Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.05.2025. In der FAZ erinnert sich der iranische Cannes-Preisträger Jafar Panahi an sein Verhör im Evin-Gefängnis. Die Feuilletons trauern um den Dokumentarfilmer Marcel Ophuls, der ein Filmleben lang gegen die "feigen Neutralisten" ankämpfte. Die taz ärgert sich über die Ignoranz deutscher Verlage gegenüber ukrainischer Literatur. Die Welt versucht sich in Baden Baden nicht von der abweisenden Würde des abstrakten Expressionisten RichardPousette-Dart abschrecken zu lassen. Und die FAZ rät in Zeiten des wachsenden Totalitarismus Schostakowitsch zu hören.
Mariam Schaghaghi unterhält sich für die FAZ mit Jafar Panahi, der in Cannes gerade mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde (unser Resümee). Sein Film "Ein einfacher Unfall" basiert unter anderem auf den Erfahrungen, die er im berüchtigen Evin-Gefängnis gemacht hat, erzählt er und erinnert sich an Verhörsituationen: "Bei mir lautete die Frage: 'Warum machen Sie solche Filme?' Ich sagte, dass ich soziale Themen aufgreife wie Verbote oder Einschränkungen, besonders gegen Frauen. Sie entgegneten: 'Es gibt so viele Themen, warum interessieren Sie nur Einschränkungen?' Ich sagte: 'Es gibt Hunderte Filme. Ist es so schlimm, wenn einer sich diesen Themen widmet?' Daraufhin kam der Vorwurf: 'Sie verkaufen Ihr Land, Sie verderben den Ruf Irans, Sie verraten Ihr Heimatland. Sie sind ein Verräter.' Es hieß auch: 'Wenn dir internationale Preise verliehen werden, dann nur, um deren Feindschaft gegenüber Iran zu demonstrieren.' Das wiederholten sie so oft, dass ich meine Frau beim nächsten Besuch bat, alle meine Preise aus dem Filmmuseum, dem ich sie überlassen hatte, entfernen zu lassen. ... Der Museumsleiter bat sie: 'Lass nicht zu, dass Jafar sich diesem Druck beugt.'" Marcel Ophuls
Wir meldeten es gestern morgen schon. Der Dokumentarfilmer Marcel Ophuls ist im Alter von 97 Jahren gestorben. Ophuls (Marcel) ist der Sohn von Ophüls (Max). Sein Leben lang sah er sich im Schatten seines Vaters, der unsterbliche Meisterwerke der Kinokunst geschaffen hatte (Lola Montez!). Aber Marcel Ophuls' erste Versuche mit der Fiktion schlugen eher fehl, während er mit "Le Chagrin et la Pitié" - "Das Haus nebenan" - einen äußerst innovativen Dokumentarfilm über ein düsteres Kapitel der französischen Geschichte, die Kollaboration, vorlegte. Der Film wurde von Giscard d'Estaing verboten. Ophuls' Originalität ist es, sich am Kreuzungspunkt der Genres aufgestellt zu haben, schreibt Jacques Mandelbaum in seinem Nachruf für Le Monde: "Er bringt in den Dokumentarfilm Tugenden aus der Fiktion ein: die Ermittlung (seine Filme ähneln Krimis, er selbst verglich sich mit Inspektor Columbo), die Präsenz des Autors im Bild (Autofiktion), die Distanzierung (Ausschnitte aus Spielfilmen, Archivmaterial, gespielte Szenen), die Romanhaftigkeit (mit dem epischen Atem, den die außergewöhnliche Länge seiner Filme ihnen verleiht). So trägt Ophuls, ein leidenschaftlich engagierter Mann und widersprüchlicher Filmemacher, zur Erfindung des Filmessays bei und zieht dabei den Zorn all jener auf sich, die der Meinung sind, dass ein Dokumentarfilm einer vermeintlichen historischen Neutralität verpflichtet sei."
Diese Haltung spricht auch aus dem (von Ralph Eue in der NZZzitierten) Glückwunsch-Fax, das Ophuls der Duisburger Filmwoche 2006 zum 30-jährigen Bestehen hatte zukommen lassen: "Seit vierzig Jahren habe ich versucht, die feigen Neutralisten anzugreifen, die sich auf ihre angebliche Toleranz berufen, um ihre eigene Feigheit und geistige Faulheit zu verbergen. Seit vierzig Jahren versuche ich Naturalismus im Dokumentarfilm als Mangel an künstlerischer Fantasie und Vitalität zu entlarven. Seit vierzig Jahren habe ich versucht, gegen den Begriff 'Objektivität', dieses stumpfsinnige Alibi für Mangel an Stellungnahme, zu kämpfen. Jetzt, wenn ich die Interviews von jungen Dokumentarfilmern lese, habe ich den etwas wehmütigen Eindruck, dass ich zumindest auf diesem Gebiet etwaserreicht habe."
In "Das Haus nebenan" erzählte Ophuls die "Geschichte der Stadt Clermont-Ferrand während des Vichy-Regimes, die viele französischeMythenüberdieNation unter deutscher Besatzung ins Wanken brachte", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. "Damit hatte Ophuls, ein charmanter, aber auch 'militanter Jude', wie er selbst von sich sagte, sein Lebensthema und sein Format: sehr lange, bohrende, aber auch spielerische geschichtspolitische Dokumentarfilme wie "The Memory of Justice" (1976) über die Nürnberger Prozesse oder "Hotel Terminus" (1989) über KlausBarbie." Mit diesem FIlm gelang dem Regisseur "in Gesprächen mit Jugendfreunden, Nachbarn, Opfern und Tätern eine komplexe Reflexion über Verdrängung, Schuld und die Unmenschlichkeit des NS-Regimes", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. In seinem Blog erinnert sich der Filmemacher ChristophHochhäusler an Begegnungen mit Ophuls. Arte hat zwar nicht Ophuls' "Haus nebenan" online stehen, aber einen Dokumentarfilm über den Schock, den dieser Film seinerzeit in Frankreich auslöste.
In diesem Gespräch mit Ausschnitten aus "Le Chagrin et la Pitié" - "Das Haus nebenan" - wird ein charakteristisch dekuvrierendes Interview gezeigt. Der Kritiker Kenneth Turon befragt Ophuls zu seiner Interviewtechnik.
Weiteres: Dass nur Ostdeutsche Ostdeutsche spielen dürften, hielte der Schriftsteller und Drehbuchautor Torsten Schulz zwar für "totalen Quatsch" und eine "identitätspolitische Unart", dafür fordert der Mitbegründer der Initiative "Quote-Ost" analog zum Anteil an der Bevölkerung zwanzig Prozent Ostdeutsche in der Film- und Medienbranche, wie er im Welt-Gespräch mit Michael Pilz unterstreicht - und zwar auch, damit gängigeStereotype in Film und TV abgebaut werden. Philipp Meier empfiehlt in der NZZ das Zürcher FilmfestivalGinmaku, das sich in diesem Jahr besonders den japanischen Ureinwohnern, den Ainu, widmet. Marian Wilhelm gibt im Standard Tipps zum Kurzfilmfestivalin Wien.
Besprochen werden WesAndersons "Der phönizische Meisterstreich" ("Immerhin ein Ami, der Europa liebt", stellt Gunda Bartels im Tagesspiegel fest), die Apple-Doku "Deaf President Now!" (FAZ) und SilvioSoldinis "Die Vorkosterinnen" (SZ).
Gaby Coldewey führt in der taz durch die nicht sonderlich rühmliche Geschichte der Übersetzungen ukrainischer Literatur ins Deutsche. Insbesondere ElisabethKottmeier und Anna-HaljaHorbatsch erlebten jahrelang ein "absolutes Desinteresse der literarischen deutschen Öffentlichkeit", erzählt sie. "Oft können oder wollen auch gebildete Chefredakteure den Unterschied zwischen russischer und ukrainischer Sprache und Dichtung nicht verstehen. Der Kalte Krieg einerseits und der Einfluss der Sowjetunion auf die deutschen Linken tun ein Übriges", zitiert Coldewey Petra Köhlers Eintrag zu Elisabeth Kottmeier im Germersheimer Übersetzerlexikon. "Doch trotz des großen Krieges, den Russland seit Februar 2022 gegen die Ukraine führt, ist für die meisten großen deutschen Verlage ukrainische Literatur noch immer ein weißer Fleck im Programm. Oder, wie es die Schriftstellerin OksanaSabuschko schreibt: 'Es dreht sich immer noch um Russland. Die Ukraine als vollwertiges Subjekt ihrer Geschichte und des Geschehens ist auch in den Kriegsjahren nicht zum Gegenstand eines gesteigerten Interesses oder einer gründlichen Revision geworden'."
Weitere Artikel: In der NZZporträtiert Nadine A. Brügger die österreichische SchriftstellerinMarleneStreeruwitz. Gregor Dotzauer schreibt im Tagesspiegel einen Nachruf auf die Literaturkritikerin SibylleCramer.
Besprochen werden unter anderem PatrickModianos "Die Tänzerin" (Standard), JörgPiringers "verbrenner" (Standard), LarsGustafssons Gedichtband "Variationen über ein Thema von Silfverstolpe" (FAZ) und OlivierSchrauwens international gefeierter Comic "Sonntag" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Szene aus "Undertainment". Bild: Stephan Floss Mit Thomas Hauerts "Playing with Sergej, Martha and the others" und William Forsythes "Undertainment" sieht Wiebke Hüster in der FAZ gleich zwei Uraufführungen der Dresden Frankfurt Dance Company im Hellerauer Festspielhaus, aber weder Hauert noch Forsythe, der auf Musik und Bühnenbild komplett verzichtet, hauen Hüster wirklich um: "Allein die Tänzer erzeugen mit ihren Körpern räumliche Situationen, Geräusche und Klänge. Sie schnipsen mit den Fingern, blasen die Luft an den Fingern vorbei durch die Lippen, sie schreien unisono wie eine Kampfsportgruppe oder wie eine ganze Yogaklasse beim 'Löwen'. Vogelrufe werden ausgestoßen, man summt, ba-ba-ba-mmt, ba-ba-woppt, pfeift. (…) Die Tänzer machen das alles gut, es sieht alles richtig aus, aber nirgends so wirklich spontan gefühlt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Nicht unzufrieden zieht Jakob Hayner in der Welt eine Zwischenbilanz der Wiener Festwochen unter der Leitung von Milo Rau, auch wenn er sich bisweilen fühlt wie auf einem "1980er-Jahre-Friedenskonzert". Für den "Kontrapunkt zum Kitsch" sorgt dann die PhilosophinLea Ypi, die in ihrer "Rede an Europa" kritisiert, "dass sich politische Rhetorik heute nur noch auf Fragen der Zugehörigkeit beschränke. Dem nationalen Wir der Rechten halten die Linken ihr buntes Wir entgegen. Weil die Linke jedoch vergessen habe, über Interessen oder Klassen zu sprechen, besitze sie keine zukunftsweisende Idee, so Ypi... Am mit Israel-Flaggen geschmückten Judenplatz verteidigt Ypi den Universalismus der Aufklärung, wie sie ihn bei jüdischen Intellektuellen wie Gotthold Ephraim Lessing beschrieben findet."
Weitere Artikel: Die Koalition aus CDU und Grünen in NRW hatten eine Erhöhung des Kulturetats um 50 Prozent versprochen, der freien Theaterszene droht allerdings jetzt eine Kürzung um 50 Prozent, berichtet Andreas Wyputta in der taz. In der Berliner Zeitungschreibt Ulrich Seidler den Nachruf auf die Alter von 71 Jahren gestorbene Theater- und Opernregisseurin Konstanze Lauterbach.
Besprochen werden außerdem Peter Konwitschnys 25 Jahre alte Stuttgarter Inszenierung der "Götterdämmerung" am Opernhaus Dortmund (FR), Charlotte Sprengers Inszenierung von Tschechows "Die Möwe" (taz) und das Will-Quadflieg-Tagebuch "Ich will lieber schweigen" (nachtkritik).
Woran lag es, dass der abstrakte Expressionist Richard Pousette-Dart nie ganz aus dem Schatten seiner Freunde Jackson Pollock und Mark Rothko treten konnte, fragt sich Hans-Joachim Müller (Welt) beim Rundgang durch die Ausstellung "Poesie des Lichts" im Museum Frieder Burda in Baden-Baden. Zum einen fehlte ihm der Furor der Kollegen, zum anderen wohnt seinen Bildern ein bis heute unergründbares Geheimnis inne, stellt Müller fest: "Es sind Bildgegenstände von strenger, auch abweisender Würde geworden. Schnecken, Voluten, Kreise, Dreiecke, Idole, ornamentale Leisten - lauter geometrische Elemente, die zwischen Ding und Emblem oszillieren - besetzen die Bilder, bilden gleichsam das Gehäuse für die Farbe, die krustig wie mit Sand gemischt auf den Leinwänden wuchert. Zuweilen denkt man an Kirchenfenster, dann wieder könnten es Entwürfe für schwere Teppiche sein. Dabei hat der Maler sein Formenarsenal ('Brasses') auch in Messing geschnitten."
Als Architekt, der am Dessauer Bauhaus lernte, übte der Schweizer Max Bill auf das Erscheinungsbild der jungen Bundesrepublik großen Einfluss aus, erinnert Bernhard Schulz in der taz. Weniger bekannt ist sein malerisches Werk, das nun in einer Ausstellung im Mies Haus am Obersee in Alt-Hohenschönhausen gezeigt wird, freut sich Schulz: "Bill selbst wählte die Bezeichnung 'konkrete kunst' für seine Arbeit, die nicht mehr in Wiedergabe von oder Anlehnung an sichtbare Dinge besteht, sondern nach eigenen Formgesetzen aufgebaut ist. Bill wurde der Mathematiker der Malerei, die er in präzisen Formgerüsten erprobte, in Geraden und Diagonalen, in Farbfeldern und Quadraten."
Weitere Artikel: Rico Bandle berichtet in der NZZ, wie das Kunsthaus Zürich weiter im Umgang mit der Sammlung Bührle (unsere Resümees) vorgehen will: Mehr Provenienzforschung, aber dafür auch höhere Subventionen von der Stadt Zürich, so Bandle. Mit Kuratorin Kathleen Reinhardt, Direktorin des Kolbe-Museums Berlin, der Künstlerin Sung Tieu und der Künstlerin Henrike Naumann werden drei ostdeutsche Frauen den deutschen Pavillon bei der kommenden Biennale in Venedig bespielen, freut sich Timo Feldhaus in der Berliner Zeitung. In der FAZ erinnert der Kunsthistoriker Rainer Stamm daran, wie schwer sich das Museums- und Ausstellungspublikum nach 1945 mit moderner Kunst tat.
Besprochen werden die Ausstellung "Planetarische Bauern" im Kunstmuseum Moritzburg, die nach der heutigen Bedeutung der Bauernkriege fragt (taz) und die LeonKahane-Austellung "Dialog Dialog Dialog" in der Kölner Galerie Nagel Draxler (taz).
Schier überwältigt wankt FAZ-Kritiker Gerald Felber aus den Konzerten des Schostakowitsch-Festivals, das Andris Nelsons mit dem Gewandhausorchester und dem BostonSymphonyOrchestra in Leipzig bestreitet. Für die Siebte Sinfonie spielten beide Orchester zusammen auf. "Nichts entglitt ins Diffuse: Die Passagen sehnsüchtiger Rückbesinnung erklangen kristallin kühl und unsentimental, in den Mittelsätzen erinnerten Mahler'sche Grotesken-Einschübe und die schmerzliche Süße einer 'Valse triste', im Finale schließlich der nur unter äußerster Anspannung erzielte und bis zum Schluss einsturzgefährdete, gerade deswegen geradezu verzweifelt beschworene Dur-Durchbruch immer wieder an den Preis, der erbracht werden muss, wenn das menschliche Glücksverlangen in die Banden vorgeblich heilbringender Ideologien geschlagen wird. Die gespannte Aufmerksamkeit und der enorme Zuspruch des Publikums lassen hoffen, dass Schostakowitschs Botschaften in Zeiten eines wachsenden Totalitarismus neue Resonanz finden."
Weiters: In der FAZgratuliert Dietmar Dath dem Gitarristen BruceCockburn zum 80. Geburtstag. Besprochen werden ein neues Album von TheseNewPuritans ("ein Album des Jahres", jubelt Christian Schachinger im Standard), IchikoAobas Album "Luminescent Creatures" (Jungle World), das neue Album "Po$t American" von JohnnyDepps Band DeadPioneers (FR) und neue Veröffentlichungen anspruchsvoller Musik, darunter KeithJarretts "New Vienna" mit einer Aufnahme von 2016 (Standard-Kritiker Ljubiša Tošić bezeugt "Echtzeitkunst, die mitunter Anläufe braucht, aber an Höhepunkten feurige Strukturen entstehen lässt").