Wo wir nicht sind
Direkt ins Ohr
Eine Kolumne zur Weltliteratur. Von Benita Berthmann
28.05.2025. In Sulaiman Addonias Roman "Die Sehenden" leitet uns der Erzähl- und Bewusstseinsstrom einer Siebzehnjährigen, die aus Eritrea nach London geflohen ist, durch eine Geschichte, die Sexualität, Kolonialismus, Identität(sfindung), Unterdrückung und Selbstermächtigung verflicht.Fragt man in einer durchschnittlichen deutschen Buchhandlung nach Literatur eritreischer Autorinnen und Autoren, erntet man in den meisten Fällen ratlose Blicke. Literatur aus Ostafrika ist für ein deutsches Publikum immer noch weitgehend Terra Incognita, auch der Nobelpreis an den sansibarischen Autor Abdulrazak Gurnah hat in der Hinsicht bislang keine durchschlagende Änderung bewirkt. Umso wichtiger, dass der in Leipzig ansässige Orlanda Verlag beharrlich Bücher von Ennatu Domingo, Ubah Cristina Ali Farah oder eben Sulaiman Addonia verlegt, die den westeuropäischen Blick auf das, was Literatur kann, neu zu justieren vermögen.
Sulaiman Addonia ist als Kind mit seiner Familie aus Eritrea geflohen, hat jahrelang in Flüchtlingslagern gelebt und ist als Jugendlicher nach London gekommen, ohne ein Wort Englisch zu sprechen. Damit teilt er zentrale Elemente seiner Lebensgeschichte mit Hannah, der Protagonistin seines dritten Romans "Die Sehenden", den Sula Textor in ein schwingendes Deutsch übertragen hat, das der Siebzehnjährigen passt wie eine zweite Haut. Er erzählt in dem Roman die Geschichte eines jungen Mädchens, das auf nahezu undurchdringliche Weise von Eritrea nach London flieht, auf dem Weg ihren Pass vernichtet und nun in der englischen Hauptstadt ausharrt, wo sie nicht weiß, wann und wie über ihren Asylantrag entschieden wird. Diese Unsicherheit versucht sie zu bekämpfen, indem sie ihre Sexualität frei, selbstbestimmt und fordernd auslebt.
Hannah wird in Keren geboren, nach der Hauptstadt Asmara die zweitgrößte Stadt Eritreas, das sich zu diesem Zeitpunkt noch mitten im blutigen Krieg um Unabhängigkeit von Äthiopien befindet. "Meine Mutter brachte mich in Keren zur Welt, aber in London habe ich mich noch einmal neugeboren, in dieser Frühlingsnacht, als ich auf einer Bank am Fitzroy Square in Bina-Balozi eindrang", beginnt sie ihre Erzählung. Bina-Balozi ist nur einer der Geliebten, mit dem sie das Bett, beziehungsweise die Parkbank, teilt.
Ein Bewusstseins- und Erinnerungsstrom entspannt sich, durch den nicht nur das literarische Echo Virginia Woolfs schallt, sondern auch eine Geistererscheinung der Schriftstellerin, mit der sich die kluge, belesene Hannah auf einer Parkbank austauscht. Der erste Satz setzt wie ein Paukenschlag die Themen, auf die es Addonia in seiner rhizomatischen Verflechtung von Gegenständen, Zeitebenen und Perspektiven ankommt: Sexualität, Kolonialismus, Identität(sfindung), Unterdrückung und Selbstermächtigung.
Wir erfahren, dass Hannah mit ungeklärtem Asylstatus nach England gekommen ist, aber sie setzt nicht bei sich ein, sondern bei der Geburt ihrer Mutter: "Mein Großvater weinte, nicht über die Geburt seiner Tochter, sondern über das Ende einer Erniedrigung und den Anfang einer anderen." Zeitgleich mit dem Beginn des mütterlichen Lebens endet die Kolonialherrschaft der Italiener in Eritrea, die Briten übernehmen, die später wiederum von den Äthiopiern abgelöst werden. Addonia streut in seine Erzählung immer wieder Tagebucheinträge der Mutter ein, die kurz nach Hannahs Geburt von den äthiopischen Besatzern getötet werden wird und macht so beeindruckend die Schichten an Unterdrückung sichtbar, die sich in die Generationenfolge eingeschrieben haben. Ebenso wurde in der Familie aber auch weitergegeben, wie sich die Frauen wehren können. Beim Lesen des mütterlichen Tagebuchs entdeckt die Protagonistin, dass sie nicht die erste ist, die ihre Sexualität ungehemmt und wortreich auslebt, so ungehemmt, dass die Lektüre mit einem gewissen voyeuristischen Gefühl einhergeht. Das Mantra, das die Protagonistin sich stetig auf Tigrinya und Englisch gleichermaßen erzählt, ist ein altes eritreisches Sprichwort: "kullu yihalif, fiqri yiterif, alles vergeht, die Liebe bleibt." Und die Sexualiät und das Trauma bleiben auch.
Wie sie sich mit Männern und Frauen gleichermaßen trifft, beim Akt ständig zwischen Auflösung und Selbstfindung oszilliert, hat etwas eruptiv-animalisches, die Lust sprudelt nahezu unkontrolliert aus den Seiten. Ist sie in der einen Sekunde damit beschäftigt, dass weiße Briten bar jeder Menschlichkeit versuchen, menschliche Schicksale mit dem Millimeterpapier der Asylregulationen zu kartieren, schweift sie in der nächsten zu ihrer "Liebe für Männerärsche" ab, zum "Bedürfnis, in meine Geliebten einzudringen und in sie hineinzusehen wie sie in mich." Dass das trotz aller Derbheit nicht zu viel wird, ist der Sympathie und dem Realismus zu verdanken, die Addonia seiner Figur angedeihen lässt - sie ist jung und in jeder Hinsicht ungezügelt, sie nimmt keine Rücksicht auf etwaige Sensibilitäten derer, die von ihr lesen und das ist gut so.
Addonia vermag es, die Disparitäten Hannahs zu begleiten, ohne dass eine ihrer Facetten ins Hintertreffen gerät - sie ist eben nicht nur eine normale, hormongesteuerte junge Frau, sondern auch Rassismusbetroffene mit Fluchterfahrungen. Und sie ist nicht nur den Fluchtumständen, sondern auch ihrer Begierde ausgeliefert. Sie ist nicht nur passiv Unterdrückte, sondern im sexuellen Kontext auch aktive Unterdrückerin, die darin ihre Befreiung und Selbstermächtigung sucht. Diese changierende Identität Hannahs spiegelt sich anspruchsvoll in der fluiden Erzählweise, die die eigene Konzentration sowohl fordert als durch das mühelose Gleiten der verschiedenen Themen auch aufrechtzuerhalten weiß. Das erzeugt eine so enorme Nähe zu der Protagonistin, dass man beinahe meint, sie flüstert einem aus den Seiten direkt ins Ohr, dass man ihren besonderen Sound auch noch im Kopf hat, nachdem man das Buch ein bisschen wehmütig zugeschlagen hat.
Wehmütig deshalb, weil ich mir wünschte, der Autor hätte auf die Versuche verzichtet, die Fluidität des Erzählten zu strukturieren, indem er Hannah Bemerkungen einschieben lässt, die ihren persönlichen Erlebnissen und Gedanken offenbar eine allgemeine Ebene überordnen sollen. Dieses Programm geht nicht auf: Es wirkt merkwürdig fremd und banal, wenn sie davon spricht, dass das Asylsystem dafür gemacht sei, "dass diejenigen von uns, die mit großen Träumen in dieses Land kamen, langsam die Hoffnung verloren, entmutigt wurden, dass wir uns von unseren Zielen verabschiedeten und, mit der Zeit, damit abfanden, dass wir in diesem Land den Briten auf dem Weg zum Erfolg als Trittleiter dienten." Der Roman braucht diese Verweise auf das große Ganze gar nicht, was das, was beschrieben wird, nicht weniger wichtig macht, aber die überzeugende, große Erzählung, die Hannahs Geschichte zweifellos ist, hat diese Lektionen nicht nötig. Und sie sind, im Gegensatz zur Verknüpfung von Sexualität, Kolonialismus und einer hybriden Identität, nicht besonders innovativ. Besser, Addonia wäre bei Hannah, Hannah bei sich geblieben, denn genau da, im Zentrum dieser Figur, bei der diese Fäden zusammenlaufen, ist der Roman kraftvoll, neu, überzeugend, stark.
Sulaiman Addonia: "Die Sehenden". Roman. Aus dem Englischen von Sula Textor. Orlanda Verlag, Leipzig 2025, 176 Seiten, 21 Euro (bestellen)
Sulaiman Addonia ist als Kind mit seiner Familie aus Eritrea geflohen, hat jahrelang in Flüchtlingslagern gelebt und ist als Jugendlicher nach London gekommen, ohne ein Wort Englisch zu sprechen. Damit teilt er zentrale Elemente seiner Lebensgeschichte mit Hannah, der Protagonistin seines dritten Romans "Die Sehenden", den Sula Textor in ein schwingendes Deutsch übertragen hat, das der Siebzehnjährigen passt wie eine zweite Haut. Er erzählt in dem Roman die Geschichte eines jungen Mädchens, das auf nahezu undurchdringliche Weise von Eritrea nach London flieht, auf dem Weg ihren Pass vernichtet und nun in der englischen Hauptstadt ausharrt, wo sie nicht weiß, wann und wie über ihren Asylantrag entschieden wird. Diese Unsicherheit versucht sie zu bekämpfen, indem sie ihre Sexualität frei, selbstbestimmt und fordernd auslebt.Hannah wird in Keren geboren, nach der Hauptstadt Asmara die zweitgrößte Stadt Eritreas, das sich zu diesem Zeitpunkt noch mitten im blutigen Krieg um Unabhängigkeit von Äthiopien befindet. "Meine Mutter brachte mich in Keren zur Welt, aber in London habe ich mich noch einmal neugeboren, in dieser Frühlingsnacht, als ich auf einer Bank am Fitzroy Square in Bina-Balozi eindrang", beginnt sie ihre Erzählung. Bina-Balozi ist nur einer der Geliebten, mit dem sie das Bett, beziehungsweise die Parkbank, teilt.
Ein Bewusstseins- und Erinnerungsstrom entspannt sich, durch den nicht nur das literarische Echo Virginia Woolfs schallt, sondern auch eine Geistererscheinung der Schriftstellerin, mit der sich die kluge, belesene Hannah auf einer Parkbank austauscht. Der erste Satz setzt wie ein Paukenschlag die Themen, auf die es Addonia in seiner rhizomatischen Verflechtung von Gegenständen, Zeitebenen und Perspektiven ankommt: Sexualität, Kolonialismus, Identität(sfindung), Unterdrückung und Selbstermächtigung.
Wir erfahren, dass Hannah mit ungeklärtem Asylstatus nach England gekommen ist, aber sie setzt nicht bei sich ein, sondern bei der Geburt ihrer Mutter: "Mein Großvater weinte, nicht über die Geburt seiner Tochter, sondern über das Ende einer Erniedrigung und den Anfang einer anderen." Zeitgleich mit dem Beginn des mütterlichen Lebens endet die Kolonialherrschaft der Italiener in Eritrea, die Briten übernehmen, die später wiederum von den Äthiopiern abgelöst werden. Addonia streut in seine Erzählung immer wieder Tagebucheinträge der Mutter ein, die kurz nach Hannahs Geburt von den äthiopischen Besatzern getötet werden wird und macht so beeindruckend die Schichten an Unterdrückung sichtbar, die sich in die Generationenfolge eingeschrieben haben. Ebenso wurde in der Familie aber auch weitergegeben, wie sich die Frauen wehren können. Beim Lesen des mütterlichen Tagebuchs entdeckt die Protagonistin, dass sie nicht die erste ist, die ihre Sexualität ungehemmt und wortreich auslebt, so ungehemmt, dass die Lektüre mit einem gewissen voyeuristischen Gefühl einhergeht. Das Mantra, das die Protagonistin sich stetig auf Tigrinya und Englisch gleichermaßen erzählt, ist ein altes eritreisches Sprichwort: "kullu yihalif, fiqri yiterif, alles vergeht, die Liebe bleibt." Und die Sexualiät und das Trauma bleiben auch.
Wie sie sich mit Männern und Frauen gleichermaßen trifft, beim Akt ständig zwischen Auflösung und Selbstfindung oszilliert, hat etwas eruptiv-animalisches, die Lust sprudelt nahezu unkontrolliert aus den Seiten. Ist sie in der einen Sekunde damit beschäftigt, dass weiße Briten bar jeder Menschlichkeit versuchen, menschliche Schicksale mit dem Millimeterpapier der Asylregulationen zu kartieren, schweift sie in der nächsten zu ihrer "Liebe für Männerärsche" ab, zum "Bedürfnis, in meine Geliebten einzudringen und in sie hineinzusehen wie sie in mich." Dass das trotz aller Derbheit nicht zu viel wird, ist der Sympathie und dem Realismus zu verdanken, die Addonia seiner Figur angedeihen lässt - sie ist jung und in jeder Hinsicht ungezügelt, sie nimmt keine Rücksicht auf etwaige Sensibilitäten derer, die von ihr lesen und das ist gut so.
Addonia vermag es, die Disparitäten Hannahs zu begleiten, ohne dass eine ihrer Facetten ins Hintertreffen gerät - sie ist eben nicht nur eine normale, hormongesteuerte junge Frau, sondern auch Rassismusbetroffene mit Fluchterfahrungen. Und sie ist nicht nur den Fluchtumständen, sondern auch ihrer Begierde ausgeliefert. Sie ist nicht nur passiv Unterdrückte, sondern im sexuellen Kontext auch aktive Unterdrückerin, die darin ihre Befreiung und Selbstermächtigung sucht. Diese changierende Identität Hannahs spiegelt sich anspruchsvoll in der fluiden Erzählweise, die die eigene Konzentration sowohl fordert als durch das mühelose Gleiten der verschiedenen Themen auch aufrechtzuerhalten weiß. Das erzeugt eine so enorme Nähe zu der Protagonistin, dass man beinahe meint, sie flüstert einem aus den Seiten direkt ins Ohr, dass man ihren besonderen Sound auch noch im Kopf hat, nachdem man das Buch ein bisschen wehmütig zugeschlagen hat.
Wehmütig deshalb, weil ich mir wünschte, der Autor hätte auf die Versuche verzichtet, die Fluidität des Erzählten zu strukturieren, indem er Hannah Bemerkungen einschieben lässt, die ihren persönlichen Erlebnissen und Gedanken offenbar eine allgemeine Ebene überordnen sollen. Dieses Programm geht nicht auf: Es wirkt merkwürdig fremd und banal, wenn sie davon spricht, dass das Asylsystem dafür gemacht sei, "dass diejenigen von uns, die mit großen Träumen in dieses Land kamen, langsam die Hoffnung verloren, entmutigt wurden, dass wir uns von unseren Zielen verabschiedeten und, mit der Zeit, damit abfanden, dass wir in diesem Land den Briten auf dem Weg zum Erfolg als Trittleiter dienten." Der Roman braucht diese Verweise auf das große Ganze gar nicht, was das, was beschrieben wird, nicht weniger wichtig macht, aber die überzeugende, große Erzählung, die Hannahs Geschichte zweifellos ist, hat diese Lektionen nicht nötig. Und sie sind, im Gegensatz zur Verknüpfung von Sexualität, Kolonialismus und einer hybriden Identität, nicht besonders innovativ. Besser, Addonia wäre bei Hannah, Hannah bei sich geblieben, denn genau da, im Zentrum dieser Figur, bei der diese Fäden zusammenlaufen, ist der Roman kraftvoll, neu, überzeugend, stark.
Sulaiman Addonia: "Die Sehenden". Roman. Aus dem Englischen von Sula Textor. Orlanda Verlag, Leipzig 2025, 176 Seiten, 21 Euro (bestellen)
Kommentieren



