Efeu - Die Kulturrundschau
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01.08.2025. "Schreiben wird zur Wunschtechnik", fürchtet Clemens J. Setz mit Blick auf die Zukunft der KI in der Literatur. Das Visuelle ist politisch, lernt die SZ in der radikalen Wolfgang-Tillmans-Schau im Centre Pompidou. Die FAZ bohrt sich mit dem Fotografen Gregor Sailer unter die Baustelle des Brenner Basistunnels. Der Freitag schaut gern zu, wenn die patente DDR-Elektrikerin Wilma in Maren-Kea Freeses "Wilma will mehr" Pech in persönliches Glück verwandelt. Und die Agenturen melden den Tod des Regisseurs Robert Wilson.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
01.08.2025
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Literatur
Die Literarische Welt hat Jan Küvelers Gespräch mit Clemens J. Setz über Künstliche Intelligenz aus ihrer Ausgabe vom Samstag online vorgereicht. Der Schriftsteller steht der ganzen Forschung mit äußerster Skepsis gegenüber, nicht nur, aber auch, was die Literatur betrifft: "Bald wird es Menschen geben, die nie gelernt haben, lange Texte zu lesen, aber trotzdem Texte produzieren. Weil sie sie erzeugen lassen. Sie werden lernen, besser zu prompten, besser zu kuratieren. Das Schreiben wird zur Wunschtechnik. Und vielleicht wird es irgendwann niemanden mehr geben, der diese Texte noch menschlich prüft. Dann zirkulieren sie nur noch zwischen Maschinen. ... Es ist ein Mythos, dass man erst durch Lesen und Schreiben zum Menschen wird. Das ist veraltet und wird auch gar nicht mehr gelebt. Die nächste Phase der Alphabetisierung wird sich auszeichnen durch einen Tunnelblick: Du musst diese Texte irgendwie erzeugen. Jeder weiß, sie kommen nicht von dir, aber trotzdem wird es noch aus deiner Richtung kommend verlangt: 'Bitte reichen Sie Ihr Ansuchen ein.' Sie müssen das irgendwie wünschen, dann wird es geliefert."
Weiteres: Die Schriftstellerin Teresa Präauer (SZ), der Dichter Arne Rautenberg (FAZ), Björn Hayer (FR) und Thomas Schmid (Welt) erinnern an Ernst Jandl, der heute 100 Jahre alt geworden wäre. Auf Queer Nations verteidigt Till Randolf Amelung die Schriftstellerin J.K. Rowling, die gestern 60 Jahre alt geworden ist, vor dem Vorwurf der Transphobie. Besprochen wird unter anderem Annette Pehnts "Einen Vulkan besteigen" mit "minimalen Geschichten" (FR). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Weiteres: Die Schriftstellerin Teresa Präauer (SZ), der Dichter Arne Rautenberg (FAZ), Björn Hayer (FR) und Thomas Schmid (Welt) erinnern an Ernst Jandl, der heute 100 Jahre alt geworden wäre. Auf Queer Nations verteidigt Till Randolf Amelung die Schriftstellerin J.K. Rowling, die gestern 60 Jahre alt geworden ist, vor dem Vorwurf der Transphobie. Besprochen wird unter anderem Annette Pehnts "Einen Vulkan besteigen" mit "minimalen Geschichten" (FR). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

Mit gleich vier Ausstellung ist 2025 das große Jahr von Wolfgang Tillmans, die "größte und radikalste" Ausstellung aber findet unter dem Titel "Nothing could have prepared us / Everything could have prepared us" im Pariser Centre Pompidou statt, notiert ein hingerissener Jörg Häntzschel, der sich für die SZ auf einen "intellektuellen" Parcours durch Tillmans' Lebenswerk begibt: "Tillmans arbeitet oft wie ein Dokumentarist des politischen Wandels, sucht wie ein Reporter Orte auf, an denen Geschichte stattfindet: Er fotografiert russische Soldaten vor einer Dior-Boutique in Moskau, 'Black Lives Matter'-Demos, die amerikanisch-mexikanische Grenze. Doch kaum ist das Wichtige aufgezeichnet, konterkariert er dessen Bedeutsamkeit zum Teil wieder: vielleicht mit einem Foto von einem Vogel, von zwei Eiern auf einem Teller oder einer Gruppe kartenspielender Hausangestellter in Hongkong. ... Das Visuelle ist politisch, betont Tillmans in seinen Fotos immer wieder."

Seit drei Jahrzehnten zieht das Ausstellungsprojekt "Rohkunstbau" durch verschiedene Schlösser in Brandenburg und hält dieses Jahr mit der Ausstellung "Ästhetische Wiederbewaffnung" mal wieder im Schloss Altdöbern in der Lausitz Einzug, freut sich Katrin Bettina Müller in der taz. Die Werke, die hier ausgestellt werden, tragen keine platten politischen Botschaften, sondern überzeugen durch "Verführung, Überschwang, morbide Schönheit, dramatisches Spiel, witzige Fiktionen, märchenhafte Elemente", staunt Müller. Etwa die Arbeit "All her Colours" von Birgit Dieker, die mit Textilien, Altkleidern und ihren Gebrauchsspuren arbeitet: Ihre Skulptur, "aus vielen Schichten Stoff gebaut, wölbt sich wie ein Mantel mit Kapuze über einem schwarzen Stamm mit Wurzeln, ebenfalls detailreich aus Stoffen geformt. Das Gewachsene und das Menschengemachte bilden zusammen eine hybride Figur. Umgeben ist sie von bukolischen Szenen in den alten Wandbildern. Was dort noch als Harmonie inszeniert ist, muss in Diekers Arbeit die Balance immer wieder neu tarieren."
Bühne
Den Tod von Claus Peymann hat die Theaterwelt noch längst nicht verdaut (unsere Resümees), schon muss sie den nächsten Verlust verkraften: Im Alter von 83 Jahren ist der amerikanische, oft in Deutschland wirkende Theaterregisseur Robert Wilson gestorben - der "Meister der Verfremdung von Natürlichkeit, der seine Zuschauer mit ritueller Langsamkeit und mysteriösem Bilderfluss zugleich verstörte und bannte", wie es in dpa-Meldung heißt. Einen ersten Nachruf bringt Andreas Rossmann, der in der FAZ vor allem Wilson avantgardistisches Verständnis von Theater würdigt. Es hatte "mit der anderen Aneignung von Wirklichkeit zu tun: Als Kind litt Wilson unter Sprachstörungen, von denen er erst im Alter von siebzehn Jahren geheilt wurde. Während des Kunst- und Architekturstudiums am Pratt Institute in New York begeisterte er sich für die Ballette von George Balanchine und Merce Cunningham. Mit behinderten Kindern machte er therapeutisches Theater, von dem er sich abwandte, um sein zweckfreies, autonomes Theater zu entwerfen." In der taz erinnert Katrin Bettina Müller an den "Zeremonienmeister von Licht, Zeit, Klang und Farben". Im Dlf Kultur ruft Oliver Reese nach.
Von einigem Hin und Her an den Münchner Kammerspielen berichtet Stefan Trinks in der FAZ: Dort hatte die tunesische Sängerin Emel Mathlouthi in ihrem Konzert vergangenen Samstag eine an Delacroix' Gemälde "Die Freiheit führt das Volk" angelehnte Fotografie Mustafa Hassounas vom 22. Oktober 2018 gezeigt, die den Palästinenser Aed Abu Amro beim gewalttätigen Aufstand gegen die israelische Blockade in Gaza darstellt. Das Bild war allerdings auch "unmittelbar nach dem Massaker vom 7. Oktober auf sehr vielen der Triumphdemos für die Hamas hochgehalten" worden, erinnert Trinks. Die Kammerspiele hatten drei Tage lang eine Entschuldigung auf ihrer Webseite stehen, die dann wieder verschwand. Für Trinks bleibt die antiisraelische Absicht des Bildes klar: "Indem der Delacroixsche Freiheitskämpfer zum palästinensischen David mit Schleuder umgedeutet wird, stellte sich bei jedem Zeigen des Bildes nach dem Hamas-Massaker nicht nur eine Täter-Opfer-Umkehr ein, vielmehr auch ein Auf-den-Kopf-Stellen des gesamten Narrativs."
Weiteres: In der Welt zieht Manuel Brug eine bittere Zwischenbilanz der Salzburger Festspiele, (unsere Resümees) zumindest, was das Sprechtheater betrifft: "Ein Tiefstand scheint ... 2025 erreicht, einer Saison, die lediglich noch das abwickelt, was die vom künstlerischen Leiter Markus Hinterhäuser erwählte, aber schnell wieder demissionierte exilrussische Schauspielchefin Marina Dawydowa so zusammengekauft hatte." Deutlich gnädiger urteilt Christian Wildenhagen in der NZZ. In der FAZ hat Jürgen Kesting leise Hoffnung, dass die amerikanische Sopranistin Lisette Oropesa, die bei den Salzburger Festspielen in der Hauptrolle der "Maria Stuarda" von Gaetano Donizetti auf der Bühne steht, die Ära der großen Diven nochmal aufleben lässt. Besprochen wird außerdem Jay Scheibs "Parsifal"-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen (FAZ).
Von einigem Hin und Her an den Münchner Kammerspielen berichtet Stefan Trinks in der FAZ: Dort hatte die tunesische Sängerin Emel Mathlouthi in ihrem Konzert vergangenen Samstag eine an Delacroix' Gemälde "Die Freiheit führt das Volk" angelehnte Fotografie Mustafa Hassounas vom 22. Oktober 2018 gezeigt, die den Palästinenser Aed Abu Amro beim gewalttätigen Aufstand gegen die israelische Blockade in Gaza darstellt. Das Bild war allerdings auch "unmittelbar nach dem Massaker vom 7. Oktober auf sehr vielen der Triumphdemos für die Hamas hochgehalten" worden, erinnert Trinks. Die Kammerspiele hatten drei Tage lang eine Entschuldigung auf ihrer Webseite stehen, die dann wieder verschwand. Für Trinks bleibt die antiisraelische Absicht des Bildes klar: "Indem der Delacroixsche Freiheitskämpfer zum palästinensischen David mit Schleuder umgedeutet wird, stellte sich bei jedem Zeigen des Bildes nach dem Hamas-Massaker nicht nur eine Täter-Opfer-Umkehr ein, vielmehr auch ein Auf-den-Kopf-Stellen des gesamten Narrativs."
Weiteres: In der Welt zieht Manuel Brug eine bittere Zwischenbilanz der Salzburger Festspiele, (unsere Resümees) zumindest, was das Sprechtheater betrifft: "Ein Tiefstand scheint ... 2025 erreicht, einer Saison, die lediglich noch das abwickelt, was die vom künstlerischen Leiter Markus Hinterhäuser erwählte, aber schnell wieder demissionierte exilrussische Schauspielchefin Marina Dawydowa so zusammengekauft hatte." Deutlich gnädiger urteilt Christian Wildenhagen in der NZZ. In der FAZ hat Jürgen Kesting leise Hoffnung, dass die amerikanische Sopranistin Lisette Oropesa, die bei den Salzburger Festspielen in der Hauptrolle der "Maria Stuarda" von Gaetano Donizetti auf der Bühne steht, die Ära der großen Diven nochmal aufleben lässt. Besprochen wird außerdem Jay Scheibs "Parsifal"-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen (FAZ).
Film

Maren-Kea Freese (geboren in Hannover, wie jede Kritik anmerkt) erzählt mit "Wilma will mehr" die Geschichte einer einfachen Elektrikerin aus der DDR, die Ende der Neunziger aus der Lausitz nach Wien geht. Gespielt wird sie von Fritzi Haberlandt (geboren in Berlin-Ost, was ebenso jede Kritik anmerkt). "Besonders schön ist Freeses Film immer dann", schreibt Barbara Schweizerhof im Freitag, "wenn man die patente Wilma dabei beobachten darf, wie sie ihr Pech in persönliches Glück verwandelt. Als vielseitige Handwerkerin, als Mitbewohnerin, die stolz ihre DDR-Identität in einer Bohemien-WG verteidigt, oder auch als Tanzlehrerin, die japanischen Touristen den Wiener Walzer beibringt." Michael Pilz (Welt) verlässt den Kinosaal derweil mit Fragen. "Noch ein Film über den Osten und die Ostdeutschen" also, aber will Freeses "Film wirklich wissen, wie die sogenannten Ostfrauen waren und vielleicht sogar noch sind? Oder ist Wilma wie sie ist, weil es der Film und die Ost-West-Debatten drei Jahrzehnte nach dem Ende eines immer märchenhafter wirkenden anderen deutschen Staatswesens gern hätten? Filme zeigen Fantasien und Fiktionen in Klischees, Kulissen und Kostümen." Und "zum filmreifen Klischee haben sich auch die Ostdeutschen verdichtet, vor allem die Ostfrau."

Im Standard freut sich Christian Schachinger, dass Pamela Anderson nach "The Last Showgirl" (mehr dazu hier) ihr Comeback mit der (auf Zeit Online besprochenen) Komödie "Die nackte Kanone" (unser Resümee) ausbauen kann.
Besprochen werden Maren-Kea Freeses Wendegeschichte "Wilma will mehr" mit Fritzi Haberlandt (Freitag, Welt), Viktor Jakovleskis und Nikias Chryssos' Technofilm "Rave On" (Welt, mehr dazu hier), Daniel Abmas Dokumentarfilm "Im Prinzip Familie" (Freitag), Nick Hamms britischer Blockbuster "William Tell" (NZZ) sowie Elsa Bennetts und Hippolyte Dards Alkoholikerinnen-Schwank "Die guten und die besseren Tage" (SZ).
Architektur

Zwei Jahre lange durfte Gregor Sailer dort fotografieren, wohin sonst nur Ingenieure und Arbeiter kommen: Auf der Baustelle des Brenner Basistunnels, der 2032 fertig sein soll und dann mit 64 Kilometern Länge der längste Eisenbahntunnel der Welt sein wird, weiß Hannes Hintermeier (FAZ), der in den Bann gezogen wird von den Aufnahmen, die nun in der Ausstellung "Brücken durch die Zeit: Architektur des Unsichtbaren" in der Festung Franzensfeste gezeigt werden: "Seine Bilder verbreiten eine unheimliche Stille, die dort, wo sie entstanden, nicht herrscht. Die Baustellen, die bis zu 1700 Meter tief unter der Oberfläche liegen, fordern mit hoher Luftfeuchtigkeit, Hitze, Lärm, Dunkelheit, Windzug, Vibrationen, Sprengungen. Sailer hält diese Unterwelt ganz altmodisch mit einer analogen Fachkamera fest, arbeitet mit Großformaten. … er zeigt mit Präzisionsästhetik eine verborgene Welt, die Geburt einer Europa verändernden Infrastruktur. Dazu braucht er kein Personal, seine Bilder sind menschenleer."
In der SZ ruft Gerhard Matzig dem im Alter von 81 Jahren gestorbenen Architekten Helmut Swiczinsky, Mitbegründer des Architekturbüros Coop Himmelb(l)au, aus dem er nach einem Bruch mit Kompagnon Wolf Prix ausschied, nach: Ihre anregendsten Bauten waren immer etwas, "das die Schwerkraft herausfordert. Wenn nicht die der Physik, so doch die des Geistes. Die Namen der frühen Swiczinsky-Prix-Projekte sagen schon alles: The Cloud' (...), 'Herzraum Astroballon', 'Haus mit fliegendem Dach', 'Flammenflügel'. Kunst, um der Kunst willen? Nein. Das war Kunst, um der Architektur willen. Nur wenigen anderen 68ern ist es damals gelungen, das nachkriegsmodern-müde Bauen mit einer Überdosis an politischer und gesellschaftlicher Utopie, die zugleich der Ästhetik geschuldet ist, zu revitalisieren."
Auch den Tod des im Alter von 88 Jahren gestorbenen Architekten und Hochschullehrers Uwe Kiessler betrauert Gerhard Matzig in der SZ; war er doch an der TU München dessen Schüler. In der FAZ schreibt Niklas Maak.
Musik

Außerdem: Sehr gut findet es Cornelius Pollmer in der Zeit, dass sich die schwarzrote Koalition wenigstens auf Roland Kaiser einigen kann, "weil Roland Kaiser jenes Deutschland verkörpert, von dem es jetzt mehr braucht". Besprochen werden Paul Wellers Album "Find El Dorado" (Presse), Burkard Kunkels Album "Monxarella" mit Interpretationen von Stücken von Thelonious Monk (FR) und Frankie Cosmos' neues Album "Different Talking" ("ein Album übers Älterwerden aus der Perspektive eines sympathischen Millennials aus New York", freut sich Johann Voigt in der taz).
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