Im Kino

Ein Flackern aus nächster Nähe

Die Filmkolumne. Von Patrick Holzapfel
26.11.2025. Die Berliner Bourgeosie kommt in den Osten und dreht dort einen politischen Film. Julian Radlmaiers "Sehnsucht in Sangerhausen" macht sich viele Gedanken über die eigene Position und verteidigt das Kino als einen Ort, an dem ein sanfter Ausbruch aus den Gegebenheiten möglich wird.

Das schmerzliche Verlangen nach etwas (fast) Unerreichbarem ist mit dem Wort "Sehnsucht" als womöglich nicht in andere Sprachen übersetzbare Leidenstemperatur des Empfindens hinlänglich beschrieben. Man sehnt sich auch heute und oft weiß man nach wie vor nicht genau nach was. Sehnsucht ist warm und bitter. Sie lebt von den Dingen, die nicht da sind. In ihr drückt sich das aus, was noch zu wünschen übrig bleibt. Ein Horizont. Ein Flackern aus nächster Nähe. Das ist so unbestimmt wie zeitlos, das Wort hält sich wackerer als andere kulturnationalistisch vereinnahmten Begriffe in Deutschland, wahrscheinlich weil es ungewöhnlich vage daherkommt für nationale Selbst- und Sprachverständnisse, die sich gerade über das Präzise und Konkrete definieren möchten. Dass es nun im Titel von Julian Radlmaiers "Sehnsucht in Sangerhausen" prangt und vom wie gewohnt auf den doppelten Böden der politischen Wirklichkeitsbetrachtung agierenden Filmemacher in die fein unter der Spielfilmhandlung angelegten Subversionskanäle mündet, aus denen mit einigem intellektuellen Augenzwinkern und in sinnlichen Nischen ein utopischer, zumindest hoffnungsvoller Hohlraum des Zusammenlebens sich öffnet, erinnert an die humanistische Dringlichkeit, die dieser Sehnsucht innewohnt.

In vier Etappen auf zwei Zeitebenen erzählt Radlmaier vom im heutigen Sachsen-Anhalt gelegenen Sangerhausen, wo er zugleich zärtlich und lakonisch so etwas wie der deutschen Seele nachspürt. Nahe der Wirkstätte des romantischen Dichters Novalis, unweit des Kyffhäusers, verziert von einem identitätsstiftenden Rosengarten und mit einem Wählerzuspruch von 41,43 % bei der vergangenen Bundestagswahl für Kay-Uwe Ziegler von der AfD, entfaltet sich ein leichtfüßiger Klassenkampf verkleidet als liebliche Komödie mit mythologischem Überbau. Zunächst ist da Lotte (Paula Schindler), eine Dienstmagd, die vor zweihundert Jahren im Ort gelebt hat. Sie lernte das Lesen aus dem Rezeptbuch, entleert den Nachttopf von Novalis und lässt sich auf eine Liebesgeschichte mit Norbert dem Steinschlucker ein, nachdem der einen seltsamen blauen Stein verschluckt und ihr wiederbringt. Ihre Sehnsucht ist Frankreich, die Revolution, ein anderes Leben. "Hätt' ich nur ein Pferd, ich ritt' zugleich nach Frankreich", heißt es da, aber die Pferde müssen sie stehlen, so wie all die Unterdrückten, die sich hier im Ort und über die Zeitebenen versammeln, stehlen müssen, um der Sehnsucht näherzukommen.


In einem der vielen anspielungsreichen und hochgenau gesetzten Schnitte springt der Film aus dem Schwarz einer Höhle in die ausgeleuchteten Räume eines Möbelgeschäfts. Dort treffen wir Ursula (Clara Schwinning). Sie lebt heute in Sangerhausen und hält sich mit diversen Jobs über Wasser. Für die teuren Kirschen im Supermarkt reicht es trotzdem nicht. In Frankreich gibt es auch keine Revolution. Aber immerhin kommt eine Band für den Kultursommer in die Stadt. Sie verbringt einen Tag mit einer der Musikerinnen und verliebt sich. Sogar die Kirschen kann sich die Musikerin leisten. Zu schön, um wahr zu sein? Diese Frage stellt sich manchmal, aber hier bedeutet sie etwas. Alles wirkt ein wenig unwahr, unwirklich und gerade deshalb öffnen sich Möglichkeitsräume. Da ist beispielsweise die wie ein mythischer Berg in der Ferne zum Himmel reichende Abraumhalde des ehemaligen Kupferbergwerks. Sie steht an jenem Horizont, an den sich vielleicht auch die Sehnsucht richten könnte. 

Es ist seltsam. Kamele durchqueren den Wald zu Füßen der Halde. Ein Kamel blickt in die Kamera. Schnitt. Zoom. Ursula und ihre neue Freundin erklettern als Silhouetten die Halde. Schnitt. Die Halde wirft einen dunklen Schatten auf den Ort. Die vom Film evozierte, in der Kameraarbeit erweckte Sehnsucht in Sangerhausen ermöglicht einen anderen Blick auf die Zustände, einen leicht verschobenen, verrückten Blick. Das liegt an den Totalen und Nahaufnahmen zugleich. Es liegt daran, dass es etwas zwischen der wahrgenommenen Wirklichkeit und den Zuständen, die in ihr sichtbar werden, gibt. Zwischen dem Blick und dem, was er sieht. Die Gesteinsschichten beherbergen eine Geschichte, die noch einmal lebendig wird. Die große (deutsche) Romantik, aber auch diejenigen, die unter ihr verschüttet wurden. Das bedeutet keineswegs, dass hier geträumt wird, auch wenn Figuren wiederholt einschlafen. Die Sehnsucht ist vielmehr ein stilles Aufbegehren, das in den Körpern heimisch ist. Etwas, das einem bleibt, wenn der Horizont verdunkelt wird. Ein Kuss, eine stärkere Farbe, ein schmalziges Lied. Das ist egal. Sehnsucht kennt keine Klasse und wenn doch, dann bevorzugt sie diejenigen, die sie brauchen. Die Schauspielerinnen und Schauspieler tragen dieses Gemisch aus Lakonie und Begehren mit erstaunlicher Souplesse. Sie alle sprechen auch mit Blicken und Gesten, die sich wiederholen und die mehr erzählen, als die Worte, mit denen sie um Verständnis ringen.


Überhaupt wiederholt sich alles. "Sehnsucht in Sangerhausen" ist ein Film der auftauchenden und wieder verschwindenden Motive. Steine, vor allem der blaue Stein, Kirschkerne, ein Raubvogel am Himmel, Kot, Musikstücke, Orte, Kameraschwenks. In seinem Formbewusstsein stellt der Film der fragmentierten Gegenwart, die sich beispielsweise in wie bei Wikipedia zusammengeschusterten Dialogen über den Buchstaben "U" darstellt, eine Möglichkeit des Zusammenfallens, des Zusammendenkens, des Zusammenseins entgegen. Die Internationale verschwistert sich noch einmal, auch wenn die Statuen irgendwie hilflos im Ort verteilt stehen und sich nur mehr ein trist pfeifender Vogel an bestimmte Melodien zu erinnern scheint, gleich bei der Straße der Volkssolidarität unweit des REWE-Marktes.

In der dritten Etappe erkundet Radlmaier den Ort mit Neda (Maral Keshavarz), einer ehemaligen Filmstudentin mit iranischen Wurzeln, die als Möchtegern-Video-Influencerin vom Ort berichtet und dabei nicht nur auf Geister sondern auch auf eine alte Freundin aus Teheran stößt. Ihre Begegnungen im Ort erzählen von ungenutzten Potenzialen, von begrabenen Sehnsüchten. Die Notwendigkeit eines Visums untergräbt die Ambitionen. Ihre Videos, etwa in einem nach Schwefelstein stinkenden Wald, den sie als harmonisch duftenden Ort zu verkaufen versucht, halten dem Blick Radlmaiers auch einen Spiegel vor. Wie die Wahrheit sagen? Wie das zeigen, was man sieht, wenn man sich einem fremden Ort nähert? Das Kino sieht mehr. Ein Junge, auf den Sung-Nam (Kyung-Taek Lie), ein aus der Sowjetunion nach Deutschland gekommener Mann, der touristische Touren mit seinem Kleinbus anbietet, aufpassen muss, betrachtet Neda und sagt ihr, dass sie traurig ausgesehen habe, als sie vom schönen Wald gesprochen hat. In ihr lebt eine Sehnsucht, die sie nicht äußern kann. Sie ist trotzdem da. Sie möchte weit weg. Weg aus diesem deutschen Wald.


Man spürt dem Film in jeder Sekunde an, dass er sich Gedanken über die eigene Position macht. Im lokalen Kino, in das sich Neda verirrt, ist kein Mensch, das sagt etwas aus. Die Berliner Bourgeoise kommt in den Osten und dreht einen politischen Film. Der Humor wird auf der Millimeterwaage abgewogen. Die möglichen falschen Schritte tapsen nur. Sachte, sachte! Nur nicht zu weit gehen. Im Gegensatz zu Radlmaiers vorherigen Filmen umschifft der Neue das Unbequeme, ohne es jedoch auszusparen. Es kommt ambivalenter daher. Er lässt Friedrich Merz selbst aus dem Radio die rassistischen Slogans verkünden. Das ist besser, als wenn die Menschen auf der Straße die Migranten verdammen. Zwei bayerische Nudisten dienen als Sprachrohre eines unterdrückten Satiredrangs. Mit deren testosteronbefeuerter Selbstherrlichkeit lässt sich einfacher ins Gericht gehen. Das Lächerliche dient als Gegengewicht zum Klageliedmodus der Diskurse. Die Kauzigkeit der Sangerhausener, die teilweise in Kleinstrollen auftreten, wirkt dagegen großteils zugewandt.

Etwas holprig oder zögerlich ist der Film trotzdem, was die Ausformulierung politischer Überzeugungen betrifft. Das Selbstbewusstsein, mit dem Bäume im Wind gefilmt werden (die Kameraarbeit von Faraz Fesharaki findet eine ungewöhnlich warme Durchlässigkeit in den Topoi deutscher Landschaften und Gesichter), überträgt sich nicht auf die politische Ebene des Films. Da wirkt "Sehnsucht in Sangerhausen" manchmal so, als würde er vor lauter Abwägen lieber nicht mehr filmen wollen. Man könnte fast von Scham sprechen, womöglich ein Symptom der Gegenwartskunst. Das Gewicht des Rechtsdralls will nie so ganz in das romantische Geklimper passen. Aber vielleicht ist das genau der Punkt des Films. Der oberflächlich geführte, teilweise wie eine endlose Zitatschleife daherkommende politische Diskurs (die Rechten, die Linken etc.) bietet nur mehr Fallstricke. Stattdessen verteidigt Radlmaier den Film als einen Ort, an dem ein Überschuss möglich ist, ein wenn auch sanfter Ausbruch aus den Gegebenheiten. 


Er nutzt die Elemente, die er vorfindet, aber reichert sie an. Er weiß auch, dass er stehlen muss, um der Sehnsucht näherzukommen. Er bedient sich im zeitgenössischen Kino, an der Geographie des Ortes, er nimmt, was er nutzen kann. Das ist ziemlich aufregend. "Sehnsucht in Sangerhausen" ist einer jener rar gewordenen Filme, in denen jede Entscheidung in Fragen der Mise-en-Scène, der Kamerabewegung, des Schnitts, der Schauspielgesten etwas ausdrückt. Man sieht zu und merkt, dass dieses konstruierte Baukastendrehbuch darauf hinaus will, den Baukasten zu zerschlagen. Darauf also, dass hier keine politischen Ideen in menschlichen Hüllen stecken sondern Menschen mit Hoffnungen und Erinnerungen und Ängsten und einer unstillbaren Sehnsucht.

So finden sich in der vierten Etappe Ursula, Neda, Sung-Nam und der kleine Junge in eben jener Höhle, in der sich einst Lotte versteckte. Das ist so unausweichlich wie didaktisch. Aber es ist auch zauberhaft und folgerichtig. Für Momente entsteht etwas Gemeinsames. Ein kleiner Aufruf. Keine Revolution. Ein gemäßigtes Schwinden der grassierenden Verdunkelung der Perspektiven. Ist diese Sehnsucht an diesem Ort, an dem der Film endet, erreichbar oder verbleibt sie bloßes, harmloses ästhetisch-künstlerisches Spiel? Zunächst einmal zeigt der Film, dass die Wahrnehmung einer Sehnsucht in anderen Menschen diese als Menschen greifbar macht. Sie ist eine unberührbare Kategorie der Menschlichkeit. Zugleich aber ist sie flüchtig und erscheint oft rückwärtsgewandt, wie eine Ausrede, nichts tun zu müssen, weil es bereits genügt, sich zu sehnen. So wirft Lotte den vier in der Höhle Gestrandeten vor: Jammert nicht! Wenn es nicht so ein schrilles, alles verschluckendes Echo gäbe an jenem Ort, würde sie wohl auch schreien: Sehnsüchtige aller Länder vereinigt euch!   

Patrick Holzapfel

Sehnsucht in Sangerhausen - Deutschland 2025 - Regie: Julian Radlmaier - Darsteller: Clara Schwinning, Maral Keshavarz, Henriette Confurius, Ghazal Shojaei, Kyung-Taek Lie - Laufzeit: 90 Minuten.