Im Kino

Eine große Wunde

Die Filmkolumne. Von Robert Wagner
24.12.2025. Auf den ersten Blick hält sich Hafsia Herzi in "Die jüngste Tochter" an die geläufige dramaturgische Struktur einer Coming-of-Age-Romanze. Tatsächlich jedoch sind es voneinander abgeschottete Lebenswelten und Brüche, die ihren Film bestimmen.

Folgen wir der Plotstrukturanalysen von Kristin Thompson und David Bordwell (u.a. in "Poetics of Cinema"), handelt es sich bei Hafsia Herzis neuem Film um eine Romanze. Die beiden Filmtheoretiker argumentieren nämlich, dass Filme nicht in drei Akte aufgeteilt sind, sondern in 20- bis 30-minütige Einzelteile mit dramatischen Wendungen an den Übergängen, die den kommenden Abschnitt bestimmen. Eben an diesen Übergängen zeige sich am deutlichsten, was den jeweiligen Film antreibt. Hafsia Herzis "Die jüngste Tochter" fügt sich nahtlos in dieses Konzept ein, folgt der beschriebenen Struktur; und doch will er am Ende nicht ganz in ihr aufgehen.

Nach ca. einer halben Stunde lernt Fatima (Nadia Melliti), die titelgebende jüngste Tochter einer französisch-algerischen Familie, Ji-Na (Park Ji-Min) kennen. Bisher hatte sie erste lesbische Abenteuer erlebt und darum gekämpft, sich in ihre Sexualität einzufinden. Nun kommt die Liebe hinzu und eine erste ernstzunehmende Beziehung. Nach der nächsten halben Stunde folgt die Trennung und Fatima muss damit klarkommen, dass sie aus dem Paradies der vorherigen 30 Minuten vertrieben wurde. Wieder eine halbe Stunde später kommt es zur Aussöhnung mit Ji-Na. Die Arbeit gen Happy End könnte beginnen. Fatima müsste nun dafür einstehen, dass sie auch von ihrer Familie als diejenige anerkannt wird, die sie ist - zusammen mit Ji-Na. Eben an dieser Stelle passt der Film über eine junge Frau, die nirgendwo so richtig hineinpasst, nicht mehr klar in diese Struktur.

Mehr noch als der Plot strukturieren mehrere gegeneinander abgeschottete Bereiche den Film. Vier Lebenswelten konstituieren Fatimas Existenz. Vier Lebenswelten, die sich zu keinem Zeitpunkt vermischen und die durch Trennlinien bestimmt sind. Gleich zu Beginn wird Fatima auf dem Schulhof durch Gitter gefilmt. Ein wenig sieht es nach Knast aus, vor allem aber hat sie eben eine andere Welt hinter sich gelassen, von der sie nun getrennt ist. Das Drama besteht darin, dass sie die verschiedenen Ausprägungen ihres Lebens nicht unter einen Hut bekommt.


Lebenswelt eins: ihr Zimmer. Hier betet Fatima, verhüllt bis auf ihr Gesicht. Sie ist so zwar eins mit ihrer Herkunft, aber ihre sonstige Existenz ist kaum mit einer Tradition vereinbar, die ihre Sexualität nicht akzeptiert. Lebenswelt zwei: Küche und Wohnzimmer, die nur durch einen Vorhang getrennt sind, der aber doch undurchdringlich erscheint. Die Couch gehört dem Vater - dort sitzen seine Töchter nur einmal, als er abwesend ist -, die Küche der Mutter, die diese im Film niemals verlässt, und den Schwestern. Sowohl auf der Coach als auch in der Lüche ist Fatima fremd, hier als Frau, da, weil sie keine Ambitionen zum Kochen (für Ehemann und Familie) hat.

Lebenswelt drei: Schule und später Universität, wo sie sich mit lauten, großmäuligen Jungs umgibt. Vor dem Abi herrscht eine Stimmung nachdrücklicher Homophobie - auch durch Fatima selbst verstärkt, die auf einen Mitschüler losgeht, der sie lesbisch nennt. Später egalisiert sich dies in feuchtfröhlichen Studentenpartys, in denen sich jeder ausleben kann. Lebenswelt vier: die Grindr-Dates und LGBT-Partys, quasi die Gegenwelt zu ihrem Zimmer. Hier sie eins mit sich selbst ist, hat aber keinerlei Anbindung an den familiären Teil ihres Lebens.

Das Outfit von Fatima ist des Öfteren völlig schwarz. Schwarze Klamotten, schwarze Haare, schwarze Basecap. Manchmal sieht sie wie ein Ninja aus oder wie Batman, wie jemand, der seine wahre, verletzliche Identität hinter einem schattigen Outfit verdeckt. Nur ist sie kein Superheld, sondern bleibt gehemmt, nur manchmal gelingt es jemandem, ihren Panzer zu durchdringen, sich durch ihr Schweigen und ihre leger erzählten Lügen vorzuarbeiten - zu ihr und einem Lächeln.

Statt einer flüssigen Geschichte ergibt sich ein Flickenteppich. Nicht nur aus Orten, sondern auch aus Momenten, zwischen denen unklare Zeitabschnitte liegen, deren Beziehung zueinander unklar sind, in denen die meisten Zusammenhänge geschluckt werden. Wir bekommen nicht das Leben Fatimas erzählt, sondern ihre Zerrissenheit. Es bleibt schwer auszumachen, wie die selbstbewusste, kokette Frau mit der schweigenden, konfrontativen zu vereinen ist. Zuweilen scheint sie sich selbst ein Buch mit sieben Siegeln.

Nur punktuell ist sie eins mit sich, sie bleibt zersplittert - verloren in Menschenmassen, in den Schatten der Nacht, vor hellen eigenschaftslosen Wänden. Anschluss findet sie auch nur zeitweise, beschränkt. So spielt sie Fußball, nur nicht als Mannschaftssport. Sie jongliert den Ball allein auf dem Platz. Auch wenn eine Romanze den roten Faden des Geschehens bildet, bedeutet Coming-of-Age hier, existentiell auf sich allein gestellt und nicht mit sich identisch zu sein.

Der Film verwehrt sich letztlich einem starren Konzept und nähert sich vorsichtig einem unklaren Menschen. Gerade weil der "normale" Plot rund um das Meistern aller Hindernisse so greifbar nah scheint, wird aus der Ansammlung kleiner, meist nicht sonderlich dramatischer Momente, wird aus einem fast schon entspannten Film ohne große Ausbrüche eine atmende Struktur aus Unausgesprochenem, die eine große Wunde ergeben.

Robert Wagner

Die jüngste Tochter - Frankreich 2025 - Regie: Hafsia Herzi - Darsteller: Nadia Melliti, Park Min-ji, Amina Ben Mohamed, Rita Bemannana u.a.