Efeu - Die Kulturrundschau
Mit einem Rechen geharkt
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07.08.2025. Die Welt lässt sich von Christoph Wiesner, Chef der Rencontres d'Arles, erklären, wie Bilder Widerstand leisten. In der Zeit erzählt Thriller-Autor Marc Elsberg, wie ihm Künstliche Intelligenz die Arbeit erleichtert. Die FR amüsiert sich in Bayreuth mit Karikaturen zu Richard Wagners Musik. Die FAZ hört tiefe Trauer und einen Unterton von Gewalt, wenn Igor Levit bei den Salzburger Festspielen eine Klaviersonate von Schostakowitsch spielt.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
07.08.2025
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Kunst

Martina Meister trifft sich für die Welt mit Christoph Wiesner, Chef der Rencontres d'Arles. Nachdem Trump angekündigt hatte, unliebsame Fotos, die mit DEI in Verbindung gebracht werden könnten, aus Regierungsarchiven zu löschen, war Wiesner auf die Idee gekommen, das Fotofestival unter das Motto "Unbelehrbare Bilder" zu stellen. Es gehe ihm um Bilder, die "Widerstand leisten", erklärt er. "Unter den 'unbelehrbaren Bilder' ist alles zu finden: Fotos der First Nations People aus Australien. Die neue Szene Brasiliens. Die sizilianische Fotografin Letizia Battaglia, die mutig den Terror der Mafia dokumentierte. Der Amerikaner Louis Stettner, dessen Arbeit eine Brücke zwischen der amerikanischen Street Photography und der humanistischen Schule Frankreichs bildete. Das Auge des Modeschöpfers Yves Saint-Laurent, das des Fotografen, aber auch das des Fotografierten."
Weitere Artikel: Beate Scheder (taz) besucht die Berliner Malerin Evelyn Kuwertz in ihrem Atelier. Für die Welt begeht Roger Abrahams gemeinsam mit dem niederländischen Schriftsteller und Kurator Abdelkader Benali das neue Rotterdamer Museum zur Geschichte der Migration Fenix.
Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Camille Claudel und Bernhard Hoetger. Emanzipation von Rodin" in der Alten Nationalgalerie in Berlin (FAZ, mehr hier)
Film

Zum Ende hin geht Óliver Laxes bei den Filmfestspielen in Cannes uraufgeführtem (hier unser Resümee) und mit großen Autorenfilmergesten in Szene gesetztem Wüstenroadtrip "Sirāt" dann doch die Luft aus, findet Tilman Schumacher im Perlentaucher. Der Film schildert die Suche eines Vaters nach seinem verlorenen Sohn in der Wüste, wobei er sich einer Techno-Karawane anschließt, während das Radio über einen Krieg informiert. Mit voranschreitender Laufzeit "blickt Laxes Film zunehmend abgeklärt, ja kalt auf seine Figuren. Entsprechend werden sie geopfert wie Bauern auf dem Schachbrett. Das mag dramaturgisch kühn, hie und da auch mit der Verve eines unkonventionellen Autorenfilms inszeniert sein. Womöglich ist der Abgang einer Figur, die fatal auf eine Landmine tritt und dabei ausgerechnet 'Lasst es krachen!' in Richtung ihrer Musikfreunde ruft, aber auch zynisch? Mich konnte jedenfalls dieses 'Gottspielen' des Scripts an diesem Punkt nicht mehr erreichen. Das mag anderen anders gehen. Ein bildgewaltiges, allerlei ungewohnte Pfade abschreitendes Wüsten-Roadmovie ist 'Sirāt' allemal."
Weiteres: Katja Nicodemus hätte sich am liebsten gar nicht mehr von der Seite Anke Engelkes gelöst, die sie zwei Jahre lang für ein episches Porträt in der Zeit begleitet hat: "Es war so begeisternd und beflügelnd, ihr fast zwei Jahre lang immer wieder zu begegnen." Marlene Knobloch ist in der Zeit sehr ratlos, ob der Humor von Bully Herbigs Komödienkassenschlager "Der Schuh des Manitu" (dem nun nach 24 Jahren eine Fortsetzung gegönnt wird) nicht völlig aus der Zeit gefallen oder doch noch irgendwie ganz nett ist. Yasmin Müller schreibt in der NZZ einen Nachruf auf die mit gerade einmal 33 an Krebs verstorbene Schauspielerin Kelley Mack.
Besprochen werden Alexis Langlois' queeres Popmusical "Drama Queens" (Perlentaucher), Justine Bauers "Milch ins Feuer" (FR), Helge Schneiders Selbstporträt "The Klimperclown" (FR, mehr dazu bereits hier), Nisha Ganatras Komödie "Freakier Friday" mit Jamie Lee Curtis und Lindsay Lohan (Standard) und Ina Weisses nun auch in der Schweiz startender Film "Zikaden" mit Nina Hoss (NZZ).
Literatur
Im Zeit-Gespräch gibt Thriller-Autor Marc Elsberg Einblick in seine Schreibwerkstatt, in der er wie selbstverständlich auch KI nutzt - nicht um von der KI ausgespuckte Resultate zu redigieren, sondern als stützende Feedback- und Recherchemaschine: "Nehmen wir eine Szene auf einem indischen Markt. Ich will Atmosphäre: Gerüche, Stände, Geräusche, Fisch, Fleisch, Früchte. Ich war selbst schon dort, aber man merkt sich ja nicht jedes Detail. Früher habe ich gegoogelt, stundenlang Reiseberichte gelesen, YouTube geschaut, für fünf Zeilen Text war ich oft zwei Stunden beschäftigt. Heute frage ich die KI und habe nach einer Minute eine Antwort", aber "natürlich überprüfe ich das danach noch". Restlosen Enthusiasmus verspürt er dennoch nicht: "KI darf nicht nur in Konzernhand liegen - in den USA sehen wir gerade, was passiert, wenn solche Technologien politisch instrumentalisiert werden. Vielleicht brauchen wir unabhängige öffentliche KIs, so wie einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk."
Weitere Artikel: Der niederländische Schriftsteller Arnon Grünberg macht sich in der NZZ mäandernde Gedanken zu Gegenwartsliteratur und Zeitgeist. Die Literarische Welt hat Richard Kämmerlings' Porträt der DDR-Autorin Gerti Tetzner online nachgereicht. In der FAZ gratuliert Kerstin Holm dem russischen Exil-Autor Wladimir Sorokin zum 70. Geburtstag. Juliane Liebert liest sich für die SZ durch die aktuellen Ratgeber-Charts. Katrin Hörnlein spricht in der Zeit mit dem US-Jugendbuchautor Adam Silvera, der über BookTok bekannt geworden ist.
Besprochen werden Dietmar Daths "Skyrmionen oder: A Fucking Army" (Intellectures), Nell Zinks "Sister Europe" (FR), Alexander Sollochs Biografie über Harry Rowohlt (online nachgereicht von der FAZ), Tyler Wetheralls "Amphibium" (Welt), Thibault Vermots und Alex W. Inkers bislang nur in Frankreich erschienener Comic "Krimi" über Fritz Langs Film "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" (FAZ.net), Jean-Remy von Matts Memoir "Am Ende" (NZZ), Wolfgang Englers "Brüche. Ein ostdeutsches Leben" (FAZ), Maria Judite de Carvalhos "Leere Schränke" (Zeit) und Clarice Lispectors "Die Passion nach G. H." (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Weitere Artikel: Der niederländische Schriftsteller Arnon Grünberg macht sich in der NZZ mäandernde Gedanken zu Gegenwartsliteratur und Zeitgeist. Die Literarische Welt hat Richard Kämmerlings' Porträt der DDR-Autorin Gerti Tetzner online nachgereicht. In der FAZ gratuliert Kerstin Holm dem russischen Exil-Autor Wladimir Sorokin zum 70. Geburtstag. Juliane Liebert liest sich für die SZ durch die aktuellen Ratgeber-Charts. Katrin Hörnlein spricht in der Zeit mit dem US-Jugendbuchautor Adam Silvera, der über BookTok bekannt geworden ist.
Besprochen werden Dietmar Daths "Skyrmionen oder: A Fucking Army" (Intellectures), Nell Zinks "Sister Europe" (FR), Alexander Sollochs Biografie über Harry Rowohlt (online nachgereicht von der FAZ), Tyler Wetheralls "Amphibium" (Welt), Thibault Vermots und Alex W. Inkers bislang nur in Frankreich erschienener Comic "Krimi" über Fritz Langs Film "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" (FAZ.net), Jean-Remy von Matts Memoir "Am Ende" (NZZ), Wolfgang Englers "Brüche. Ein ostdeutsches Leben" (FAZ), Maria Judite de Carvalhos "Leere Schränke" (Zeit) und Clarice Lispectors "Die Passion nach G. H." (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bühne

Höchst vergnügt flaniert Judith von Sternburg (FR) durch die Ausstellung "Spot(t)-Light. Richard Wagner in der zeitgenössischen Karikatur" im Richard Wagner-Museum in Bayreuth, die ihr zeigt, was mancher Zeitgenosse von Wagners Musik hielt: "Eine riesige Bratpfanne wird als große Trommel mit einem Kochlöffel geschlagen, eine Harfe mit einem Rechen geharkt, eine Katze als Violine verwendet, ein Korb Glasscherben von einem aufmerksamen Orchestermusiker im genau richtigen Moment in einen Blechpott geschüttet, ein Hund zum Jaulen bis ins hohe C getrieben. Messer auf Porzellan, das Geräusch kennt jeder (aber unter uns gesagt: nicht aus Wagners Opern). Oder: Das ganze Wagnerorchester könnte auch aus Kinderlein bestehen, die in ihren Laufställen lustig vor sich hin tröten. Oder es könnte ein Kriegsschauplatz sein, so der Titel einer Karikatur, die ein Tohuwabohu im Graben zeigt, Noten als Geschosse allüberall. Dass es insgesamt so/zu viele Noten sind: immer wieder ein Thema."
Weitere Artikel: Für die taz besucht Mathieu Praun das Festival Meta Solis in Miltitz bei Bautzen, wo er sich mit der Dragqueen Angel van Hell und Mitgliedern des Kolektiw Wakuum darüber unterhält, wie sie die sorbische Kultur modernisieren wollen.
Besprochen werden James Grahams Stück "Make It Happen" mit Succession-Star Brian Cox in Edinburgh (Zeit) und Juliane Sauters Film "Primadonna or Nothing", der die Opernsängerinnen Valerie Eickhoff, Angel Blue und Renata Scotto porträtiert (taz).
Architektur
Der Architekt und Künstler Pierre-Christophe Gam sammelt weltweit Träume von Menschen, um seine "Dream-Tanks" - öffentliche Räume für Träume - zu erschaffen. Ihn "faszinierte die Entdeckung, dass Kindheitserinnerungen stark an räumliche Komponenten gebunden sind. Architektur konstruiert also nicht nur den Raum unserer sozialen Interaktion, sondern auch unserer biografischen Orientierung", sagt er im taz-Gespräch mit Astrid Kaminski, in dem er auch skizziert, warum er Realität nur für einen Möglichkeitsraum hält und welches Ziel sein Traumprojekt verfolgt: "Interessant ist, dass sich bei aller Diversität unserer Existenzen nur die Nuancen der Träume voneinander unterscheiden, sie sich im Kern jedoch ähneln. Die Auswertung von mehr als 12.000 Traumprotokollen ist aufwendig, ich kann daher nur verkürzen, wenn ich einige Aspekte herausgreife: Der wichtigste ist der Wunsch nach kleinen, im Kern autarken Gemeinschaften."
Musik
Auch Handy-Terror und anhaltende Hustenanfälle im Publikum konnten für Jürgen Kesting den Brahms- und Schostakowitsch-Abend mit Igor Levit bei den Salzburger Festspielen nicht eintrüben. Der Pianist spielte ein Programm von Jewgeni Kissin, der krankheitsbedingt ausfallen musste. Insbesondere die Interpretation der zweiten, während des Zweiten Weltkriegs entstandenen und die Finsternis dieser Zeit reflektierenden Klaviersonate von Schostakowitsch beeindruckte den FAZ-Kritiker: "Nach dem kontrapunktisch dichten Finalsatz war bei vielen Hörern das Gefühl staunender Irritation spürbar": "Es ist eine Komposition tastender und immer wieder neuer Anläufe. Zu Beginn des Larghetto führt eine scheinbar improvisierte Passage laufender Sechzehntel in ein melodisches Selbstzitat: die Umkehrung des Eröffnungsmotivs der ersten Symphonie. Ein in den ruhelosen Toccata-Satz eingeschobener, schnell-virtuoser Marsch hat einen sarkastischen Charakter - vielleicht den einer parodistischen Schlachtenmusik. Beklemmend der zweite Satz mit bruchstückhaften, quasialeatorisch auftauchenden melodischen Fragmenten. Dann ein dramatisch geballtes Variationsfinale: ganz und gar durchdrungen von der tiefen Trauer der russischen Musik und von einem Unterton der Gewalt - ein Weg ins Herz der Finsternis."
Weitere Artikel: Ueli Bernays berichtet in der NZZ von Streit in der Hiphop-Szene um Drake - zum Beispiel habe Kendrick Lamar dem in einem jüdischen Umfeld aufgewachsenen Kanadier in exemplarischem "schwarzen Chauvinismus" vorgeworfen, eine zu helle Hautfarbe zu haben. Jakob Biazza schreibt in der SZ zum Tod des Sängers Terry Reid.
Besprochen werden ein Konzert des European Union Youth Orchestra in Berlin (Tsp), das Album "This Every Place" des Fabian Dudek Quartets (FR), ein Abend mit Rey&Kjavik in Frankfurt (FR), Gwenno Saunders' Album "Utopia" (NZZ) und Steven Leckarts Eminem-Kinoporträt "Stans" (FAZ, SZ).
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