Efeu - Die Kulturrundschau

Ich bin nämlich eigentlich ganz anders

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23.06.2025. Putin war schon immer ein Zensor, aber "nun ist die Zeit gekommen, um die unabhängige Kultur in allen ihren Formen zu vernichten: Kino, Theater, Musik und schließlich die Literatur", schreibt Viktor Jerofejew in der FAZ. taz und FAZ lernen von Mohammad Rasoulofs Stück "Destination: Origin" in Berlin, wie sich Exilerfahrungen in Körper einschreiben. Christina Tscharyiskis Horvath-Inszenierung überzeugt die Nachtkritik durch ihre "Demaskierung des Bewusstseins." Die NZZ stellt Meinolf Brüsers Bach-Buch vor. Und die Zeitungen trauern um die Schweizer Schriftstellerin Gertrud Leutenegger.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2025 finden Sie hier

Literatur

Anders als viele meinen, war Putin auch um 2000 keineswegs liberal, schon 2002 ließ er im großen Stil Bücher verbieten, schreibt der im Exil lebende Schriftsteller Viktor Jerofejew in der FAZ. Heutzutage ist Putin nur einfach noch autoritärer geworden und hat die Invasion der Ukraine dazu genutzt, seine Macht vollends autokratisch umzubauen. Und erneut sind dabei Bücher im Visier: Im Mai 2025 gab es erneut von Buchgroßhändlern durchgereichte Anweisungen, welche Bücher aus dem Sortiment zu nehmen und zu vernichten seien, darunter auch Bücher von Jerofejew selbst. "Nun ist die Zeit gekommen, um die unabhängige Kultur in allen ihren Formen zu vernichten: Kino, Theater, Musik und schließlich die Literatur. ... Verleger, Verkäufer in Buchläden, Bibliothekare riskieren Repressionen bis hin zu Strafverfahren und Haft. Als schädliche Bücher gelten alle Werke, in denen das Thema LGBT erwähnt wird - das kommt alles in die Tonne. Als schädliche Bücher gelten jene Bücher, die auf die eine oder andere Weise die Handlungen der Herrschenden im Kreml und in der Armee im Besonderen infrage stellen. Als schädliche Bücher gelten auch jene Texte, die die kulturelle Geschichte Russlands frei interpretieren."

Gertrud Leutenegger ist im Alter von 76 Jahre gestorben. Jahrzehntelang war sie Suhrkamp-Autorin, 2015 sogar gleichzeitig für den Deutschen und den Schweizer Buchpreis nominiert, schreibt Sieglinde Geisel in der FAZ. Der große Durchbruch im Betrieb war der Schweizer Schriftstellerin indessen, trotz zahlreichen Auszeichnungen, darunter der Bachmannpreis 1978, nicht vergönnt. Ihre "lyrisch gefärbte Prosa erwies sich als nicht marktgängig. Kaum je wird die Erzählung von einer Handlung vorangetrieben, denn letztlich handelt es sich um Bewusstseinsromane. In ihrer Prosa begegnet man einem staunenden, forschenden Ich. Diese Erzählerin, der nichts selbstverständlich ist, erscheint über das gesamte Werk hinweg als eine in vieler Hinsicht durchgängige Figur." Ihr "Schreibprojekt war eins der Extreme, wenn auch unter Tarnung. ... Sie habe den Roman neu erfinden wollen: schlanker, luzider, politischer. Es lohnt sich, ihr Werk unter diesem Blickwinkel noch einmal neu zu lesen."

"Ihr Werk wollte von einer Nichtigkeit des Ichs nichts wissen", schreibt Paul Jandl in der NZZ. Leutenegger "war keine Autorin der Eindeutigkeit. Ihre Literatur war voller Kippbilder. 'Ein Gleiten, ein Verlagern ist alles', heißt es einmal bei ihr. Stilistisch hat sie diesen Effekt virtuos beherrscht. An ihren atmosphärischen Bildern, die immer auch Skizzen von Seelenzuständen waren, konnte man lange hängenbleiben und eine Kunst bewundern, die heute fast schon altmodisch genau wirkt. ... Für Gertrud Leutenegger hat sich die Wirklichkeit nie zu einem geschlossenen System geformt. Ihre Romane und ihre kurze Prosa waren offen für die Wirklichkeiten des Lesers." Philipp Theisohn würdigt im Buchjahr Leutenbergers "Kunst der leisen Worte, die Schärfe ihres Blicks, der die phantastischen Urgründe der Wirklichkeit so sacht zu bergen wusste".

Weitere Artikel: "Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Buch", befiehlt die Schriftstellerin Eva Menasse in einem Essay für den Standard über Lesen, Leseverhalten und KI. Heike Holdinghausen resümiert in der taz das Nature Writing Festival in Hamburg. Ein online namentlich nicht erwähnter Autor berichtet (online nachgereicht) in der Zeit von seiner Reise nach Radebeul zu Karl Mays Villa ShatterhandMikael Ross' mittlerweile mehrfach ausgezeichneter Comic "Der verkehrte Himmel" ist nun auch beim Comicfestival München mit dem Peng-Preis ausgezeichnet worden, meldet Lars von Törne im Tagesspiegel.

Besprochen werden unter anderem Ulli Lusts mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichneter Comic "Die Frau als Mensch" (FR), Nell Zinks "Sister Europe" (online nachgereicht von der Zeit), Didi Drobnas "Ostblockherz" (Standard), Armin Thurnhers Lyrikband "Sieben Flüsse" (Standard), Uwe Wittstocks "Karl Marx in Algier" (NZZ), Jiří Hájíčeks "370 m über NN" (NZZ), der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll (SZ) sowie neue Kinderbücher, darunter Sigrid Zeevaerts "Nuria" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Robert Schöller über Heinrich von Veldekes "Ein Lindenlied":

"So manchem Herzen fügte der kalte Winter Leid zu.
Der Wald und auch die Wiese
haben es mit ihrem grünen Kleid überwunden ..."
Archiv: Literatur

Bühne

"Destination: Origin" von Mohammad Rasoulof auf dem Berliner Festival "Performing Exiles" zeigt Taz-Kritikerin Jenni Zylka, auf welch elementar erschütternde Weise sich das iranische Regime und die Fluchterfahrung in einen menschlichen Körper einschreiben: "So zeigt die vielleicht stärkste und eingehendste Szene einen Dialog zwischen einer Frau, die in einem aufgerichteten Bett steht oder auch dort angebunden ist, und einer Matratzenverkäuferin, die immer wieder fragt: 'Wie fühlen Sie sich? Ist Ihnen bequem?' Ob man je wieder ruhig schlafen kann, wenn man weiß, was im Iran mit Regimekritiker:innen passiert, die Tragweite der gesamten Flüchten-oder-Bleiben-und-Kämpfen-Problematik steckt in dieser Frage, ebenso wie der beängstigende aktuelle Krieg. 'Die Augen haben Angst, aber die Füße tragen mich weiter', ist ein Satz, der im Stück immer wieder fällt."

Auch Andreas Kilb ist in der FAZ beeindruckt: "Rasoulof, neben Jafar Panahi der derzeit bedeutendste Filmemacher Irans, stand vor der Wahl, ein drittes Mal ins Gefängnis zu gehen oder sich eine neue Heimat im Ausland zu suchen. Dass er dort innerlich schon angekommen ist, kann niemand erwarten. Insofern ist 'Destination: Origin' auch eine Selbstbefragung - und ein Notschrei. Irgendwann in der Mitte des Abends bitten die Schauspielerinnen das Publikum, ihnen bei der Wohnungssuche zu helfen. Das ist nicht nur wörtlich gemeint."

"Zur schönen Aussicht." Foto: Julian Baumann.


Für den Nachtkritiker Thomas Rothschild gibt es hingegen Anlass zur Freude, denn Christina Tscharyiskis Inszenierung "Zur schönen Aussicht" bringt am Schauspiel Stuttgart ein selten gespieltes Stück des Österreichers Ödön von Horvath auf die Bühne. Die Geschichte um Christine, die von dem Hoteldirektor Strasser geschwängert wird, steht in Stuttgart in einem produktiven Zwiespalt aus Naturalismus und Stilisierung: "Der bekannteste Satz aus dem Stück lautet: 'Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.' Er wird von Ada gesprochen und soll sie rehabilitieren. Man wird schwerlich eine zweite Stelle finden, die so sehr nach Horváth und seiner Demaskierung des Bewusstseins klingt. Bestünde 'Zur schönen Aussicht' nur aus diesem einen Satz: Es wäre ein Höhepunkt der deutschsprachigen Dramatik. Brecht eingeschlossen." In der SZ fehlt Egbert Tholl ein wenig der Witz an der Inszenierung, das Ende gefällt ihm dann aber doch. 

Besprochen werden: Milo Raus "Der Prozess Pélicot" bei den Wiener Festwochen (Welt), Shakespeares "Wie es euch gefällt" am Staatstheater Wiesbaden, inszeniert von Nurkan Erpulat (FR, Nachtkritik), Puccinis "Tosca" an den Festspielen St. Gallen, inszeniert von Marcos Darbyshire (NZZ) und die zehnstündige Mammut-Inszenierung "Musée Duras" von Julien Gosselin bei den Wiener Festwochen (Nachtkritik).
Archiv: Bühne

Film

Peter Littger staunt in der SZ, wie akurat Robert Zemeckis' "Zurück in die Zukunft 2" von 1989 in der Figur des Biff Tannen Donald Trump vorhergesehen hat, von dem sich Drehbuchautor Bob Gale auch tatsächlich inspirieren habe lassen. Besprochen werden David Schalkos neue, in der ARD gezeigte Serie "Warum ich?" (Welt), Danny Boyles Horrorfilm "28 Years Later" (NZZ), die Netflix-True-Crime-Doku "Cocaine Air" (TA) und Ina Weisses "Zikaden" (SZ).
Archiv: Film
Stichwörter: Trump, Donald

Kunst

Maria Lassnig, Frühstück mit Ohr (Breakfast with Ear), 1967, Oil oncanvas, 130 x 194.8
© Maria Lassnig Foundation. Courtesy Maria Lassnig Foundation.

Im Luma Arles darf sich FAZ-Kritiker Stefan Trinks in der Ausstellung "Living With Art Stops One Wilting!" davon überzeugen, dass Maria Lassnig eine Künstlerin war, die das Ikonische in explosiver Farbstärke neue Verbindungen hat eingehen lassen. Ihre Selbstporträts sind herausfordernd: "Den zur ruhigen Führung der Hand eingesetzten Malstock hält sie dabei wie eine Waffe zur Selbstverteidigung quer vor den Oberkörper, doch ist der Stab durch die Hautfarbe ihrer Brust geisterhaft überdeckt und in der Mitte unsichtbar, ebenso wie das Porträt im Hintergrund verlebendigt ist und phantomhaft seine Hände auf ihre Schultern legt. Lassnigs Inkarnat schimmert dabei so welkgrünlich wie ihre derbe Cargohose, ihr Selbstporträt scheint sich - den Betrachter vor dem Bild unverwandt und beinahe herausfordernd fixierend - im angesichts der ausgestellten Hinfälligkeit alles Menschlichen erschrockenen Blick des betrachtenden Anderen zu prüfen: 'Hältst Du diesem Anblick stand?'"

Weiteres: Sonja Zekri informiert in der SZ, wie Israel und der Iran ihre Kunstgüter und Museen schützen, nachdem der Internationale Museumsrat Icom "vor der 'wachsenden Gefahr' für Museen und ihre Mitarbeiter in Iran und Israel gewarnt" hat.
Archiv: Kunst
Stichwörter: Lassnig, Maria

Musik

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Bachs "Kunst der Fuge" bricht, anders als ein beliebter Mythos der Bachrezeption behauptet, keineswegs unvollendet mit dem Tod Bachs ausgerechnet hinter der Tonfolge B-A-C-H ab. Ganz im Gegenteil gehört dieser Teil der Fuge ins Zentrum des Werks und nicht an ihr Ende. So zumindest der Befund in Meinolf Brüsers Bach-Monografie "Es ist alles Windhauch", den der Musikwissenschaftler Hans-Joachim Hinrichsen online nachgereicht in der NZZ für reizvoll und plausibel hält. An dieser Position im Gesamtwerk wird der "Abbruch bewusst inszeniert. Weshalb? Brüser sieht darin eine subtile Demutsgeste des alten Bach, ein Zurücktreten des endlichen Schöpfersubjekts vor seinem Schöpfergott. ... Die "Kunst der Fuge" wäre, wenn das alles stimmt, also keineswegs ein vom Schicksal zum Torso gemachtes Projekt. ... Der Mythos der durch Bachs Tod verhinderten Vollendung erscheint vielmehr als ein postumes Konstrukt. In diesem zeigt sich das Weltbild einer neuen Generation, das auch noch uns Heutigen nähersteht. ... Es deutet den (vermeintlichen) Torso-Charakter der 'Kunst der Fuge' als visionären Vorgriff auf die Faszination für Fragmente, die in der Epoche der Empfindsamkeit aufkam und in der Frühromantik um sich griff."

Hier das erhabene Werk in ziemlich eigenwilliger Interpretation:



Weitere Artikel: Karl Fluch spricht für den Standard mit der Songwriterin österreichischen Spngwriterin Oska. Besprochen werden der Essay- und Gesprächeband "Naivität und Ironie" des eben verstorbenen Pianisten Alfred Brendel (online nachgereicht von der FAZ), ein Sammelband mit Artikeln des Popkritikers Kid D (Freitag), ein Konzert der Wiener Symphoniker unter Manfred Honeck (Standard), der Auftakt der Styriarte in Graz (Standard), das Auftaktkonzert des Rheingau Musik Festivals (FR) und ein Konzert von Faber in Frankfurt (FR).
Archiv: Musik