Kultur
Eine neue Geschichte der Welt

Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2025
ISBN
9783608966596
Gebunden, 432 Seiten, 35,00
EUR
Klappentext
Aus dem Amerikanischen von Enrico Heinemann. Auf einer Reise von der Chauvet-Höhle in Frankreich durch Nofretetes Ägypten, das klassische Griechenland, die Bibliotheken der Azteken, Ashokas Indien, das China der Tang-Dynastie und weitere Epochen: Diese leicht verständliche und unterhaltsame Big History des deutschamerikanischen Literaturwissenschaftlers Martin Puchner enthüllt die Entstehung und Gründe menschlicher Kultur - und wie kulturelle Aneignung dies ermöglichte. Wozu brauchen wir Kunst und Kultur überhaupt? Warum sollten wir uns mit unserer Vergangenheit beschäftigen? Martin Puchner erzählt, warum wir nur durch Kultur in der Lage waren, unsere Fähigkeiten zu entwickeln, und wie sie durch unsere Begegnungen, kollektiven Verluste und Wiederentdeckungen, Innovationen, Nachahmungen und Übernahmen Gesellschaften über die Jahrhunderte vorangetrieben und unser Überleben gesichert hat. Kultur kann daher nicht als Ressource einer einzelnen Gruppe gesehen werden, sondern entsteht im Austausch mit anderen, als geliehene Form und Verschmelzung von Ideen - durch Zeichnen, Sprechen, Speichern von Wissen. Wie ein riesiges Recyclingprojekt werden kleine Fragmente aus der Vergangenheit hervorgeholt und neu genutzt. Anhand bisher unbekannter Beispiele ermöglicht Puchner einen neuen Blick auf die Menschheit und liefert einen Beitrag zur Debatte über Originalität und kulturelle Aneignung.
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Info)
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 12.05.2025
Liest man Clemens Klünemanns Kritik zu Puchners viel besprochenem Buch, dann hat man den Eindruck, das Buch richte sich gegen die Idee, es könne so etwas wie "Kulturelle Aneignung" geben. Kultur - so referiert Klünemann dem Autor zustimmend - entsteht mindestens eben so sehr aus "Kulturtransfers" wie aus originärer Schöpfung. Ja, man kann die Frage noch radikalisieren, so Klünemann: "Gibt es überhaupt eine originäre Kultur?" Der Band illustriert diese Frage an vielen Beispielen, die den Rezensenten merklich fasziniert haben: Es fängt an mit 40.000 Jahre alten Höhlenzeichnungen, geht über Echnaton und Nofretete, die die Juden zum Monotheismus inspiriert haben könnten, und hört bei Haiti nicht auf, wo Sklaven sich auf universelle Prinzipien beriefen, um sich aus dem Herrschaftsbereich derer, die sie formuliert hatten, zu befreien. Nationalismus, die Reklamation einer reinen, "eigenen" Kultur ist schon deren Ende, so Klünemann mit Puchner. Das Buch scheint also auch Argumente für aktuelle Debatten zu liefern.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.05.2025
Der hier rezensierende Historiker Jürgen Osterhammel, selbst Autor einer berühmten Universalgeschichte, spricht Martin Puchners These vom Wissensspeicher und Gegenwartsbewältiger Kultur leicht gönnerhaft eine gewisse Aktualität nicht ab in Zeiten, da Universitäten und Theatern der Geldhahn abgedreht wird. Puchners durchaus "flott lesbares" Buch tritt als "Geschichte der Welt" für Osterhammel zwar etwas zu großspurig auf (Musik, Architektur, Film kommen nicht vor), kann in einigen Teilen aber punkten, findet der Rezensent. Und zwar immer dann, wenn der Autor keine historischen Großereignisse behandelt, sondern aus einer Quelle episodisch Unterhaltungswert geschlagen wird. Interkulturell bietet der Band nichts Neues, so Osterhammel, Puchners Warnung vor der Überbewertung des vermeintlich Eigenen findet er allerdings gerade heute hörenswert.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 30.04.2025
In seinem neuen Buch erzählt Martin Puchner keine chronologische Kulturgeschichte, sondern entwirft ein globales Panorama kultureller Verflechtungen - von Höhlenmalerei bis Gegenwart. Rezensent Thorsten Jantschek lobt den Band als "rebellische Kulturtheorie", die zeigt: Kultur ist kein Besitz, sondern ein "gewaltiges Recycling-Projekt". Im Mittelpunkt stehen Grenzgänger wie der chinesische Mönch Xuanzang, der verbotenerweise nach Indien pilgerte, um den Buddhismus zu studieren - und dabei selbst kulturell geprägt wurde, erfahren wir. Puchner entlarvt Konzepte wie Originalität oder Überlegenheit als Mythen und beschreibt Kultur als etwas, das durch Aneignung, Verlust und Neuinterpretation ständig entsteht. Nur so könne Kultur, so der Kritiker, eine widerstandsfähige werden, "der so schnell nichts passiert."
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 11.04.2025
Martin Puchner stellt sich in seiner neuen Kulturgeschichte einer gewaltigen Aufgabe, und meistert sie mit Bravour, findet Rezensent Martin Hubert. Wie Kultur gerade durch Austausch, durch Aneignung "geschichtsmächtig" werden kann, heißt Geschichte schreiben, heißt zur Schaffung neuer, geteilter Räume beitragen kann, fragt Puchner in seinem Buch. Zur Beantwortung dieser Frage zieht der Literaturwissenschaftler zahlreiche Beispiele aus aller Welt heran, lesen wir. Dabei geht es ihm weniger um Vollständigkeit, als darum, ein neues Verständnis von Kultur zu schaffen: Kultur als "Recyclingprojekt", wie Hubert es ausdrückt. Auf sehr anschauliche Weise verfolgt der Autor dafür einige der überraschendsten, "verschlungenen Pfade" kulturellen Austauschs, etwa zwischen muslimischer und christlicher Kultur oder auch zwischen den Kulturen von Unterdrückten und Unterdrückenden. Dass er dabei die negativen Aspekte kultureller Aneignung zwar erwähnt, aber nicht ausreichend beleuchtet, könnte man ihm vorwerfen, stellt der Rezensent fest. Allerdings konzentriert sich der Autor nicht umsonst auf die positiven Effekte: Gerade in Zeiten zunehmender nationaler und kultureller Isolation erinnert er eindrücklich an die Potenziale der internationalen kulturellen Verständigung, so der Rezensent.