Efeu - Die Kulturrundschau

Das Berühren der verbotenen Frucht

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04.06.2025. Im Iran wurde Salman Rushdie gerade durch die Fatwa zu einer Legende, weiß Zeit Online. Die BlZ erfreut sich in einer Cottbuser Ausstellung zu DDR-Frauenbildern an sagenhaft gemalter Tristesse. Die nachtkritik nimmt in Ali Chahrouhrs Tanzstück "When I Saw the Sea" am Berliner HAU Anteil am Schicksal von Arbeitsmigranten im Libanon. In einer Münchner Ausstellung spürt die NZZ Susan Sontags Angst nach, das Leben zu versäumen. Der Perlentaucher blickt auf einen streitbaren Essay von Lars-Henrik Gass über das Gegenwartskino.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2025 finden Sie hier

Literatur

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Das New York der Sechziger- und Siebzigerjahre war der ideale Nährboden für das rastlos-neugierige, alles aufsaugende Leben von Susan Sontag - für eine große Sontag-Ausstellung "wurde New York daher ins Münchner Literaturhaus geholt", schreibt Viola Schenz in der NZZ. "Die Vitrinen ziehen sich durch Straßenschluchten, umrahmt von riesigen Häuserzeilenfotos. Sie lassen sinnlich Sontags Rastlosigkeit nachempfinden, ihre Neugier, ihre Reiselust, ihre Sammelleidenschaft. Sie sammelte alles - Kunst, Souvenirs, Porträts, Kitsch, Bücher sowieso, Liebhaber und Liebhaberinnen. ... Eine fast panische Angst, im Leben etwas zu versäumen, eine unstillbare Lust auf Inspiration trieb sie von vormittags bis nachts durch Kinos, Galerien, Theater, Klubs, Konzerte und in ihre Stammrestaurants. Kurz vor Mitternacht ging es noch in eine Buchhandlung, Amphetamine hielten sie bis in den Morgen wach. Schlafen empfand sie als Lebenszeit raubende Zumutung. Zu einer Zeit, in der die Konventionen Frauen empfahlen, sich Familie, Haushalt und einem adretten Aussehen zu widmen, stand Sontag an Rednerpulten, saß auf Podien, protestierte gegen den Vietnamkrieg."

"Paradoxerweise war es die Fatwa, die Salman Rushdie im Iran zur Legende machte", erinnert sich Omiz Rezaee in einem lesenswerten, aber leider verpaywallten Text auf Zeit Online. "In dieser verborgenen Lesekultur, an einem Ort, wo kaum jemand ein einfaches Gespräch auf Englisch führen konnte, fragte sich niemand, wie man Rushdies dichte, allegorische Prosa verstehen solle. Es ging nicht ums Verstehen. Es ging ums Besitzen. Um das Berühren der verbotenen Frucht. ... Während sich im Westen ein internationales Komitee zur Verteidigung Rushdies formierte, blieb es im Iran still. Nicht aus Zustimmung, sondern aus Not. ... Jeder Text, der die Fatwa nicht erwähnte, galt als unvollständig. Und jede Erwähnung ohne Widerspruch als Zustimmung. Ein klassisches Dilemma: Schweigen oder Verrat. Also schwiegen sie. Schriftsteller, Dichter, Übersetzer trafen sich, diskutierten - und entschieden sich für die französische Variante des Widerstands, wie [der prominente Intellektuelle] Faraj Sarkohi sagt: le silence comme protestation. Das Schweigen als kollektiver Schutzschild. Ein bewusstes Nichtsagen, das lauter war als jedes Wort. Die Sicherheitsdienste verstanden, was geschah."

Weiteres: udith von Sternburg (FR) und Florian Balke (FAZ) resümieren die Frankfurter Lyriktage. Auf der Antiquariatsmesse Salon du livres rares & arts graphiques in Paris stehen nun Franz Kafkas Notizen seiner Hebräischübungen zum Verkauf, meldet Andreas Platthaus in der FAZ. Arno Widmann erinnert in der FR an Thomas Mann, der vor 150 Jahren geboren wurde. Wilhelm von Sternburg erinnert in der FR an den Lyriker Eduard Mörike, der vor 150 Jahren gestorben ist. JBesprochen wird unter anderem Elisa Hovens "Dunkle Momente" (FAZ).
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Film

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Mit seinem Essay "Objektverlust. Film in der narzisstischen Gesellschaft" trauert der Filmhistoriker Lars Henrik Gass mit den Filmtheorien Siegfried Kracauers und der Kritischen Theorie im Gepäck um die Welt, die dem Gegenwartskino abhanden gekommen ist, insbesondere auch den Filmen jener Regisseure, die - von Wes Anderson über Quentin Tarantino bis Athina Rachel Tsangari - noch am ehesten mit Diskurswert aufgeladen werden. Perlentaucher Lukas Foerster sieht einiges anders, stimmt in einigem zu, hadert mit der Polemik des Textes, findet ihn in den "stärksten Passagen" dann aber doch alles in allem ziemlich lesenswert. "Es geht in Gass' Buch um die Filme, über die man spricht. Und die kumulativ festschreiben, wie über Filme gesprochen wird." Dabei schließt Gass mitunter an Manny Farbers bereits in den Sechzigern erschienen Kritik am Autorenfilm als Weiße-Elefanten-Kunst an: "Gemeinsam ist beiden Texten eine Aufmerksamkeit dafür, dass und wie sich der Möglichkeitsraum des Kinos verengt, wenn es sich zu sehr in akademischer Selbstbezüglichkeit verfängt. Eine Selbstbezüglichkeit, deren Spezifik man paradoxerweise nur auf die Schliche kommt, wenn man an ihr partizipiert und seinerseits Filme auf andere Filme bezieht." Für die Welt bespricht Magnus Klaue den Essay.

Weiteres: Thomas Klein resümiert im Filmdienst ein Re:publica-Panel zu dystopischen Serien. Besprochen werden Daniel Abmas Dokumentarfilm "Im Prinzip Familie" (taz) und Manuel Stettners Dokumentarfilm "QRT: Zeichnen Zombie Teqno - Ein Nekrolog" über den den 1996 nach einer Heroin-Überdosis verstorbenen Kulturtheoretiker Konradin Leiner (FD).
Archiv: Film

Kunst

Rudolf Graf, Junge Sozialistin Bärbel Hahn, 1971, Ausstellungsansicht. BLMK Cottbus 2025, Foto: Bernd Schönberger

Ziemlich happy ist BlZ-Autor Ulrich Seidler nach dem Besuch der Ausstellung "Unbeschreiblich weiblich", die sich im Dieselkraftwerk Cottbus Frauenbildern aus der DDR-Zeit widmet. Viele emotionale Nuancen entdeckt Seidler in den Exponaten, aber auch einiges an wundersamer Tristesse. Zum Beispiel in einem Familienporträt Katja-Regina Staps': "Da guckt ein hängeschnurrbärtiger Vater mit verrutschtem Kragen angenervt sein Kindchen an, das seine Frau an ihr Kinn drückt - eine Pietà der Sonntagslangeweile. Alle haben lange Gesichter. Immerhin findet sich bei der größeren Tochter der Anflug eines Lächelns, könnte allerdings sein, dass sie einen kleinen sadistischen Spaß daran hat, den auch sehr unfroh dreinblickenden Hund mit dem Halsband zu würgen. Wessen Idee war es wohl, am freien Tag an den See zu fahren? Hoffentlich ist bald wieder Montag."

Stefan Trinks freut sich in der FAZ darüber, dass das Duisburger Lehmbruck Museum in einer Doppelausstellung nicht nur dem derzeit überall präsenten Jean Tinguely eine weitere Plattform biete, sondern auch dessen zeitweiliger Lebensgefährtin Eva Aeppli. Tatsächlich scheinen Aepplis Arbeiten Trinks noch ein wenig mehr zu imponieren als die ihres berühmten Lebensabschnittsgefährten. Unter anderem zeigt er sich von ihrem Tableau "Le Strip-Tease" beeindruckt: "Über sieben hochrechteckige Paneele hinweg entblättert sich wie in einem extrem verlangsamten Daumenkino eine ausgezehrte Figur im transparenten Tutu mit bewegt-exaltierten Gesten, bis sie im letzten Bild vollkommen verhärmt und abgemagert wie ein Skelett nur noch totenruhig wie der Abklatsch des Turiner Grabtuchs vor dem erschrockenen Betrachter baumelt. Es handelt sich um eine subtile Transformation mittelalterlicher Totentänze (...)."

Weitere Artikel: Martina Meister bereist für die Welt französische Weingüter, die, ein aktueller Trend, Ausstellungen beherbergen. Sebastian Frenzel spricht auf monopol mit dem Sammler und Galeristen Peter Pakesch über den Künstler Franz West. Ebenfalls für monopol besucht Lisa-Marie Berndt die Künstlerin Hannah Sophie Dunkelberg in deren Atelier.

Besprochen werden die der armenischen Diaspora gewidmete Schau "Re-Member" im Berliner Museum Charlottenburg-Wilmersdorf (Tagesspiegel), die Elfriede Lohse-Wächtler präsentierende Fotoausstellung "Ich als Irrwisch" (taz) im Franz Marc Museum in Kochel am See und die von Pascual Jordan und Ulrike Kegler bestrittene Ausstellung "Guckmalrichtighin" in der Berliner Werkstattgalerie (taz).
Archiv: Kunst

Bühne

HAU Berlin: When I Saw the Sea. © Kassim Dabaji

Einen eindrücklichen Tanztheaterabend erlebt nachtkritikerin Sophie Diesselhorst im HAU Berlin. "When I Saw the Sea", eine Arbeit des libanesischen Choreografen Ali Chahrouhr, beschäftigt sich mit dem Schicksal von oft praktisch rechtslosen Arbeitsmigranten im Libanon: "Obwohl zwei der drei Tänzerinnen selbst als Arbeitmigrantinnen in den Libanon gekommen sind und ihre Erfahrungen auch porträthaft in den Abend eingebaut werden, geht Ali Chahrour geradezu systematisch gegen die Gefahr des Infotainments vor, indem die individuellen Geschichen Fragmente bleiben, die sich in ein universelles Leidensbild einfügen. Nach einer endlos scheinenden Viertelstunde fährt der blendende Scheinwerfer hoch und erlöst die Publikums-Augen, und im schummrigen Halbdunkel der Bühne stehen die drei Darstellerinnen auf der spartanischen Bühne symbolisch für den schlechten Gesamt-Zustand der Welt und würden in ihren engen schwarzen Sportklamotten gleichzeitig auch ins Berghain auf die Tanzfläche passen."

Ein ganzes Festival richtet das Oslo Opera House derzeit für den begnadeten Choreographen Jiří Kylián aus. Sylvia Staude war für die FR vor Ort und ist hin und weg, so viel gab es für sie zu entdecken: "Man nehme 'Gods and Dogs' aus dem Jahr 2008, zu (Streichquartett-)Musik von Beethoven. Eine Kerze brennt am vorderen Bühnenrand, ein Wolfshund trabt als Video-Schemen auf das Publikum zu, ein Vorhang aus silbernen Fäden wippt und schwingt. Dazu ist die Bewegungssprache elegisch, aber auch klar, expressiv, ohne dick aufgetragen zu sein. Es geht um die beiden Seiten, die zwei Bestandteile des Menschen, das Geistige, das Tierische. Wenn man das nicht weiß, wird man doch vieles gleichsam durch Osmose aufnehmen."

Weitere Artikel: In San Francisco wird bald ein Musical die Geschichte Luigi Mangiones, den zum Internetstar avancierten CEO-Mörder, erzählen, berichtet Max Fluder in der SZ. Holger Noltze besucht für van Wagner-Aufführungen in Dortmund und Wien. Christian Schachinger blickt für den Standard voraus auf die Revue "Save the Last Waltz for Me" im Wiener Konzerthaus, Helmut Ploebst freut sich im gleichen Medium auf das Queer Performance Festival Vienna. Esther Slevogt berichtet auf nachtkritik über eine Skandal-Performance während des 1250-Jahre-Westfalen-Jubiläums in Paderborn. Nachtkritiker Wolfgang Behrend wiederum überlegt sich, warum sich Dramaturgen und Kritiker oft nicht mögen.

Besprochen werden Neville Tranter und Nikolaus Habjans Puppenstück "Schicklgruber" am Deutschen Theater Berlin (FAZ; "besticht (...) mit der dumpfen Abgründigkeit der Situation und der Charaktere") und Filipe Portugals "Carmen"-Version, die in der Klosterkirche Köngsfelden in Windisch zur Aufführung kommt (NZZ; "von exquisiter Feinheit ist (...) die Musik").
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Musik

Den Badenweiler Musiktage ist unter ihrem neuen Intendanten, dem Pianisten Moritz Ernst, eine "gelungene Transformation" geglückt, freut sich Max Nyffeler in der FAZ, und dies auch weil "der neue Leiter nicht dem Trugschluss aufsitzt, die Daseinsberechtigung mit zeitgeistigem Firlefanz, Cross-over und dem Auftritt von künstlerischen Selbstdarstellern beweisen zu wollen, sondern das hohe musikalische Niveau auf neuer Basis fortsetzen will". Bernhard Uske resümiert in der FR das Orchesterfest der Alten Oper in Frankfurt. Wolfgang Sandner gratuliert in der FAZ dem Jazzmusiker Anthony Braxton zum 80. Geburtstag. Besprochen werden ein Konzert des Tenors Julian Prégardien in Wien (Standard) und das Album "2025 - hay không hay lắm" des vietnamesischen Musikers Dzung (taz).

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