Efeu - Die Kulturrundschau
Chöre im Fünfvierteltakt
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11.11.2025. Die FAZ schließt in der Hamburger Inszenierung von Michail Glinkas Oper "Ruslan und Ljudmila" die Augen und hört lieber nur der Musik zu. Die SZ guckt hin und lernt, wie sich ein Machtapparat zum Unterdrückungsregime entwickelt. Die NZZ feiert den schwedischen Klarinettisten und Performancekünstler Martin Fröst. In der FR erklärt die angolanische Architektin Paula Nascimento, warum 2027 so viele afrikanische Künstler auf der Sharjah Biennale in den VAE zu sehen sein werden. Der Standard meditiert über den Wiglwagl der Filmkritik.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
11.11.2025
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Musik

In der NZZ stellt Christian Wildhagen den schwedischen Klarinettisten Martin Fröst vor, der nicht nur Musiker, sondern auch Performancekünstler ist. Und das ist noch nicht alles: "Fröst will vielmehr Kontinuitäten aufzeigen und die Geschichte der Musik als große Erzählung erlebbar machen, in der sich eines aus dem anderen ergibt", weshalb er viel mit zeitgenössischen Komponisten zusammenarbeitet. "Schon Ende November kehrt er im Rahmen der Migros-Konzerte in die Schweiz zurück, dann mit dem Schwedischen Kammerorchester, das Fröst seit 2019, wie nebenbei, auch noch leitet. Im Gepäck hat er das Orchesterstück 'Mirrors' von Hans Ek, der sich ebenfalls als Brückenbauer zwischen den Epochen und musikalischen Stilen versteht. Mit 'Mirrors' wollen Ek und Fröst einen neuartigen Hörzugang zu Beethovens 7. Sinfonie schaffen, dem Hauptwerk des Programms. Dessen Bezüge zu Vorbildern wie Bach, Händel, Rameau und Mozart fächert Ek in einer Collage auf, die das Bekannte in neues Licht tauchen soll."
Hier ein Konzertmitschnitt aus der Elbphilharmonie, wo Fröst - am Anfang des Konzerts - Anders Hillborgs "Peacock Tales" spielt:
Weitere Artikel: Der Standard meldet, dass die russische Musikerin Diana Loginowa wegen ihrer putinkritischen Protestlieder erneut festgenommen wurde. Der heißeste Scheiß in der Musik, wenn nicht sogar "ein bisschen revolutionär", ist zur Zeit "Sapphic Pop", annonciert Monika Rathmann in der SZ. Wer es sich nicht denken kann: Es geht um "Pop, der von queeren Frauen für queere Frauen geschrieben wird. Oft Indie- und Bedroom-Pop. Mit Songs, die sich nicht nur, aber häufig, um Beziehungen zwischen Frauen drehen." Und taz-Kritiker Tobias Damm genoss in vollen Zügen ein Berliner Festival, das an den Punk im Slowenien der frühen 1980er erinnerte.
Film
Im Standard macht sich Valerie Dirk Gedanken darüber, wann der Filmkritiker zum Spielverderber wird: "Es bleibt ein Dilemma. Im schlimmsten Fall wird eine vorsichtige Kritik zum reinen Werbetext. Im besten Fall enthält sie eine Handvoll interessanter Beobachtungen, ohne zu viel zu verraten. Eine detaillierte Analyse wird aber durch den Spoiler-Maulkorb verunmöglicht. 'Der Aufstieg der spoilerfreien Kritik scheint eine Abkehr von der Kritik als Kunstform und eine Hinwendung zur Kritik als Instrument des Fan-Marketings zu sein', schreibt dazu Noah Berlatsky in der Los Angeles Review of Books. ... Es bleibt somit ein Wiglwagl. Einerseits möchte man als schreibende Person keine inhaltsleeren Kritiken schreiben, andererseits das Spiel mit der Spannung nicht verderben. Ein bisschen spoilern sollte also erlaubt sein, oder?"
Dafür wird Kritik heute immer gefühliger: "Der Filmexperte fühlt sich 'nicht abgeholt', die Opernkennerin von der Inszenierung gar 'alleingelassen'", schaudert Kirstin Warnke in der FAZ. "Diese unaufdringliche, fast kindlich-träumerische Art des Begehrens soll also herhalten für einen so feigen, selbstentlastenden Kunstgriff? Einen, der Dominanz tarnt durch Empfindsamkeit, was darüber hinaus den Kritiker selbst unangreifbar macht ('Ich sage ja nur, was ich fühle'). Die schonend-sanfte Formulierung, eingeweicht im Konjunktiv II und gern ergänzt durch ein 'Ich persönlich' (ja, wer denn sonst? Die neuseeländische Löffelente?), unterstellt dem Gegenüber nicht nur übermäßige Krankbarkeit, schafft einen emotionalen Airbag und entzieht sich der Verantwortung."
Weiteres: In der taz berichtet Fabian Tietke von der Duisburger Filmwoche. Und Yelizaveta Landenberger berichtet in der FAZ vom Cottbuser Filmfestival für osteuropäisches Kino.
Dafür wird Kritik heute immer gefühliger: "Der Filmexperte fühlt sich 'nicht abgeholt', die Opernkennerin von der Inszenierung gar 'alleingelassen'", schaudert Kirstin Warnke in der FAZ. "Diese unaufdringliche, fast kindlich-träumerische Art des Begehrens soll also herhalten für einen so feigen, selbstentlastenden Kunstgriff? Einen, der Dominanz tarnt durch Empfindsamkeit, was darüber hinaus den Kritiker selbst unangreifbar macht ('Ich sage ja nur, was ich fühle'). Die schonend-sanfte Formulierung, eingeweicht im Konjunktiv II und gern ergänzt durch ein 'Ich persönlich' (ja, wer denn sonst? Die neuseeländische Löffelente?), unterstellt dem Gegenüber nicht nur übermäßige Krankbarkeit, schafft einen emotionalen Airbag und entzieht sich der Verantwortung."
Weiteres: In der taz berichtet Fabian Tietke von der Duisburger Filmwoche. Und Yelizaveta Landenberger berichtet in der FAZ vom Cottbuser Filmfestival für osteuropäisches Kino.
Bühne

Zwar ist Michail Glinkas Oper "Ruslan und Ljudmila" ein Märchen - ein Adventsstück für Kinder haben Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka aber in ihrer Inszenierung nicht daraus gemacht, warnt Jan Brachmann in der FAZ. Die Regisseurinnen bringen das Kunstmärchen nach Alexander Puschkin als Kritik am Patriarchat an der Staatsoper Hamburg auf die Bühne, es spielt sich größtenteils in U-Bahnschacht oder einer Schwulenbar ab - das ist alles nicht sehr originell findet der Kritiker. Ganz anders als die Musik von Michail Glinka: "Die hat ihrer Kühnheit wegen Geschichte geschrieben: Für die Welt des Zauberers Tschernomor verwendete Glinka erstmals die vollständige Ganztonleiter und griff damit 1842 voraus bis auf Claude Debussy; es gibt zwei Chöre im Fünfvierteltakt; das persische Lied weist den Weg zum Orientalismus von Alexander Borodin; die Tanzeinlage bei der Zauberin Naina nimmt die Ballette von Peter Tschaikowsky vorweg (...) Glinkas Oper ist ein Feuerwerk musikalischer Inspiration für die folgenden siebzig Jahre."
In der SZ sieht es Helmut Mauró anders. Das Stück ist die erste Oper in russischer Sprache und gilt deshalb als russische Nationaloper. Das unterlaufen die Regisseurinnen gekonnt, findet er: "Dass man sehr wohl politisch sein kann, ohne in jeder Szene mit plumpen Anspielungen hausieren zu gehen, zeigten die beiden Regisseurinnen eindrucksvoll. Es ist ein untergründiges Stück geworden - tatsächlich spielt es zum großen Teil in einer U-Bahn-Station -, in dem es vor allem um eines geht: Wie sich ein Machtapparat Schritt für Schritt zum Unterdrückungsregime entwickelt, der alles und jeden vernichtet, der aus der Reihe tanzt. Wie kulturelle Ambitionen gleichzeitig in den Untergrund gedrängt werden und eine Subkultur entsteht, die am Ende wiederum Opfer staatlicher Gewalt wird."
Weiteres: Tom Mustroph war für die taz beim Monolog-Festival im Berliner td. Besprochen werden Julie Grothgars Inszenierung von Valère Novarinas Stück "Das eingebildete Tier" am Theater an der Ruhr (FAZ) und die Choreografie "Gnawa" von Nacho Duato beim Tanzfestival Rhein-Main im Staatstheater Wiesbaden, getanzt von der São Paulo Dance Company (FR).
Literatur
Die Frankfurter Buchmesse ist seit Corona nur noch ein Schatten ihrer selbst. Der Buch Wien, die am Mittwochabend startet, scheint es besser zu gehen. Den Eindruck erweckt jedenfalls Patrick Zöhrer, Leiter der Buch Wien, im Interview mit dem Standard: "Die Nachfrage von Ausstellern ist da, ebenso vom Publikum. Letztes Jahr durften wir wegen zu vieler Besucher am Samstag sogar für eineinhalb Stunden niemanden mehr hineinlassen. Das hat dazu geführt, dass wir beschlossen haben, dass wir eine zweite Halle brauchen. Und ich glaube, das eine bedingt das andere: Verlage mögen es, wenn viel los ist, und das motiviert sie dann, noch bessere Autorinnen und Autoren zu präsentieren, was wieder mehr Publikum anzieht. Wir befinden uns seit ein paar Jahren in einem Aufwärtstrend."
Weitere Artikel: Dimitré Dinev gewinnt für seinen Mammutroman "Zeit der Mutigen" den Österreichischen Buchpreis, meldet die Presse. David Szalay gewinnt mit seinem Roman "Flesh" (dtsch. "Was nicht gesagt werden kann") den Booker Prize, berichtet die Zeit. Markus Ehrenberg war für den Tagesspiegel dabei, als Jonas Hassen Khemiri zusammen mit Daniel Kehlmann und der Schauspielerin Luise Wolfram seinen Roman "Die Schwestern" im Berliner Renaissance-Theater vorstellte. Julia Hubernagel berichtet in der taz von der Buchmesse "Seitenwechsel".
Besprochen werden Salman Rushdies Erzählband "Die elfte Stunde" (FR) und eine Menge Romane, darunter Alejandro Zambras "Nachrichten an meinen Sohn" (FAZ), Itamar Vieira Juniors "Feuer" (FAZ), Kim Eui-kyungs "Hello Baby" (FAZ), Nelio Biedermanns "Lázár" (Tsp) und Nava Ebrahimis "Und Federn überall" (Tsp).
Weitere Artikel: Dimitré Dinev gewinnt für seinen Mammutroman "Zeit der Mutigen" den Österreichischen Buchpreis, meldet die Presse. David Szalay gewinnt mit seinem Roman "Flesh" (dtsch. "Was nicht gesagt werden kann") den Booker Prize, berichtet die Zeit. Markus Ehrenberg war für den Tagesspiegel dabei, als Jonas Hassen Khemiri zusammen mit Daniel Kehlmann und der Schauspielerin Luise Wolfram seinen Roman "Die Schwestern" im Berliner Renaissance-Theater vorstellte. Julia Hubernagel berichtet in der taz von der Buchmesse "Seitenwechsel".
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Architektur
Im FR-Interview erzählt die angolanische Architektin Paula Nascimento von der Architekturgeschichte ihrer Heimatstadt Luanda und auch davon, wie diese langsam ausgelöscht wird. Zum Beispiel durch den Abriss der Kinaxixe Markthalle, einem wichtigen Gebäude der "tropischen Moderne". "Ich war mit dem Abriss nicht einverstanden. Rückblickend war das eine politische Entscheidung, auch eine symbolische Geste. Dieser Markt verkörperte eine bestimmte Architektur. Wir, die sie studiert haben, sahen darin lokale Moderne - gebaut von portugiesisch-stämmigen Architekten, aber tief verwurzelt in unserer Geographie." Außerdem wird sie auf der Sharjah Biennale 2027 in den Vereinigten Arabischen Emiraten vertreten sein, lesen wir: "Sharjah hat beispielsweise ein Zentrum für Afrikanische Studien. Als ich kürzlich in den Emiraten unterwegs war, fiel mir auf, dass im Oman Swahili gesprochen wird. Das kommt von den Beziehungen über den Indischen Ozean. Während Angola mit dem Atlantischen Ozean und dem Sklavenhandel verbunden ist. Ich interessiere mich sehr für die gemeinsame Geschichte und eine kulturelle Nähe, über die wir nur wenig wissen. Bei der Biennale wird es eine große Beteiligung aus Afrika geben."
Kunst

Ganz schön hart, die Bilder der New Yorker Künstlerin Alice Neel, findet Monopol-Kritikerin Lisa-Marie Berndt, während sie in der Pinacoteca Agnelli durch die Neel-Retrospektive "I Am the Century" streift. Neel beschönigt nichts, ganz besonders nicht das Mutterwerden: In "'Pregnant Julie and Algis' (1967) liegt die Protagonistin nackt auf einem rot gemusterten Teppich, die Haut gespannt, die Haltung zugleich verletzlich und trotzig. Hinter ihr - fast zu übersehen - lehnt Algis, vollständig bekleidet, die Beine ausgestreckt, das Gesicht halb im Schatten. Er ist da, aber nebensächlich, wie eine Randfigur in ihrer Geschichte. Der Blick gehört ihr, die Energie auch. Neel malt den Mann als Staffage. Die eigentliche Autorität liegt im Körper der Frau, in der Ruhe und dem Gewicht ihrer Präsenz. Ein Jahr später dreht sich das Verhältnis. In 'The Family (Algis, Julie and Bailey)' von 1968 ist er plötzlich Zentrum der Komposition - frontal, breit, das Baby im Arm, gehalten von massiven Händen. Julie steht nun am Rand, in dunklem Kleid, die Hände schlaff, der Blick gesenkt. Eigentlich wirkt sie selbst wie ein unterwürfiges Kind. Die Machtordnung hat sich verschoben".
Weiteres: Frida Kahlo könnte bald zur teuersten Künstlerin werden, berichtet Philipp Meier in der NZZ. Besprochen werden die Ausstellung "Queere Moderne" in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (FAZ) und eine "Jacques-Louis David"-Ausstellung im Musée du Louvre in Paris (Welt).
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