regie: Alice Douard - Darsteller: u.a. Ella Rumpf, Monia Chokri, Noémie Lvovsky, Pauline Bayle, Aude Pépin - Laufzeit: 97 Minuten.