Efeu - Die Kulturrundschau

Kataklysmische Ereignisse im ganzen Land

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.05.2025. Festivalpräsidentin Iris Knobloch setzt in Cannes auf Parität, aber nur in der Jury, nicht bei der Filmauswahl, erzählt sie in der WamS. Die SZ sieht in Yael Ronens Stück "Collateral Damage" am Schauspiel Köln einer Familie beim moralischen Verfall zu. Die FAS besucht den Künstler Heinz Mack, der einst die "Stunde Null" der Nachkriegskunst ausrief. Die israelische Regierung hat eine Reisewarnung für Basel während des ESC-Wettbewerbs ausgerufen, berichtet die NZZ.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.05.2025 finden Sie hier

Film

Offensive Zweideutigkeit als Statement der Freiheit: "Balconettes" von Noémie Merlant

Noémie Merlants nach einem Drehbuch der Regisseurin Céline Sciamma inszenierte Horrorkomödie "Balconettes" bricht fortlaufend mit zahlreichen Sehgewohnheiten, freut sich Arabella Wintermayr auf Zeit Online: "Dass in 'Balconettes' fast jede männliche Figur aggressiv, manipulativ oder schlicht gefährlich ist, könnte man kritisieren - es ist aber keine erzählerische Schwäche, sondern eine bewusst gesetzte These. 'Balconettes' ist kein Aufruf zur Ausgewogenheit, er ist vielmehr ein visuelles Manifest gegen den male gaze und die Ikonografie des weiblichen Leidens." Und Bert Rebhandl schreibt in der FAS: "Der Balkon ist ein Ort, an dem man sich erholt, aber auch preisgibt", insbesondere in Ländern, die im Sommer heißer sind als Deutschland. "Da es auch im Französischen eine umgangssprachliche, zotige Formulierung gibt, die den Busen als 'balcon' bezeichnet, bekommt der Titel von Noémie Merlants Film eine Zweideutigkeit, die in dem triumphierenden Finale offensiv aufgelöst wird. Es ist Elise, die dann ihr Hemd so offen trägt, dass sie das Darunter nicht zu verbergen versucht. Es ist die Regisseurin, die selbst diese Figur spielt und die damit eine lange Tradition der Entblößung für den männlichen Blick auf ein Statement der Freiheit ummünzt, das nicht zu Belästigung oder gar Schlimmerem einlädt."

Am Dienstag beginnen die Filmfestspiele in Cannes. Mara Delius spricht für die WamS mit der Festivalpräsidentin Iris Knobloch. Immer wieder stand das Festival in den letzten Jahren in der Kritik, zu wenig Filme von Frauen ins Programm zu holen. Parität ist dem Festival wichtig, entgegnet Knobloch dem, allerdings in anderer Gewichtung: "Wir haben Parität in allen Gremien. ... Das Auswahlkomitee ist paritätisch besetzt sowie unsere Jurys und Jurypräsidentschaften. In diesem Jahr sogar mehr als das: Alle vier Jurypräsidenten sind Präsidentinnen. Bei der Filmauswahl hingegen bin ich gegen Quoten, weil sie die Unabhängigkeit der Auswahl beeinträchtigen würden. Das einzige Kriterium bei der Auswahl eines Films muss seine Qualität sein. In diesem Jahr haben wir 2900 Filme erhalten, davon wurden 28 Prozent von Frauen eingereicht. Ein Drittel der Filme unserer Auswahl stammt von Filmemacherinnen. Parität ist eine Verantwortung der gesamten Branche. Die neue Generation von Frauen ist mutiger und traut sich mehr zu. Deshalb bin ich sicher, dass der Anteil von Filmemacherinnen in Cannes weiter steigen wird."

Der georgische Literaturwissenschaftler Zaal Andronikashvili denkt in einem Essay für "Bilder und Zeiten" der FAZ über Michail Lockshins eben in Deutschland angelaufene Bulgakow-Verfilmung "Der Meister und Margarita" (unser Resümee) nach, dem im Gegensatz zur literarischen Vorlage ein entscheidendes Element fehlt: "Der georgische Philosoph Merab Mamardaschwili beschrieb seine Lektüre nach der Erstveröffentlichung des Buchs in der Tauwetterzeit als ein literarisches Aufatmen - die Erfahrung, dass es plötzlich wieder möglich war, frei zu denken. Gerade diese heitere Würde und die Hoffnung, die den Roman bis heute tragen, fehlen dem Film fast vollständig." Die Verfilmung "wird selbst zum Symptom jener resignativen Grundstimmung, die die russische Kultur der Putin-Jahre prägt: einer Kultur, die selbst im Raum der Fiktion keinen Ausweg mehr entwerfen kann. Und damit auch keinen Widerstand."

Weiteres: Beim Deutschen Filmpreis war Tim Fehlbaums "September 5" (unsere Kritik) mit insgesamt neun Lolas - darunter bester Film, beste Regie und bestes Drehbuch - der große Abräumer des Abends (hier alle Auszeichnungen). Jan Küveler spricht für die SZ mit der Schauspielerin Verena Altenberger, die aktuell in Burhan Qurbanis Shakespeare-Interpretation "Kein Tier. So Wild" (unser Resümee) zu sehen ist. Jan Küveler porträtiert für die WamS Steven Soderbergh, dessen aktuellen Thriller "Black Bag" offenbar niemand besprechen will (aber alle reißen sich um Interviewtermine mit dem Regisseur). Philipp Bovermann schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Regisseur James Foley. Im Zeitfragen-Feature von Dlf Kultur erinnert Siegfried Ressel an die Entstehung von Claude Lanzmanns Dokumentarfilm "Shoah".

Besprochen werden Dag Johan Haugeruds "Oslo Stories: Träume", bei dem laut Welt-Kritikerin Marie Luise Goldmann "die Erotik im Stricken eines Pullovers, im Philosophieren über Anziehungskraft oder Einkaufen für einen Kranken" entsteht (unsere Kritik) und die Sky-Doku "Das Nazi-Kartell" über die Verstrickungen zwischen dem Naziverbrecher Klaus Barbie und einem lateinamerikanischen Drogenboss (FAZ, die erste Folge steht auf Youtube).
Archiv: Film

Literatur

Wenn sich im Juni der Geburtstag von Thomas Mann zum 150. Mal jährt, würde es sich durchaus lohnen, dessen Schriften und Reden zur Verteidigung der Demokratie neu zu kontextualisieren, schreibt Richard Herzinger im Perlentaucher. In dessen Kritik an der Appeasement-Politik gegenüber Nazi-Deutschland "muss man nur das Wort 'deutsche' durch 'russische' und das Wort 'Nationalsozialismus' durch 'Putin-Regime' ersetzen, um die unheimliche Aktualität der Feststellung Manns zu erkennen, dass "deutsche Forderungen im Munde des Nationalsozialismus niemals dem Frieden, sondern ausschließlich der Machterhöhung und der Verbesserung der Kriegsaussichten gelten', und dass man daher 'mit ihrer Erfüllung nicht dem Frieden, sondern dem Krieg' dient. Auch wenn sich der Putinsche Terrorstaat nicht eins zu eins mit seinen faschistischen und nationalsozialistischen Vorläufern deckt, treffen diese Erkenntnisse doch exakt auch auf ihn zu."

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Außerdem: Thomas David spricht für die FAS mit dem US-Schriftsteller Ocean Vuong über dessen neuen Roman "Der Kaiser der Freude" und die USA unter Trump, den er weniger für eine Ausnahme, sondern gerade "symptomatisch für Amerika" findet. Mara Delius berichtet in der WamS von dem Tag, den sie mit dem Schriftsteller Graham Swift in London verbracht hat. Der Schriftsteller Clemens J. Setz schreibt in der FAZ über das Fazinosum der Webcam bei der Papstwahl, bei der die römischen Möwen dem Schlot samt weißem Rauch irgendwann die Show stahlen. Der Literaturwissenschaftler Sebastian Böhmer erinnert in "Bilder und Zeiten" der FAZ daran, wie August von Kotzebue im April 1800 für ein Jahr ins ferne Sibirien verschleppt wurde, worüber der Schriftsteller schließlich den Band "Das merkwürdigste Jahr meines Lebens" veröffentlichte. In der FAZ gratuliert Sandra Kegel der chinesischen Schriftstellerin Fang Fang zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Patrick Modianos "Die Tänzerin" (taz), Anna Melikovas "Ich ertrinke in einem fliehenden See" (NZZ), Tamara Dudas "Donezk Girl" (taz), Heike Geißlers Essay "Arbeiten" (Freitag), Katja Kullmanns "Stars" (taz), Tomasz Różyckis Essay "Feuerprobe" (taz), Warlam Schalamows "Erzählungen aus Kolyma" (FR) und der von Peter Seyferth und Falko Blumenthal herausgegebene (hier via Open Access erhältliche) Band "Science Fiction und Labour Fiction. Zukunftsvorstellungen von Arbeit und Arbeitskämpfen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
 
In der Frankfurter Anthologie schreibt Frieder von Ammon über Ernst Jandls "rilke, reimlos":

"rilke
sagte er ..."
Archiv: Literatur

Musik

Der letztjährige ESC-Gewinner Nemo, dem als nonbinäre Person Inklusion ansonsten sicher Herzenssache ist, macht sich in einem Gespräch mit der Huffpost für die Exklusion der israelischen Hamas-Massaker-Überlebenden Yuval Raphael aus dem Eurovision Song Contest stark, berichtet Simon Bordler im Tages-Anzeiger. Nicht weiter zu kümmern scheint Nemo, dass der Antisemitismus auch in der Schweiz und in Bern seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober einem SZ-Bericht von Nicolas Freund zufolge drastisch zugenommen hat: "'In zwei, drei Monaten registrierten wir zehn Tätlichkeiten gegen Juden', so Jonathan Kreutner", der Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG). "'Vorher gab es alle paar Jahre mal einen Vorfall. ... Den Angriff der Hamas haben einige als Auslöser genommen, ihren Hass auf Juden auszuleben', sagt Kreutner. 'Das zeigt, wie tief der Antisemitismus auch in der Schweiz wurzelt.'"

Gruppierungen wie "Escalate for Palestine" rufen derweil sehr unverhohlen dazu auf, die israelische Teilnahme zu "verhindern" und rasseln entsprechend mit den Säbeln, berichten Sebastian Briellmann und Daniel Gerny in der NZZ. "Was damit gemeint ist, kann nur erahnt werden. Sachbeschädigungen, klar, dazu wird in der Mitteilung explizit aufgefordert. ... Auch Gewalt gegen jüdische Besucherinnen und Besucher scheint nicht mehr ausgeschlossen: Israels Rat für nationale Sicherheit hat inzwischen eine Reisewarnung für Basel während des ESC ausgesprochen." Außerdem blickt Esthy Baumann-Rüdiger für eine große NZZ-Reportage hinter die Kulissen des ESC.

Weiteres: Dennis Sand (Welt) sowie Jakob Biazza und Philipp Bovermann (SZ) schreiben Nachrufe auf den unerwartet verstorbenen Deutschrapper Xatar. Mathis Rabe wirft für Zeit Online einen Blick darauf, wie der nicht per se und stets politische Deutschrap sich gegen die AfD in Stellung bringt. Ljubiša Tošić sieht im Standard mit Spannung dem Musikfest im Wiener Konzerthaus entgegen. Ole Schulz bietet in der taz einen Überblick über Geschichte und Gegenwart der venezolanischen Musikszene und hebt dabei Chelique Sarabia hervor, der mit seinem 1971 veröffentlichten Album "Revolución Electrónica en Música Venezolana" mit "flirrenden Gitarren" dem venezolanischen Volkslied einen "modernen Dreh verlieh".



Besprochen werden ein Wiener Abend mit Grigory Sokolov (Standard), ein von Andris Nelsons dirigierter Schostakowitsch-Abend in Wien (Standard), Billie Eilishs Konzert in Berlin (Tsp), ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters in Frankfurt (FR), neue Alben von Manuel Stahlberger (NZZ), Arcade Fire (Presse) und der kolumbianischen Los Pirañas (tazler Ole Schulz lauscht "nervösen Gitarren, dubbigen Passagen und rockig-polternden Klängen"), ein Auftritt von Dendemann in Frankfurt (FR) und das Debütalbum "A.O.E.I.U" der ghanaischen Musikerin Florence Adooni (taz). Hier das ziemlich mitreißende und episch ausladende Titelstück:

Archiv: Musik

Architektur

Niklas Maak streift für die FAS weiter über die Architekturbiennale in Venedig, die sich dem nachhaltigen Bauen und dem Umgang mit Ressourcen widmet: "Sehenswert ist der Pavillon von Bahrain, hier findet sich das architektonisch überzeugendste und relevanteste Objekt, das ebenfalls für Abkühlung sorgen will: ein silbrig schimmerndes Dach, das einen geothermischen Brunnen und einen Solarkamin durch eine thermohygrometrische Achse verbindet und so kalte Luft aus der Tiefe des Bodens verteilt. Und sonst? Der Pavillon von Usbekistan erinnert an ein Giga-Projekt, das 'Sun Institute', in dem die untergehende Sowjetunion für Experimente einen 3000 Grad heißen Lichtstrahl erzeugen wollte, und fragt, was mit dem Infrastrukturbau heute gesehen soll." In der wochentaz berichtet Sophie Jung. In der WamS widmet sich Marcus Woeller der von Carlo Ratti kuratierten Biennale-Ausstellung: "Intelligens. Natural. Artificial. Collective".
Archiv: Architektur

Bühne

Szene aus "Collateral Damage" am Schauspiel Köln. Foto: Ivan Kravtsov.

Ein "rasanter kleiner Thriller mit Anflügen von 'Succession'" ist Yael Ronen mit ihrem Stück "Collateral Damage" am Schauspiel Köln gelungen, nickt SZ-Kritiker Alexander Menden. Mit ihrer Story um eine Familie, die berät, wie sie mit dem problematischen Erbe (einem in einem schmutzigen Deal erworbenen Goya-Gemälde) des sterbenden Vaters umgehen soll, hat sich Ronen ziemlich viel auf einmal vorgenommen, findet Menden. Aber es funktioniert größtenteils hervorragend, vor allem, weil Ronen "einfach mal die Aristotelischen Einheiten von Zeit, Raum und Handlung einhält". "Dass sich dieses moralische Ringen vor dem Hintergrund diverser angedeuteter kataklysmischer Ereignisse im ganzen Land, ja: der Welt abspielt, verleiht ihm nicht nur Dringlichkeit. Es wird dadurch auch zu einem Sinnbild der Auflösung von Sicherheiten und Gewissheiten der Protagonisten. Das kann nur apokalyptisch enden. Der titelgebende Kollateralschaden sind am Ende aber weniger das Gemälde oder irgendwelche anderen materiellen Dinge, sondern jeder ethische Anspruch, den die Figuren jemals an sich selbst gestellt haben mögen."

Weiteres: nachtkritik veröffentlicht "Shorties" (kurze Besprechungen) zum Berliner Theatertreffen, unter anderem zu Florentina Holzingers "Sancta". Besprochen werden Charlotte Sofia Garraways Inszenierung von "Handbuch gegen den Krieg" nach dem Essay von Marlene Streeruwitz am Theater Hof (nachtkritik), Sara Ostertags Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Angabe der Person" am Landestheater St. Pölten (nachtkritik), Johannes Pölzgutters Inszenierung von Jüri Reinveres Oper "Peer Gynt" an der Oper Bremerhaven (FAZ) und Lies Pauwels Inszenierung von Shakespeares "Was ihr wollt" an den Münchner Kammerspielen (FAZ).
Archiv: Bühne

Design

René Spitz liest für "Bilder und Zeiten" der FAZ zwei Studien von Christopher Haaf und Linus Rapp zur Geschichte der Hochschule für Gestaltung in Ulm (hier und dort in unserem Onlinebuchladen Eichendorff21 erhältlich).
Archiv: Design

Kunst

Installation view of Heinz Macks "The sky over nine columns" at Isola San Giorgio Maggiore, Venedig, Italien. Foto: Bruno Biancardi. Archiv Heinz Mack

Anlässlich einer Ausstellung in der New Yorker Galerie Almine Rech, besucht Niklas Maak für die FAS den Bildhauer und Maler Heinz Mack in seinem Atelier. Mack gründete zusammen mit Otto Piene die ZERO-Gruppe, die eine "Stunde Null" für die Kunst der Nachkriegszeit forderte, "und mit malerischen Experimenten und kinetischen Objekten die Op-Art vorwegnahm: Mit den Mitteln der Kunst wollten sie sich die Möglichkeiten neuer Techniken und Materialien einverleiben und eine Gegenwelt entwerfen." In "einem seiner Gemälde, die in seinem Atelier am Boden stehen, schweben Farbfelder nebeneinander, die in einem Sfumato auslaufen, wie in einem Ökosystem aus kommunizierenden Substanzen beeinflusst jede Farbe die Wahrnehmung der Farbe, die neben ihr steht, das Ultramarin verändert den Anblick des Orange, das Orange die Wirkung eines Lindgrüns. Auf den Ölkreiden liegen CDs von Erroll Garner, Coleman Hawkins und den Supremes, dazu eine Ausgabe der 'Jüdischen Allgemeinen'."

Weiteres: Auf den "Bilder und Zeiten"-Seiten der FAZ unterhält sich Rose-Maria Gopp mit dem Künstler Neo Rauch über dessen neue Ausstellung "Stille Reserve" in der Galerie "Eigen+Art" in Leipzig. Besprochen wird die Frank Auerbach-Retrospektive in der Galerie Michael Werner (SZ), und die Ausstellung "Zeichnung, Malerei, Skulptur, Fotografie, Film, Video, Sound - Sammlung Ringier 1995-2025" in der Langen Foundation in Neuss (NZZ)
Archiv: Kunst