Efeu - Die Kulturrundschau
Wie schrecklich der Verlust einer Kuh ist
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.09.2025. Update: Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis ist da! Die Nachtkritik verliert sich mit Freuden in den Verfremdungseffekten von Felicitas Bruckers Bühnenadaption des Haneke-Films "Caché" am Wiener Volkstheater. Die FAZ lernt in einer Ausstellung über Ernst Ludwig Kirchner in Bern einige Schrullen des Brücke-Malers kennen. Jungle World träumt nach Michael Dwecks und Gregory Kershaws Dokumentarfilm "Gaucho Gaucho" von einem Leben als Rinderhirt in der argentinischen Prärie. Die NZZ würdigt Devonté Hynes a.ka. Blood Orange anlässlich seines neuen Albums als "Doktor Faust der Pop-Musik".
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
16.09.2025
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Bühne

Als "Parabel über verdrängte kollektive Schuld und deren zerstörerische Kraft" ist Michael Hanekes Film "Caché" von 2005 heute noch hochaktuell, meint Nachtkritikerin Gabi Hift nach dem Besuch von Felicitas Bruckers Bühnen-Adaption am Wiener Volkstheater. Veraltet ist allerdings die Medienkritik im Film, zum Glück hat Bruckner hier ein "wahres Feuerwerk von Einfällen. Alles existiert hier gleichzeitig: Videorekorder und Videokassetten, Wandtelefone mit Hörern an Spiralkabeln, die sich bis zu 20 Meter dehnen lassen, flimmernde Schwarzweißvideos, aber auch drei riesige Monitore, auf denen das Bühnengeschehen übertragen wird, wie es heute Usus ist, und auf denen auch die Überwachungsvideos laufen. Fernsehsendungen, Erinnerungsszenen von George, Alpträume, Schnipsel aus alten Filmen, Material aus dem Originalfilm sind dort zu sehen. Die Bühne ist ein grandioses Konstrukt aus Verfremdungs- und Verzerrungsstilen: Es ist die Wohnung von George und Anne, aber aus einzelnen Modulen zusammengesetzt, die auf verschiedenen Ebenen liegen - verbunden durch eine steile Treppe, auf der alle wie aufgezogen auf und ab und auch mal rückwärts laufen." Egbert Tholl findet die Inszenierung in der SZ zu kühl, lobt aber die Schauspieler.
Weiteres: Greta Haberer resümiert für die taz das Festival Tanznacht Berlin 25 in den Uferstudios. Besprochen werden Jan Philipp Glogers Inszenierung der Jura-Soyfer-Revue "Ich möchte zur Milchstraße wandern!" am Wiener Volkstheater (SZ), Thomas Ostermeiers Inszenierung von Henrik Ibsens "Die Wildente" an der Berliner Schaubühne (SZ), das Stück "subjoyride" von Boglárka Börcsök und Andreas Bolm in den Sophiensælen Berlin (taz) und das Stück "Radikal Jung" des Theaterkollektivs Polyformers im Theater unterm Dach Berlin (taz) und Iván Fischers Inszenierung der Mozart-Oper "Don Giovanni" am Festspielhaus Baden-Baden (FAZ).
Film

Georg Seeßlen (Jungle World) gerät nach Michael Dwecks und Gregory Kershaws Dokumentarfilm "Gaucho Gaucho" ins schwelgerische Träumen von einem Leben als Rinderhirt in der argentinischen Prärie. Es ist "ein Film, der einen radikalen Gegenentwurf zum kleinbürgerlichen Leben in einer westlichen Großstadt zeigt. Keine Idylle, weiß der Himmel, keine Utopie, keine Rührseligkeit. Nur eine Konzentration auf das Einfache und das Naheliegende. ... Das alles in Schwarzweiß und in Kameraeinstellungen, die wie Fotografien oder sogar wie Zeichnungen komponiert sind. Und in einem Format, das die Autoren und Regisseure bescheiden als 'Beautiscope' bezeichnen - Breitwand im Dienst der Schönheit. ... Panoramatisches, Expressives und Idyllisches, dazwischen nun eben die zweifellos harte Arbeit auf den Pferden und mit den Kühen. Dass wir uns am Rand einer Existenzform befinden, erfahren wir indirekt, dadurch, wie schrecklich der Verlust einer Kuh ist."
Außerdem: Bei der Emmy-Verleihung hat sich der für seine Serie "The Studio" mit einem Preisregen gesegnete Komiker Seth Rogen mal wieder als der Mensch mit dem ansteckendsten Lachen der Welt erwiesen, freut sich Daniel Gerhardt auf Zeit Online. Bert Rebhandl resümiert in der FAZ das Filmfestival Toronto. In der FR gratuliert Daniel Kothenschulte der Filmhistorikerin Heide Schlüpmann zur Auszeichnung mit der Ehrenplakette der Stadt Frankfurt. Reinhard Kleber bringt für den Filmdienst in Erfahrung, ob sich Kino-Abokarten tatsächlich lohnen.
Besprochen werden Christian Petzolds "Miroirs No. 3" (Tsp) und Paolo Cognettis Dokumentarfilm "Fiore mio" über einen Sommer auf dem Monte Rosa (SZ).
Literatur
(Update) Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis ist da! Nominiert sind Dorothee Elmiger ("Die Holländerinnen"), Kaleb Erdmann ("Die Ausweichschule"), Jehona Kicaj ("ë"), Thomas Melle ("Haus zur Sonne"), Fiona Sironic ("Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft") und Christine Wunnicke ("Wachs"). Die Preisverleihung findet am 13. Oktober statt.
Auf Eichendorff21 haben wir ihnen einen Büchertisch mit allen Nominierten zusammengestellt. Die Bücher aus der Longlist finden Sie hier.
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In der FR porträtiert Konstantin Johannes Sakkas den Schriftsteller Robert Menasse. Andreas Platthaus schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Literaturkritiker Harald Hartung. Alan Posener erinnert in der Welt an den Kinderbuchautor E. M. Barrie.
Besprochen werden unter anderem Lea Ypis "Aufrecht" (Welt), Mieko Kawakamis "Das gelbe Haus" (NZZ), T. C. Boyles "No Way Home" (FR), Hanno Millesis "Zur Zeit der Schneefälle" (Standard), Susan Bernofskys Biografie über den Schriftsteller Robert Walser (Tsp) und Thomas Melles "Haus zur Sonne" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Auf Eichendorff21 haben wir ihnen einen Büchertisch mit allen Nominierten zusammengestellt. Die Bücher aus der Longlist finden Sie hier.
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In der FR porträtiert Konstantin Johannes Sakkas den Schriftsteller Robert Menasse. Andreas Platthaus schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Literaturkritiker Harald Hartung. Alan Posener erinnert in der Welt an den Kinderbuchautor E. M. Barrie.
Besprochen werden unter anderem Lea Ypis "Aufrecht" (Welt), Mieko Kawakamis "Das gelbe Haus" (NZZ), T. C. Boyles "No Way Home" (FR), Hanno Millesis "Zur Zeit der Schneefälle" (Standard), Susan Bernofskys Biografie über den Schriftsteller Robert Walser (Tsp) und Thomas Melles "Haus zur Sonne" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

Normalerweise hängt Ernst Ludwig Kirchners Gemälde "Bergbauern" im Kanzleramt, erklärt Christian Saehrendt in der FAZ, nun ist es im Kunstmuseum Bern in der Ausstellung "Kirchner × Kirchner" zu sehen. Kirchner war in vieler Hinsicht ein bisschen eigen, lernt der Kritiker hier, so schrieb er zum Beispiel unter einem französischen Pseudonym Kritiken über sein eigenes Werk. Außerdem "datierte er Werke vor, um zu 'beweisen', dass er bestimmte Bildfindungen und Stilmittel eigenständig und frühzeitig um- und eingesetzt habe (...) Kirchner wollte sich unbedingt neu erfinden und sein Spätwerk aufwerten. Um den Stilwechsel in der Rückschau plausibler erscheinen zu lassen, restaurierte er im Laufe der Zwanziger ältere Bilder in einem flächigeren, 'moderneren' Stil - nicht zu deren Vorteil. So präsentierte er Huggler eine 1925 übermalte Berliner Straßenszene aus dem Jahr 1914, 'Straße mit roter Kokotte', deren ursprünglich hochnervöser expressionistischer Duktus so stark gedämpft erschien. Statt Berliner Bordsteinschwalben malte Kirchner nun grasende Geißen und runzelige Greise, allerdings ebenso monumental."
Weiteres: In der taz resümieren Beate Scheder, Sophie Jung und Ulrich Gutmair die Berlin Art Week. Besprochen wird die Ausstellung "Helga Pape. Energien, Werke 1964-2017" im Kunstverein Wolfsburg (taz),
Architektur
"Einer ebenso tiefen wie weit ausschweifenden Beschäftigung mit einem Ost-Phänomen", nämlich dem Plattenbau, kann Paul Jandl für die NZZ in der Ausstellung "Wohnkomplex. Kunst und Leben im Plattenbau" im Potsdamer Haus "Das Minsk" nachgehen. Sechzig Künstler haben das architektonische Relikt in Szene gesetzt: "Von außen hat Uwe Pfeifer die Großsiedlungen immer wieder gemalt. Seine Bilder haben schon im Titel eine subversive Nüchternheit, heißen 'Beton und Steine', 'Antennendach', 'Fußgängertunnel' oder 'Wäscheleine im Nebel'. Bis in die Tiefe sind die Plattenbauten gestaffelt. Ihr Minimalismus der Form dehnt sich als städtebaulicher Größenwahn bis zum Horizont aus, als gäbe es dahinter keine Welt. Peter Herrmann lässt in einem Ölgemälde Natur und Kultur fast karikaturhaft aufeinandertreffen. Stilisierte Kühe grasen vor einem ebenso stilisierten Wohnblock und schauen selbstvergessen aus dem Bild."
Musik
"Essex Honey", das neue Album von Devonté Hynes a.ka. Blood Orange, "ist ein ebenso eigentümliches wie beeindruckendes Pop-Requiem", staunt Ueli Bernays in der NZZ. Der Künstler verarbeitet darauf den Tod seiner Mutter und für Bernays ist er nichts weniger als "ein Doktor Faust der Pop-Musik. (...) Seine Songs laufen all jenen Mustern und Regeln zuwider, die für Pop gelten - und die sich auch die KI aneignen kann. Gerade so aber demonstriert Devonté Hynes, wie unwichtig eigentlich die sogenannte Intelligenz in der Musik ist. Ihr ordnendes Eingreifen bleibt künstlerisch jedenfalls hinter der Dynamik von Gefühlen zurück. Denn wenn es um Leben und Tod geht wie in "Essex Honey", dominiert in der Musik das Drama der Emotion."
Der Sound auf diesem Album "ist karg und zerklüftet wie nie zuvor", schreibt Stefan Michalzik in der FR. Auf "Angel's Pulse", dem Vorgänger, "hatte Blood Orange ausufernd aus dem Vollen geschöpft, in Verwirbelung von Indiepop, R 'n' B und HipHop, Gospel und Soul bis zu Dancehall-Reggae. Entgegengesetzt zu diesem Maximalismus wirken etliche der Nummern auf 'Essex Honey' skizzenhaft. Immer wieder wechselt der Charakter der Texturen innerhalb eines Songs. 'The Last of England' beginnt mit einem fieldrecordingartigen Dialogsample, präsentiert sich dann als schwermütig schleppende Klavierballade, am Ende treffen elegische Celloklänge auf Drum'n'Bass-Beats."
Weiteres: Christian Wildhagen verabschiedet sich in der NZZ von Michael Haefliger, dessen Intendanz beim Lucerne Festival nach 26 Jahren endet. Maxi Broecking schlendert für die taz mit einer Soundcollage von Patti Smith und dem Soundwalk Collective auf den Ohren durch Berlin-Mitte und lauscht dem Brechen von Eis. Detlef Diederichsen (taz) und Ueli Bernays (NZZ) schreiben Nachrufe auf den brasilianischen Jazzmusiker Hermeto Pascoal.
Besprochen werden ein Konzert der Münchner Philharmoniker unter Lahav Shani in Frankfurt (FR), Suedes "Antidepressants" ("ein Album des Jahres", freut sich Ronald Pohl im Standard), ein Konzert von Drake (Welt), Graeme Lawsons musikarchäologische Studie "Soundtracks. Auf den Spuren unserer musikalischen Vergangenheit" (FAZ) und neue Musikveröffentlichungen, darunter "Rwanda with Strings" von The Good Ones, einer Folkband aus Ruanda, die laut Standard-Kritiker Karl Fluch "zwar oft über schreckliche Themen singen, das allerdings in einer Anmut und Wärme, die infiziert".
Der Sound auf diesem Album "ist karg und zerklüftet wie nie zuvor", schreibt Stefan Michalzik in der FR. Auf "Angel's Pulse", dem Vorgänger, "hatte Blood Orange ausufernd aus dem Vollen geschöpft, in Verwirbelung von Indiepop, R 'n' B und HipHop, Gospel und Soul bis zu Dancehall-Reggae. Entgegengesetzt zu diesem Maximalismus wirken etliche der Nummern auf 'Essex Honey' skizzenhaft. Immer wieder wechselt der Charakter der Texturen innerhalb eines Songs. 'The Last of England' beginnt mit einem fieldrecordingartigen Dialogsample, präsentiert sich dann als schwermütig schleppende Klavierballade, am Ende treffen elegische Celloklänge auf Drum'n'Bass-Beats."
Weiteres: Christian Wildhagen verabschiedet sich in der NZZ von Michael Haefliger, dessen Intendanz beim Lucerne Festival nach 26 Jahren endet. Maxi Broecking schlendert für die taz mit einer Soundcollage von Patti Smith und dem Soundwalk Collective auf den Ohren durch Berlin-Mitte und lauscht dem Brechen von Eis. Detlef Diederichsen (taz) und Ueli Bernays (NZZ) schreiben Nachrufe auf den brasilianischen Jazzmusiker Hermeto Pascoal.
Besprochen werden ein Konzert der Münchner Philharmoniker unter Lahav Shani in Frankfurt (FR), Suedes "Antidepressants" ("ein Album des Jahres", freut sich Ronald Pohl im Standard), ein Konzert von Drake (Welt), Graeme Lawsons musikarchäologische Studie "Soundtracks. Auf den Spuren unserer musikalischen Vergangenheit" (FAZ) und neue Musikveröffentlichungen, darunter "Rwanda with Strings" von The Good Ones, einer Folkband aus Ruanda, die laut Standard-Kritiker Karl Fluch "zwar oft über schreckliche Themen singen, das allerdings in einer Anmut und Wärme, die infiziert".
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