Efeu - Die Kulturrundschau
Das ist mir wurscht!
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.07.2025. Die Zeit blickt auf das Bühnen-Imperium des russischen Dirigenten Valery Gergiev. Der Perlentaucher bewundert in Charlène Faviers Biopic über die Femen-Aktivistin Oksana Schatschko den Mut einer jungen Frau, Madonnen, die Burka tragen und Erzengel mit Sturmgewehr. FR und Zeit freuen sich tierisch über Adam Elliotts Knete-Animationsfilm "Memoiren einer Schnecke". Die NZZ erklärt, warum sich Koreaner bis ins 20. Jahrhundert nicht im Spiegel anschauten - es lag an der Architektur.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
24.07.2025
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Bühne
Ein Konzert des russischen Dirigenten Valery Gergiev in Italien wurde kürzlich abgesagt (unsere Resümees). In der Zeit widmet sich Natasha Kiseleva dem Star-Dirigenten, der in Europa zur Persona non Grata geworden ist und in Russland das Mariinski-Theaters in St. Petersburg und gleichzeitig das Bolschoi-Theater in Moskau (wie es unter dem Zar üblich war) leitet: "Gergievs Vorgänger am Bolschoi-Theater hieß Wladimir Urin und galt als einer der wenigen liberalen Geister innerhalb des Systems. Auch er war Teil des Staatsapparates, strich missliebige Aufführungen aus dem Spielplan und zeigte sich zu vielerlei Kompromissen bereit. Als er im Frühjahr 2022 einen offenen Brief unterzeichnete, der dazu aufrief, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden, war das ungewöhnlich mutig. Im Jahr darauf gab er seinen Posten auf. Nicht freiwillig, wie man hört. Ähnlich erging es Ekaterina Novikova, der langjährigen Pressechefin des Bolschoi-Theaters, der kürzlich gekündigt wurde. Einen Anlass dafür gab es nicht, Novikova war hoch qualifiziert. Offiziell verließ auch sie das Theater 'auf eigenen Wunsch', aber natürlich versteht hier jeder alles."
Georg Nigl und Nicholas Ofczarek haben aus "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus einen Hybrid aus Lieder- und Theaterabend konzipiert, der das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele eröffnete. Im Interview mit Egbert Tholl (SZ) erklärt Ofczarek, warum der Text so aktuell ist: "Weil sich nichts geändert hat, weil's noch schlimmer geworden ist, weil wir uns nicht weiterentwickelt haben. Oder, dass die Mechanismen, die Kraus beschreibt, menschimmanent sind. Letztlich spielen 'Die letzten Tage der Menschheit' nicht im Krieg, sondern im Krieg hier in uns, im Jetzt, innerhalb der Gesellschaft. Natürlich hat der Text historische Elemente, die wirklich in der Zeit spielen, aber das Wesentliche findet man genauso heute. Man muss den Text nicht heutig machen. Ich hasse es, Dinge heutig oder modern zu machen. Das ist mir wurscht. Wenn ein Text gut ist, ist er modern. Den Abgleich mit dem Heute gibt es ohnehin immer. Wenn der Zuseher das will. Wenn man ihn bevormundet - schau mal, das ist wie heute - geht's mir auch schon wieder am Arsch, weil ich mich dann bevormundet fühle."
Außerdem: In der NZZ porträtiert Birgit Schmid die non-binäre Balletttänzer:in Max Richter. In der Zeit denkt Peter Kümmel zurück an ein Treffen mit Claus Peymann und Gert Voss in Wien. Axel Brüggemann unterhält sich für Backstage Classical mit dem zukünftigen Chefregisseur des Deutschen Theaters Weimar Valentin Schwarz, der sich dem Rechtsruck in Thüringen entgegenstellen möchte.
Georg Nigl und Nicholas Ofczarek haben aus "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus einen Hybrid aus Lieder- und Theaterabend konzipiert, der das Schauspielprogramm der Salzburger Festspiele eröffnete. Im Interview mit Egbert Tholl (SZ) erklärt Ofczarek, warum der Text so aktuell ist: "Weil sich nichts geändert hat, weil's noch schlimmer geworden ist, weil wir uns nicht weiterentwickelt haben. Oder, dass die Mechanismen, die Kraus beschreibt, menschimmanent sind. Letztlich spielen 'Die letzten Tage der Menschheit' nicht im Krieg, sondern im Krieg hier in uns, im Jetzt, innerhalb der Gesellschaft. Natürlich hat der Text historische Elemente, die wirklich in der Zeit spielen, aber das Wesentliche findet man genauso heute. Man muss den Text nicht heutig machen. Ich hasse es, Dinge heutig oder modern zu machen. Das ist mir wurscht. Wenn ein Text gut ist, ist er modern. Den Abgleich mit dem Heute gibt es ohnehin immer. Wenn der Zuseher das will. Wenn man ihn bevormundet - schau mal, das ist wie heute - geht's mir auch schon wieder am Arsch, weil ich mich dann bevormundet fühle."
Außerdem: In der NZZ porträtiert Birgit Schmid die non-binäre Balletttänzer:in Max Richter. In der Zeit denkt Peter Kümmel zurück an ein Treffen mit Claus Peymann und Gert Voss in Wien. Axel Brüggemann unterhält sich für Backstage Classical mit dem zukünftigen Chefregisseur des Deutschen Theaters Weimar Valentin Schwarz, der sich dem Rechtsruck in Thüringen entgegenstellen möchte.
Film

Charlène Favier erzählt in "Oxana - Mein Leben für die Freiheit" die Geschichte der Künstlerin Oksana Schatschko (gespielt von Albina Korzh), die die Protestgruppe Femen gründete. Wir erinnern uns, das war jenes Kollektiv, das um 2010 mit nackten Brüsten und subversiven Aktionen gegen Putin und andere Patriarchen aus Osteuropa international für einiges Aufsehen sorgte und damit deren Hass auf sich zog. Die Regisseurin "zeigt das Patriarchat als Problem, das in jede Nische des privaten und gesellschaftlichen Lebens eindringt", schreibt Alice Fischer im Perlentaucher. "Schon früh spürt man in den packenden Bildern dieses Films, dass diese sehr verletzliche und sensible Person unter der Last der Welt, die sie sich auf die Schultern geladen hat, vielleicht zusammenbrechen wird. Favier schafft in ihrem Film beeindruckende Momente der Konversion: Das religiöse Motiv wird immer wieder aufgegriffen, nicht nur, weil Schatschko später in Paris eine Ausstellung mit ihren Ikonen eröffnen wird. Nun sind die religiösen Bilder in blasphemischer Weise verfremdet, wir sehen Penisse, Madonnen, die Burka tragen, einen Erzengel mit Sturmgewehr. Aber der Film geht viel weiter in seinem kunstvollen Spiel mit dem Thema: Als Oksana in Paris spontan ein intensives Sexerlebnis mit einem Fremden hat, gehen ihre Augen beim Cunnilingus wie die einer Märtyrerin zum Himmel: 'Ich werde nie heiraten', schwört sie in Ekstase dem Allmächtigen."

Acht Jahre lang hat Adam Elliott an seinem Knete-Animationsfilm "Memoiren einer Schnecke" buchstäblich herumgedrückt, entstanden ist "ein melancholisches Juwel", freut sich Daniel Kothenschulte in der FR. Ein Kinderfilm ist das nicht - in den verschroben-skurrilen Bildwelten geht es um Tod und Depression. "Alle Menschen sind fragile Wesen in diesem Film, Weichtiere gewissermaßen." Für den Film hat sich Elliott von der lebensweltlich allumfassenden Bräune seiner Kindheit in den Siebzigern inspirieren lassen, schreibt Jens Balzer in der Zeit. "Braun ist nicht gleich Braun, es gibt immer noch ein anderes Braun, und alles führt zurück in die Kindheit: Das sagt schon viel über die Kunst dieses Films. Er führt in eine Welt, in der es wimmelt und in der sich alles unaufhörlich verwandelt, auch dort, wo es eng und gedrückt erscheint; er führt in eine Welt, die voller Nuancen und Feinheiten ist, auch dort, wo man sie nicht erwartet oder nicht auf den ersten Blick sieht." Katharina Granzin ist in der taz ein bisschen skeptischer: Die Geschichte "ist so überbordend voll mit Unglück, dass es fast schon beliebig wirkt". Als "Kontrapunkt" ist hier "in zahllosen visuellen Details ein liebevoller Humor am Werk, der allerdings auch widersprüchliche Botschaften vermittelt. Manchmal schwappt er ins Sarkastische" und "dann wieder ins Allzuniedliche: All die Schnecken-Accessoires, die Grace um sich versammelt, verbreiten ein solches Feelgood-Ambiente, dass Grace' Unglücklichsein darin fast unangemessen wirkt".
Weiteres: Tilman Krause freut sich in der Welt, dass das Berliner Zeughauskino noch bis Ende August eine (von Perlentaucher-Filmkritiker Lukas Foerster mitkuratierte) Reihe mit den Filmen von Willi Forst zeigt. Besprochen werden Maura Delperos Melodram "Vermiglio" (Perlentaucher), Matt Shakmans Superheldenfilm "Fantastic Four: First Steps" ("ein Lieblingsfilm", schwärmt ein völlig hingerissener Andreas Platthaus in der FAZ), Oliver Rihs' Berlinkomödie "#SchwarzeSchafe" (NZZ), Mike Flanagans Stephen-King-Verfilmung "The Life of Chuck" mit Tom Hiddleston (FAZ, Standard), Caroline Poggis und Jonathan Vinels vorerst nur in der Schweiz startender Film "Eat the Night" (NZZ) und eine Arte-Doku über Liza Minnelli (Welt). Filmdienst und Tagesspiegel schauen außerdem auf die Kinostarts der aktuellen Woche.
Design
FAZ-Kritikerin Petra Ahne ist nach dem Besuch der Ausstellung "Widerstände. Jüdische Designerinnen der Moderne" im Jüdischen Museum Berlin sehr beeindruckt von dem Durchsetzungswillen der hier präsentierten Frauen, die sich gegen alle Widerstände - ob nun durch patriarchale Betonköpfigkeit oder den Irrsinn der Nazis - nicht beirren ließen. Franziska Bruck etwa, die "mit reduzierten Arrangements aus dem Blumenbinden eine Kunst machte und neben Kunden wie Max Reinhardt und Rainer Maria Rilke bald eine eigene Schule für Blumenschmuck hatte". Oder "Margarete Heymann-Loebenstein, die mit der Frauenfeindlichkeit am Bauhaus Bekanntschaft machte. ... Sie brach das Studium ab und bewies ihre Eignung auf ihre Weise. Geschirr, Vasen und Gebrauchsgegenstände der Marke Haël, die sie mit ihrem Ehemann gründete, fanden sich bald in jedem trendbewussten Haushalt, der den schwülstigen Stil des Wilhelminismus endgültig hinter sich lassen wollte. Die mit knalligen Glasuren kombinierten klaren Formen machen Objekte wie die feuerrote Wanduhr, die in der Ausstellung zu sehen ist, auch hundert Jahre später unübertroffen modern."
Kunst

Weiteres: Thomas E. Schmidt widmet sich in der Zeit Rafaels Werk "Madonna mit den Nelken", das in der Londoner National Gallery hängt und sehr wahrscheinlich eine Kopie ist. Besprochen wird die Ausstellung "Cézanne au Jas de Bouffan" im Musée Granet in Aix-en-Provence (FAZ).
Architektur
"Die meisten Koreaner lebten bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts ohne Spiegel", erklärt Hoo Nam Seelmann in der NZZ. Und zwar, weil in der traditionellen koreanischen Architektur Glas einfach keine Rolle spielte: "In Korea waren bis Ende des 19. Jahrhunderts alle Häuser ebenerdig. Angesichts der endlosen Hochhaussiedlungen von heute wundert man sich fast darüber. Das höchste Gebäude war über Jahrhunderte der Thronsaal in Seoul, der als Symbol der Macht die weitläufige Palastanlage überragte und von überall her sichtbar war. Aber selbst dieser war ebenerdig, lag nur auf einem erhöhten Grund mit einer nach oben gestreckten Dachkonstruktion. Erklärt wird das Fehlen von mehrstöckigen Bauten mit dem System der Bodenheizung, das mit Holz von außen befeuert wurde und sich daher nur für flache Bauten eignete. Die Folge war, dass die koreanische Architektur keine Fenster kannte. Wichtig waren dafür die Türen, die vielfältig gestaltet wurden und an denen man Status und Wohlstand ablesen konnte. Sie bestanden aus einem Holzrahmen mit zahlreichen Holzsprossen dazwischen, die ein bestimmtes Muster abgeben."
Literatur
In einem Zeit-Essay fragt sich die Krimi-Autorin Simone Buchholz, wie sie leben will, wenn sie mal alt ist: Sie sieht sich jedenfalls sehr gern als "liebende, mächtige Hexe, nicht zu gefährlich, aber doch ein bisschen". Frank Schulz schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den norwegischen Schriftsteller Ingvar Ambjørnsen.
Besprochen werden unter anderem der erste Band aus Taiyo Matsumotos Manga-Trilogie "Tokyo dieser Tage" (FAZ.net), Herbert Kapfers "Der Planet diskreter Liebe" (online nachgereicht von der FAZ), Mary Horlocks Kriminalroman "Das Geheimnis von Little Sark" (FR), die ersten Bände der kommentierten Gesamtausgabe von Elias Canetti (FAZ), Rachel Kushners "See der Schöpfung" (Zeit) und Katie Kitamuras "Die Probe" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Besprochen werden unter anderem der erste Band aus Taiyo Matsumotos Manga-Trilogie "Tokyo dieser Tage" (FAZ.net), Herbert Kapfers "Der Planet diskreter Liebe" (online nachgereicht von der FAZ), Mary Horlocks Kriminalroman "Das Geheimnis von Little Sark" (FR), die ersten Bände der kommentierten Gesamtausgabe von Elias Canetti (FAZ), Rachel Kushners "See der Schöpfung" (Zeit) und Katie Kitamuras "Die Probe" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Musik
Die Zeitungen liefern weitere Nachrufe auf Ozzy Osbourne nach (hier unser erstes Resümee). Er war zwar "kein versierter Sänger", schreibt Jörg Scheller in der NZZ. Die Stimme "passte eigentlich nicht recht zur erhabenen Härte des Heavy Metal. Aber es war seine unverkennbare Stimme. Und gerade dieser Mut zum Nonkonformismus machte ihn für viele zum Idol. ... Dem Außenseiter-Image zum Trotz passte der Osbourne-Mythos perfekt in die 'Gesellschaft der Singularitäten' (Andreas Reckwitz) des postindustriellen Kreativkapitalismus, in der das Besondere das Allgemeine sticht. Eine typische Figur des Simulationszeitalters, wie es der Medientheoretiker Jean Baudrillard in den 1970er und 1980er Jahren analysierte, war 'The Madman' obendrein. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion lösen sich in diesem Zeitalter auf" und so "rätselten viele: War Ozzys Wahnsinn nur gespielt? Biss er Tauben auch privat den Kopf ab? Bediente er geschickt eine mediale Erwartungshaltung? Oder hatte die Erwartungshaltung in ihm einfach das perfekte Subjekt gefunden?" Weitere Nachrufe schreiben Benjamin Moldenhauer (taz), Peter Praschl (Welt), Harry Nutt (FR), Karl Bruckmaier (FAZ) und Jakob Biazza (SZ).
Sollte Ozzys Wahnsinn nur gespielt gewesen sein, dann gelang ihm das in diesem Auftritt in den frühen Neunzigern jedenfalls sehr glaubhaft:
Sollte Ozzys Wahnsinn nur gespielt gewesen sein, dann gelang ihm das in diesem Auftritt in den frühen Neunzigern jedenfalls sehr glaubhaft:
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