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27.11.2025. Die Kritiker spüren mit Julian Radlmaiers Film "Sehnsucht in Sangershausen" der deutschen Seele nach. Die FAZ reist ins wohlhabendste Viertel von Barcelona, wo das Büro Vivas Arquitectos eine Obdachlosenunterkunft gebaut hat. Die taz staunt im Berliner Savvy Contemporary, wie Künstler dem Material der Kolonisierung seine Bedeutung zurückgeben. Die Feuilletons lauschen dem Komponisten Helmut Lachenmann zum Neunzigsten - vom tonlosen Blasen bis zum Klappenschlag.
Ganz verzaubert ist Katja Nicodemus in der Zeit von diesem Film und seinem Blick auf die Figuren: "Zärtlichkeit ist das Wort, das diesen Film am besten trifft. Zärtlich streift die Kamera durch die sommerliche Landschaft, zärtlich blickt sie auf Figuren, die in der Welt und in ihrem Leben gestrandet sind: Da ist Ursula (Carla Schwinning), eine junge Mutter, Putzfrau und Kellnerin, die sich in eine durchreisende Musikerin (Henriette Confurius) verliebt hat. Als ihr das klar wird, ist die Begehrte schon wieder weg. Da ist Neda (Maral Keshavarz), die nach den Protesten der Frauenrechtsbewegung aus Teheran floh und sich nun mit wackeligem Aufenhaltsstatus als Influencerin versucht. Ihre Idee, auf YouTube preiswerte deutsche Reiseziele vorzustellen ('auf Hartz im Harz'), geht aber nicht wirklich auf."
Weitere Artikel: In der tazmacht sich Johannes Drosdowski Gedanken über die Faszination für die Mysterie-Serie "Stranger things", deren letzte Staffel heute auf Netflix anläuft. Besprochen werden Ronan Day-Lewis Regiedebüt "Anemnon" (taz, tsp), Madi Fleifels Drama über palästinensische Geflüchtete "To a Land Unknown" (FR), Ken Scotts Sylvie-Vartan-Biopic "Mit Liebe und Chansons" (FR) und Tia Lessins, Carl Deals Dokumentarfilm "Steal this story, please" über die Journalistin Amy Goodman (FAZ) und Thierry Kalifas Spielfilm "La Femme la plus riche du monde" über die Milliardärin Liliane Bettencourt (FAZ).
140 Jahre nach der Kongokonferenz, bei der die europäischen Großmächte, die USA und das damalige Osmanische Reich die Aufteilung des afrikanischen Kontinents beschlossen, schaut die Ausstellung "Desacta" in der Berliner Savvy Contemporary nicht nur auf die politischen und wirtschaftlichen Folgen der kolonialen Ausbeutung, sondern nimmt auch in den Blick, wie Objekte und Territorien entweiht wurden, hält Tom Mustroph in der taz fest: "Der kongolesische Künstler Sammy Baloji nahm gepresste und getrocknete Pflanzen, die der erste einheimische Botaniker Paul Panda Farnana in Kongo sammelte, zum Anlass, eigene Pflanzen aus Kupfer zu kreieren. Sie ähneln den originalen Pflanzen. Das Material Kupfer verweist auf die zahlreichen Bergbauaktivitäten in der Gegend. Weil Kupfer leicht korrodiert und dann eine grünliche Färbung annimmt, scheint diesen metallischen Pflanzen sogar ein Leben innezuwohnen. Im Dokumentarfilm 'Pungulume' zeigt Baloji auf, wie der Bergbau den Lebensraum der dort lebenden Gemeinschaften seit mehreren Generationen beeinträchtigt."
Childish and confrontational … Tala Madani's DWASM (Teddy). Photograph: Fredrik Nilsen Studio/Tala Madani; courtesy the artist and Pilar Corrias, London Die amerikanisch-iranische Künstlerin Tala Madani zerlegt in ihrer Serie "Shit Mom" seit Jahren das Ideal der perfekten Mutter, nun ist sie eine der ersten Künstlerinnen, die KI als Werkzeug und als Thema in ihren Werken einsetzt, staunt Eddy Frankel (Guardian) beim Besuch der Ausstellung "Daughter BWASM" in der Londoner Galerie Pilar Corrias: "Es sind einzigartige Gemälde: hochpräzise Siebdrucke von KI-generierten Robotern, übermalt mit losen, braunen Flecken. Sie wirken glitzernd und glänzend zugleich, aber auch matt und abstoßend. Auf einem scheinen zwei ordentliche, pink-orangefarbene Roboter mit großen, klebrigen, braunen Beulen schwanger zu sein. Auf einem anderen kniet die 'Scheißmutter' vor ihrem riesigen Roboterkind und versucht verzweifelt, es zu reinigen, wobei sie es nur mit Kot beschmiert."
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "The Scharf Collection" in der Alten Nationalgalerie in Berlin (FAZ, mehr hier), "And so on to infinity - hundert Jahre Griffelkunst" in der Hamburger Kunsthalle sowie "Flirt und Fantasie. Griffelkunst von Max Klinger bis Peter Doig" in der Kunsthalle Bremen, die dem Verein Griffelkunst zum hundertjährigen Jubiläum huldigen (taz).
Kerstin Holm hat sich für die FAZ durch den neuen Roman "Lemner" des stalinistisch-imperialistischen russischen Schriftstellers Alexander Prochanow gearbeitet, ein "Opus von barocker Sinnlichkeit", dessen Hauptfigur an den ehemaligen Anführer der Gruppe Wagner, Jewgeni Prigoschin, angelehnt ist. Der Roman ist ein Lobgesang auf Krieg, Repression und Staatswillkür, so Holm, wurde aber dennoch bereits aus dem Verkehr gezogen, weil "der Autor den Präsidenten in seinem Roman nur in Gestalt von Doppelgängern auftreten" lässt, "da das Original selbst, das regelmäßig sein Blut durch das chinesischer Jungfrauen austauschen und sich so verjüngen ließ, nach einem Zwischenfall bei der Prozedur komatös darniederliegt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!David Hugendick rauft sich im Aufmacher des Zeit-Feuilletons die Haare: Auf Plakaten an 13 deutschen Bahnhöfen zeigt die Deutsche Bahn nun von KI auf "Snackgröße" zusammengeschrumpfte Klassiker der Weltliteratur. Und doch passt das irgendwie, meint er, denn: "Dass die deutsche Lesewilligkeit inzwischen eine ähnliche Abstiegsgeschichte genommen hat wie der Bahnhof, hörte man zuletzt auch immer wieder, zum Beispiel in Christoph Engemanns 'Die Zukunft des Lesens', woraus man erfuhr, dass die Zahl der Buchkäufer im vergangenen Jahrzehnt um zehn Millionen Menschen gesunken sei.
Weitere Artikel: In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus dem ehemaligen Penguin-Verleger Wolfgang Ferchl zum Siebzigsten. Besprochen werden David Szalays Roman "Was nicht gesagt werden kann" (taz, FR), Monika Kims Roman "Das Beste sind die Augen" (Zeit) und Daniela Danz' Gedichte "Portolan" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
VAN hatte das Thema im Juni bereits aufgegriffen: Der Pau Brasil, Brasiliens Nationalbaum, ist vom Aussterben bedroht - aus seinem Holz, dem Fernambuk, werden Streichbögen für Geigen oder Cellos geschnitzt (unser Resümee). Brasilien will den Baum nun unter die vollständig geschützten Arten aufzunehmen, berichtet Michael Stallknecht, der für die SZ mit dem Bogenmacher Thomas M. Gerbeth, der auch Vorsitzender der deutschen Gruppe der IPCI, der International Pernambuco Conservation Initiative, die bereits seit 1997 eigene Plantagen in Brasilien finanziert, ist: "Gemeinsam mit anderen Initiativen hat man inzwischen mehr als drei Millionen Bäume neu gepflanzt, nach vierzig Jahren gelten sie als ausgewachsen. Der gesamte internationale Bogenbau benötige nur 30 bis 50 Bäume pro Jahr, rechnet Gerbeth am Telefon vor. Höchstens 50.000 Bäume seien damit in den vergangenen 250 Jahren in Streichbögen verbaut worden, gleichzeitig 50 bis 70 Millionen für andere Zwecke abgeholzt. 'Unser kleines Handwerk wird zum Sündenbock gemacht für alles, was in dieser Zeit schiefgelaufen ist.'"
Zum Neunzigsten von Helmut Lachenmann schaut Reinhard J. Brembeck (SZ) bei dem Komponisten in Stuttgart vorbei. Viel zitiert Brembeck nicht aus dem stundenlangen Gespräch, das die beiden auch über die gesellschaftskritischen Positionen führten, die immer auch in Lachenmanns Musik Eingang fanden: "Die deutsche Wiederbewaffnung, die Notstandsgesetze, der Mauerbau, dann die RAF: All das fand einen Weg in Lachenmanns Denken und Komponieren. Seine Arbeit beschreibt der in der Autostadt Stuttgart geborene so: Sie sei wie ein Auto bauen und es gleichzeitig dabei zerstören. Lachenmann bricht immer aus, er ist immer auf Suche nach dem Apfel, der das Entweichen aus dem Paradies ermöglicht." An ein schönes Bonmot des Luigi Nono-Schülers, der Melodien für etwas "Überlebtes, ja Reaktionäres" hielt, erinnert indes Marco Frei in der NZZ: "'Ich hasse Humor. (…) Humor ist einfach lachhaft. Meine Stücke sind heiter. Ich mache einen scharfen Unterschied zwischen heiter und humorvoll.'"
In der FAZ gratuliert Max Nyffeler dem Komponisten, der der Neuen Musik ganz neue Horizonte eröffnete: "Im Zentrum seines Schaffens stand stets die Erforschung des Klang- und Geräuschspektrums der Instrumente jenseits des von ihm als korrumpiert empfundenen 'schönen Tons'. Gemeinsam mit Eduard Brunner erkundete er deshalb die Schönheiten des Geräuschs auf der Klarinette, vom tonlosen Blasen bis zum Klappenschlag. Das Resultat ist im Solostück 'Dal niente' von 1970 zu hören. Im Cellosolo 'Pression' wandte er seine Kompositionsmethode erstmals auf ein Streichinstrument an. Damit war ein neuer Typus von Instrumentalmusik geboren. Lachenmann kreierte dafür den Begriff 'Musique concrète instrumentale'." In der tazgratuliert Tim Caspar Boehme. Wir erinnern uns gern:
Besprochen wird ein Haydn-Konzert von András Schiff mit dem Orchestra of the Age of Enlightment in der Alten Oper Frankfurt (FR).
Der Bund beendet die Förderung des "Bündnis Internationaler Produktionshäuser für Darstellende Kunst", berichtet Tom Mustroph in der taz. Das ist zwar nicht existenzbedrohend, da die sieben großen Häuser (unter anderem das Berliner HAU) durch Länder und Kommunen gefördert werden - international werden sie aber "künftig kleinere Brötchen backen und damit an Relevanz und Renommee verlieren."
Besprochen werden Falk Richters neues Stück "Hannah Zabrisky tritt nicht auf" an der Berliner Schaubühne (Welt, Zeit), Evgeny Titovs Inszenierung der Strauss-Oper "Salome" an der Komischen Oper Berlin (Zeit) und Arthur Romanowskis Inszenierung von "Supermarxt" am Theaterhaus Frankfurt (FR).
Übergangsunterkunft für Obdachlose in Sarrià-Sant Gervasi, Barcelona. Foto: Vivas Arquitectos. Wohnungen fehlen überall und die Zahl derer, die tatsächlich auf der Straße leben müssen, wird immer höher: Klaus Englert widmet sich in der FAZ dem Bau von zwei Obdachlosenunterkünften in Barcelona und München. Das BüroVivas Arquitectos hat im wohlhabendsten Viertel von Barcelona eine überraschend schöne Übergangsunterkunft errichtet, lesen wir: "Das Erscheinungsbild überrascht, weil man hier die üblichen Standards vergleichbarer Sozialzentren weit übertroffen hat. Neben die massiven Instituts-Turmbauten aus der Belle Epoque setzten Vivas Arquitectos einen Riegel mit glänzender Fassade aus gewelltem Aluminiumblech. Dabei kamen für den knapp 5,1 Millionen Euro teuren Bau keineswegs die preiswertesten Baumaterialien zum Einsatz. Für die Konstruktion wählten sie CLT-Brettsperrholz, das hohe Festigkeit und Stabilität, hervorragende Brandschutz- und Wärmedämmeigenschaften sowie eine schnelle Bauweise gewährleistet."
Weitere Artikel: In der tazblickt David Kasparek auf Architektur für Flüchtlings-Unterkünfte und damit verbundene soziale Projekte. In der SZ bewundert Boris Herrmann das Studio Museum im New Yorker Stadtteil Harlem (mehr hier).
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