Efeu - Die Kulturrundschau

Amor und Fortuna

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.12.2025. Die Theaterkritiker fegt es von den Sitzen: Gleich zwei Mal großes Schauspielertheater in Wien - als Ensemble-Gesamtglanzleistung in Simon Stones Ibsen-Projekt "Das Ferienhaus" am Burgtheater und Lore Stefaneks Monolog als Goebbels-Sekretärin Brunhilde Pomsel am Theater in der Josefstadt. Die FAZ bewundert im Münchner Museum Fünf Kontinente die Schnitzkunst der Maori. Die taz ist fassungslos, dass der Asylantrag des im Iran bedrohten Regisseurs Jafar Najafi abgelehnt wurde. Die SZ begeistert sich für Fotzenrap.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.12.2025 finden Sie hier

Bühne

"Das Ferienhaus" von Simon Stone am Burgtheater Wien. Foto © Marcella Ruiz Cruz


Simon Stones Ibsen-Projekt "Das Ferienhaus" am Burgtheater Wien versammelt eine Familie, deren Zerstörungsmechanismen man über drei Stunden zusehen kann. "Dass alle hier zumindest einen Spleen haben, sieht man augenblicklich", meint nachtkritiker Reinhard Kriechbaum. "Dass das aber nicht bloß harmlose Neurosen sind, sondern ruinöse Seelenlasten, die sich über Generationen aufgetürmt, gar multipliziert haben, wird erst allmählich klar." Das ist vor allem ganz großes Schauspielertheater, schwärmt in der FAZ Simon Strauß: "Die Minichmayr. Die Peters. Den Maertens. Den Koch. Und genauso alle anderen, bislang vielleicht weniger bekannten: Die Hackl. Den Wächter. Die Matuschek..." Aber vor allem imponiert ihm Birgit Minichmayr als missbrauchte Nichte, die am Ende das Haus abfackelt: Wie sie "hier als Caroline auftritt, wie sie die Qual ihrer Erfahrung langsam ans Licht kommen lässt, das ist ein Ereignis, für das allein sich der Abend lohnt. In näselnd nervösem Tonfall begrüßt und verschreckt sie alle, führt ihnen als wandelnde Katastrophe vor, was hinter dem mühsam gerade gehaltenen Familiensegen an Grausamkeit steckt. Laut, bedrohlich, mit jener komödiantisch getarnten Aggressivität, mit der sie schon damals in Luc Bondys Inszenierung vom 'König Lear' als Narr auftrat."

Lore Stefanek in "Ein deutsches Leben" in der Josefstadt Wien. Foto © Bernd Uhlig


Und noch einmal großes Schauspielertheater in Wien: am Theater in der Josefstadt hat Andrea Breth mit einem Monolog von Christopher Hampton die Erinnerungen von Brunhilde Pomsel, der Sekretärin von Joseph Goebbels, auf die Bühne gebracht. Pomsel hatte vor einigen Jahren in einer ARD-Doku erstmals über ihr Leben erzählt. Sie wusste von gar nichts, erinnert sich in der nachtkritik Jakob Hayner: "Was die spätere Chefsekretärin der ARD erzählt, fasziniert durch eine entlarvende Redseligkeit. Es ist, als würden bei ihr die verschiedenen ideologischen Schichten der deutschen Geschichte wie im Querschnitt einsehbar: die verstockte Kleinbürgerlichkeit der Angestelltenkultur, der rücksichtslose Aufsteigerstolz der Nazi-Zeit und der selbstentlastende Stunde-Null-Karrierismus der frühen Bundesrepublik." In Breths Inszenierung spielt die 82-jährige Lore Stefanek die Pomsel, und ihr "gelingt an diesem Abend etwas Außergewöhnliches. Sie schiebt dem Text keine Psychologie unter, die darin nicht zu vernehmen ist. Was sie spricht, ist bloß Text. Oder Automatensprech eines in Deutschland lange vor ChatGPT verbreiteten Maschinendenkens. ... Es ist das Selbstgespräch einer deutschen Sozialneurose, das sich in der Bühne widerspiegelt."

Auch Ronald Pohl zeigt sich im Standard ordentlich beeindruckt: Stefanek sitzt den ganzen Abend piekfein in einem dunkelblauen Kostüm in einem Sessel. Doch "die Rückkehr der Erinnerung gleicht einem Griff in die Kloake. Geborgen wird Gesinnungsunrat. Und doch hängt man wie gebannt an Stefaneks dünnen Lippen. Rund um die kaum geläuterte Nazisse hat Breth eine rund zweistündige Gespenstersonate entwickelt. ... Unter mächtigen Türportalen bewegen sich heimlich, still und leise die Mitläufer und 'mittleren Angestellten' (Siegfried Kracauer). ... Die Handlungsträger der Nazi-Diktatur sind gestorben. Sie sind nur nie verschwunden." In der SZ findet Wolfgang Kralicek die Inszenierung okay, wünscht sich beim nächsten Breth-Abend aber "ein richtiges Stück".

Besprochen werden außerdem Wolfgang Böhmers Musical "Der zweite Kirschgarten" an der Neuköllner Oper in Berlin (nachtkritik, Tsp), das an Per Olov Enquists Roman "Die Nacht der Tribaden" angelehnte Stück "Eifersucht / Die Nacht der Lesben", inszeniert von Markus Öhrn am Schauspiel Köln (nachtkritik) und Lena Braschs und Juri Sternburgs "East Side Story - A German Jewsical" am Berliner Maxim-Gorki-Theater (SZ, Tsp).
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Film

Während der iranische Filmemacher Jafar Najafi in Frankfurt seinen neuen Film präsentierte, wurde in Teheran seine Wohnung durchsucht, berichtet Andreas Fanizadeh in der taz. "Dabei wurde auch von ihm gedrehtes Material beschlagnahmt, das die brutale Polizeigewalt während der Frau-Leben-Freiheit-Proteste im Iran dokumentiert. Der Regisseur berichtet, dass er ebenfalls online unmittelbar bedroht wird, bei einer Rückkehr in den Iran sei für ihn mit Gefängnis und Folter zu rechnen. Dennoch wurde sein Antrag auf Asyl vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) im Mai abgelehnt, eine Entscheidung ist nun beim Verwaltungsgericht Darmstadt anhängig. Das Filmbüro Hessen sammelt in einen offenen Brief Unterschriften." Der Filmemacher "hatte nie vor, seine Heimat zu verlassen. Trotzdem könnte er nun in Deutschland endlich seinen Film über die Frau-Leben-Freiheit-Proteste in Iran fertigstellen. Die Entscheidung des Bamf, man versteht sie nicht."

Fanizadeh empfiehlt außerdem Najafis Dokumentarfilm "Asho", den der Regisseur auf Youtube gestellt hat: 



KI im Film nimmt Fahrt auf: Hinter den Kulissen sichern sich Netflix und Amazon hunderte, teils tausende "Patente mit KI-Bezug", schreibt Philipp Bovermann in der SZ und bemerkt, dass diese "sämtliche Phasen der Filmproduktion" abdecken, zugleich sorgt Disney damit für Aufsehen, in einem milliardenschweren Deal mit OpenAI das eigene Archiv für private KI-Experimente zugänglich gemacht zu haben. Der immer wahrscheinlicher werdende Netflix/Warner-Deal erscheine in diesem Zusammenhang in einem neuen Licht, denn Netflix ist zugleich auch Games-Hersteller: "Künftig sollen dazu auch Titel kommen, die über die Fernseher spielbar sind - damit die Leute, so der Plan, auf demselben Gerät zwischen Streaming und Gaming wechseln können. ... Schon seit Jahren träumen Manager in Hollywood von 'dreidimensionalen' Franchise-Welten, in denen ein Medium nahtlos ins nächste übergeht und jedes vom anderen kreative Impulse erhält, die möglichst die Fans kostenlos liefern. KI könnte der Schlüssel dafür sein, die Brücke zu schließen: zwischen Games und Film, linearen und von Nutzern erstellten Inhalten."

Weiteres: Dass die Oscars ab 2029 auf Youtube übertragen werden und Warner Bros nun wohl tatsächlich in Netflix aufgehen wird, lässt Valerie Dirk vom Standard an der Zukunft des Kinos zweifeln. Martina Meister spricht für die Welt mit der Schauspielerin Oona Chaplin über die Dreharbeiten zu James Camerons drittem "Avatar"-Film (unsere Kritik). Luca Glenzer erinnert in der taz an Hildegard Knef, die am 28. Dezember vor hundert Jahren geboren wurde. Das Wiener Gartenbaukino hat einen historischen Kinoabend von 1960 im Detail nachgestellt, berichtet Katrin Nussmayer in der Presse. Und das Filmdienst-Team (darunter zahlreiche Autoren, die auch für den Perlentaucher Filmkritiken schreiben) kürt die besten Filme des Jahres.

Besprochen werden Lucile Hadžihalilovićs Kunstmärchen-Film "Herz aus Eis" mit Marion Cotillard (taz) und Eva Victors "Sorry, Baby" (Standard, unsere Kritik).
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Literatur

Der große Kurt Flasch (95, zwanzig Bücher im Perlentaucher) denkt in der SZ anlässlich neuer Boccaccio-Übersetzungen über den Liebesbegriff des italienischen Autors nach. "Liebe in ihrem ganzen Umfang - von der sexuellen Regung bis zur Bewegung der Sterne - unter dem Wortgeröll der Prediger hervorzuholen, das war von 1300 bis 1350 die Aufgabe. 'Liebe' war bei Boccaccio alles andere als eine kleine Technik, sich das Leben etwas angenehmer zu machen. Amor - das war der wilde, überwältigende Liebesgott, der Willensfreiheit nicht ausschloss, aber gefährdete. Fortuna, das Glück, war kein kraftloses Bild, sondern eine Macht, die das Weltgeschehen bestimmte. Amor und Fortuna können den Menschen zerreißen; diese Urgewalten fördern und gefährden die Liebe."

Außerdem: Der Literaturwissenschaftler Mathias Mayer beugt sich in "Bilder und Zeiten" der FAZ über den "Faust" und einige Gedichte Goethes, um zu erkunden, wie jener immer wieder versucht hat, sein Deutsch grammatikalisch griechischer zu machen. Dieter Bachmann erzählt in der NZZ von seiner Begegnung mit Peter Frisch, dem Sohn des Schriftstellers Max Frisch. Und die FAZ kürt die besten Romane des Jahres.

Besprochen werden unter anderem Tezer Özlüs "Die kalten Nächte der Kindheit" (taz), Jon Fosses "Vaim" (FR), Christoph Heins "Das Havelberger Konzert" mit Bach-Novellen (FR), neue Comics, darunter Jacques Tardis "Nestor Burma" (taz), Thorsten Nagelschmidts "Nur für Mitglieder" (Tsp), Taras Schewtschenkos "Flieg mein Lied, meine wilde Qual" und Lesja Ukrajinkas Erzählband "Am Meer" (NZZ), Elena Winters "So der Sohn" (FR), Irene Solàs "Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis" (FR), Richard Schuberths "Der Paketzusteller" (taz), Anja Kampmanns "Die Wut ist ein heller Stern" (FR), Paul Hosers Biografie über Hermann Esser (taz), die von Matthias Jügler herausgegebene Anthologie "Wir dachten, wir könnten fliegen" (FR), Robert Jackson Bennetts Fantasy-Krimi "The Tainted Cup" (FR), der von Cornelia Wild herausgegebene Band "Dialoge mit Pasolini" (FAZ) und Marlene Streeruwitz' "Prinzessinnenkunde" (ZeitOnline). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Design

Wer heute ganz vorne und ganz oben mitspielt, lässt das nicht mehr mit seinem Kleidungsstil raushängen, beobachtet Meral Ziegler in der Jungle World. Im Gegenteil: Farbtöne, die einst mit der Arbeiterklasse verbunden waren, sind nun das Signum, dass man es geschafft habe. "Die Ästhetik der Hyperreichen, die sich als diskrete Einfluss Nehmende inszenieren, als Gewinner des kapitalistischen Systems, die Prunk nicht nötig haben, ist in ein zurückgenommenes, bodenständiges Braun getunkt, dem seit diesem Jahr 'ein Hauch von Glamour' zugeschrieben wird. Eine appropriierte Farbwelt, die einmal für eine Klasse stand, der es kaum möglich war auszuscheren, wird nun von der Herrschaft als Mode stilisiert, die ein fast schon egalitäres, ein auf Leistung basierendes Aufstiegsversprechen verkauft, wohl wissend, dass nur weil man sich anzieht wie die Pressesprecherin von Donald Trump, man in der Regel dennoch am zugewiesenen Platz ohne Aufstiegschancen verbleibt."

Detlev Schöttker erinnert in "Bilder und Zeiten" der FAZ an Willy Fleckhaus, den legendären Buchgestalter des klassisch gewordenen Suhrkamp-Looks in der Nachkriegsmoderne.
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Stichwörter: Mode, Braun, Reiche Menschen

Kunst

Kopf von Tāwhaki, ca. 1880, © Museum Fünf Kontinente. Foto: Nicolai Kästner


Tief beeindruckt steht FAZ-Kritiker Ulf von Rauchhaupt im Münchner Museum Fünf Kontinente vor einer Pfostenfigur, die dem Maori Tāwhaki gewidmet ist. Ein Künstler der Rongowhakaata hat sie geschnitzt, bevor sie vom Direktor eines neuseeländischen Museums geklaut wurde und schließlich in München landete. Kuratorin Hilke Thode-Arora hat sich für die Ausstellung "He Toi Ora. Beseelte Kunst der Māori" einen Rongowhakaata als Mitkurator gesucht, den in London lebenden Juristen David Jones. Das Ergebnis findet Rauchhaupt großartig: Zu sehen sind zumeist Schmuck, Waffen, Textilien und kunstvoll verzierte Holzobjekte, "wobei Thode-Arora und Jones sich auch allerhand überlegt haben, um die Besucher in die komplexe Ikonografie der Schnitzmuster einzuführen. Insbesondere an den Häusern ist 'Whakairo', Schnitzwerk, keineswegs nur Ornament, sondern auch mnemotechnisches Instrumentarium für die Weitergabe mythologischer Inhalte oder genealogischen Wissens." Einer Restitution Tāwhakis wird Thode-Arora unterstützen, sagt sie.

Weiteres: In "Bilder und Zeiten" (FAZ) erinnert Anja-Rosa Thöming an die Bildhauerin Elly-Viola Nahmmacher, die sich mit ihren religiösen Skulpturen wenig Freunde im offiziellen Kulturbetrieb der DDR machte. Der dritte Berliner Tiemann-Preis geht an das Museum Marta Herford, das von dem Geld Werke von Kerstin Brätsch erworben hat, die im Museumscafe hängen, berichtet Christiane Meixner im Tagesspiegel. Besprochen wird die Ausstellung "Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst" im Potsdamer Museum Barberini (NZZ).
Archiv: Kunst

Musik

Die Schauspielerin, Regisseurin, Produzentin und Autorin Saralisa Volm blickt in der SZ ziemlich begeistert aufs Phänomen des sogenannten "Fotzenrap", das 2008 mit Lady Bitch Ray erstmals an Fahrt aufnahm und zuletzt durch Rapperinnen wie Ikkimel wieder populär wurde. Sehr selbstbewusst bezeichnen sich die Rapperinnen selbst als nach dem derben Wort für das weibliche Geschlechtsorgan und markieren die harte Frau, die Männer reihenweise vernascht und dann zum Putzdienst verdonnert. Aber war das Wort nicht mal eine schwere, sexistische Beleidigung? "Keine der Rapperinnen, die es nutzen, tut es nur zum Spaß. Sie wissen, was sie sagen, und allein das gibt uns ein Gefühl für die Ironie, die in ihren Texten liegt. Ihre Wortwahl ist nicht nur Provokation um der Provokation willen. Sie kritisieren und sie spielen mit internalisierter Misogynie - und sind doch nicht ganz frei davon. Hip-Hop bleibt Klassenkampf und Einsatz für Teilhabe, durch Musik und durch Provokation."



Weiteres: Die WamS liefert ein Transkript des Podcastgesprächs, das Mathias Döpfner mit Nile Rodgers von Chic geführt hat. Besprochen werden ein Bach-Abend der Berliner Philharmoniker unter Raphaël Pichon (FAZ), ein neues Solo-Album des Geigers Giorgos Panagiotidis (FR) und ein von Franz Welser-Möst dirigiertes Konzert der Wiener Philharmoniker (Standard).
Archiv: Musik
Stichwörter: Ikkimel, Fotzenrap, Hiphop