Efeu - Die Kulturrundschau
Schwer ertragbare Gewissheiten
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18.08.2025. Kirill Serebrennikovs Bühnenfassung von Vladimir Sorokins hellsichtigem Roman "Der Schneesturm" trägt für die Kritiker in Salzburg dann doch ein bisschen zu dick auf. Das Filmfestival Locarno ist zu Ende: Der goldene Löwe ging an Sho Miyake, dessen wortkarg-hypnotischer Film die FR beeindruckt hat. Der Tagesspiegel hätte sich darüber hinaus mehr Aufmerksamkeit für Julian Radlmaiers Film gewünscht. Dass die Trump-Regierung die Smithsonian-Stiftung zum 'amerikanischen Exzeptionalismus' zwingen will, erinnert die taz an faschistische Regime.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
18.08.2025
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Bühne

Für Egbert Tholl in der SZ ist August Diehl in der Hauptrolle ein Lichtblick in einer ansonsten wenig erfreulichen Inszenierung: "Der zweite Teil der gut drei Stunden langweilenden Aufführung hat ein bisschen was von Revue, irgendwie ironisch oder vielleicht auch nur bewusster Unsinn. Das Blöde an dieser Aufführung: Sie entwickelt keinen Sog. Obwohl sie genau darauf angelegt zu sein scheint, denn analytisch, vielleicht gar politisch aufklärerisch ist hier nichts. Muss ja auch nicht sein, ist ja eine eigene Kunstwelt. Die man, von Diehls Spiel abgesehen, weitgehend unbeteiligt betrachtet. Die Bühne ist offen und ein analoges Theaterbastellabor."
Ronald Pohl macht im Standard auf die fast gruselige Weitsichtigkeit aufmerksam, mit der Sorokin in dem Buch vor rund 15 Jahren schon auf futuristische Weise Züge des heutigen Russlands vorausgesehen hat. Für Simon Strauß in der FAZ bleibt die Poesie, die er aus der Buchvorlage kennt, auf der Bühne "ein wenig auf der Strecke". Auch FR und Spiegel Online sind nach Salzburg gereist und berichten.
Weiteres: Katrin Müller besucht für die taz das Berliner Festival Tanz im August. Ebenfalls für die taz stellt Katrin Ullmann die Theatermacherin Mabel Preach vor. Boris Motzki stellt in der FAZ den "reichen Dramenkosmos" des Baltikums vor, der hierzulande fast unbekannt ist. Valerie Heintges ist für die Nachtkritik auf dem Zürcher Theater Spektakel unterwegs.
Film

Das Filmfestival Locarno ist am Wochenende mit einem Goldenen Leoparden für Sho Miyakes "Two Seasons, Two Strangers" zu Ende gegangen. Dieser Film "hätte auch den Wettbewerben von Cannes oder Venedig zu Ehren gereicht", schreibt ein sichtlich beeindruckter Daniel Kothenschulte in der FR. "Zwei Geschichten sind darin durch die Tatsache verbunden, dass die Autorin der ersten zur Protagonistin der zweiten wird. Auch wenn ihre Feder gleich zu Beginn das Setting der Begegnung einer Jungen Reisenden mit einem melancholischen jungen Mannes an einer Küstenstatt entwirft, ist man doch von der Zäsur nach dem ersten Drittel mehr als überrascht: Da erweist sich die hypnotische Erzählung, der man gerne weiter gefolgt wäre, als Film im Film". So "beginnt eine Reflexion über das Schreiben selbst und den Einfluss der Sprache auf die Konstruktion von Wirklichkeit. In seiner wortkargen Philosophie erinnert der Film an die Werke des derzeit vielleicht einflussreichsten japanischen Filmkünstlers, Teruhisa Yamamoto."

Diesem Lob für den Gewinnerfilm kann sich Patrick Wellinski im Tagesspiegel unumwunden anschließen. Allein schade findet er es, dass die Jury Julian Radlmaiers "Sehnsucht in Sangerhausen" beim Preisregen nicht bedacht hat, zumal sich dieser "intelligente Reigen" als "heimlicher Publikumsfavorit des Festivals" entpuppte. Der Regisseur "erzählt mehrere Geschichten aus Sangerhausen in Sachsen-Anhalt, beginnt bei einem Hausmädchen des Dichters Novalis im 18. Jahrhundert und wandert dann in die Gegenwart, um sich zwei Frauen zu widmen, die nach Heimat und Halt suchen. In episodischen, leichtfüßigen Szenen entfaltet sich dort ein kleines Theater der Klassen und Zugehörigkeiten. (...) Radlmaiers Blick auf Ostdeutschland, seine Identitätskrise und utopische Hoffnung ist dabei zärtlich und ehrlich zugleich, durchdrungen von einer Bodenständigkeit, die nichts beschönigt. Das Ergebnis: ein Film wie ein Novalis-Gedicht in volkstümlicher Variation - keine blaue Blume für die Aristokratie, sondern ein schlichter blauer Stein für die, die wenig haben." Michael Ranze resümiert derweil in der FAZ, dass die großen klingenden Namen aus der Welt des Autorenkinos mit ihrem Filmen in diesem Jahrgang eher enttäuschten.

Themenwechsel zum aktuellen Kinogeschehen in Deutschland: Kommenden Donnerstag startet Nader Saeivars iranisches Drama "The Witness" bei uns. Am Drehbuch hat Jafar Panahi mitgeschrieben. Der Film handelt von einer Frau, die beobachten muss, wie eine Freundin von ihrem Mann, einem hochrangigen Regierungsbeamten, umgebracht wird. "Doch wie beweist man einen Femizid, wenn die Regierung den Täter schützt und der öffentliche Vorwurf Tarlans eigenes Leben in Gefahr bringt", schreibt Monika Rathmann in der SZ. Der Regisseur "führt einen langsam durch diese schwer ertragbaren Gewissheiten." Der Film "verdeutlicht die patriarchalen Machtverhältnisse vor allem durch das im Film so genannte Gesetz zum 'Mord im Ehebett'. Es erlaube dem Ehemann, seine Frau und deren Liebhaber zu töten, wenn er die Ehebrecher in flagranti erwischt. Der Mann darf also nicht nur bestimmen, ob seine Frau arbeitet und wie sie sich kleidet. Er entscheidet auch, ob sie leben darf."
Außerdem: Raweel Nasir verneigt sich in der taz vor der von Sarah Jessica Parker gespielten Serienheldin Carrie Bradshaw, deren Geschichte mit der letzten Folge des "Sex and the City"-Ablegers "And Just Like That" nun zu Ende erzählt ist. Sandra Kegel erinnert in der FAZ (online nachgereicht) an Robert Aldrichs Psychothriller "Was geschah wirklich mit Baby Jane?" mit Bette Davis und Joan Crawford. Requisiten des "Downtown Abbey"-Franchise werden versteigert, meldet Anne Reimers in der FAZ. Und die Agenturen melden, dass der Schauspieler Terence Stamp gestorben ist.
Besprochen werden Julian Vogels und Johannes Büttners Dokumentarfilm "Soldaten des Lichts" über einen Vegan-Influencer, der sich wie einst Attila Hildmann in die antisemitische Wirrnis des "Reichsbürger"-Unwesens verirrt hat (Jungle World), Cédric Klapischs "Die Farben der Zeit" (online nachgereicht von der FAZ) Óliver Laxes Wüstenfilm "Sirat" (Jungle World, SZ, unsere Kritik) und Celine Songs "Materialists" mit Dakota Johnson und Pedro Pascal (SZ).
Kunst
Das Museum Pfalzgalerie in Kaiserslautern feiert seinen 150. Geburtstag mit einer kompletten Neuorientierung, die in den drei Rundgängen "Was ist Kunst?", "Der Mensch in der Kunst" und "Kunst mit allen Sinnen" bestaunt werden kann, wie sich Stefan Trinks in der FAZ freut. Sein Lob finden nicht nur die bedeutenden Wiederentdeckungen, sondern auch der Umgang mit schwierigen Fragen: "Unumgehbar für heutige Museen ist die Frage nach der Herkunft ihrer Werke, was Kaiserslautern unter dem wiederum dreigliedrigen Titel "Zeitsprung - Gekauft, getauscht, geraubt?" fasst. Hier werden die Ergebnisse der Provenienzrecherchen der vergangenen Jahre nicht einfach nur vorgestellt: Mit Herrmann Scherers einst als entartet eingestufter Holzskulptur 'Das kleine Mädchen' werden auch Fragen von Zensur aufgeworfen. Wie viel durch die NS-Barbarei jüdischen Sammlern wie Max Glaeser oder Theodor Kiefer in Kaiserslautern geraubt wurde und teils unwiederbringlich verloren ging, schmerzt heute noch, ebenso die bruchlose Nachkriegskarriere Edmund Hausens, der im Krieg Kunst aus dem besetzten Lothringen ('Westmark' im NS) 'sicherstellte', als MPK-Konservator bis 1953."
Die Smithsonian-Stiftung wird von der US-Regierung gezwungen, alle ihre kuratorischen Pläne offenzulegen (unser Resümee) und hinsichtlich "Gesinnungsreinheit" überprüfen zu lassen, wie Sebastian Moll in der taz schreibt. Die historischen Vorbilder kann er kaum übersehen: "Dabei drängen sich unweigerlich die Parallelen zu faschistischen Regimen auf. Es geht um das Reinigen der nationalen Kunst von Entartetem. Das hat in den USA wie in Nazideutschland deutlich rassistische Untertöne. Die avantgardistische Moderne der 20er Jahre war im nationalsozialistischen Duktus eine 'Verjudung' der Kunst. Der Kampf um Inklusion in der amerikanischen Kultur kompliziert das Narrativ einer Nation, die schon immer Vorbild der Menschheit gewesen sein will. Es ist das Narrativ des 'amerikanischen Exzeptionalismus', wie Trump selbst in seiner Anordnung zur Säuberung des Smithsonian schreibt. (…) Die Kunst soll aufhören, derartige Narrative zu hinterfragen, sich mit dem Zeitgeschehen kritisch auseinanderzusetzen, und stattdessen Amerikas Größe ein Denkmal setzen."
Weiteres: Anika Meier unterhält sich mit der Künstlerin und Dichterin Sasha Stiles für Monopol über Kunst und KI. Jens Eckhard reist für die Welt in den Schweizer Ort Gruyères, um sich das Werk des "Alien"-Schöpfers HR Giger anzuschauen und um sich zu fragen, was die gruseligen Kreaturen mit unserem Unbewussten zu tun haben.
Die Smithsonian-Stiftung wird von der US-Regierung gezwungen, alle ihre kuratorischen Pläne offenzulegen (unser Resümee) und hinsichtlich "Gesinnungsreinheit" überprüfen zu lassen, wie Sebastian Moll in der taz schreibt. Die historischen Vorbilder kann er kaum übersehen: "Dabei drängen sich unweigerlich die Parallelen zu faschistischen Regimen auf. Es geht um das Reinigen der nationalen Kunst von Entartetem. Das hat in den USA wie in Nazideutschland deutlich rassistische Untertöne. Die avantgardistische Moderne der 20er Jahre war im nationalsozialistischen Duktus eine 'Verjudung' der Kunst. Der Kampf um Inklusion in der amerikanischen Kultur kompliziert das Narrativ einer Nation, die schon immer Vorbild der Menschheit gewesen sein will. Es ist das Narrativ des 'amerikanischen Exzeptionalismus', wie Trump selbst in seiner Anordnung zur Säuberung des Smithsonian schreibt. (…) Die Kunst soll aufhören, derartige Narrative zu hinterfragen, sich mit dem Zeitgeschehen kritisch auseinanderzusetzen, und stattdessen Amerikas Größe ein Denkmal setzen."
Weiteres: Anika Meier unterhält sich mit der Künstlerin und Dichterin Sasha Stiles für Monopol über Kunst und KI. Jens Eckhard reist für die Welt in den Schweizer Ort Gruyères, um sich das Werk des "Alien"-Schöpfers HR Giger anzuschauen und um sich zu fragen, was die gruseligen Kreaturen mit unserem Unbewussten zu tun haben.
Literatur
In der Irish Times gibt die Schriftstellerin Sally Rooney kund, die in Großbritannien nun als terroristisch eingestufte Palestine Action weiterhin unterstützen zu wollen. "Wenn mich das nach britischem Gesetz zu einer 'Terrorunterstützerin' macht, dann sei es so." Die Zeit hat Volker Weidermanns Porträt der Schriftstellerin Gerti Tetzner online nachgereicht. Der Schriftsteller John Niven ärgert sich in der SZ darüber, dass er zur Promo für jedes seiner neuen Bücher durch sämtliche Podcasts der westlichen Hemisphäre tingeln muss, wo er doch selber in seinem Leben kaum je einen Podcast gehört hat.
Besprochen werden unter anderem Thomas Melles "Haus zur Sonne" (online nachgereicht von der FAZ), Olivier Schrauwens Comic "Sonntag" (Standard), Roberto Savianos "Treue. Liebe, Begehren und Verrat - die Frauen in der Mafia" (Standard), Tatjana von der Beeks "Blaue Tage" (Freitag), neue Hörbücher, darunter Gert Westphals Lesung von Rainer Maria Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" (FAZ), und Max Goldts "Aber?" (SZ).
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Julia Trompeter über Lydia Dahers "Mama ist aus Regen. Papa aus Metall":
"Als würde man unter Wasser
einen Stein anheben ..."
Besprochen werden unter anderem Thomas Melles "Haus zur Sonne" (online nachgereicht von der FAZ), Olivier Schrauwens Comic "Sonntag" (Standard), Roberto Savianos "Treue. Liebe, Begehren und Verrat - die Frauen in der Mafia" (Standard), Tatjana von der Beeks "Blaue Tage" (Freitag), neue Hörbücher, darunter Gert Westphals Lesung von Rainer Maria Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" (FAZ), und Max Goldts "Aber?" (SZ).
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Julia Trompeter über Lydia Dahers "Mama ist aus Regen. Papa aus Metall":
"Als würde man unter Wasser
einen Stein anheben ..."
Architektur
Laura Wurth erinnert in der taz auch an die weniger bekannten Bauten des im Juli verstorbenen Architekten Hinrich Baller und seiner früheren Frau Inken Baller.
Musik
Einmal frostiger Abgrund mit alles, bitte! tazler Robert Mießner versenkt sich tief in Aleksandra Słyż' gemeinsam mit Alex Freiheit umgesetztes Album "Ghsting". Zu erleben "ist ein avanciertes Hörstück, eine dramatische Text-Ton-Collage mit bestürzenden und verstörenden Klangbildern: vier Kapitel nebulöser Ereignisse in einem namenlosen Hotel in einer namenlosen Stadt. Die Auflösung schafft Klarheit, aber hilft nicht gegen das Unbehagen. Alex Freiheit beschwört, verflucht und spottet. Sie performt den Text im polnischen Original. ... Słyż greift tief in die Trickkiste von Horrorfilm-Soundtracks: Synthesizer vermessen Hallräume und erzeugen Kellerambient, es grummelt und fiept, und tatsächlich meint man den eisigen Wind hinter dünnen Fenstern zu hören. ... Einiges in dem Text deutet darauf hin, dass er tatsächlich in Osteuropa angesiedelt ist, aber es handelt sich um ein ziemlich gewieftes Spiel mit dem Osten als Projektionsfläche, als Versuchung, auch erotischer Natur: Dracula spielt mit hinein, Leopold von Sacher-Masoch, Carl Felix von Schlichtegroll, 'Die Hexe von Klewan', Texte, in denen, wie das unwirtliche Hotel von 'Ghsting', entrückte Orte und Räume, ein Schloss oder eine Burg, die Handlung mitbegründen."
Weiteres: Für die FAZ porträtiert Robin Passon den Geiger Johannes Pramsohler. Besprochen werden der Auftakt des Lucerne Festivals (NZZ), ein Konzert des West-Eastern Divan Orchestras unter Daniel Barenboim mit Lang Lang in Salzburg (Standard), Roland Kaisers Konzert in Berlin (BLZ), ein neues Album von Erkki-Sven Tüür (FR), ein Konzert des Sängers und Pianisten Daniel Heide in Salzburg (Standard), Lukas Sternaths Auftritt beim Rheingau Musikfestival (FR), ein Konzert des Orchestre du Chambre de Lausanne unter Renaud Capuçon in Wiesbaden (FR), Natalie Bergmans Album "My Home Is Not in this World" (Standard) und Anat Forts Album "The Dreamworld of Paul Motian" (Tsp).
Weiteres: Für die FAZ porträtiert Robin Passon den Geiger Johannes Pramsohler. Besprochen werden der Auftakt des Lucerne Festivals (NZZ), ein Konzert des West-Eastern Divan Orchestras unter Daniel Barenboim mit Lang Lang in Salzburg (Standard), Roland Kaisers Konzert in Berlin (BLZ), ein neues Album von Erkki-Sven Tüür (FR), ein Konzert des Sängers und Pianisten Daniel Heide in Salzburg (Standard), Lukas Sternaths Auftritt beim Rheingau Musikfestival (FR), ein Konzert des Orchestre du Chambre de Lausanne unter Renaud Capuçon in Wiesbaden (FR), Natalie Bergmans Album "My Home Is Not in this World" (Standard) und Anat Forts Album "The Dreamworld of Paul Motian" (Tsp).
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