Efeu - Die Kulturrundschau

Gehen wir zurück an den Ursprung

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31.07.2025. Ein echtes Theaterjuwel findet die SZ im Salzburger Marionettentheater mit Igor Strawinskys "Geschichte vom Soldaten", die mit Puppen von Georg Baselitz erzählt wird. Im Zeit-Interview spricht Isabel Allende über ihren Roman "Mein Name ist Emilia", der vom Militärputsch in Chile im 19. Jahrhundert handelt. Die FAZ bestaunt derweil das nachhaltige Bauprojekt Thoravej 29 in Kopenhagen. Die FR jubelt über die befreiende Nichtsnutzigkeit von Akiva Schaffers Reboot des Nonsense-Klassikers "Die Nackte Kanone". 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2025 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Die Geschichte vom Soldaten". Foto: Bernhard Müller.

Abseits der großen Bühnen findet Reinhard J. Brembeck für die SZ im Salzburger Marionettentheater ein kleines Theaterjuwel: Matthias Bundschuh inszeniert Igor Strawinskys Musiktheater "Die Geschichte vom Soldaten" und der Kritiker ist absolut begeistert! Allein schon die Puppen: geschaffen hat sie niemand anderes als der Maler Georg Baselitz. "Mit Pappe hat er die Marionetten gebaut, die deshalb kahl und nackt wie Roboter daherkommen. Nur die aus Blech geknautschten Köpfe sind verschieden einfarbig, braun der des Soldaten, rot der des Teufels, blau der der Prinzessin, dazu Knopfaugen. Die Figurinen sind Baselitz-typisch roh, heftig und mit der Energie von Blitzen aufgeladen, springen also die Gefühle an. Realismus hat hier keine Chance, die Kunst von Baselitz wie von Strawinsky zielt auf artifizielle Abstraktion, Realismus ist beiden ein Gräuel, da er die Rechte der Fantasie beschneidet. Und für Seele haben weder Strawinsky noch Baselitz noch die neun famosen (...) Puppenspieler etwas übrig."

Szene aus "Benjamin in Port-Bou". Foto: David Ruano

Eine wuchtige Oper über ein einsames Ende bekam FAZ-Kritiker Hans-Christian Rößler im Gran Teatre del Liceu in Barcelona zu sehen. Antoni Ros-Marbàs hat das Schicksal Walter Benjamins, der sich auf der Flucht vor den Nazis im spanischen Hafenort Port-Bou das Leben nahm, in einem Stück verarbeitet. Anna Ponces inszeniert hervorragend, trotzdem kommt man manchmal ein bisschen schwer mit, findet Rößler, auch weil so viele Zeitgenossen und Benjamin-Figuren ihren Auftritt bekommen: "Neben dem 'Angelus novus', dessen Klee-Zeichnung Benjamin im Gepäck hat, Hannah Arendt, Bertolt Brecht, Gershom Scholem, seine Ehefrau und seine Geliebte und den buckligen Zwerg (...) Einen ungewöhnlich vitalen und wenig resignativen Benjamin verkörpert der amerikanische Tenor Peter Tantsits nicht nur in Portbou, sondern auch in Berlin, Neapel und Ibiza: Anfang der Dreißigerjahre ist Benjamin zum ersten Mal länger in Spanien. Er verbringt zweimal unbeschwerte Monate auf der damals noch unberührten Baleareninsel."

Weiteres: Christine Lemke-Matwey resümiert in der Zeit ihre Eindrücke von den Salzburger Festspielen, die für sie bisher eher enttäuschen. Ebenfalls in der Zeit berichtet Berit Dießelkämper von ihren Erfahrungen als Statistin bei den Opernfestspielen in Verona. In der taz berichtet Uwe Mattheis vom Wiener Impulstanz-Festival. Besprochen wird Dusan David Parízeks Inszenierung von Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit" bei den Salzburger Festspielen (FR).
Archiv: Bühne

Architektur

Das Innere von Thoravej 29. Foto: Emilia Boeng Nordland.

Eine beeindruckendes und dazu nachhaltiges Projekt kann FAZ-Kritiker Paul Ingendaay in Kopenhagen bestaunen. Der Architekt Søren Pihlmann hat mit Thoravej 29 ein Co-Working Gebäude geschaffen, in dem mehr als dreißig Firmen Platz finden. Das Ganze ist auch noch nachhaltig: "Die Teile der früheren Ziegelsteinmauer wurden um neunzig Grad umgeklappt und bilden einen Teil des Bodens. Aus Holzresten wurden große Tische, als Füße dienen alte Betonblöcke. Die luftigen Räume - doppelt so hoch wie früher - haben einen rauen, aber auch coolen Chic entstehen lassen. Kaum etwas musste weggeworfen werden. Ein Bericht der Technischen Universität Dänemark (DTU) über das Projekt hat ergeben, die CO2-Emissionen hätten nur ein Drittel bis ein Neuntel eines vergleichbaren Neubaus betragen, schreibt die Zeitschrift 'Bauwelt' anerkennend. Außerdem seien 95 Prozent der Originalmaterialien wiederverwendet oder recycelt worden. 'Wenn Sie so wollen', sagt Søren Pihlmann, 'gehen wir zurück an den Ursprung.'"
Archiv: Architektur

Film

Außer Atem: Liam Neeson in "Die Nackte Kanone"

Quietschfidel kommt Kamil Moll nach Akiva Schaffers "Die Nackte Kanone" aus dem Kinosaal getänzelt. Das mit Liam Neeson besetzte Reboot des Nonsense-Klassikers der späten Achtziger überzeugt auf ganzer Linie. Der Film "beherzigt die wichtigste Regel typischer ZAZ-Produktionen", schreibt er in der Welt: "Schauspieler in tragenden Rollen zu besetzen, die in der popkulturellen Wahrnehmung noch kaum als Komödiendarsteller gesetzt sind. Und sie so spielen zu lassen, als würden sie als Einzige scheinbar nicht wissen, dass sie permanent Pointen erzeugen." Da Komödien praktisch aus dem amerikanischen Kino verschwunden sind, wundert es Moll nicht, "dass 'Die nackte Kanone' in Bezug auf Tempo und Gag-Dichte geradezu überzukompensieren scheint, atemlose 85 Minuten lang Witz auf Witz schichtet, als gelte es Rechtfertigungen für die eigene Existenz zu liefern. Wenn am Ende aber selbst die Abspann-Credits noch gefüllt sind mit Sehtests und einer Aufzählung der gängigsten Netflix-Passwörter, ist diese Beweisführung in eigener Sache abgeschlossen."

Der Film "ist von einer so befreienden Nichtsnutzigkeit, dass man sich fragt, wie Hollywood ausgerechnet das Dümmste seiner erfolgreichen Franchises so lange brachliegen lassen konnte", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Nichts zündet wirklich", murrt hingegen Axel Timo Purr auf Artechock. Auch nicht rundum überzeugt ist SZ-Kritiker Jakob Biazza. Gelacht hat er schon auch, aber dem Film mangelt es "oft an der nötigen Nonchalance. Und noch etwas mehr an der getriebenen Akribie des Regisseur- und Drehbuchautoren-Trios Jim Abrahams und David und Jerry Zucker. Jener Akribie, mit der die drei besonders im ersten Teil ihre vermeintlichen Brachialwitze erst vorbereiteten - und dann exekutierten. Mit der sie vor allem in den Achtzigern das ganze hohle Hollywood-Pathos persiflierten und damit pulverisierten."

Weitere Artikel: Cosima Lutz widmet sich in einem Filmdienst-Essay der Schauspielkunst von Fritzi Haberlandt, die aktuell in Maren-Kea Freeses "Wilma will mehr" (besprochen bei Artechock) zu sehen ist. In seiner Artechock-Glosse verzweifelt Rüdiger Suchsland über den Jubel der deutschen Produzenten über den gestern beschlossenen Geldsegen der Filmförderung für die Branche, denn "der derzeitige Umgang der Filmförderung mit dem Kinofilm ist lieblos und kenntnislos. Er droht diesen zu zerstören." Marina Razumovskaya besucht für die taz den Fundus der 1907 gegründeten Berliner Theaterkunst GmbH, deren Vorräte heute internationalen Film- und Fernsehproduktionen dienen. Außerdem erinnert Rüdiger Suchsland in einer neuen Artechock-Reihe mit Klassikerbesprechungen an Bernardo Bertoluccis "Der letzte Kaiser".

Besprochen werden Kyle Newachecks "Happy Gilmore 2" mit Adam Sandler (Perlentaucher), Nikias Chryssos' und Viktor Jakovleskis Technofilm "Rave On" (taz, Artechock, critic.de, mehr dazu bereits hier), Alvaro Longorias Dokumentarfilm "Ecce Homo" über ein unbeachtete in einer Wohnung hängendes Gemälde, das sich als echter Caravaggio entpuppte (FR), Pia Hierzeggers Regiedebüt "Altweibersommer" über drei Frauen im Urlaub (Tsp), Elsa Bennetts und Hippolyte Dards "Die guten und die besseren Tage" (Standard), Michael Shanks' "Together - Unzertrennlich" (taz) und die Apple-Serie "Chief of War" (taz).
Archiv: Film

Design

Rico Puhlmann, T-Shirts aus Baumwollstrick von Elaine Post Ltd. und Knitquake, 1971 (Rico Puhlmann Archive / Museum für Fotografie Berlin)

Brigitte Werneburg empfiehlt in der taz eine Ausstellung im Berliner Museum für Fotografie der historischen Modefotografien von Rico Puhlmann. Indem dieser "die Trends des Street Styles wie Plateauschuhe, Kniestrümpfe oder riesige Goldkreolen sehr genau beobachtete, lieferte er einen direkten, unverstellten Blick auf die Jugendkultur, wie ihn die damalige Modepresse nicht kannte. Ihm war auch der modische Einfluss von New Hollywood mit Filmen wie 'Chinatown', 'The Clou' oder 'The Great Gatsby' vor allem auf junge Männer bewusst. Als echter Mode-Aficionado selbst Teil der Pop- und Subkultur konnte er ab 1980 mit seinem Engagement bei GQ an der Seite von Bruce Weber das Bild eines neuen, modernen Mannes entwerfen, der natürlich längst schon in den Straßen der internationalen Metropolen unterwegs war. Dank seines sportlich gestählten Körpers konnte der neue Mann Kleidung lässig tragen. Weiche, fließende Stoffe waren kein Tabu mehr. Ja, er durfte es sich selbst bequem machen, wie Puhlmanns Aufnahme von zwei regelrecht hingebetteten Männermodels 1982 in GQ zeigt."
Archiv: Design

Literatur

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Sandra Kegel liest für die FAZ die aktuellen Romane von Rachel Kushner und Nell Zink, zwei Amerikanerinnen, die darin reizvollerweise beide auf Europa blicken - im Falle von Zink freilich aus der Perspektive einer Autorin, die seit vielen Jahren bei Berlin lebt. "In Kushners abgeschiedener Gesellschaft Südfrankreichs, die sich der Zivilisation entzieht, um so etwas wie einen spirituell-politischen Urzustand zu erreichen, wird Europa zu einem Archiv alter Möglichkeiten. Nell Zinks Berlin ist das Gegenteil: urban, dekadent, übercodiert. 'Sister Europe' zeichnet ein Europa der Preisverleihungen, Milieublasen, Wokeness-Diskurse und migrantischen Identitäten und zieht es durch den Kakao, ohne herablassend zu werden. Wir alle finden uns wieder in dieser Nacht, die zur Projektionsfläche nicht nur amerikanischer Selbstverortung wird." Unser Podcast-Team sprach in der zweiten Folge des "Bücherbriefs Live" mit Zink.

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Für die Zeit unterhält sich Julia Voss mit der Schriftstellerin Isabel Allende, deren aktueller Roman "Mein Name ist Emilia del Valle" vom Militärputsch in Chile im 19. Jahrhundert handelt. An der Geschichte reizte sie "die Tatsache, dass es Parallelen zu 1973 gibt. 1891 und 1973 hatten" die Chilenen "einen progressiven Präsidenten, der im Rahmen der Verfassung und des demokratischen Prozesses Veränderungen im Land herbeiführen wollte. Er stieß auf großen Widerstand, vor allem von den Konservativen. In beiden Fällen eskalierte der Konflikt so weit, dass das Militär eingriff. In beiden Fällen beging der Präsident Suizid, weil er beschlossen hatte, weder aufzugeben noch ins Exil zu gehen." Auch um Unseld, der auf der Frankfurter Buchmesse einst buchstäblich vor ihr auf die Knie ging, geht es in dem Gespräch: Die Suhrkamp-Kultur "hatte nichts mit meiner Realität zu tun. Ich hatte keine Ahnung, dass Suhrkamp ein solches Prestige hatte, dass Siegfried eine solche Ikone in der Verlagswelt war. Ich versuchte nur zu überleben. Meine Ehe war am Zerbrechen, mein Mann war bankrott. Wir zahlten seine Schulden mit dem 'Geisterhaus' ab."

Weitere Artikel: Andreas Platthaus stellt auf FAZ.net das neue französische Comicmagazin Charlotte vor, bei dem vieles darauf hindeutet, dass es "sich moralischen Skrupeln bewusst verweigert", es damit nach Platthaus' Ansicht aber auch übertreibt: "Die Freiheit, die es sich nimmt, sollte kein Freibrief für jegliche Form von Geschmacklosigkeit sein." Paul Jandl erinnert in der NZZ an den Lyriker Ernst Jandl, der vor 100 Jahren geboren wurde. Bettina Müller erinnert in der taz an den Schriftsteller Gotthold Lehnerdt, der sich in den 1920-ern für stigmatisierte Gruppen einsetzte, schließlich aber in die NSDAP eintrat. Else Laudan schreibt in der taz einen Nachruf auf die Krimiautorin Doris Gercke.

Besprochen werden unter anderem die von Sergej Lebedews herausgegebene Anthologie "Nein! [njet]". Stimmen aus Russland gegen den Krieg" (FAZ), Marlene Streeruwitz' "Auflösungen" (Zeit) und Jonas Hassen Khemiris "Die Schwestern" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Musik

"An den Wiener Philharmonikern ist der Zug der Zeit vorbeigefahren", seufzt Jan Brachmann in der FAZ. Großes hat er von ihnen lange nicht mehr gehört, in fast allen früheren Spezialgebieten haben mittlerweile andere Orchester die Nase vorn, so sein Befund. "Die aktuelle Situation bei den Salzburger Festspielen ist nun pikant, weil der Dirigent Esa-Pekka Salonen diesen Sommer die szenische Einrichtung von Arnold Schönbergs 'Erwartung' in Verbindung mit dem 'Abschied' aus Gustav Mahlers 'Lied von der Erde' dirigierte, dazu auch das Konzert mit Igor Strawinskys 'Oedipus Rex', kombiniert mit der 'Symphonie fantastique' von Hector Berlioz. Salonen war nämlich schon die Zentralgestalt der diesjährigen Osterfestspiele - dort freilich mit dem Finnischen Rundfunk-Sinfonieorchester. Der direkte Vergleich zeigt: Am Dirigenten liegt es nicht, wenn jetzt, im Sommer, fast alles pauschal, konturlos und konfektioniert klingt - die Leistungen einzelner Holzbläser ausgenommen. ...  Dass man in Saarbrücken und Wuppertal orchestral einen besseren Schönberg hört als in Salzburg, ist schon bemerkenswert."

Ozzy Osbourne mag tot sein, aber Metal kann ja gar nicht sterben, schreibt Jens Balzer in der Zeit, "weil es sich beim Metal eben zunächst und zuletzt um spirituelle Musik handelt, um Musik zur Erhebung des Geistes. Und das Bedürfnis nach dieser Art von Musik ist unstillbar, zumal in spirituell so obdachlosen Zeiten wie den heutigen. Metal erhebt den Geist, weil er den Körper verlässlich zu Boden drückt durch kompetenten Einsatz von Lautstärke und Bass. ... Metal ist meditative Musik, gerade die von Sunn O))) eignet sich hervorragend zur inneren Einkehr und zum Yoga. Doom-Metal-Yoga gehörte in den vergangenen Jahren zu den interessantesten Trends in der Yogaszene. ... Es ist Musik, die fremde Menschen - gerade auch Männer, die sich sonst dagegen wehren - zu zärtlichen Gemeinschaften verbindet; und es ist eine Musik, die dazu geeignet ist, alte Kulturen und archaisches Wissen in die Gegenwart zu retten." Aktuell lässt Balzer die Mähne im übrigen am liebsten zum aktuellen Album "Ül" der chilenischen Band Mawiza rotieren.



Außerdem: Frederik Hanssen freut sich im Tagesspiegel, dass in Berlin auch im Sommer kaum ein spielfreier Tag zu vermelden ist. Besprochen wird das Berliner Konzert der aktuellen Iron-Maiden-Tour (Tsp).
Archiv: Musik