Efeu - Die Kulturrundschau

Möglichkeiten zur seelischen Selbstentblößung

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30.05.2025. Die Feuilletons trauern um den kenianischen Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong'o, der wie kaum ein anderer für einen radikalen Begriff von Emanzipation stand, wie die taz schreibt. Die Welt lernt bei den Wiener Festwochen dank des Künstlerduos Signa ihr "pflegebedürftiges Ich" kennen. Backstage Classical ärgert sich über Klassik-Kritiker, die sich erst auf Häppchen einladen lassen und dann distanzlose Texte abliefern. Die taz erlebt in Chemnitz ukrainische Gegenwartskunst auf der Suche nach Identität.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.05.2025 finden Sie hier

Literatur

Ngũgĩ wa Thiong'o, 2012 bei einem Besuch im Literaturhaus München (Bild: Wikipedia, CC 1.0)

Die Feuilletons trauern um den kenianischen Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong'o, dessen beeindruckendes Leben von Kenia bis zu einer Professur in Yale reicht, in dessen Leben und Schaffen sich die politischen Emanzipationen und Tragödien des afrikanischen Kontinents im zwanzigsten Jahrhundert abzeichnen. Sein Meisterwerk ist der 2006 erschienene Roman "Der Herr der Krähen", in dem Ngũgĩ seine Exilierungserfahrung verarbeitet, schreibt Andreas Platthaus in der FAZ. "Wer wissen will, wie eine genuin afrikanische Erzählweise klingt, die zugleich mit allen Wassern der literarischen Moderne gewaschen ist und über einen Witz verfügt, wie ihn nur die größten Satiriker aufweisen (Jonathan Swift ist das unerklärte Vorbild), der lese dieses Buch." Ngũgĩ galt lange als Anwärter auf den Literaturnobelpreis. "Doch als 2021 der um zehn Jahre jüngere Abdulrazak Gurnah aus dem Nachbarstaat Tansania ausgezeichnet wurde, war klar: Ngũgĩ, damals schon 83 Jahre alt, würde den Nobelpreis nicht mehr bekommen. Er kam ja nicht aus einer der klassischen Literaturnationen der nördlichen Hemisphäre, die albernerweise als voneinander kulturell unabhängige Entitäten betrachtet werden und deshalb munter nacheinander Literaturnobelpreise einheimsen."

Auch Michael Bitala kommt in der SZ auf diesen Roman zu sprechen, der Ngũgĩs "internationalen Ruhm" maßgeblich begründet: "Im Zentrum von "Herr der Krähen" stehen die fiktive afrikanische Republik Aburiria und ihr despotischer Diktator, der immer nur 'Herrscher' genannt wird. Selbst der Vergleich mit Gott beleidigt ihn. Natürlich ist der kenianische Autokrat Moi das Vorbild. Aber nirgendwo in diesem Roman gibt es verbitterte Anklagen, nirgendwo blanke Wut über all das Unrecht und die Schamlosigkeit der Herrschenden. Nein, das Buch ist voller beißendem Spott über die Lächerlichkeit der Mächtigen." Ein Nachruf im Spiegel erinnert daran, dass Moi Ngũgĩ ins Gefängnis werfen ließ und ihn schikanierte, bis er 1982 in die USA emigrierte, wo er auch starb.

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Ngugi wa Thiong'o stand "für einen radikalen Begriff von Emanzipation, der weit über Unabhängigkeit hinausgeht", hält Dominic Johnson in der taz fest. "Der Kenianer forderte eine 'Dekolonisierung des Denkens', wie auch eine berühmte Aufsatzsammlung von ihm heißt. Für wahre Freiheit müssten Afrikaner sich von kolonialen Sprachen und kolonialer Leitkultur lösen, deren Überlegenheit ihnen nicht nur während der Kolonialzeit, sondern auch danach von klein auf eingeimpft werde." Sein Übersetzer Thomas Brückner erinnert in der NZZ an das Theaterstück, das Ngũgĩ wa Thiong'o 1977 über die Lage im unabhängigen Kenia schrieb. Und hier eine Leseprobe aus seinem Memoir "Träume in Zeiten des Krieges". Die Romane gibts derzeit auf Deutsch nur antiquarisch. Warum können Verlage hierzuland solche Bücher nicht wenigstens als E-Book vorrätig halten?

Weitere Artikel: Susanna Bastaroli spricht für die Presse mit der italienischen Schriftstellerin Dacia Maraini, Sylvia Staude in der FR mit dem britischen Nature-Writer Robert Macfarlane. Paul Ingendaay (FAZ) und Paul Jandl (NZZ) gratulieren dem Lyriker Colm Tóibín zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Sulaiman Addonias "Die Sehenden" (Perlentaucher), Marlene Streeruwitz' "Auflösungen" (FR), Nell Zinks "Sister Europe" (Freitag, Standard), Jonathan Lethems "Der Fall Brooklyn" (online nachgereicht aus der FAS), Nick Harkaways Thriller "Smiley", mit dem John le Carrés Sohn die berühmte Thrillerserie seines Vaters um den Agenten George Smiley fortsetzt (Freitag), Ursel Brauns "Exil im Paradies. Von Marta Feuchtwanger bis Helene Weigel" (NZZ), Katharina Greves Web-Comic "Mutter und Tochter" (FAZ.net), die Susan-Sontag-Ausstellung im Literaturhaus München (FAZ) und Cordt Schnibbens "Lila Eule" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Kunst

Wie der Krieg die Ukrainer auch auf die Suche nach Identität schickt, erleben Yelizaveta Landenberger und Mitya Churikov (taz) in der Ausstellung "Woraus wir gemacht sind" im Chemnitzer Wirkbau, die ukrainische Gegenwartskunst Kunst aus Ostdeutschland gegenüberstellt: "In der Ecke liegt ein Haufen Erde auf dem Boden, aus dem zartes Grün keimt. Umstellt ist es mit einem Kreis aus 15 kleinen durchnummerierten Betonplatten mit provisorisch modellierten Bildmotiven. Sie sehen aus wie Miniaturgrabsteine. Man muss unweigerlich an die improvisierten Gräber in den Frontgebieten der Ukraine denken, in denen die Überlebenden ihre Nächsten begraben. An der Wand dahinter schlüsselt eine mit Bleistift geschriebene Legende auf, wem die Betonplatten gewidmet sind: dem Versteckten, dem Mobilisierten oder dem Verschwundenen. Dasha Chechushkova geht es in der eindrücklichen Arbeit 'Flower Bed' um Männer, um ihre schwierige Lage in der patriarchal geprägten ukrainischen Gesellschaft, die gerade im gegenwärtigen Krieg, zumindest nach außen hin, nur Platz für Helden übrig hat."

Weitere Artikel: Auf ganze fünf Jahre streckt die Museumsinsel Berlin ihre Feierlichkeiten zum 200-jährigen Bestehen. Im Tagesspiegel-Gespräch mit Nicola Kuhn erklärt deren Sprecher, Matthias Wemhoff, warum der BER Mitschuld daran hat, dass sich die Berliner Häuser in puncto Besucherzahlen nicht ansatzweise mit dem Louvre oder dem British Museum vergleichen können und weshalb er nichts von Joe Chialos Vorschlag hält, die Museen sollten sich mehr private Sponsoren suchen: "In Berlin ist es schwierig, Förderer zu finden. ... Die hier eher ansässigen Aktiengesellschaften haben feste Vorgaben, die sie einhalten müssen, bevor sie überhaupt in Kultur investieren dürfen." In der Berliner Zeitung schreibt Ingeborg Ruthe zu den Feierlichkeiten.

Besprochen werden eine Ausstellung im Bochumer Museum unter Tage zum 50-jährigen Bestehen der Kunstsammlung (SZ), die Ausstellung "Erinnerungen im Jetzt. 80 Jahre später. Vom Krieg damals wie heute" im Museum für Photographie in Braunschweig (taz) und die Werkschau "Kids take over" des in Mexiko lebenden belgischen Künstlers Francis Alÿs im Kölner Museum Ludwig (Tsp).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Kunst in der Ukraine, Louvre

Film

Lust am aufgeräumten Bild: "Der phönizische Meisterstreich" von Wes Anderson

In den Filmen des US-Auteurs Wes Anderson findet man sich schnell zurecht, schreibt Alice Fischer im Perlentaucher: Nicht nur, weil sie eine notorische Neigung zum aufgeräumten, obsessiv durchgestaltet und sortierten Bild haben - sondern auch, weil ihr Fundus an Farben, Vintage Ästhetik und Motiven seit Jahren bestens etabliert ist. Hinzu kommen jede Menge Stars, die selbst noch in Nebenrollen idiosynkratische bis neurotische Figuren verkörpern. Auch in seinem neuen Film "Der phönizische Meisterstreich gilt: "Jedes Arrangement sitzt, jedes Bild sieht aus wie gemalt." Und "jede Wes-Anderson-Figur ist so gemacht, dass man sagen muss: Habe ich so noch nie gesehen." Nur mit der Handlung hapert es: "Der Plot ist, man kann es nicht schönreden, einfach ein bisschen langweilig." Für die FAZ bespricht Maria Wiesner den Film. Standard und Zeit Online haben mit dem Regisseur gesprochen.

Besprochen werden Aysun Bademsoys Dokumentarfilm "Spielerinnen" (Perlentaucher), "Karate Kid: Legends" mit Jackie Chan (NZZ), Harriet Marias und Peter Meinings Episodenfilm "Drei Geschichten von Morgen" (Tsp), Aljoscha Pauses "Fritz Litzmann, mein Vater und ich" (Zeit Online), Paolo Agüeros Biopic "Saint-Exupéry - Die Geschichte vor dem kleinen Prinzen" (Standard), Daniel Minahans "On Swift Horses" (Tsp), die dritte Staffel der "Sex and the City"-Nachfolgeserie "And Just Like That" (Welt), sowie die Netflix-Serien "Sirenen" (taz) und "Dept. Q" (Zeit Online). Außerdem blicken Tagesspiegel und Filmdienst auf die aktuellen Kinostarts.
Archiv: Film
Stichwörter: Anderson, Wes, Chan, Jackie

Bühne

Szene aus "Das letzte Jahr". Foto: Erich Goldmann

Das Künstlerduo Signa steckt Jakob Hayner (Welt) bei den Wiener Festwochen in "Das Letzte Jahr" für sechs Stunden im Leibchen in die David Lynch-Version eines Pflegeheims, damit er sich auf sein "pflegebedürftiges Ich" und den Tod vorbereite; in Görlitz landet der Kritiker dank Daniel Morgenroths "Gatsby"-Inszenierung am Gerhart-Hauptmann-Theater in den 20ern. Danach muss er gestehen: Immersives Theater ist mehr als nur Unmittelbarkeits-Kult: So "werden in 'Das Letzte Jahr' echte Tränen vergossen, wohl mehr als bei den meisten anderen Theaterbesuchen. Für die Besucher gibt es zahlreiche Möglichkeiten zur seelischen Selbstentblößung, die dankbar angenommen werden. Was ermöglicht solche intimen Gefühlsausbrüche vor Fremden? Ist es gerade das strenge Korsett der zugewiesenen Rolle? Die geschlossene Künstlichkeit dieser todeslastigen Welt? Oder die Unmittelbarkeit des Erlebens, die die üblichen Kontrollinstanzen ausschaltet? Was im immersiven Theater erlebt wird, kann unter die Haut gehen - und zwar ohne Umwege über die Reflexion."

Szene aus "Richard III." Bild: Daniel Kaminsky

Ebenfalls bei den Wiener Festwochen zeigte der israelische Regisseur Itay Tiran seine bereits vor dem 7. Oktober entstandene Inszenierung "Richard III.", die er von Anfang an als "eine Art Anklage gegen Netanjahu und dessen Verbündete" angelegte, wie Martin Lhotzky in der FAZ von Tiran erfährt: "Mittlerweile freilich sähe er den Premierminister im skrupellos intriganten Lord Buckingham, anfangs Verbündeter, dann aus besonders berechnenden Motiven Erzfeind von Richard, Duke of Gloucester, dem späteren König Richard, noch besser verkörpert."

Weitere Artikel: Die taz druckt die sehr persönlich Trauerrede, die Navid Kermani, enger Freund des im Alter von 76 Jahren gestorbenen Chefdramaturgen Carl Hegemann, zu dessen Beerdigung hielt. Peter Laudenbach gibt in der SZ ein Update zum Fall um den Intendanten des Hamburger Balletts, Demis Volpi, dem Mitglieder des Ensembles Machtmissbrauch vorwerfen (unsere Resümees): Die Hamburger Kulturverwaltung will jetzt eine "Gefährdungsbeurteilung" vornehmen, renommierte Ballett-Intendanten anderer Häuser sprechen gegenüber der SZ indes von einer "Hexenjagd", so Laudenbach.

Besprochen werden Giulia Giammonas Inszenierung von Leonora Carringtons Musiktheaterstück "Judith" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Nikolaus Habjans und Neville Tranters Puppentheaterstück "Schicklgruber" am Deutschen Theater in Berlin (nachtkritik, Welt) und die Internationalen Festspiele im norwegischen Bergen, die divers, aber ganz ohne "demonstrativen Aktivismus" auftreten, freut sich Jan Brachmann in der FAZ.
Archiv: Bühne

Musik

Axel Brüggemann ärgert sich auf Backstage Classical über den Zustand der Klassik-Kritik. Anlass dazu bieten ihm nicht nur Ausfälligkeiten in einer aktuellen Opernkritik, sondern insbesondere Christine Lemke-Matweys buchstäblich undistanziertes, in der Zeit veröffentlichtes Porträt des Jungstar-Dirigenten Klaus Mäkelä (unser Resümee, das darauf ebenfalls schon mit lakonischer Ironie hinwies): "Ist das schon Groupietum", wenn Lemke-Matwey über Mäkeläs Duft schreibt und seine Ausdrucksweise "niedlich und wikingerhaft zugleich" findet, fragt sich Brüggemann. "Stellen wir uns einen Augenblick lang vor, ein männlicher Kritiker würde so etwas über eine Frau schreiben!" Auch ansonsten mangelt es oft an Distanz: "Auch große überregionale Zeitungen oder Autorinnen und Autoren von öffentlich-rechtlichen Sendern lassen sich einladen, ohne das öffentlich zu machen. Und aus Erfahrung kann ich sagen, dass es unter Kritikerinnen und Kritikern mehrere 'Raupen Nimmersatt' gibt, die sich an den Pausenbuffets kostenfrei die Häppchen reinzimmern. Mir fallen nur wenige Kolleginnen und Kollegen ein, die neben den (leider tatsächlich mickrigen) Zeitungs-Honoraren nicht auch von Programmhefttexten oder Einführungsvorträgen für Orchester leben, ohne das in ihren Texten transparent zu machen."

Aus mehreren Ländern werden nach dem ESC Stimmen laut, die Israel vorwerfen, das Publikumsvoting manipuliert zu haben. Tatsächlich kam der israelische Song zumindest in der Publikumsgunst nach Telefonabstimmung auf Platz Eins. Dem vorausgegangen war eine "bisher in der Größe nie dagewesene Werbekampagne für den eigenen Beitrag", schreibt Stefan Weiss im Standard und unterstreicht aber auch: "Gegen aktuelle ESC-Regeln hat Israel damit nicht verstoßen. Die Kritiker argumentieren ethisch-moralisch." Auf die simple Einschätzung, dass viele Menschen unter den Eindrücken der beispiellosen Mobbing-Kampagne seitens BDS und Co aus Trotz und Protest für den israelischen Beitrag gestimmt haben könnten, kommt offenbar niemand - stattdessen wird mal wieder über eine Verschwörung geraunt.

Weitere Artikel: Michael Pilz blickt in der Welt auf die Geschichte und durchaus von Zweifeln durchzogenes Selbstverständnis des Ostrock, der sich Ende Juni auf einem Festival ("Klassentreffen der Ostmusik") in Neuruppin feiert. Michael Suckow (Freitag) und Karl Fluch (Standard) gratulieren dem Rockmusiker John Fogerty zum 80. Geburtstag. Jan Brachmann schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Komponisten Per Nørgård. Die NMZ hat aus diesem Anlass ein Gespräch mit Nørgård aus dem Archiv geholt.

Besprochen werden Malakoff Kowalskis Album "Songs with Words" (NZZ), ein von Mirga Gražinytė-Tyla dirigiertes Konzert des Orchestre Philharmonique de Radio France in Wien (Standard), das neue Album von Miley Cyrus (Welt), ein neues Album von Robbie Williams, der sich nun wieder an Britpop versucht (Presse), ein Auftritt von Bonnie Tyler in Frankfurt (FR) und ein Konzert von Till Brönner in Frankfurt (FR).
Archiv: Musik