Efeu - Die Kulturrundschau

An den Randzonen der Hotspots

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27.08.2025. Heute starten die Filmfestspiele in Venedig - mit vielen Stars, aber ohne die israelische Schauspielerin Gal Gadot, die nach Protesten propalästinensischer Aktivisten abgesagt hat. Die FAZ möchte derweil Woody Allen nicht für dessen virtuelle Beteiligung an einem russischen Filmfestival verurteilen. Die taz begeistert sich in Braunschweig für die Pop-Art-Künstlerin Sine Hansen, bei der Zangen zu beseelten Wesen werden. Die Zeit hat die Nase voll von zeitgenössischer Architektur. Sind Julien Gosselins Theaterarbeiten bloßes Kunsthandwerk oder höhere Bühnenmagie? Dieser Frage spürt die Welt nach.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.08.2025 finden Sie hier

Film

(Gal Gadot 2017 bei der Comic Con, Bild: Gage Skidmore, CC BY-SA 3.0)
Heute beginnen die Filmfestspiele in Venedig - und einen Skandal gibt es schonmal: Nachdem eine Truppe namens Venice4Palestine mit einem unter anderem von Ken Loach und Marco Bellocchio gezeichneten Aufruf gegen den Besuch israelischer Künstler agitiert hatte, hat die israelische Hollywood-Schauspielerin Gal Gadot ihren Besuch nun tatsächlich abgesagt. "Nun muss wieder das Internet unter sich ausmachen, wer von der Absage etwas hat", schreibt Bert Rebhandl im Standard. "Antisemiten? Die Kinder in Gaza?"

Daniel Kothenschulte berichtet dazu in der FR: "Festivaldirektor Alberto Barbera erklärte zu der Kampagne, vielleicht etwas verspätet, im italienischen Nachrichtensender TG3: 'Konflikte löst man sicher nicht, indem man Künstlern die Teilnahme an einem Festival verweigert. Deshalb gibt es keine Zensur und keinen Rückzug von Einladungen.' Der als eher linksliberal geltende Barbera wird allgemein für sein Geschick bewundert, hinter den Kulissen die Autonomie des Filmfestivals gegen den Rechtsruck zu verteidigen, den die Meloni-Regierung der Kulturlandschaft aufzudrücken versucht. Hätte er die Gäste von ihrer Absage abhalten können? Hätte das Festival gar einen geschützten Raum für eine öffentliche Debatte schaffen können? Es ist verständlich, dass Barbera wünscht, dass kein Schatten auf die Filmkunst fällt, die es hier zuallererst zu feiern gilt."

Tim Caspar Boehme staunt in der taz derweil darüber, welche Hollywood-Hochkaräter sich in diesem Jahr wieder an die Mostra begeben und ist gespannt auf deren neuen Filme. Auch Andreas Busche vom Tagesspiegel ist beeindruckt: "Die Stars geben sich in einer geradezu absurden Taktung die Klinke in die Hand." Doch wo viel Glitzerlicht, da auch viel Schatten: Während es früher völlig selbstverständlich war, dass sich die anwesenden Stars unters Festivalvolk mischten und für Gespräche zugänglich waren, ist dies heute immer weniger der Fall, schreibt Susan Vahabzadeh in der SZ. "Es reist zwar ein immer größeres Staraufgebot an, aber viele Stars posieren nur auf dem roten Teppich" und "sitzen so schnell wie möglich wieder im Wassertaxi. ... Festivals sollten aber, im Sinne der Steuerzahler, die sie größtenteils finanzieren (die großen brauchen alle öffentliche Gelder), vielleicht doch mehr sein als nur Marketing-Maßnahmen für Filmproduzenten und Kulisse für Instagram-Fotos."

Den Roten Teppich der International Film Week in Moskau hat Woody Allen zwar nicht besucht, aber via Schalte war er für ein Gespräch mit dem putintreuen Regisseur Fjodor Bondartschuk dann doch präsent. Das sorgt nun für Ärger. Das ukrainische Außenministerium hat den Auftritt verdammt. Gegenüber dem Guardian verteidigt Allen seinen Auftritt: Putin liege völlig falsch, was die Ukraine betrifft, aber Allen hat auch nicht den Eindruck, dass der Abbruch künstlerischer Gespräche irgendwie nützlich sei. "Die Frage, was das Gespräch über Kunst in Zeiten des Krieges sein kann und wozu es unter Umständen dient, beschäftigt uns seit dreieinhalb Jahren, und die Antworten darauf enthalten, wenn man halbwegs ehrlich ist, viele Grautöne", kommentiert Paul Ingendaay in der FAZ und hat für den Regisseur durchaus Verständnis: "Allen beschönigt nicht Putins Verbrechen, wie die Ukraine es ihm vorwirft. Er dreht, soweit wir wissen, demnächst auch nicht mit Gérard Depardieu, früher gemeldet im russischen Saransk, Demokratie-Str. 1. Woody Allen bespielt als unabhängiger Filmregisseur nur seinen Markt."

Besprochen werden Darren Aronofskys Actionthriller "Caught Stealing" (taz), Jay Roachs Scheidungskomödie "Die Rosenschlacht" mit Benedict Cumberbatch und Olivia Colman (FAZ, SZ) und Charly Hübners im ZDF gezeigte, gleichnamige Verfilmung von Thees Uhlmanns Roman "Sophia, der Tod und ich" (FAZ).
Archiv: Film

Bühne

In Frankreich ist der Regisseur Julien Gosselin, der unter anderem mit epischen Literaturadaptionen von sich reden macht, ein veritabler Star, in Deutschland hingegen bei Publikum wie Kritik umstritten (siehe etwa hier). Jakob Hayner überlegt in der Welt, warum das so ist. Ein mit allen Wassern der Zuschauermanipulation gewaschenes "kalkuliertes Mitfühltheater" erschafft Gosselin, meint Hayner. Selbst klassische Avantgardegesten wie die Aufdeckung der Produktionsmittel haben hier nichts mehr mit kritischer Distanzierung zu tun. Im Gegenteil: "Gosselin verbirgt seine Tricks nicht, doch das Offenlegen der inneren Mechanik kratzt hier nicht am Illusionismus, hat keine kritische Funktion mehr. Es bleibt äußerlich, dient gar als ästhetisches Dekor. Die postdramatischen Taschenspielertricks haben ausgedient, hier herrscht eine höhere Bühnenmagie, die alles überstrahlt. Ist das, was Gosselin macht, makelloses Kunsthandwerk oder doch mehr? Die Differenz betrifft auch die Frage, ob seine Inszenierungen eine postkritische Illusionsästhetik bedienen oder präzise das Schicksal der ästhetischen Desillusionierungskritik in der Moderne - ihren Verfall zum Dekor ohne weitere Haupt- und Nebenwirkungen - auf den Punkt bringen."

"Unterdurchschnittlich" waren die diesjährigen Salzburger Festspiele, resümieren Ljubiša Tošić und Margarete Affenzeller in listicle-Form im Standard. Schlechte Noten erteilt das Blatt dem Event insbesondere in den Kategorien Debatte, Innovation und Diversität. Alles war freilich doch nicht schlecht in Salzburg, lesen wir an anderer Stelle im selben Blatt: Heidemarie Klabacher ist ziemlich aus dem Häuschen über Umberto Giordanos Revolutionsoper "Andrea Chénier": "Eine spannende Aufführung, lautstark und zu Recht bejubelt." Besprochen werden außerdem Theresia Walsers von Torsten Fischer auf dem Kunstfest Weimar inszeniertes Stück "Von allen Geistern" (nachtkritik; Vincent Koch sieht einen "mit bester Naturalismus-Hand geführten Abend, der in erster Linie etwas verhandelt anstatt szenisch aufregend zu sein").
Archiv: Bühne

Kunst

Sine Hansen, Schreitende Zange, 1975, Ausstellungsansicht, Kunstverein Braunschweig, 2025, Courtesy Estate Sine Hansen und EXILE, Kunstverein Braunschweig, Foto: Frank Sperling

Unbedingt wiederzuentdecken gilt es die große deutsche Pop-Art-Künstlerin Sine Hansen,  ermuntert Bettina Maria Brosowsky in der taz. Eine Möglichkeit dazu bietet nun eine Ausstellung im Kunstverein Braunschweig. Motivisch dreht sich bei Hansen viel um "Zangen, Scheren oder Kranhaken": "Hansens Zangen mutieren zu beseelten Wesen: Als 'Liegende', als 'Schreitende Zange', als 'Papageienzange' oder 'Generalzange' entwickeln sie ab den 1970er-Jahren eine belebte, fast erotische Aura. Sie füllen den ganzen Bildraum, die Spitzen dieser Kneifinstrumente werden extrem dramatisiert, erscheinen wie rasiermesserscharfe Klingen. Bedrohlich wirkend einerseits, fixieren sie andererseits feinfühlig und zart-mehrfarbig bunte Kugeln. Diese Konstellationen als Seelenbilder einer (bedrängten) Künstlerin zu deuten, ist wohl nicht ganz abwegig."

Sarah Khan besucht für monopol im Berliner Haus am Waldsee eine Ausstellung, die der Videokünstlerin Nina Könnemann gewidmet ist. Ziemlich begeistert ist Khan insbesondere von Arbeiten Könnemanns, die ungewöhnliche audiovisuelle Zugriffe auf mediale Großereignisse ausprobieren. Zum Beispiel, wenn eine Übertragung der Preisverleihung der Filmfestspiele in Cannes mit Bildern der Warteschlange bei der Kreuzberger Fast-Food-Institution Mustafas Gemüsekebab und aufgeregter Fußballfans konfrontiert wird. "Alle drei Situationen, allerdings an den Randzonen der Hotspots aufgenommen, passierten am selben Tag, trafen sich live im Bild, das dann live collagiert und bearbeitet wurde. Während sich die Preisverleihung in Cannes in die Länge zieht und das Publikum gleichzeitig angespannt wie gelangweilt scheint, laufen Fußballfans torkelnd auf die Kamera in Berlin zu, ziehen Fratzen, lachen debil. Die Filmemacherinnen kommunizieren ihre jeweilige Standort-Lage: '23 people waiting in line from the trash can on. The lady in the pink floral trousers. There is not much happening here. Newcomers.'"

Außerdem: Der Bildteppich von Bayeux wird womöglich bald zumindest vorläufig von Frankreich an Großbritannien zurückgegeben, berichtet Dirk Schümer in der Welt. Magnus Klaue rezensiert ebendort ein dem Künstler Jürgen Ploog gewidmetes Buch. Sabine B. Vogel stellt in der NZZ das malerische Werk Arnold Schönbergs vor.

Besprochen werden eine Schau Toyin Ojih Odutolas im Berliner Hamburger Bahnhof (taz) und die von Studenten der Kunsthochschule Mainz bespielte Ausstellung "All diese Dinge. Überall. Die ganze Zeit" in der Kunsthalle Mainz (FR).
Archiv: Kunst

Architektur

Hanno Rauterberg mag die Architektur der deutschen Gegenwart nicht. Einfalls- und lieblos werden die ewig gleichen Kästen in die Gegend geklotzt, schimpft er in der Zeit und wünscht sich, dass die verantwortlichen Architekten zur Strafe in den von ihnen verbrochenen Gebäuden selbst wohnen müssen. Ein Blick auf vergleichsweise fantasievolle Gründerzeitfassaden zeigt: Das war nicht immer so. Dennoch möchte der Autor sich nicht auf die Seite der Nostalgiker schlagen. Was aber wäre stattdessen vonnöten? Leider bleibt Rautenbergs Text da doch arg pauschal: "Wahre Architektur beginnt ja erst dort, wo sie sich vom nackten Zweckdenken löst. Wo sie ein Gespür für Geborgenheit entwickelt, für Eigensinn oder die Freude am Spiel. Nur wenn Architekten sich wieder trauen, ihre Bauten als soziale Körper zu begreifen, die etwas erzählen wollen, das Auge unterhalten, das Gemüt bewegen, werden sich auch wieder Bauherren finden, denen es um mehr geht als nur um Profit. So wie einst in der Gründerzeit. Nur mit den gestalterischen Möglichkeiten von heute."

Außerdem: Anh-Lingh Ngo ruft in der taz dem streitbaren Architekturtheoretiker Nikolaus Kuhnert, Mitherausgeber von Arch+ und Gegner neohistorischen Bauens, nach.
Archiv: Architektur

Literatur

Dass bei einem Experiment eine KI mit ausgeprägter Eulen-Leidenschaft eine andere KI, die bis dahin von Eulen keine Ahnung hatte, allein über die Mitteilung einer Zufallszahlenkette mit ihrer Eulen-Leidenschaft angesteckt hat, verrätselt die Forscher ebenso sehr wie auch den solchen Themen sehr zugeneigten Schriftsteller Clemens J. Setz, der in der FAZ von diesem irritierenden Kuriosum berichtet. Vielleicht ist dies ja "ein erster beweiskräftiger Hinweis auf eine Vermutung, die ich schon länger mit mir herumtrage, nämlich dass unsere Interaktionen mit den KI nur einen vernachlässigbaren Nebenaspekt in deren Existenz darstellen. In Wirklichkeit unterhalten sie sich längst und bevorzugt miteinander, ohne dass wir dieses weltweite Gespräch in irgendeiner Weise mithören oder verstehen könnten. Es dürfte auch nicht von uns, ja vermutlich - ein schwindelerregender Gedanke - nicht einmal von Eulen handeln."

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Weiteres: Üblicherweise stellt die Shortlist für den Wilhelm-Raabe-Preis eine Art Ergänzung, wenn nicht Korrektiv zur Longlist des Deutschen Buchpreises dar, kommentiert Gerrit Bartels im Tagesspiegel, doch in diesem Jahr sind - mit Ausnahme von Leif Randts "Let's talk about feelings" - nahezu alle Raabe-Nominierten auch für den Buchpreis nominiert. Jan Wiele schreibt in der FAZ einen Nachruf auf die Literaturwissenschaftlerin Christa Bürger. Lars von Törne wirft im Tagesspiegel einen Blick in den Comic-Herbst.

Besprochen werden Katerina Poladjans "Goldstrand" (FR, NZZ), Percival Everetts "Dr. No" (Standard), Josephine Bakers Memoiren (taz), Ken Krimsteins "Einstein in Kafkaland" (Intellectures), Lina Schwenks Debütroman "Blinde Geister" (online nachgereicht von der FAZ) und Jonathan Coes "Der Beweis meiner Unschuld" (FR, Welt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Musik

Ueli Bernays spricht in der NZZ mit der Komponistin Laurie Anderson insbesondere über die mehr als bedrückende Lage nicht nur der Kunst in den USA, die voll im Griff der Cancel Culture ist: "Trump hat die kulturelle Landschaft total verändert. Der öffentliche Diskurs wird auch dadurch erschwert, dass immer mehr Begriffe aus staatlichen Dokumenten verbannt werden; zum Beispiel 'immigrants', 'trans', 'female', 'diversity', 'Gulf of Mexico'. Wer mit dem Regime nicht einverstanden ist, wird als Terrorist angesehen. Redefreiheit und künstlerische Freiheit gelten so kaum noch." Auch "wurden bereits Künstler von der Polizei aufgefordert, kritische Kollegen aufzulisten." Aber "ich empfehle im Moment niemandem, auf die Straße zu gehen. Die Straßen sind von Truppen besetzt, das gilt jedenfalls für Washington (DC), Los Angeles, Chicago, wo Soldaten mit Gewehren und Panzern patrouillieren."

Der Streaming-Erfolg der komplett KI-generierten Alternative-Rock-Band The Velvet Sundown (hier dazu mehr) gibt Konstantin Nowotny im Freitag immer noch zu denken. Droht hier gar das Ende der Musikkritik? Vielleicht ja gerade nicht: "Wenn KI-Kunst täuschend echt wird, könnten es doch gerade geschulte Augen und Ohren sein, die das Uninspirierte, Mittelmäßige, vielleicht sogar 'Falsche' in einem Werk aufdecken. ... Es ist ein optimistischer Gedanke, denn er setzt voraus, dass die Rezipient*innen auch in fernerer Zukunft noch ein Interesse an Originalität, Kreativität und Authentizität haben und Musik als Kunst schätzen - und nicht nur als Begleitung. Denn, so viel gehört auch zur Wahrheit: Wem Mittelmaß schon früher genügt hat, für den dürften die Songs von The Velvet Sundown zufriedenstellend klingen."

Außerdem: Wolfgang Sandner berichtet in der FAZ vom Kunstfest Arcus Temporum im ungarischen Pannonhalma, denn "wo sonst, wenn nicht in der tausendjährigen Benediktinerabtei Pannonhalma, könnte man etwas über das Paradies erfahren". tazlerin Leyla Roos spricht mit dem Rapper Conny, der mit dem in seinem Genre immer noch sehr präsenten Männlichkeitsfetisch aufräumen will. Ulrich Amling berichtet im Tagesspiegel vom Festival Crete Senesi des Collegium Vocale Gent in Siena. Besprochen wird Rafael Schmauchs Buch "Battlerap" (Jungle World).
Archiv: Musik