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11.06.2025. Große Trauer um den Funkmusiker Sly Stone, der es laut taz, verstand, Spiritualität und Wut musikalisch zu kanalisieren. Trauer auch um den für seine Nagelreliefs berühmten Künstler Günther Uecker.Und umFrederik Forsyth: Die SZ erinnert sich an seine Thriller, in denen vor allem Präsenz und Körperlichkeit zählen. Außerdem: Eher ein Reinfall ist die Neuaufnahme der Reichstagsverhüllung per Lichtprojektion, ärgert sich die Zeit. Die Welt fragt, nachdem Demis Volpi das Hamburger Ballett verlassen hat, ob das Haus auf ewig ein Erbhof John Neumeiers bleiben wird.
Das war wohl nichts. 30 Jahre nach Christo und Jean-Claudes Reichstagsverhüllung wollte Vladimir Yavachev, Neffe des inzwischen verstorbenen Christo, das legendäre Kunstprojekt wiederaufleben lassen, per Lichtprojektion auf den Reichstag. Allein, die brav versammelten Zuschauer wurden am Montagabend mit dem Ergebnis nicht allzu glücklich. Laut Hanno Rauterbach (Zeit) zumindest war "kein Großgeraune (...) zu hören, kein Ahh und Ohh zu vernehmen. Nichts an dieser digitalen, im Endlosloop vorgeführten Rückkehr des Wrapped Reichstags erinnerte an das Funkeln von einst, an die surreale Entwirklichung, mit der die Kunst vor 30 Jahren die Menschen in den Bann schlug. Damals war alles restlos verschwunden unter den Planen, jetzt hingegen, unter den Lichtschleiern der Projektoren, können die Säulen, Fenster, Skulpturen nicht einfach abtauchen. Sie bleiben, was sie sind, auch wenn es manchmal aussieht, als kräuselten sich davor ein paar Tücher, der Wind führe hinein, um die parlamentarische Gegenwart einmal zu durchlüften." Tobias Langley-Hunt berichtet im Tagesspiegel neutraler von der Reichstag-Sause, in der FAZ widmet Petra Ahne dem Event ein paar launige Zeilen.
Günther Uecker ist tot. Ingeborg Ruthe ruft dem Maler und Bildhauer in der BlZ nach. Sein Werk setzt sich wiederholt mit schweren Themen wie Tschernobyl und dem Holocaust auseinander, hat aber auch eine metaphysische Dimension: "Die Dinge mahnen. Für den Bildhauer waren die im rhythmischem Wirbel zu weißen oder schwarzen Spiralen, zu dunklen Feldern, gefährlichen Furchen, stachligen Fellen und Baumstümpfen geformten Nagelbilder elementare Möglichkeit, starke Emotionen auszudrücken. (...) Doch fährt man mit den Fingerkuppen über manche Nagelfläche, spürt man auch Sanftes. Als streichle man einem struppigen Tier den Pelz und spürt überrascht, dass es weich ist. Weich wie die Sanduhren mit Pendeln aus Hanf." Für die SZ erinnert sich Till Briegleb, in Dlf Kulturwürdigt Felix Krämer Uecker als wichtigen deutschen Nachkriegskünstler.
Weitere Artikel: Olga Kronsteiner berichtet im Standard über den Versuch des österreichischen Nationalratspräsidenten Walter Rosenkranz (FPÖ), eine Arbeit des Künstlers Erwin Wurm, die fürs Parlament angekauft worden war, an denselben zurück zu erstatten. Helene Slancar besucht ebenfalls für den StandardBraunau, wo demnächst das Festival der Regionen gastiert. Susanna Petrin spaziert in der NZZ durch den neueröffneten Flügel - Teil eines größeren Umbauprojekts - für Kunst aus Afrika, Ozeanien und den alten Amerikas im New Yorker Metropolitan Museum of Art.
Besprochen werden eine der wiederentdeckten Malerin Olga Meerson gewidmete Ausstellung im Schlossmuseum Murnau (FAZ), die Gruppenausstellung "Die Welt von morgen wird eine weitere Gegenwart gewesen sein" im Wiener Mumok (Standard), Michaela Eichwalds "Teil 2", Sequel einer Ausstellung aus dem Jahr 2018, in der Berliner Galerie Isabella Bortolozzi (taz), die Schau "And This is Us 2025 - Junge Kunst aus Frankfurt" im Frankfurter Kunstverein (monopol) und Julian Charrières Ausstellung "Midnight Zone" im Baseler Museum Tinguely (monopol).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der auf Polit-Thriller spezialisierte Bestseller-AutorFrederickForsyth ist im Alter von 86 Jahren gestorben. So einen "wird es nie mehr geben", seufzt Matthias Heine in der Welt, "schon allein, weil solche Karrieren heute nicht mehr in coolen Jets beginnen." Viele Jahre als Journalist für Reuters und die BBC, aber auch als Zuträger für den britischen Geheimdienst MI6 tätig, verarbeitete Forsyth seine Erfahrungen in seinem Debüt- und Duchbruchroman "Der Schakal", in dem ein britischer Auftragsmörder Charles de Gaulle ermorden soll. "Großartig daran ist die totale menschliche Leerstelle im Zentrum: Der Schakal bleibt bis zuletzt ein Geheimnis. Selbst das wenige, was die Polizisten über ihn herausgefunden haben, entpuppt sich am Ende auch noch als falsch. Seine Psyche wird ausschließlich durch die kalte Rationalität definiert, mit der seine Tat plant und schon im Vorfeld mehrere nötige Morde begeht. Diese reine Funktionalität ... lässt ihn viel bedrohlicher psychopathisch wirken als jedes Psychopathengekaspere, mit dem solche Figuren von schwächeren Autoren gezeichnet werden."
Forsyths "Erbe wirkt merkwürdig aktuell in einer Zeit, deren Skrupellosigkeit in vielfacher Hinsicht die Romanvorlagen übertrifft", denkt sich Dominic Johnson in der taz. "Forsyth hat den politischen Thriller neu erfunden, als Überhöhung der Realität. ... Seine Sprache ist verständlich, präziseunddirekt, so wie man es als Journalist lernt." Sein "Schlüsselerlebnis war der Biafra-Krieg in Nigeria ab 1967, dessen Militärregime mit Unterstützung der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien und auch der Sowjetunion den Sezessionsstaat 'Biafra' des Igbo-Volkes brutal zerschlug, um den Preis einer Hungersnot mit über einer Million Toten. Forsyth schrieb darüber 1969 sein Buchdebüt 'The Biafra Story': kein Roman, sondern eine Anklageschrift, in der er zum Schluss kam, in Biafra finde ein Genozid statt und die damalige britische Labour-Regierung leiste hierfür Beihilfe. Das verhallte ungehört, seinen Job war er los, aus der Not wuchs dann 'The Day of the Jackal'. Es war der Sprung zum Erfolg."
"Die meisten Romane Forsyths sind aus der Zeit vor den digitalen Medien, durch die das Agenten- und Politbusiness gewaltig verändert wurde", hält Fritz Göttler in der SZ fest. "Wie bei seinem Kollegen John Le Carré ... zählt auch bei Forsyth: Präsenz, raffinierte Tarnung, körperlicher Einsatz. Die wesenlose neue Welt sah der vom Brexit überzeugte Schriftsteller in der Europäischen Union am Werk - fremdeBürokraten, die abstrakteRegeln und Vorschriften bestimmen, die, so sah es Forsyth, von 'einem Pseudoparlament mit überbezahlten Mitgliedern abgenickt werden'. Das erinnerte ihn stark an die alte DDR." Als junger Mann war Forsyth auch selbst "ein echter Draufgänger", staunt Hannes Hintermeier in der FAZ. "Die New York Times berichtet, 1974 habe Forsyth in Hamburg über illegalen Waffenhandel recherchiert. Als er eine Warnung bekam, er sei aufgeflogen, habe er sich seinen Verfolger entzogen, indem er auf einen abfahrenden Zug aufsprang. Autoren aus solchem Holz sind rare Exemplare."
Besprochen werden unter anderem AlexanderSollochsHarry-Rowohlt-Biografie (taz), IsabelKreitz' Comic "Die letzte Einstellung" über die Produktion des letzten Durchhaltefilms der Nationalsozialisten (FD, SZ), FabioAndinas "Sechzehn Monate" (NZZ), OliverHilmes' historische Darstellung "Ein Ende und ein Anfang. Wie der Sommer 45 die Welt veränderte" (FR) und SebastianPeters' Biografie "Hitlers Fotograf HeinrichHoffmann" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Die Musikkritiker trauern um den begnadeten Funkmusiker SlyStone. "Er war ein Innovator, er war ein musikalischer Revolutionär, er war ein Prophet", seufzt Ueli Bernays in der NZZ. Und "obwohl er Ende der 1960er Jahre mit elektrisierenden Grooves und einer humanistischen Message in die amerikanische Öffentlichkeit drang, war Sly Stone frei von Strenge oder Fanatismus. Seine spielerischeOffenheit verdankte der gewitzte Künstler, der sich in glitzernde Klamotten kleidete und breitkrempige Hüte über dem gepflegten Afro trug, wahrscheinlich seiner stupenden Musikalität. So vielseitig talentiert er war, wollte er sich weniger auf ein fixes Profil ausrichten, lieber überraschte er durch Stilbrüche und gewagte Mixturen. Dabei glänzte er selber auch als glamouröserSänger, der fehlendes vokales Volumen durch ein schmeichlerisches Timbre und elegante Phrasierung kompensierte."
Er "nahm sie alle voraus", meint Andrian Kreye in der SZ: "Prince, Michael Jackson und Stevie Wonder, Funkrock, Hip-Hop, und er sollte selbst seine Vorväter wie Miles Davis und Herbie Hancock zur Kehrtwende vom Hardbop zumJazzrock inspirieren." Der große Durchbruch gelang ihm 1968 mit einem schier atemberaubenden Auftritt in der ansonsten eher biederen "Ed Sullivan Show": "Nach dem furiosen Medley der ersten beiden Hits startete seine Band mit 'I Want to Take you Higher' durch wie ein Kampfpilot, der vom viel zu kurzen Flugzeugträger abheben muss. In einem Affenzahn walzen sie da durch die Genres. Die Gitarre schrubbt durch die Harmonien wie ein Mähdrescher, der Bass pumpt aus der Tiefe, der Schlagzeuger drischt auf sein Set, als gelte es, die Trommeln zu zerlegen, Trompete und Saxofon setzen die strahlenden Akzente."
Julian Weber fokussiert in seinem taz-Nachruf auf den politischen Sly Stone des Albums "Stand", erschienen 1969. "Musik und Texte bringen die Hoffnungen der Bürgerrechtsbewegung auf soziale Teilhabe und das gestiegene Selbstbewusstsein der Schwarzen Musikkultur mit dem Optimismus der Hippie-Ära zu etwas völlig selbstverständlichem Neuem zusammen: Funk. Groove und spirituelle Bestimmung waren abgeleitet von Soul und Gospel; Psychedelik und Experimentierfreude kamen vom Rock." Stone verkörperte "wie kein Zweiter den Spirit einer Ära, die Aufbruchstimmung der 1960er Jahre, den Willen, Dinge zu ändern". Weitere Nachrufe schreiben Nadine Lange (Tsp), Harry Nutt (FR), Jan Wiele (FAZ) und Samir H. Köck (Presse).
Weiteres: Zum Auftakt von BruceSpringsteensDeutschlandtourführt Erhard Grundl in der taz durch Leben und Werk des US-Rockstars. Reinhard J. Brembeck resümiert in der SZ die Regensburger Tage Alter Musik. Christian Wildhagen schreibt in der NZZ zum Tod des Musikkritikers PeterHagmann. Besprochen wird Güner Küniers neues Album "Yaramaz" (JungleWorld).
Staatstheater Mainz - Underdog. (c) Andreas Etter Sylvia Staude erfreut sich im Staatstheater Mainz an Alan Lucien Øyens Tanzstück "Underdog". Schön altmodisch ist die Inszenierung geraten, und auch das Dekor überzeugt sie: "Es ist ein Stück in Winterfarben. Die Kostüme von Stine Sjøgren weiß, schwarz, blaugrau. Überwiegend tragen die Tänzerinnen und Tänzer sehr weite Hosen, was ihre ausgreifenden Bewegungen fantastisch akzentuiert. Die Rückwand der Bühne von Åsmund Færavaag erscheint als Schneefläche, doch nicht blendend, sondern matt. Eine dünne Holzwand mit Baumumriss kommt dazu, der Baum wird sich herauslösen, zur melancholischen Skulptur werden. Und es kommen Stühle zum Einsatz (49 insgesamt), mal säuberlich in Reihe, mal werden ihre Beine zu Igelstacheln."
Demis Volpi, Intendant am Hamburger Ballett, wurde zuletzt von Tänzern im eigenen Haus kritisiert; andernorts war gar von "Hexenjagd" die Rede (unsere Resümees). Nun ist er gegangen worden. Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda ist offensichtlich zum Entschluss gelangt, dass Volpi nicht mehr tragbar ist. Wiebke Hüster zitiert in der FAZ die Tänzerin So-Yeon Kim: "Manche waren der Ansicht, da Volpi nicht körperlich gewalttätig war, müsste man ihn nicht entlassen. Die Wahrheit ist aber, dass viele Tänzer und Theatermitarbeiter unter Volpis Charaktermängeln und Inkompetenz nicht nur gelitten haben, sondern in der Konsequenz ihr Engagement und manche ihre Karriere verloren haben. Sein Verhalten hat das Leben von Tänzern ruiniert." Manuel Brug ist sich in der Welt deutlich weniger sicher, wie die Lage zu bewerten ist. Er betrachtet den Abgang Volpis vor allem als einen Sieg derjenigen, die dem gefeierten langjährigen Leiter John Neumeier, Volpis Vorgänger, hinterher trauern: "Soll jetzt das Neumeier-Regententum mit seinen Satrapen und Speichelleckern, bei denen der Altmeister von hinten an den Strippen zieht, auf ewig verlängert werden? Das kann es nun wirklich nicht sein. Das Ballett ist kein Erbhof." Warnendes Beispiel laut Brug: Wuppertal, wo seit Pina Bauschs Tod das Chaos regiert.
Weitere Artikel: Christine Wahl blickt im Tagesspiegel auf die "Autor:innentheatertage 2025", die im Juni Deutschen Theater Berlin stattfinden. Andreas Thamm spricht auf nachtkritik mit John von Düffel, der in der Spielzeit 2025/26 das Bamberger ETA Hoffmann Theater übernimmt.
Besprochen werden Barry Koskys "Hotel Metamorphosis" auf den Salzburger Pfingstfestspielen (FAZ, "unheimlich-komisch"), Philipp Preuss' Kafka-Interpretation "Der Prozess" am Staatstheater Darmstadt (FR, "schöne Distanz zum übergroßen Text") und Andreas Homokis Inszenierung des Mendelssohn-Oratoriums "Elias" am Opernhaus Zürich (NZZ, "betont einfache, unpathetische Bilder").
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