Efeu - Die Kulturrundschau
Weil dem König so fad war
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08.07.2025. Der algerische Präsident Abdelmadjid Tebboune hat die westliche Öffentlichkeit verhöhnt, aber Algerien hat durch die Sansal-Affäre kaum an internationalem Ansehen verloren, konstatiert Claus Leggewie in der FR. Die Welt reist auf die Ile de Porquerolles an der Côte d'Azur, um in abstrakten Gemälden zu baden. Sollen die Schlösser Ludwig II. Weltkulturerbe werden? Unbedingt, meint die SZ und erinnert an Ludwigs Münchner Dachgarten, der samt Schwänen im künstlichen See abgeräumt wurde. Die NZZ schaut vom Hindu-Nationalismus geprägte Bollywood-Filme.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
08.07.2025
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Literatur
Der algerische Präsident Abdelmadjid Tebboune hat die westliche Öffentlichkeit verhöhnt. Er hat den Prozess gegen Boualem Sansal so gelegt, dass eine Amnestie unmittelbar zu bevorstehen schien. Da ließ er fast 7.000 Diebe und Gewalttäter frei, aber nicht den Autor, der eine Meinung geäußert hatte. Aber "Algerien hat durch die Sansal-Affäre kaum an internationalem Ansehen verloren", konstatiert Claus Leggewie in der FR: "Das Land steht an der Seite Moskaus, in der ersten Reihe gegen Israel und stets gegen den 'Westen', dem es gerne Erdgas verkauft, um mit den Einkünften eine tendenziell unzufriedene Bevölkerung ruhigzustellen. Deutschland ließ sich in Energienot ebenfalls Erdgas liefern und plant mit dieser fossilen Petrowirtschaft grüne Wasserstoff-Zukunft. Auch die einstige Kolonialmacht kann es sich mit dem Land am anderen Ufer des Mittelmeers nicht verderben, zu intensiv sind beide Gesellschaften noch in der x-ten Generation verflochten." Michael Hametner verweist im Freitag auf einen Leipziger Solidaritätsabend für Sansal.
Weiteres: Alexandru Bulucz schreibt in der FAZ zum Tod des rumäniendeutschen Schriftstellers Franz Hodjak. Anna-Elisa Jakob verreist für die Zeit (online nachgereicht) mit Kinderbüchern im Gepäck.
Besprochen werden unter anderem Joan Didions "Zeilen für John" (Standard), Rachel Kushners "See der Schöpfung" (FR), Hermann Hesses "Die Briefe, 1958-1962" (online nachgereicht von der Welt) und Marion Fayolles "Aus gleichem Holz" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Weiteres: Alexandru Bulucz schreibt in der FAZ zum Tod des rumäniendeutschen Schriftstellers Franz Hodjak. Anna-Elisa Jakob verreist für die Zeit (online nachgereicht) mit Kinderbüchern im Gepäck.
Besprochen werden unter anderem Joan Didions "Zeilen für John" (Standard), Rachel Kushners "See der Schöpfung" (FR), Hermann Hesses "Die Briefe, 1958-1962" (online nachgereicht von der Welt) und Marion Fayolles "Aus gleichem Holz" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

In der Welt nimmt Martina Meister gern die Bootstour auf die französische Ile de Porquerolles an der Côte d'Azur auf sich, um die Ausstellung "Vertigo" in der Fondation des Kunstsammlers und Milliardärs Edouard Carmignac zu sehen. Gibt es hier doch eine exquisite Sammlung abstrakter Werke von Helen Frankenthaler über Otto Piene und Thomas Ruff bis Olafur Eliasson zu sehen. Die Ausstellung beginnt "mit einer Auftragsarbeit von Flora Moscovici, zu der man eine Treppe hinuntersteigt. Die Französin verwandelt gern Räume, die sie als zweite Haut bezeichnet, vom Fußboden bis zur Decke in begehbare Bilder. Auch dieses Mal hat sie in situ gearbeitet und sich von der Landschaft und den Farben der Mittelmeerinsel mit starken Blau-, Grün- und Lilatönen inspirieren lassen. Moscovici hat ihre Pigmente kaum verdünnt und wie ein impressionistisches Gemälde über einen rechten Winkel aufgetragen. Der Titel ihrer Wandmalerei - 'A la poursuite du rayon vert' (Auf der Suche nach dem grünen Strahl) - ist eine Anspielung auf den gleichnamigen Roman von Jules Verne, in dem eine junge Schottin vor einer Zwangsheirat flieht und auf der Suche nach dem Naturphänomen in einer Grotte das absolute Glück findet."

Migration und Identität, Herkunft und Heimat, Geschlecht und Körper sind die Leitthemen der deutsch-kurdischen Künstlerin Mehtap Baydu - und die bringt sie in eine poetische Form, stellt Ingo Arend (taz) in der Ausstellung "Lass deinen Regen regnen" in der Kunsthalle Baden-Baden fest: "Eines der ersten Beispiele dieser unnachahmlichen Fähigkeit zur poetischen Formgebung ist die von Baydu erfundene Person des Osman. Auf einer Fotografie verkörpert die Künstlerin selbst den fiktiven, Fotografien der 60er Jahre nachempfundenen, 'Gastarbeiter', den sie 2009 erfolgreich einige Jahre in der Westerwald-Gemeinde Hachenburg anmeldete. In einem winterlichen Schneefeld auf einem Stuhl sitzend, gekleidet in einen steifen, dunklen Männeranzug nach Art der frühen Gastarbeiter, repräsentiert die Figur einen sozialen Typus. Zugleich unterläuft sie aber dieses Rollenbild als verwirrender, androgyner Zwitter, dessen Lippen ein feines Lächeln wie das der Mona Lisa umspielt."

Weitere Artikel: Andreas Kilb betrachtet für die FAZ die Bronzen von San Casciano dei Bagni in der James-Simon-Galerie in Berlin. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "I'm searching" mit Werken des niederländisch-amerikanischen Künstlers Bas Jan Ader, der vor 50 Jahren auf einer Segeltour verschwand, in der Hamburger Kunsthalle (taz).
Film
Ulrich von Schwerin hat sich in einem Vierteljahr in Mumbai einen guten Überblick über den aktuellen Bollywood-Film verschaffen können, von dem man in Europa seit dem abgeebbten Trend der Nullerjahre kaum noch etwas mitbekommt. Selbst in den dafür unwahrscheinlichsten Genres wird weiterhin getanzt und gesungen, schreibt er in der NZZ. Aber der grassierende Hindu-Nationalismus hat auch hier Spuren hinterlassen: "Gezeigt werden im Regal vor allem düstere Politthriller, Gangsterfilme und Historiendramen. ... Vor Beginn des Films erhebt sich das Publikum von den Sitzen, wenn die Nationalhymne gespielt wird." So weist sich: "Die großen Blockbuster in Indien sind laut, gewaltvoll, actiongeladen - und zutiefst nationalistisch. Mit Ausnahme einiger seltener Komödien spielen in allen Filmen Politik und Geschichte eine zentrale Rolle." Aber "das indische Kino ist unübersehbar in der Krise. ... Teure Produktionen erweisen sich als Flop, Produzenten sind ratlos. ... Filmkritiker fordern daher schon länger frische Gesichter, originelle Geschichten und kluge Drehbücher. Viele Studios wollen aber keine Wagnisse eingehen."
Dass die Preise beim Filmfest München allesamt an die traditionell im Programm stark vertretenen Cannes-Wiederholungen gehen, findet tazlerin Arabella Wintermayr an sich zwar "nachvollziehbar", aber "auch ein klein wenig bedauerlich", schließlich gab es auch diverse Filme ohne Cannes-Weihen, die wegen ihrer "künstlerischen Eigenständigkeit und thematischen Risikobereitschaft" mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Insbesondere Michael Koflers "Zweitland" und Uta Briesewitz' "American Sweatshop" hebt Wintermayr hervor.
Besprochen werden Chiara Sambuchis bei Arte online stehende Doku "Das Srebrenica Tape" (Tsp) und James Griffiths britische Komödie "The Ballad of Wallis Island" (Tsp).
Dass die Preise beim Filmfest München allesamt an die traditionell im Programm stark vertretenen Cannes-Wiederholungen gehen, findet tazlerin Arabella Wintermayr an sich zwar "nachvollziehbar", aber "auch ein klein wenig bedauerlich", schließlich gab es auch diverse Filme ohne Cannes-Weihen, die wegen ihrer "künstlerischen Eigenständigkeit und thematischen Risikobereitschaft" mehr Aufmerksamkeit verdient hätten. Insbesondere Michael Koflers "Zweitland" und Uta Briesewitz' "American Sweatshop" hebt Wintermayr hervor.
Besprochen werden Chiara Sambuchis bei Arte online stehende Doku "Das Srebrenica Tape" (Tsp) und James Griffiths britische Komödie "The Ballad of Wallis Island" (Tsp).
Architektur

Wem es im Zentrum von Lissabon zu turbulent ist, dem rät Hans-Christian Rößler in der FAZ zu einem Ausflug auf den Gulbenkian-Campus, wo der japanische Architekt Kengo Kuma das Centro de Arte Moderna um eine Oase der Ruhe erweitert hat: "Wie ein runder Schiffsbauch aus dunklen Eschenholzplanken wirkt die Unterseite der beiden großen Wellen, die Kuma im neuen Garten an den Originalbau branden lässt. Die schwingenden Vorbauten bieten Schatten, während ihre Oberfläche weiß in der Sonne schimmert. Sie ist mit handgefertigten traditionellen Azulejos bedeckt, wie sie in Portugal viele Häuserfassaden zieren. Auf den ersten Blick erinnern sie an einen Reptil-Panzer - oder an die Paneele eines Solarkraftwerks. Portugal gehört bei der Nutzung erneuerbarer Energiequellen weltweit zur Avantgarde."
Aktuell beratschlagt das Unesco-Komitee, ob die Schlösser Ludwig II. Weltkulturerbe werden sollen. Kritiker wenden indes ein, "die Fieberträume eines möglicherweise an der Bausucht erkrankten Monarchen" seien purer Kitsch, weiß Gerhard Matzig in der SZ und widerspricht: Zum einen bilden die Schauarchitekturen Ludwigs II. eine Sehnsuchtsarchitektur der Gegenwart ab, meint er. Zum anderen erinnert er an den 1906 abgeräumten Wintergarten, den Ludwig sich auf dem Dach des Festsaalbaus seiner Münchner Residenz errichten ließ: "Eine fast 70 Meter lange, freitragende und verglaste Eisenskeletthalle, konstruktiv das Neueste vom Neuen, Ludwig II. als Modernisten bekundend, wurde zum absurden Landschaftsgarten umgedeutet. Es ist ein besonders groteskes Beispiel für Kulissen-und-Schein-Architektur. Ausgestattet wurde der Raum mit einem künstlichen See und tropischen Bäumen, belebt wurde er von Schwänen im Wasser und Aras in den Gehölzen. Es gab einen maurischen Kiosk und ein indisches Prunkzelt, eine beleuchtete Grotte und eine Fischerhütte. Riesige Hintergrundprospekte zeigten, weil dem König München so fad war, den Himalaja. An elektrischen Beleuchtungseffekten war vorhanden: unter anderem ein künstlicher Regenbogen."
Weitere Artikel: Für die taz besucht Patrick Guyton die Protz-Villa des insolventen Immobilienkönigs René Benko am Gardasee, die vom Gold-WC bis zum Hubschrauberlandeplatz nun versteigert wird. Hilmar Klute (SZ) besucht derweil die heute zum Museum umgestaltete Villa des amerikanischen Zeichners Edward Gorey auf Cape Cod.
Bühne

In der Welt wundert sich Manuel Brug: Der britische Theaterregisseur Robert Icke ist inzwischen bekannt für seine radikalen Klassiker-Neuentdeckungen, seine Inszenierung des "Don Giovanni" beim Festival d'Aix-en-Provence erscheint aber wie ein Versatzstück aus anderen "Don-Giovanni"-Inszenierungen: "Einen während der ganzen letzten Nacht sterbenden Verführer gab es schon in Claus Guths von Salzburg weit gereister Produktion. Ebenso stellte schon Martin Kušej in seiner weitgereisten Version Frauen permanent als Objekte, Schaufensterpuppen oder Miss-Wahl-Statistinnen aus. Mit alles nur wiederholenden Videobildern ist die internationale Operngemeinde längst so hinreichend versorgt wie mit Doppelgängern, einem Verführer als mieses MeToo-Würstchen und sich durch vermutlich missbrauchte Kinder spiegelnde Protagonistinnen."

Als "Glücksfall" wertet Nachtkritikerin Gabi Hift Nicolaus Haggs Dramatisierung von Heimito von Doderers Roman "Die Wasserfälle von Slunj" bei den Festspielen in Reichenau: "Man kann nicht unterscheiden, wo es sich um originale Doderer-Dialoge handelt und wo etwas von Hagg dazu erfunden ist. (...) Doderers Figuren kommen aus ganz verschiedenen Schichten, haben unterschiedliche Nationalitäten, sehr verschiedene erotische Vorlieben, herrliche Marotten und seltsame Strategien, um durchs Leben zu kommen. Doderer macht sich gnadenlos über seine Figuren lustig, ist aber auch ein brillanter Seelensezierer. Weil er einem die Figuren bis in die kleinsten Verästelungen zeigt, versteht man sie besser als sie sich selbst und fühlt mit ihnen mit. .... Hagg hat das ausgezeichnet in Dialoge übersetzt, und die vielschichtigen Figuren machen denen, die sie spielen, ganz offensichtlich viel Freude."
Besprochen werden Hofesh Shechters Choreografie "Theatre of Dreams" beim Tanzfestival Colours in Stuttgart (FR), Marcus Boschs und Vera Nemirovs Kombination aus Puccinis Komödie "Gianni Schicchi" und Richard Strauss' Tragödie "Elektra" bei den Opernfestspielen in Heidenheim (FAZ).
Musik
Günter Platzdasch berichtet in der FAZ vom auf Weltmusik spezialisierten Rudolstadt-Festival. Elisabeth Binder resümiert im Tagesspiegel das Internationale Kammermusikfestival Fliessen in der Niederlausitz. Besprochen werden Neil Youngs Konzert in Montreux (NZZ), ein Konzert der Sparks in Berlin (taz), das Großkonzert des kroatischen Nationalisten Thompson in Zagreb (NZZ, mehr dazu bereits hier), Martynas Levickis' Auftritt beim Rheingau Musik Festival in Wiesbaden (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter U.S. Girls' Album "Scratch It" ("Die leeren Versprechungen einer Cat Power, Meg Remy löst sie endlich ein", freut sich Karl Fluch im Standard).
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