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29.07.2025. Die FAZ sieht sich in der russischen Kunstszene um, in der das Tabu, den Krieg nicht zu thematisieren, nicht gilt, wenn die "militärische Spezialoperation" gefeiert wird. In Bonn begegnet die FAZ derweil dem treuesten Begleiter des Menschen. Dank Peter Sellars erfahren die Theaterkritiker bei den Salzburger Festspielen, wie sehr Mahler und Schönberg harmonieren. Die SZ schwebt wie eine klirrende Partikelwolke durch Nikias Chryssos' und Viktor Jakovleskis Techno-Film "Rave On". Und Zeit Online überlegt, ob enge Fan-Beziehungen Spotify die Kunden abgraben.
Aktuell: Karl Schlögel erhält den Friedenpreis - mehr dazu in 9punkt.
Martina Wagner-Egelhaaf berichtet in der FAZ vom alle fünf Jahre (und diesmal in Graz) stattfindenden 25. Kongress der Internationalen Vereinigung für Germanistik, bei dem es um "Sprachen und Literatur in Krisenzeiten" als Herausforderung für die geisteswissenschaftliche Disziplin ging. "Dass man die drängenden Fragen der Zeit nicht aufgegriffen hätte, kann man dem rund 1100 Vorträge umfassenden Kongressprogramm nicht vorwerfen: Die Veränderung der Lesekultur im Zeichen der Digitalisierung, Künstliche Intelligenz zwischen Generativität und Kreativität, Migration, Flucht und Krieg als Themen in der Literatur, Folgen der Pandemie, Diskurspraktiken sozialer Fremdpositionierung, Diversität im Sprachunterricht, sprachliche Intensivierung in Krisenzeiten - die Erkenntnis, dass dabei kleine Wörter wie 'so' oder 'wie' eine dramatisierende Wirkung haben können, ist das Privileg philologischen Fragens. ... Die politischen, sozialen und ökologischen Krisen der Gegenwart wird das Fach auch nicht bewältigen können, doch erschöpft sich seine Zuständigkeit nicht in der sprachkritischen Analyse, vielmehr befördert es im Umgang mit komplexen ästhetischen Sprachformen das, was Robert Musil den 'Möglichkeitssinn' genannt hat."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der Perlentaucher-Kolumne "Wo wir nicht sind" stellt Benita Berthmann Lai Wens Roman "Himmlischer Frieden" vor, der vor dem Hintergrund des Massakers auf dem Tiananmen-Platz spielt: "Lai ist unzufrieden, weiß aber natürlich, dass sie kaum eine Chance hat, sich gegen die Übermacht der Diktatur zu wehren. Genau deswegen kann man sich allerdings auch gut mit ihr identifizieren, würde ich sagen, sie ist keine große Widerstandskämpferin, traut sich insbesondere nach der Episode in ihrer Kindheit nicht, den Mund aufzumachen und steht so für die breite Masse an jungen Leuten, die keine Lust auf ihre Regierung haben und ebenso wenig Lust darauf, für ihre Meinung eingesperrt zu werden,und die sich deshalb entschließen, einfach auszuharren. Sie nimmt keine exponierte Sonderstellung ein. Und so erzählt Lai Wen die Geschichte einer ganz gewöhnlichen Person und nicht die hundertste Heldengeschichte, in der wieder jemand ganz unvorstellbare Dinge vollbringt."
Außerdem: Kindercomic-Verleger Michael Groenewald spricht sich im SZ-Interview mit Christine Knödler (wohl nicht völlig uneigennützig) dafür aus, dass Kinder mehr Comics lesen sollten. Die Agenturen melden, dass die KrimiautorinDorisGercke gestorben ist. Besprochen werden unter anderem Philipp Dorestals Monografie über FrantzFanon (FR) und MichaelStavaričs Langgedicht "spüren" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Verloren im Labyrinth: "Rave On" (Telos Pictures) NikiasChryssos' und ViktorJakovleskis Techno-Film "Rave On" (mit Aaron Altaras, der kürzlich in der ARD-Serie "Die Zweiflers" für Aufsehen sorgte) taucht tief ein in die Ekstaseangebote einer Berliner Clubnacht, schreibt Philipp Bovermann in der SZ. Das Drehbuch steuert zwar einige Klischees, aber wer bitte achtet bei so einem Film auf die Story? "Alle hier sind abgeklärte Profis. Und trotzdem gibt es unter ihnen ein Einverständnis, dass hier eine mindestens höher dosierte, vielleicht sogar höhere Form der Wirklichkeit eingeübt und verteidigt wird, gegen Mainstreamdeppen, gegen Kommerzheinis, gegen Zugezogene, ein bisschen auch: gegen die Gegenwart. ... Es wird geballert, Freunde. Es läuft Musik. Man schwebt durch die Stunden wie eine klirrende Partikelwolke, deren Spannung sich ständig verändert, von Reinheit auf Abgrund, von warmem Leuchten auf verloren im Labyrinth. Und im Darkroom erzählt einem irgendeine Tante was von 'unerschöpflicher Nullpunkt-Energie im Äther'. Berlin, baby! Früher war alles besser."
Außerdem: Jannis Holl erinnert in der FAZ (online nachgereicht) an ArthurPenns New-Hollywood-Klassiker "Little Big Man" mit DustinHoffman. Besprochen werden KyleNewachecks neuer "Happy Gilmore"-Film mit AdamSandler (NZZ) und die auf Hawaii angesiedelte Apple-Serie "Chief of War" (FAZ).
Marlene Dumas, The Origin of Painting (The Double Room), 2018, courtesy Marlene Dumas, Foto: Peter Cox Eine solche Ausstellung wie "From Dawn till Dusk", die sich im Bonner Kunstmuseum dem Schatten in der Kunst der Gegenwart widmet, war lange nicht zu sehen, freut sich Stefan Trinks in der FAZ. Der "treueste Begleiter des Menschen" begegnet ihm hier nicht nur als trügerisches Abbild, sondern auch mit seinen "lichteren Aspekten": "Erst recht schafft das Hans-Peter Feldmann, wenn er dem Betrachter den Blick zugleich auf die Abbilder wie die Inbilder gewährt: Mit dem warm-nostalgischen Reiz eines Kinderkarussells kreisen die Dinge des Alltags vor uns, während ihre stark veränderten Schatten-Abbilder an der Wand einen Hexentanz aufführen, durch Schräglicht so übertrieben vergrößert, dass aus Mücken Elefanten werden. Feldmann bewirkt im abgedunkelten Museumssaal mit seinen ernsten Schattenspielen ein Nachdenken über das Scheinriesentum von Problemen und die Verzwergung von Realitäten, das man wider Erwarten mit einem Schmunzeln verlässt."
Museen, die in Russland nicht schließen mussten, werden zensiert und von fachfremden Managern geleitet, überhaupt herrscht ein "Klima der Angst", weiß Kerstin Holm, die sich für die FAZ unter anderem die erste - natürlich zensierte - Kunstbiennale in Nischni Nowgorod angesehen hat. Wie viele Ausstellungen derzeit in Russland ist sie dem Thema Ökologie gewidmet. Der Ukrainekrieg waren in der Schau tabu, es sei denn Kunstwerke verherrlichten die "militärische Spezialoperation": Unter dem der Johannes-Offenbarung entnommenen Titel 'Und ich sah eine neue Erde und einen neuen Himmel' versammelte sie religiös-realistische Monumentalgemälde von Xenia Tschchu-Galkina, die heroische Soldaten als unterirdische 'Atlanten' des zivilen Alltags darstellen, aber auch ein Porträt von Nationaldichter Puschkin, den der ultrapatriotische Künstler Dmitri Sarwa eine Pistole auf den Betrachter richten lässt. Im Mittelpunkt stand das Projekt 'Russischer Stil ist Stahl' (…), bestehend aus Metallplatten für schusssichere Westen, die Künstler aus vielen Regionen mit religiösen Symbolen dekorierten."
Weitere Artikel: Um den Besucherschwund während und nach der Corona-Pandemie aufzufangen, stampften Museen Kinderprogramme zwecks Inklusion aus dem Boden - nach den Kulturbudgetkürzungen fehlt jetzt schon wieder das Geld dafür, weiß Jonathan Guggenberger, der für die taz Kinderprogramme in Museen in Berlin und Hannover besucht hat. Derweil werden Museen zu "Schutzkammern im Klimawandel", freut sich Gerhard Matzig in der SZ: Der Dauerregen tut den Besucherzahlen gut.
Besprochen werden die Wang Bing-Ausstellung "The Weight of the Invisible" im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf (taz) und die Installation "Ein ungedeuteter Traum ist wie ein ungelesener Brief" des Künstlers Olaf Nicolai in der Synagoge Stommeln bei Köln (NZZ)
Szene aus "One Morning Turns Into Eternity". Bild: Ruth Walz Mit "One Morning Turns Into Eternity", einer Kombination von Gustav Mahlers "Abschiedsgesängen" und Arnold Schönbergs "Erwartung" unter der Regie von Peter Sellars erlebt Egbert Tholl (SZ) den vielleicht "kürzesten vollgültigen" Opernabend in der Geschichte der Salzburger Festspiele. Neben der "grandiosen Expressivität" von Schönbergs Musik ist es vor allem die Darbietung der litauischen Sopranistin Aušrinė Stundytė, die Tholl in dem Monodrama um eine Frau, die ihren Geliebten tot im Wald findet, umwirft: Sellars "unterläuft erst einmal das Ansinnen Schönbergs, mit jeder Art von Naturalismus zu brechen. Zwei seltsame, immer wieder auftauchende, barfüßige, leicht kafkaesk wirkende Gehilfen legen der Frau, Ausrine Stundyte, einen Leichensack vor die Füße. Darin offenbar der Geliebte, den sie nun nicht mehr suchen muss. Scheinbar Opfer eines totalitären Systems..." Was Stundytė "macht, ist allerhöchste Ausdruckskunst. Sie flüstert und schreit, das Orchester macht es ihr gleich. Sie weint und schluchzt, ist zerrissen und getrieben, sinkt auf dem Leichensack nieder, springt auf, elektrisiert von ihren höchsten Tönen." Auch Jan Brachmann gefällt in der FAZ die "überraschende und sinnfällige" Verknüpfung der beiden Stücke, während Regine Müller im Tagesspiegel einen "gediegenen Meditationsabend, dessen kunstgewerbliche Erhabenheit jedoch nicht lange nachhallt" erlebt.
Szene aus "Delirious Night". Bild: Bea Borgers Kein Gerede, dafür große Bilder erlebt Jakob Hayner (Welt) beim ImPulsTanz in Wien: "Tanz als Antwort auf eine krisengeplagte Gegenwart (ausgehend wieder von der Corona-Zeit) beschwört auch die dänische Choreografin Mette Ingvartsen mit 'Delirious Night', einem nächtlichen Rausch in Grellgrün. Halbnackt mit Totenkopf- und Dämonenmasken gerät ihre Brüsseler Compagnie in eine Tanzwut, die nicht mehr zu stoppen scheint, ein eskalierender Maskenball der Extreme zwischen religiöser Ekstase und Rave. Ist es dem Tanz aufgetragen, die sinnliche Wirklichkeit zu erretten? Stücke wie 'Delirious Night' zeigen auch, wie sich das Bewegungsmaterial rasant ändert. Der individuelle Ausdruck triumphiert über soziale Norm."
Besprochen werden eine Inszenierung von Henrik Ibsens "Nora" durch das dänische Kollektiv Fix & Foxy beim Asphalt Festival in Düsseldorf (nachtkritik), Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von Georg Friedrich Händels Barock-Oper "Giulio Cesare in Egitto" (Tsp) und David Pařízeks' Inszenierung von Karl Kraus' Stück "Die letzten Tage der Menschheit" bei den Salzburger Festspielen (NZZ).
Schwer beeindruckt ist SZ-Kritiker Joachim Hentschel von der englischen Band The New Eves, die "noch vor wenigen Jahren ... längst von irgendwem zur derzeit aufregendsten neuen Band des Universums ausgerufen worden wären". Beispiel: "Cow Song", die aktuelle Single. Die muss man "ganz gehört haben, die sechs Minuten und 21 Sekunden mit all ihren Wendungen, brachialen Ausbrüchen und an der Herzklappe kratzenden Harmonien. Erst dann wird man möglicherweise kapieren, was für atemberaubende, schöne, erschreckende Musik das ist: bukolischer Punkrock. Folklore mit satanischen Tätowierungen. Emily Brontës 'Sturmhöhe', aber in der Feminismus-5.0-Version. ... Klar, hier prallen viele, sehr viele, zum Teil auch leicht durchgelutschte Buzzwords aufeinander. Stadtflucht und Gothic-Horror, schwarze Magie, weibliches Empowerment und Animismus." Aber kurz: Das aktuelle Album der New Eves klingt "so großartig, verstörend und absolut einzigartig wie derzeit sonst nichts im knöcheltiefen Tümpel, der von verzweifelten T-Shirt-Olmen noch immer Indierock genannt wird".
Dass gerade diverse Indiebands, die in ihren Nischen zwar Ansehen haben, aber darüber hinaus kaum abstrahlen, Spotify aufgrund der KI-Waffeninvestitionen von CEO DanielEk verlassen, könnte fürs Musikgeschäft durchaus Folgen haben, meint Kristoffer Cornils auf Zeit Online. Als Stichwortgeber dient ihm die "Weggabel-Theorie" des Marktforschungsunternehmens Midia, derzufolge künftig kleine Bands, die von Spotify meist weniger als wenig haben, künftig wieder auf engmaschige Beziehungen zu ihren Fans setzen. Sollte es Bands wie Deerhoof, XiuXiu und KingGizzardandtheLizardWizard "gelingen, ihre Karrieren weitgehend unbeschadet fortzusetzen, vielleicht sogar aufzublühen durch den Ausstieg aus einem System, das nie für sie gedacht war, könnte ihr Beispiel Schule machen, zumindest unter Musikerinnen und Musikern einer bestimmten Größenordnung. Bei null müssten diese Musikerinnen und Musiker nicht anfangen. Bereits jetzt gibt es zahlreiche Streamingangebote, deren Ausschüttungsmodalitäten, stilistische Spezialisierung oder genossenschaftliche Organisation den Bedürfnissen kleinerer Bands und Künstlerinnen entgegenkommen."
Weitere Artikel: Nicht nur den Berliner, sondern auch den WienerClubs geht es nicht sonderlich gut, berichtet Christian Schneider in einer Standard-Reportage. Boris Herrmann erzählt in der SZ davon, wie er den Konzerten von Phish hinterher reist: "Nicht jedes Konzert ist gut, aber jedes ist ein eigenesKunstwerk", erfährt er von den Fans, die dies seit vielen Jahren tun. Der Smashing-Pumpkins-Sänger BillyCorganerinnert sich im Zeit-Online-Gespräch mit Sinem Kılıç an OzzyOsbourne. Christiane Albiez (NZZ) und Wolf-Dieter Peter (NMZ) erinnern an MikisTheodorakis, der heute vor 100 Jahren geboren wurde. Nicht ohne Amüsement nimmt Michael Wurmitzer in einer Standard-Glosse zur Kenntnis, dass HarryStyles in seinem Onlineshop auch Dildos und Gleitgel anbietet. Julia Neumann schreibt in der taz einen Nachruf auf den Oriental-Jazz-Pionier ZiadRahbani. Und Jan Wiele verabschiedet sich in der FAZ von dem Mathematiker und Satiriker TomLehrer, der von Georg Kreisler über den Freak Folk bis zu den Simpsons wohl so ziemlich alles und jeden inspriert hat. Unvergessen ist seine schöne Abrechnung mit dem Opportunismus eines WernhervonBraun:
Besprochen werden neue Alben von Tyler, theCreator ("Schön ist, dass das Album alle Phasen einer gelungenen Party abdeckt", meinttazler Johann Voigt) und des Münchner Rappers Shindy ("Mit seiner Mischung aus Dekadenz und Katholizismus bewegt" er sich "ganz in der Fin-de-siècle-Tradition der Dandys und deren Flucht in ästhetische Gegenwelten", meint Jens Ulrich Eckhard in der Welt) sowie Veröffentlichungen anspruchsvoller Musik, darunter "A Dark Flaring" des Signum Quartetts (Standard).
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