Im Kino

Puppenhafte Wangenknochenimplatate

Die Filmkolumne. Von Michael Kienzl
06.08.2025. Zwei ungleiche junge Frauen verlieben sich in Alexis Langlois' "Drama Queens" auf Anhieb ineinander. Doch während die eine ihre rebellische Ader auslebt, macht die andere Karriere - und kann dabei ein lesbisches Image ganz und gar nicht gebrauchen.

Schon beim ersten Blickwechsel spürt man eine elektrisierende Anziehung. Die mädchenhaft schüchterne Mimi (Louiza Aura) und die konfrontativ kernige Billie (Gio Ventura) lernen sich bei einer Casting-Show für angehende Popstars kennen. Mit den Erwartungen, die man dort an sie stellt, gehen die beiden jungen Frauen sehr unterschiedlich um. Während Mimi vor allem versucht, zu gefallen und fürs Vorsingen taktisch klug ein Lied der Jurorin - der ehemaligen 80s-Diva und mittlerweile cyborghaft schönheitsoperierten Magalie Charmer (Asia Argento) - auswählt, ist Billie voll auf Krawall gebürstet. Später sehen wir sie bei einem schweißtreibenden und auch sonstige Körpersäfte in Wallung bringenden Konzert, bei dem sie ihre kleine, aber umso ergebenere Fan-Gemeinde mit vulgären Gesten und schweinischen Liedern zur Ekstase bringt. Die Songtexte von Alexis Langlois' Langfilmdebüt erweisen sich nicht nur hier als fantasie- und liebevolle Kreationen mit einem Faible für großes Drama, expressive Metaphern und einer immer wieder ins Absurde kippenden Obszönität. "Die Dämpfe deines Auspuffs haben mich bis zur Ohnmacht zugedröhnt" haucht Billie etwa lüstern ins Mikro oder: "Wenn sie aufdreht, bekommen meine geilen Brüste einen Ständer".

Wie Plus und Minus, oder auch wie Butch und Femme, ziehen sich Mimi und Billie gegenseitig an. Mal kuscheln sie zärtlich und tauschen intime Geheimnisse aus, dann fallen sie wieder gierig schmatzend übereinander her und schwören sich ewige Liebe. So gegensätzlich wie die beiden jungen Frauen sind, verlaufen auch ihre Karrieren. Billie wird bereits beim Casting gewaltsam von der Security entfernt, während sie zur Zerschlagung des Patriarchats aufruft. Mimi geht dagegen nicht nur aus der Show als Gewinnerin hervor, sondern wird schließlich zum Superstar. Der Preis, den sie dafür zahlen muss, ist ein sauberes - heißt: von lesbischen Umtrieben bereinigtes - Image und eine heterosexuelle Keuschheits-Hymne als Welthit.

"Drama Queens" ist im Kern ein klassisches Melodram über eine zum Scheitern verurteilte Liebe und die Abgründe des Ruhms. Ins große Gefühlskino schleicht sich dabei auch immer wieder eine etwas angestaubte Mediensatire. Nicht nur die Handlung spielt in den frühen Nullerjahren, auch die grelle Überzeichnung von ausbeuterischen Casting-Shows und einem auf Anpassung getrimmtem Star-System wirkt ein bisschen aus der Zeit gefallen. Verpackt ist "Drama Queens" zudem in eine campy queere Ästhetik mit postmodernen Brechungen. Der Film beginnt mit einer überdrehten "U-Tube"-Sendung aus dem Jahr 2055, bei der Influencer Steevy Shady mit divenhaften Posen und einem wilden Englisch-Französisch-Gemisch ("les drames too much!") als Erzähler auftritt. Der genderfluide Bilal Hassani, der Frankreich 2019 beim Eurovision Song Contest vertrat, spielt auch in der eigentlichen, in Rückblenden erzählten Geschichte Steevy - damals noch als krankhaft obsessiven Fan Mimis. Für Hassanis dauerhysterische Over-the-Top-Performance braucht man als Zuschauer streckenweise starke Nerven.


Regelmäßig kehrt "Drama Queens" seine Konstruiertheit und Künstlichkeit hervor. Das Bühnenhafte der bescheidenen Studio-Settings wird trashig improvisierend betont, indem eine Welttournee Mimis lediglich durch zwei Moderatorinnen dargestellt wird, die den Star jedes Mal in einer anderen Sprache ankündigen. Der ausgestellte Do-It-Yourself-Ethos passt insofern, als der Film in einer glitzernden Welt der Trugbilder spielt. Allerdings ist "Drama Queens" glücklicherweise nur selten an bierernstem Kulturpessimismus interessiert. Statt die Abgründe einer kapitalistischen Industrie zu entlarven, spricht der Film vielmehr eine Einladung aus, den Illusionen des Pop zu verfallen. Sich zu verkleiden, mit wechselnden Identitäten zu spielen und seinen inneren Tumult mit großen Gesten nach Außen zu tragen, das alles dient letztlich der Selbstvergewisserung. Groteske Solarienbräune oder puppenhafte Wangenknochenimplatate sollen nicht in erster Linie Figuren entlarven, sondern entspringen der Lust an der Karikatur.

Pop eignet sich in "Drama Queens" nicht nur dafür, die eigene Persönlichkeit zu erforschen, er dient auch der Kommunikation. Der tatsächlich sehr ohrwurmtaugliche Song "Touche Pas" ("Finger weg") ist als sinnliches Spektakel ebenso bemerkenswert wie als Auslöser einer Kettenreaktion unter Fans. Zwei Drag Queens performen das Lied einmal im Beisein der entsetzten Mimi als vulgäres Schmierentheater, das sich über die zu diesem Zeitpunkt schon aufgeflogene Maskerade der Sängerin lustig macht. Vom einstigen Mädchen von nebenan hat sich Mimi zu diesem Zeitpunkt bereits zu einer Art frivolen Miley Cyrus während ihrer "Wrecking-Ball"-Ära gewandelt.

Am schönsten ist "Drama Queens" zweifellos, wenn er seine auf sich selbst verweisende Theatralität in mitreißenden Musical-Momenten transzendiert. Oft braucht es nur ein paar grelle Farben, Licht, Schatten und eine Menge überbordende Emotionen, um die gelegentlich etwas sterile Szenerie mit Leben zu füllen. Hingebungsvoll und referenzreich schafft Langlois seine eigene popkulturelle Mythologie, in der auch ein expressionistischer 80s-Musikclip mit Asia Argento seinen Platz hat. Das Streben nach Authentizität ist in dieser Welt nur insofern erstrebenswert, als dass man sich nicht für andere verbiegen sollte. Statt aber ihr angeblich wirkliches Selbst zu finden, spielen die Figuren lieber mit Rollen, in denen sich ihre Seelenwelt zumindest vorübergehend ausdrücken lässt. Die Selbstsuche bleibt jedoch konsequent unabgeschlossen, die Wahrheit liegt noch am ehesten im Bühnennebel.

Michael Kienzl

Drama Queens - Frankreich 2024 . OT: Les Reines du drame - Regie: Alexis Langlois - Darsteller: Louiza Aura, Gio Ventura, Bilal Hassani, Nana Benamer u.a. - Laufzeit: 114 Minuten.