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01.07.2025. Aktualisierung um 12.20 Uhr: Das Urteil in der zweiten Instanz gegen Boualem Sansal lautet auf fünf Jahre Gefängnis. Heute wird das Urteil gegen Boualem Sansal erwartet - dann wissen wir auch mehr über die Absichten der algerischen Regierung gegenüber Frankreich, kommentiert Le Point. Im Spiegel erklärt der polnische Schriftsteller Szczepan Twardoch, warum Romane besser geeignet sind, um über Krieg zu schreiben. Die SZ lauscht in Köln dem apokalyptischen Sound der "Letzten Tage der Menschheit". Die FR irrt in neuen Bildern von Norbert Bisky durch Parallelgesellschaften. Und die SZ tarnt sich in Paris ein letztes Mal in klobigen Jacken von Balenciaga-Designer Demna.
Aktualisierung: Gegen 12 Uhr kursierten auf Twitter die ersten Meldungen und Kommentare. Boualem Sansal ist in der zweiten Instanz erneut zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Der Staatsanwalt hatte eine Verdoppelung der Strafe gefordert. Die Hoffnung ist jetzt, dass der algerische Präsident Abdelmadjid Tebboune Sansal am 5. Juli, dem algerischen Nationalfeiertag, "begnadigt". Tebboune hatte sich mehrfach zu dem Fall geäußert - Sansal hatte nicht genehme Meinungen zur algerischen Geschichte geäußert. Die Festnahme Sansals hat zusammen mit den Schikanen gegen Kamel Daoud und einigen anderen Ereignissen zu einer erheblichen Verschlechterung der algerisch-französischen Beziehungen beigetragen.
========= Heute wird das Urteil gegen Boualem Sansal erwartet, der seit über einem halben Jahr in Algier einsitzt. Er hatte eine Meinung über die algerische Geschichte geäußert, die dem Regime nicht genehm war. Der Staatsanwalt hatte in der zweiten Instanz eine Verdoppelung der Gefängnisstrafe auf zehn Jahre gefordert (unsere Resümees). "Je nach Ausgang des Verfahrens wird auch etwas mehr Klarheit über die Absichten der algerischen Regierung gegenüber Frankreich herrschen", kommentiert Benoît Delmas in Le Point. "Je nachdem, ob der Autor des 'Schwurs der Barbaren' freigelassen, verurteilt oder begnadigt wird, wird man wissen, ob sich die Krise zwischen den beiden Nationen entschärft, verschärft oder stagniert. Dies wird letztendlich Aufschluss über den Paradigmenwechsel des 'Systems' gegenüber Frankreich geben." Letzte Gewissheit gibt aber erst der 5. Juli, Nationalfeiertag in Algerien, an dem der algerische Präsident den Schriftsteller "aus humanitären Gründen" amnestieren könnte.
In der tazberichtet Rainer Wandler zugleich über den Fall des französischen Sportjournalisten Christophe Gleizes, der über die kabylische Minderheit recherchierte und dafür eine Gefängnisstrafe von sieben Jahren in Algerien erhielt. Außerdem zum Thema: Andreas Platthaus informiert in der FAZ, dass das Literaturhaus Leipzig und die Universität der Stadt gemeinsam einen weiteren Solidaritätsabend für Sansal mit prominenter Beteiligung auf die Beine stellen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Interview mit dem Spiegel spricht der polnische SchriftstellerSzczepan Twardoch über den Krieg im 19. Jahrhundert und heute, konkret den gegen die Ukraine. In seiner Familie war der Krieg immer präsent, erzählt er. Für seinen Roman "Die Nulllinie" ist er dann mehrfach mit Hilfsgütern zur Front in der Ukraine gefahren. Aber eine Reportage wollte er nicht schreiben: "Ich bin fest davon überzeugt, dass der Roman besser geeignet ist, die Realität zu beschreiben, als eine Reportage oder ein Sachbuch, weil er erlaubt, tiefer zum Kern vorzudringen. Zu dem, was es heißt, ein Mensch in dieser Welt zu sein. Auch weil ich im Roman die Möglichkeit zur glaubwürdigen Introspektion hatte: Ich kann das Innenleben der Personen und die Komplexität ihrer existenziellen Lage treffender wiedergeben. Ich glaube, dass der Roman eine große Errungenschaft unserer Kultur ist, als literarische Gattung, aber auch als Methode - nicht bloß des Erzählens, sondern des Nachdenkens. In keiner anderen Form sehe ich so viele Möglichkeiten."
Weiteres: Michael Cerha hat für den Standard das neue Ingeborg-Bachmann-Museumin Klagenfurt besucht. Lars von Törne freut sich im Tagesspiegel, dass die Berthold-Leibinger-Stiftung eine Professur für Comicforschung finanziert.
Besprochen werden unter anderem PhilippeJaccottets "Bonjour, Monsieur Courbet" (Tsp), der Briefwechsel zwischen IngeborgBachmann und HeinrichBöll (TA), AngieKims "Happiness Falls" (FR) und MorganaKretzmanns "Die Stimmen des Yucumã" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Szene aus "Die letzten Tage der Menschheit". Foto: Sandra Then Nicolas Stemann hat Philippe ManourysMusiktheaterstück nach Karl Kraus' Weltkriegs-Drama "Die letzten Tage der Menschheit" auf die Bühne der Kölner Oper gebracht, dem SZ-Kritiker Egbert Tholl ist das dann aber doch zu viel der Düsternis: Kraus zeichnete "ein Panoptikum einer Gesellschaft, die besoffen vor Patriotismus in den Krieg und damit ihren Untergang taumelt" - "Die Oper meint alle Kriege: Der zweite Teil ist ein knapp einstündiger Totentanz, den Stemann mit einer Videobilderflut ausstattet, antike Schlachten, moderne Kriege, Ukraine, Vietnam - deshalb der Hubschrauber-Sound. Allerdings ist da der Film 'Apocalypse Now' beeindruckender. Alles scheint richtig, aufrichtig, doch alles wirkt vorgeführt, man konstatiert ungerührt, wie scheiße der Mensch sein kann. Am Ende bei Kraus hört man die Stimme Gottes, er habe das nicht gewollt. Hier endet es auch so, allerdings folgt noch ein seltsam schwebender Chor der ungeborenen Kinder. 'Lasset nimmer uns entstehen.' Hoffnung? Nein."
Von der bombastischen Inszenierung mit Riesenchor, vollständigem Orchester, Live-Videos und Stars wie Anne Sofie von Otter wird auch Eleonore Büning in der NZZnicht recht ergriffen: "Manourys polystilistische Musik ist, selbst in ihren elektronischen Zutaten im zweiten Teil, einfach zu naheliegend schön. Sie schafft es, Kraus zu entkrausen und den Wiener Schmäh zu entwienern. So verwandeln sich die 'Letzten Tage' ungewollt in Kriegskitsch - durchaus pathosfähig, aber ironiefrei. Tatsächlich gibt es Szenen, auch einzelne Sätze oder Wörter, bei denen das Blut in den Adern gefriert. Karl Kraus hat bekanntlich nichts frei erfunden. Er hat nur beobachtet, aufgeschnappt, zitiert und montiert. Er stellte fest: Der Mensch ist eine Fehlkonstruktion. Im Kriegszustand kommt es zur kollektiven Entmenschlichung." Manoury und Stemann ist ein "theatralisches Äquivalent für die Journalismuskritik mit journalistischen Stilmitteln von Kraus" gelungen, auch musikalisch, meint indes Patrick Bahners in der FAZ, dennoch mangelt es ihm an Impulsen zum Nachdenken.
Szene aus "Malditos Benditos". Foto: Jesús Vallinas Wehmütig verabschiedet Dorion Weickmann den Choreografen und Ballettdirektor Goyo Montero, der das Nürnberger Opernhaus nach siebzehn ausgelasteten und skandalfreien Spielzeiten verlässt, nicht ohne mit "Malditos Benditos" nochmal sein ganzes Können zu zeigen: "Tänzer und Tänzerinnen thronen darauf, während der Zeremonienmeister Goyo Montero hohepriesterlich die Bühnenmitte beansprucht, den Rücken zum Auditorium gekehrt. Von dort aus beobachtet er die temperamentvollen Soli und zärtlichen Duette, die sich vor seinen Augen abspielen, allesamt eigene Schöpfungen. Unter den sechzehn Bildern in 'Malditos Benditos', die Montero zu einem Medley von Dowland bis Dylan choreografiert hat, ist diese Episode namens 'Ohne Punkt und Komma' eine der stärksten. Zugleich dient sie als Rampe für den nächsten Gedankensprung, eine Meditation über Federico García Lorca, den Dichter, dem die homophobe Gesellschaft des Faschismus zum Verhängnis wurde. Zwei Männer, sich leidenschaftlich küssend, bis der eine den anderen von sich stößt und dem Mob preisgibt."
Weitere Artikel: Für die tazporträtiert Sabine Leucht den Münchner Choreografen Moritz Ostruschnjak, dessen Produktionen "Non + Ultras" gerade in der Münchner Muffathalle und "Trailer Park" im Berliner Radialsystem zu sehen sind.
Besprochen werden David Hermanns Inszenierung des "Don Giovanni" bei den Münchner Opernfestspielen (Welt) und das Festival "Ein Stück: Tschechien" des Vereins Drama Panorama im Berliner Theater unterm Dach (taz).
"Polympsest" ist die Serie von siebzehn neuen Bildern benannt, die Norbert Bisky zum Einstand der in Berliner Galerie Esther Schipper ausstellt und Ingeborg Ruthe bewundert in der FR die fragmentierten Gestalten, die auf mitunter roh belassenen Leinwänden zwischen urbanen Landschaften und ruinösen Plattenbauten umherirren und ihr die "Folgen der Polykrise für Psyche und Gesellschaft" zeigen: "Die scheinbar bunte und verspielte Ästhetik hat etwas Kämpferisches, nicht nur in ihren narrativen Anspielungen auf soziale Unruhen, sondern auch in ihrer Beharrlichkeit auf einer gesellschaftspolitisch kodierten Farbgebung. Vermeintlich Sicheres mischt sich mit Unsicherem, Tradition mit Moderne, Normalität mit dem immerfort alarmistischen Ausnahmezustand. Die Großstadt mit ihren eher disparaten Communitys und Parallelgesellschaften; Wohnviertel und Infrastruktur gentrifiziert oder aber gleichgültig und ideenlos dem Verfall ausgeliefert. Mal große Party, freizügig karnevalesk und zum friedlichen Demonstrieren bereit, oder aggressiver Proteste wütender Massen. Junge Männer in scheinbar konfrontativen Gruppen, vermummt, maskiert, schreiend, gestikulierend, die Finger zum Pistolenschuss geformt."
Jimmi Wing Ka Ho, The view of St. Michael's Cathedral, Qingdao, 2024 Nicola Kuhn (Tagesspiegel) kommt durchaus irritiert aus der Ausstellung "Invisible City" im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum, in der der Fotograf Jimmi Wing Ka Ho Aufnahmen aus der einstigen deutschen Kolonialstadt Qingdao an der Nordostküste Chinas, die heute als touristische Attraktion dient, zeigt: "Jimmi Wing Ka Ho brachte von seiner Reise unter anderem das schwankende Video aus dem Ausflugspark mit, welches nun seine Kölner Ausstellung 'Invisible City' eröffnet und suggestiv ein Gefühl der Verunsicherung auslöst. Auch den Künstler irritierte, wie herausgeputzt die deutsche Vergangenheit im Stadtbild erscheint, als wäre es nur eine harmlose Periode gewesen. Die Spuren der darauffolgenden japanischen Besatzung bis 1945 werden dagegen eliminiert. Der 32-Jährige kam noch rechtzeitig, um brüchige Häuser dieser Periode zu fotografieren, bevor sie abgerissen werden. An ihnen manifestiert sich für China das 'Jahrhundert der Demütigung', welches bei den Bauten der deutschen Kolonisatoren ausgeblendet bleibt."
Weitere Artikel: In der SZ gratuliert Elke Heidenreich dem Berliner Maler und Zeichner Michael Sowa zum Achtzigsten.
Besprochen werden die Ausstellung "Engel der Geschichte" im Berliner Bode-Museum (NZZ) und die Helsinki-Biennale (FAZ).
Daniel Zylbersztajn-Lewandowski fasst in der taz die Geschehnisse beim Glastonbury-FestivalinGroßbritannien zusammen, wo unter dem eigentlich recht unmissverständlichen Veranstaltungsmotto "Peace, Hope & Unity" ein Sänger des Grime-Duos BobVylan unter euphorischem Zuspruch des Publikums mit der ausgerufenen Parole "Death, DeathtotheIDF" den Soldaten und Soldatinnen des israelischen Militärs unmissverständlich den Tod an den Hals wünschte. Die diesbezüglich ebenfalls einschlägig berüchtigte Band Kneecap, die auch schon mal Sympathien für die Hamas und die Hisbollah bekundete, trat gleich danach auf, hielt sich aber eher zurück - womöglich weil in Großbritannien ein Verfahren gegen die Band läuft.
Offensichtlich sahen weder die Musiker "noch ihre jubelnden Hörerinnen und Hörer einen Widerspruch zwischen dem 'Peace, Hope and Unity'-Motto des Glastonbury-Festivals und den auf der Bühne skandierten Parolen, die sich allein gegen den israelischen Militäreinsatz im Gazastreifen richten", kommentiert Jens Balzer auf Zeit Online. Aber: "Pop ist schon immer ein großer Vereinfacher gewesen. Er kann Menschen zu Gemeinschaften verbinden, in denen sie sich sicher fühlen, weil sie glauben, dass alle um sie herum so sind und so denken wie sie. Pop hat schon immer Situationen erschaffen, in denen Menschen in einer Gruppe einander das Gefühl gaben, dass sie den richtigen Style haben und den richtigen Blick auf die Welt, und dass sie dabei vielleicht sogar die Einzigen sind, die erkennen, wie es wirklich läuft, wenn sie zigtausendfach die auf einer Bühne skandierten Parolen mitrufen. So betrachtet ist das Glastonbury-Festival am vergangenen Wochenende ein perfektesPop-Ereignis gewesen."
Weitere Artikel: Juliane Liebert verneigt sich in der SZ vor DebbieHarry, die heute 80 Jahre alt wird und "ein frühes Rollenmodell für ein aktives weibliches Begehren und weibliche Handlungsfähigkeit" ist. Weitere Glückwünsche entsenden Nadine Lange (Tsp) und Freddy Langer (FAZ). Rico Bandle porträtiert in der NZZ den seit 30 Jahren in North Carolina lebenden, Schweizer Bluegrassmusiker UweKrüger. Thomas Ribi fasst in der NZZ die aktuelle Aufregung um Beyoncé zusammen, die ein T-Shirt trug, das eine schwarze Armeeeinheit ehrt, die allerdings brutal gegen amerikanische Indigene vorgegangen ist. Louisa Zimmer berichtet in der taz vom Festival Music Week Poland in Warschau. Matthias Heine sieht für die Welt nach, was man von den Ramones für den Atomkrieg lernen kann. Und Hanspeter Künzler schreibt in der NZZ zum Tod des (nicht nur) Filmkomponisten LaloSchifrin. Von ihm stammt auch das fahrig-nervöse Thema aus "Dirty Harry":
Besprochen werden der Berliner Auftritt von AC/DC (Tsp), BruceSpringsteens Box "Tracks 2" mit sieben in den Achtzigern und Neunzigern aufgenommenen, bis dato aber unveröffentlichten Alben (FAZ) und ein Dubliner Konzert von NeilYoung mit VanMorrison im Vorprogramm (FAZ).
Eine Ära geht zu Ende: Demna verlässt Balenciaga und geht zu Gucci. Zum Abschied gibt es eine kleine Ausstellung in Paris, "die deshalb interessant ist, weil sie einem viel über die Gegenwart erklärt", schreibt Johanna Adorján in der SZ. Der Designer hat nicht weniger als "die Silhouette unserer Zeit" geschaffen: "Vieles daran geht ins Klobige. Schuhe sehen aus, als könne man sie auch als Boote benutzen. Jacken sind so geräumig, dass man damit nicht durch jede Tür passt. Hosen so weit, dass sich eine Familie mit mehreren Kindern darin verstecken könnte. Strumpfhosen werden unten plötzlich zu spitzen Stöckelschuhen, man trägt sie als Hose. Kappen sind wichtig. Kapuzen erst. Das Kleidungsstück unserer Tage ist der Hoodie. Und zwar in XXXL, der Träger sollte darin komplett verschwinden. Und alles möglichst in der Farbe, in der wir uns die Zukunft ausmalen, also schwarz. Die moderne Silhouette wirkt zugleich abwehrend und tarnend. Wer sie trägt, will nicht angesprochen werden und kommt gut allein klar. Aber, und das gehört eben auch dazu: unter diesem Panzer aus Stoff, Leder oder Latex pocht ein romantisches, zartesHerz."
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