Efeu - Die Kulturrundschau

Rabulistische Purzelbäume

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.07.2025. Die Feuilletons gratulieren Ursula Krechel zum verdienten Büchnerpreis - eine Meisterin der schillernden, kurzen, multiperspektivischen Genres, findet die taz. Die SZ erklärt, warum die Ngonnso, eine kamerunische Statue, die von Berlin an Kamerun zurückgegeben werden soll, immer noch in Deutschland ist. Die taz porträtiert den angesagten Dramatiker Roland Schimmelpfennig, der uns Menschen in unserer kosmischen Ausgesetztheit erfasst. Die FAZ versinkt in einer Ausstellung in Monaco begeistert in den Farben der Moderne.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2025 finden Sie hier

Literatur

Ursula Krechel (Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung / Heike Steinweg)

"Ursula Krechel ist eine wirklich würdige Büchnerpreisträgerin", freut sich Helmut Böttiger, der sich in der taz nur wundern kann, dass ihr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneter Roman "Landgericht" von 2012 nicht längst schon Schullektüre ist. Die Schriftstellerin "liebt die schillernden, kurzen, multiperspektivischen Genres, sie schreibt Theaterstücke, Gedichte, Essays und Prosa. Auch ihre erfolgreiche späte Romantrilogie ist keine Fiktion im üblichen Sinne. Sie geht vom Dokumentarischen aus, verknüpft die genau recherchierten zeitgeschichtlichen Daten aber virtuos durch assoziative Sprachbilder und dicht herangezoomte Figurenkonstellationen." Krechel hat sich "seit ihrem 1977 erschienenen Lyrikdebüt 'Nach Mainz!' die Verantwortung auferlegt, nicht nur Ich-Stimme zu sein, sondern das Stimmengewirr der Zeiten abzubilden", hält Paul Jandl in der NZZ fest. "Literatur als Wahrnehmungsraum, das ist es, was diese Schriftstellerin wie kaum eine andere erzeugen kann."

"Was man Frauen zutraut, was in einer patriarchalen Welt in sie hineinfantasiert und ihnen abverlangt wird", zählt von Beginn bis Gegenwart ihres Werks zu Krechels zentralen Themen, schreibt Marie Schmidt in der SZ, während sich Richard Kämmerlings in der Welt vor allem für die "besondere politisch-poetische Energie" Krechels begeistert: "Sie verfügt über die wunderbare Fähigkeit zur offenen und ehrlichen Empörung, oder umgekehrt gesagt, über die Unfähigkeit, sich abzufinden mit unfreien, ungleichen Verhältnissen, auch wenn sie wie unveränderlich erscheinen mögen. Bei Krechel wird diese Empörung in Sprachkraft transformiert." Andreas Platthaus freut sich in der FAZ, dass mit Krechel "nach vielen Jahren wieder einmal eine ausgewiesene Theater- und Hörspielautorin mit dem Büchnerpreis bedacht worden ist", denn "solche Multimedialität ist selten geworden". Ja, freut sich auch Peter Neumann in der Zeit: "Was immer Ursula Krechel schreibt - Essays, Theaterstücke, Hörspiele - ist voller Welt." Ihre Bücher "verändern den Blick auf die Vergangenheit und damit unauslöschlich den auf die Gegenwart", lobt Judith von Sternburg in der FR. "Die Sprache ihrer Lyrik ist extrem verdichtet, die Sprache ihrer Romane ist kristallklar." Ja, diese Lyrik schlägt förmlich "rabulistische Purzelbäume", pflichtet ihr Gregor Dotzauer im Tagesspiegel bei. Für den Dlf hat Maike Albath mit Krechel gesprochen.

In unserem Online-Buchhandel Eichendorff21 haben wir für Sie eine Liste mit lieferbaren Werken von Ursula Krechel zusammengestellt.

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Angela Schader stellt diesmal in ihrer "Vorwort"-Kolumne für den Perlentaucher die amerikanische Autorin Katie Kimura vor, deren Roman "Die Probe", letzter Teil einer Trilogie, nächste Woche erscheint. "'Beim Projekt für diese drei Bücher', erklärt die 1979 als Kind japanischer Eltern in Kalifornien geborene Schriftstellerin im Interview Magazine, 'ging es um die Schaffung einer bestimmten Stimme; um ein Interesse an Passivität, am Sprechen in den Worten anderer Menschen. Alle Hauptfiguren sind buchstäblich Gefäße für anderer Leute Worte.' Das tönt etwas rätselhaft, erst recht angesichts der ausdrucksstarken Stimmen, die in den Romanen zu vernehmen sind. Gegenüber dem Bomb Magazine hat Kitamura diese Aussage präzisiert. Gemeint seien Berufe, wie sie die Hauptfiguren ihrer Trilogie ausüben: Übersetzerin, Dolmetscherin, Schauspielerin. Im Guardian wiederum hebt sie erneut den Aspekt der Passivität hervor, den sie mit diesen Figuren verbindet: 'Passivität interessiert mich - zum Teil, weil sie die Lebenssituation der meisten von uns bestimmt. Aber Passivität interessiert mich auch, weil sie in sich eine Art Handlungsform ist.' Und zwar eine, die unwillentlich, aber mitnichten immer unwissentlich, in Komplizenschaft umschlagen kann."

Weitere Artikel: Bert Rebhandl liest für den Standard die Romane von Boualem Sansal. Für die FR porträtiert Cornelia Geißler den Schriftsteller Christopher Kloeble.

Besprochen werden unter anderem Marlene Streeruwitz' "Auflösungen" (online nachgereicht aus der FAZ), Dacia Marainis "Ein halber Löffel Reis" (taz), Simon Schwartz' Comicadaption von Alfons Kaisers Biografie über Karl Lagerfeld (Tsp) und Rin Usamis "Kankos Reise" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Film

Michael Ranze resümiert im Filmdienst das 59. Filmfestival in Karlovy Vary. Besprochen wird Thor Kleins und Lena Vurmas "Leonora im Morgenlicht" (taz).
Archiv: Film

Kunst

Philip Guston, In Bed, 1971. 2016 Collection Centre Pompidou, Paris Musée national d'art moderne - Centre de création industrielle Crédit photo : © Centre Pompidou, MNAM-CCI/Philippe Migeat/Dist. GrandPalaisRmn, © The Estate of Philip Guston

FAZ-Kritiker Stefan Trinks versinkt begeistert in den Farben der Ausstellung "Colours! Masterpieces from the Centre Pompidou", die derzeit das Grimaldi Forum in Monaco präsentiert. Die Schau zeichnet nach, wie die Künstler der Moderne die teils als zu naturalistisch verschrieene Buntheit wieder für sich entdeckten. Zum Beispiel Philip Guston, dessen Werk "In Bed" für Trinks das "politisch aufgeladenste Gemälde der Schau" ist: "Auf dem extremen Querformat liegt ein Mitglied des Ku-Klux-Klan mit weißer Kapuze und voller Montur inklusive Schuhen im Bett, wobei die bis knapp unter die Augenschlitze hochgezogene Bettdecke und deren gestauchte Falten ihm etwas kafkaesk Raupenhaftes und zugleich Furchtsames verleihen. Durch den geöffneten Store eines Fensters dringt milchig-weiches Licht in das Zimmer und kitzelt die unter dem Weiß der Wände liegende, wie bei einem Palimpsest überstrichene Farbe umso stärker hervor: Rosé", also die Farbe der Barbie-Puppen. Toller hätte Guston den "faschistischen Terror-Fasching" des Klans nicht dekonstruieren können, findet Trinks.

Ngonnso' © Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum / Eric Hesmerg


Warum ist die Ngonnso, eine Statue, die dem Volk der Nso als Mutter, Göttin und Königin gilt, noch immer in Berlin? Dorthin kam sie durch Kolonisatoren, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hatte 2022 einer Rückgabe nach Kamerun zugestimmt. Das Problem nun, laut Paul Munzingers SZ-Reportage: In Kamerun ist man uneins darüber, wem genau die Ngonnso rückerstattet werden soll. Der Fon, der traditionelle Führer der Nso, erhebt Ansprüche. Deutschland verhandelt jedoch mit der kamerunischen Regierung. Hugues Heumen, der dortige Beauftragte für Beutekunst, erklärt Munzinger, warum sich die Sache in die Länge zieht: "Dass die Ngonnso noch immer in Berlin ist, habe einen einfachen Grund. Keiner der vier Landesteile Kameruns - darauf lege Präsident Biya größten Wert - solle bei den Rückführungen bevorzugt werden. Weder das Grasland im Westen, wo die Nso leben, noch die Küstenregion, das südliche Waldland oder die Sahelregion im Norden. Anders gesagt: Die Ngonnso werde man erst zurückfordern, wenn auch für andere Landesteile Rückgaben vereinbart sind. So weit sei man noch nicht. Aber fast."

Weiteres: Marina Abramovich erhält, wie mehrere Medien melden, den diesjährigen Praemium Imperiale für Kultur. Im Standard sind auch die anderen Preisträger nachzulesen. Besprochen werden die Ausstellung "Dokumentarfotografie. Förderpreis der Wüstenrot Stiftung" im Museum für Photographie, Braunschweig (taz) und "Rochelle Feinstein: The Today Show" im Ludwig Forum, Aachen (monopol).
Archiv: Kunst

Bühne

Das Performance-Kollektiv LIGNA greift in ihrem gemeinsam mit der Studiobühne Köln erarbeiteten Stück "Cityrama 3" ein Projekt des Aktionskünstlers Wolf Vostell wieder auf: Wie Vostell im Jahr 1961 sucht die Gruppe mitsamt Publikum verschiedene Orte in Köln auf und reagiert auf Anweisungen, die per Kopfhörer eingespielt und in der Stadtgeschichte verankert sind. Anna-May Lohfeld war für die FAZ dabei und ziemlich angetan. Wobei die Performance-Teilnehmer einige Aspekte der Kölner Gegenwart dann doch nicht allzu genau kennenlernen wollten: "Unter einer Unterführung, die nach Urin riecht, verweilt die Gruppe nur kurz. Doch dieser Ort ist zentral für Vostells Kunstverständnis. Er war inspiriert von Marcel Duchamps Urinal, ein Alltagsobjekt, das der Künstler 1917 bei einer Ausstellung in New York einreichte. (…) Vostell ging einen Schritt weiter. (…) 1961 forderte er dazu auf, im Trümmergrundstück zu urinieren und an Freunde zu denken. Auch diese Anweisung ertönt bei LIGNA über die Kopfhörer. Manche in der Gruppe reagieren mit einem Lachen. Doch geht die Prozession rasch weiter. Vielleicht sind einige froh, dass LIGNA diese Hommage nicht allzu wörtlich nimmt."

Roland Schimmelpfennig © Manfred Werner - Tsui, Lizenz: CC BY-SA 3.0, Quelle: Wikipedia.
Björn Hayer porträtiert in der taz den Dramatiker Roland Schimmelpfennig, dessen Arbeiten derzeit viel gespielt werden. Was ist das Geheimnis dieses Erfolges? Man kommt ihm zum Beispiel im Stück "Der Kreis um die Sonne" aus dem Jahr 2000 auf die Spur, empfiehlt Hayer: "Auf einer großen Party ereignet sich ein regelrechter Clash der Emotionen. Auf der Tanzfläche wird gelacht, geheult, durchgehalten bis in die Morgenstunden, um ja nicht am eigenen Verlorensein zugrunde zu gehen. 'Angst hat kein Gesicht. Angst ist alles und nichts gleichzeitig, ein Schatten ohne Körper, ein Nebel.' Schimmelpfennig schafft es mit derlei pointierten Beschreibungen immer wieder, den Menschen (und damit uns alle) in seinem kosmischen Ausgesetztsein zu erfassen. Unabhängig von der Frage, ob seine Protagonist:innen gewaltsam und ignorant handeln, oder ob sie leiden und verdrängen, kommen sie nah an uns heran."

Weitere Artikel: Regisseur Milan Peschel und Schauspielerin Antje Trautmann senden auf nachtkritik einen Warnruf: Am Mecklenburgischen Staatstheater wird derzeit ein kulturpolitischer Kahlschlag vorbereitet. Trautmann und einige andere hat es bereits getroffen: Ihre Verträge werden nicht verlängert. Christian Gampert unterhält sich für die Zeit mit Ferdinand Schmalz, dessen "bumm tschak oder der letzte henker" bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt wird. Im Standard wiederum spricht Christoph Irrgeher mit der Chefin der Festspiele, Lilli Paasikivi, über das Programm und gekürzte Fördergelder. Wolfgang Behrens widmet sich auf nachtkritik dem Themenkomplex Dramaturgie vs. Verwaltung.

Besprochen werden das von Andreas Gergen inszenierte Musical "Chess" an der Bühne Baden bei Wien (Standard; "die Stimmen sind oft zu zaghaft verstärkt") und Amala Dianors Straßentanzshow "Dub" im Volkstheater Wien (Standard; "Richtig spannend jedoch wird Dub erst durch einen entlarvenden Blickwinkel auf das Allzumenschliche", findet Helmut Ploebst, und zwar, weil das Stück auch als "kulturübergreifende Allegorie für Narzissmus und Eitelkeit" taugt).
Archiv: Bühne

Musik

Ueli Bernays resümiert in der NZZ die Auftritte der wichtigsten Pop-Acts beim Jazzfestival in Montreux, darunter FKA Twigs , bei der "die lustvolle Präsentation sinnlich-synchroner Physis" im Vordergrund stand, und die eben frisch reformierten Pulp aus den Neunzigern. Bei letzteren war auch Standard-Kritiker Karl Fluch im Publikum und begeisterte sich dort restlos: "Die Stimmung war unglaublich, die Band eine Wucht, der Sound glasklar." Christoph Forsthoff porträtiert in der NZZ die Cellistin Sol Gabetta, die im Aargau das Solsberg-Festival organisiert. Stefan Ender berichtet im Standard von der Schubertiade in Hohenems.
Archiv: Musik

Architektur


Ulf Meyer besichtigt für die FAZ das San Marco Art Center (SMAC), ein neues Museum an Venedigs Markusplatz. Der noblen Adresse entsprechend wurden bei der Einrichtung keine Kosten und Mühen gescheut: "Die Wände des neuen Kunstzentrums sind mit hellgrauem venezianischen Marmorino verkleidet, die Böden hingegen bestehen aus weißem Terrazzo. In einigen Galerien sind die herrlichen Decken-Balken aus der Renaissance zu sehen. Die beiden Veranstaltungsräume des SMAC haben Fresken aus der Zeit Napoleons, dem einst nebenan in den Neuen Prokuratien eine Wohnung eingerichtet worden war, von der er einen ähnlich herrlichen Blick auf das Leben auf dem Markusplatz werfen konnte wie heute die Museumsbesucher durch eines der 58 Fenster." Die ersten beiden Ausstellungen sind der Architektur der Moderne gewidmet, namentlich dem Architekten Harry Seidler (hier) und der Landschaftsarchitektin Jung Youngsun (hier).

Außerdem: Auf Welt Online findet sich ein Teaser zu einem Podcast über hippe Plattenbauten.
Archiv: Architektur