Efeu - Die Kulturrundschau

Ein demokratisches Störgeräusch

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.08.2025. Die taz hat ausgeprägte Zweifel, ob Wolfram Weimers Filmförderung den deutschen Film wirklich konkurrenzfähig machen wird. Die Welt lässt sich auf dem Jerusalem Film Festival von Nadav Lapids wilder Satire auf Israels unmoralische Eliten begeistern. Die Kritiker treffen sich in Salzburg bei Ulrich Rasches Donizetti-Inszenierung "Maria Stuarda": Der Standard lobt die Stimmen, der Tagesspiegel betont den politischen Charakter des Stücks. Die NZZ bestaunt den tintenklecksförmigen Neubau des LA County Museum of Art von Peter Zumthor.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2025 finden Sie hier

Film

"Da rüstet jemand kräftig mit Wortgebimmel auf", kommentiert Tim Caspar Boehme in der taz die mit militärischen Begriffen unterfütterte Sektlaune, mit der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer seine Aufstockung der Filmförderung um nahezu hundert Prozent in der Öffentlichkeit kommuniziert. Aber "die Devise 'mehr Blockbuster und Serienhits made in Germany' kommt zwar griffig rüber, doch ob die gewünschten Produkte zu den Stärken der Filmproduktion hierzulande passen, ist eine andere Frage. ...  Listet man die Kinohits aus Deutschland der 2010er auf, liegen die 'Fack Ju Göhte'-Trilogie und Til Schweigers 'Honig im Kopf' vorn. Der Stoff für 'international konkurrenzfähige' Kinobeiträge sieht anders aus." Und "bei all den hollywood-inspirierten Großproduktionsfantasien scheint eine entscheidende Partei in der Angelegenheit kaum in den Blick geraten zu sein: die Kinos. Für sie gibt es im Haushaltsentwurf keine zusätzlichen Mittel. In der Branche stehen laut dem Vorsitzenden des Ausschusses Kultur und Medien Sven Lehmann, Grüne, jedoch hohe Investitionen an. Wenn die Bundesregierung nicht handle, drohe in kommenden Jahren ein 'Kinosterben'. Von seinem Durchbruch ist Weimer also noch weit entfernt."

Hanns-Georg Rodek hat für die Welt das Jerusalem Film Festival besucht, wo auch "Yes", der neue Film des israelischen Regisseurs Nadav Lapid gezeigt wurde, der 2019 für seinen Film "Synonyme" (unsere Festivalkritik) den Goldenen Bär der Berlinale gewonnen hatte. Sein neuer  Film - "eine wilde Satire auf das Israel nach dem 7. Oktober, auf eine Elite, die jeglichen moralischen Kompass verloren hat, auf hemmungslosen Nationalismus und kriecherisches Anpassertum" - hätte in Cannes problemlos mit Palmenaussichten im Wettbewerb laufen können, findet Rodek, wurde an der Croisette aber in einer Nebenreihe versteckt. Er "ist völlig zügellos, rücksichtslos und jenseits aller Grenzen des guten Geschmacks. Aber was bleibt, wenn die Lage in dieser Weltgegend komplett zügellos, rücksichtslos und hoffnungslos ist?" Das juckt auch die Netanyahu-Regierung, die mehrfach erfolglos versucht hatte, den Film aus dem Programm zu kegeln, auch ein Störer wurde aus der Vorführung abgeführt. Sie alle haben offensichtlich "den Film nicht gesehen, denn es gibt darin auch einen achtminütigen, zutiefst berührenden Monolog, in dem eine Frau von den Schrecken erzählt, die sie am 7. Oktober 2023 erlebt hat. In einem Brief wurde verlangt, die Vorführung zu streichen, 'was wir', sagt Festival-Chef Roni Mahadav-Levin, 'selbstverständlich nicht getan haben, denn wir bewerten Filme nicht nach ihrem politischen Standpunkt'." Kurz: "Der Kulturkampf ist in vollem Gang."

Außerdem: Im Filmdienst freut sich Karsten Essen, dass Arte eben mit allen sieben Staffeln der Serie "Mad Men" ein wichtiges Stück Fernsehgeschichte der späten Nuller- und frühen Zehnerjahre online gestellt hat (wir wünschten uns aber auch mal den "Singing Detective", aber dafür sind die Arte-Redakteure  wahrscheinlich zu jung). In der FAS macht sich Bert Rebhandl (online nachgereicht) Gedanken über den mythischen Aspekt von Superman und anderen Superhelden. Christian Aust plauscht online nachgereicht in der FAS mit der Schauspielerin Catherine Zeta-Jones. Tim Caspar Boehme erinnert in der taz an Steven Spielbergs "Der weiße Hai", der vor fünfzig Jahren in die Kinos gekommen ist und das Blockbuster-Zeitalter begründet hat. Maria Wiesner gratuliert in der FAZ dem Schauspieler Billy Bob Thornton zum siebzigsten Geburtstag.

Besprochen werden die Wim-Wenders-Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn (online nachgereicht von der FAZ), die Arte-Serie "Das Attentat - Geheimoperation Belgrad" über die Ermordung des serbischen Ministerpräsidenten Zoran Djindjic (Welt), neue Golfsport-Komödien mit Adam Sandler und Owen Wilson (Zeit Online) und Maren-Kea Freeses Ost-West-Culture-Clash-Komödie "Wilma will mehr" mit Fritzi Haberlandt (SZ, mehr dazu bereits hier).
Archiv: Film

Kunst

Gaby Hartel schwebt für die taz nahezu durch die Werkschau "A K Dolven. amazon", die das Osloer Nationalmuseum der Künstlerin ausrichtet. Schon vor der Tür geht es los mit dem einmischenden Charakter ihrer Installationen: "In 'Untuned Bell' (2010-2020) geschieht dies im Dialog mit der Überwältigungsarchitektur, die den kleinen Osloer Jachthafen dominiert: der Festung, dem gigantischen Rathaus und dem gastgebenden Nationalmuseum selbst. (…) Vor diesem Dreieck städtebaulicher Selbstdarstellung demonstriert A K Dolvens große, elegante Soundskulptur, dass ein künstlerisches Statement im öffentlichen Raum dem Publikum zugewandt sein kann. Zwischen zwei Stahlpfeilern an einem Stahlseil hängt in 20 Metern Höhe eine große, schwere Glocke, die zum Klingen gebracht wird durch das entschiedene Niederpressen eines 'Cry Baby'-Fußpedals, eines Readymades aus der Rockgeschichte. Die Assoziation der englischen Redewendung 'putting your foot down' (etwa: 'den eigenen Standpunkt behaupten') ist durchaus erwünscht. Denn jede:r Passant:in ist eingeladen, das Pedal zu bedienen und durch diesen performativen Akt nicht nur spielerisch den normierten Alltagstrott zu unterbrechen, sondern mit dem Glockensound auch ein demokratisches Störgeräusch in die Stadtratssitzungen zu senden."

Weiteres: Die überbordende Kunst des mittelalterlichen Buches "Très Riches Heures du duc de Berry" ist nach 600 Jahren zum ersten Mal in Gänze im Chateau de Chantilly zu sehen, der Auftraggeber starb, bevor er das Werk je in voller Pracht erblicken konnte, weiß Dirk Schümer in der Welt.

Besprochen werden: "Camille Claudel und Bernhard Hoetger: Emanzipation von Rodin" in der Alten Nationalgalerie (Tagesspiegel), "Joseph Kosuth: Non autem memoria" im Kunstmuseum Stuttgart (FAZ) und "Madrid Icono Pop 1964-1979" im Kulturhaus El Aguila (taz).
Archiv: Kunst

Bühne

"Maria Stuarda." Foto: Monika Rittershaus, Salzburger Festspiele.


Gefährliche Cousinenrivalität bringt Ulrich Rasche mit Gaetano Donizettis "Maria Stuarda" auf die Bühne der Salzburger Festspiele: Ljubiša Tošić vernimmt für den Standard "vokale Glanzleistungen" in der Geschichte der konkurrierenden Thronprätendentinnen. Der Regisseur "schafft einen atmosphärisch starken, abstrakten Bühnenraum, in dem Elisabetta und Maria auf ihren kreisförmigen, sich unentwegt drehenden Plattformen zu Hass- und Leidensskulpturen werden. Es dominiert ein Geh- und Drehtheater, während die Zustände der Kontrahentinnen in stilisierten Bewegungen kommuniziert werden. (…) Ob in ihrer Einsamkeit oder beim Treffen mit Elisabetta, das in Vorwürfen und Beflegelung eskaliert, wenn Maria, die Unterwürfigkeit mimt, also letztlich Elisabetta als Bastard beschimpft: All das lädt Lisette Oropesa vokal souverän mit Emotion auf. Über die reine Virtuosität hinaus formt sie das innere Geschehen der Figur zum Operndrama."

Jürgen Kesting in der FAZ findet die Sängerin der Titelrolle zwar auch ganz anständig, ganz so eingenommen ist er aber nicht: "Die Stimme von Lisette Oropresa ist ein lyrischer Sopran mit einem guten Klangspektrum. Die zahlreichen figurativen Elemente, etwa den Trillern in der Arie 'Quando di luce rosea', behandelt sie nicht als Dekor, sondern als Klagelaut, ebenso die messa di voce-Effekte in der finalen Preghiera über dem Klagechor ihrer 'famigliari'. Es war ein imponierendes Debüt, obwohl sich ihr Sopran dynamisch nicht voll entfalten konnte; vielleicht lag's an der nach hinten offenen Bühne. Kate Lindsey gehört zu den herausragenden Sängerinnen des lyrischen Fachs: in Musik von Monteverdi, Mozart, Massenet oder Offenbach. Mit der Elisabetta wurde ihr ein Tort angetan. Sie hat keine Mühe mit der Equilibristik in verzierten Passagen, aber ihrem schlanken Mezzo fehlt der voice character für die Klänge von Eifersucht, Hass und Verachtung."

Wie Regine Müller im Tagesspiegel beobachtet, erzählt Rasche "den Grundkonflikt zwischen Maria und Elisabetta als simple Eifersuchtsgeschichte. Maria laufen die Männer nach, insbesondere der von Elisabetta begehrte Roberto, und das erträgt diese nicht. Auf der Video-Scheibe sind immer wieder Close-Ups von Maria zu sehen, nach der begehrende Männerhände greifen, offenbar Elisabettas zwanghafte Fantasien. Dadurch erotisiert Rasche den Plot und unterwandert das eigene Stil-Prinzip, das immer auch inhaltlich zu lesen ist. Nämlich die unbarmherzige, zermalmende Macht der Gesellschaft zu zeigen, die im Schauspiel als skandierender Chor auftritt und hier durch die Dunkelmänner verkörpert ist. Das Individuum ist nichts, der Druck der Verhältnisse alles."

Auch Spiegel, SZ und FR berichten aus Salzburg.

Weiteres: Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz ärgert sich im Standard über das patriarchale Programm der Salzburger Festspiele. Andreas Rossmann erinnert in der FAZ an die wenig bekannte Seite des im Juli verstorbenen Claus Peymann als "kluger Kulturpolitiker."

Besprochen werden: Igor Strawinskys "Die Geschichte vom Soldaten" bei den Salzburger Festspielen mit Marionetten von Georg Baselitz, inszeniert von Matthias Bundschuh (Welt), Richard Wagners 'Lohengrin' inszeniert von Christian Thielemann bei den Bayreuther Festspielen (FAZ), Bram Tahamatas Musical "& Julia" im Hamburger Stage Operettenhaus (taz) und "Ghost Riders" von Yosi Wanunu und Peter Stamer auf dem Impulstanz-Festival Wien (Nachtkritik).
Archiv: Bühne

Architektur

Kevin Vennemann besucht Peter Zumthors Neubau des Los Angeles County Museum of Art für die NZZ und bestaunt den nun nach 19 Jahren fertiggestellten weitläufigen Bau, es befindet sich "die gesamte Ausstellungsfläche, die ungefähr doppelt so groß ist wie die des Kunsthauses Zürich, auf einem einzigen, über der Stadt schwebenden Stockwerk. Hier und dort gibt es kleine Räume, in denen sich kürzere Geschichten isoliert erzählen lassen. Sonst ist dieses eine Stockwerk, das von oben wie ein Tintenklecks aussieht oder wie ein Bumerang, ein einziger großer Raum ohne eindeutiges Zentrum. Rundherum zieht sich eine ununterbrochene, fast einen Kilometer lange Fensterfront, die das Museumsinnere in alle Richtungen zur Stadt hin öffnet. Man fühlt sich weniger wie in einem hermetischen Kunsttempel oder überhaupt wie in einem Gebäude, sondern mehr wie auf einem weiten, offenen Feld. Govan (der Museumsdirektor, d.Red.) schwärmt, dass man von überall in der Stadt auch ins Museum hineinsehen könne, das Museum sich der gesamten Stadt öffne. Er wird wissen, dass das nicht wirklich stimmt."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Zumthor, Peter

Literatur

Die FAZ hat Jona Krützfelds und Martin Schults Gespräch mit der Schriftstellerin Ulrike Draesner über Astrid Lindgren online nachgereicht. Der Schriftsteller Stefan Kutzenberger umkreist in einem Standard-Essay das Verhältnis von Hans Christian Andersen zu Österreich. Katharina Granzin macht sich in der taz anlässlich der neuen Romane von Kate Atkinson ("Nacht über Soho") und Sara Paretsky ("Wunder Punkt") Gedanken übers Altern im Krimi. In der Welt verweist Matthias Heine in einer kurzen Notiz darauf, wie liebenswürdig Astrid Lindgren ihre Vaterfiguren stets anlegte.

Besprochen werden unter anderem Isabel Allendes "Mein Name ist Emilia Del Valle" (online nachgereicht von der FAZ), Georgi Gospodinos "Der Gärtner und der Tod" (FR), der Roman "Furye" von Kat Eryn Rubik, die früher unter dem Namen Kat Kaufmann Bücher veröffentlichte (online nachgereicht von der Zeit), Constance Debrés "Play Boy" (online nachgereicht von der taz), Ghayath Almadhouns Lyrikband "Ich habe dir eine abgetrennte Hand gebracht" (online nachgereicht von der FAZ), Tan Twan Engs "Das Haus der Türen" (NZZ), Gerhard Melzers "Das lange Leben der Bücher" mit ausgesuchten Rezension zur vorrangig österreichischen Literatur (Standard), Jule Wellerdieks Bilderbuch "Kalle will nicht knuddeln" (online nachgereicht von der FAZ), Gaea Schoeters "Das Geschenk" (Standard), neue Krimis, darunter Tom Hillenbrands "Thanatopia" (FAZ), und Christian Barons "Drei Schwestern" (SZ).
Archiv: Literatur

Musik

Sven Beckstette hört für die taz neue Jazzveröffentlichungen, darunter auch Brandee Youngers "Gadabaout Season". Die Harfinistin verortet sich in der Tradition von Alice Coltrane, deren restaurierte Harfe die New Yorkerin bei sich verwahrte. Auf dem gemeinsam mit den Shabaka Hutchings, Joel Ross, Makaya McCraven und Niia Bertino eingespielten Album ist das historische Instrument tatsächlich auch teilweise zu hören. "Younger ... versteht ihr Album jedoch nicht als Anlehnung an ihre Heldin Alice Coltrane, sondern als persönliche Weiterentwicklung." Dafür "mischt sie die Klänge der Harfe mit elektronischen Soundelementen. Der Titel 'Gadabout Season' - Zeit des Herumtreibens - bezieht sich auf das Suchen und Finden von Sinn und Schönheit." Neben sehr von Coltrane inspirierten Stücken sind auch deutlich eigenständige Kompositionen zu hören, "wie 'Breaking Point': Über einem treibenden Groove aus Bass und Schlagzeug spielt Younger hier die ganze Resonanzfülle ihres Instruments von scharf gezupften Saiten bis zu an- und abschwellenden Arpeggiokaskaden voll aus."



Außerdem besprochen werden Uwe Schüttes Buch "Sternenmenschen" über David Bowies Besuch in der Nervenklinik "Künstlerhaus" im östereichischen Gugging im Jahr 1994 (online nachgereicht von der FAZ), Wolfgang Zechners Buch "Völlig schwerelos", das in 99 Songs durch die deutschsprachige Popmusik führt (Standard), ein Konzert von Kate Nash in Frankfurt (FR), ein Konzert des Joven Orquesta Nacional de España mit dem Solisten Thibaut Garcia in Wiesbaden (FR) und Ed Sheerans Auftritt in Zürich (NZZ, TA).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jan Wiele über Shel Silversteins, von Bobby Bare gesungenes Stück "Lullabys, Legends and Lies":

Archiv: Musik