Efeu - Die Kulturrundschau

Die Farbe eines gekochten Hummers

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09.05.2025. Die FAZ spürt im deutschen Pavillon auf der Architekturbiennale in Venedig die Hitze des Klimawandels am eigenen Leib. Die deutsch-algerische Autorin Naila Chikhi appelliert im Perlentaucher an die neue Bundesregierung, ein Zeichen für Boualem Sansal zu setzen. Die SZ schaut bei Francesco Filideis Vertonung von "Der Name der Rose" an der Mailänder Scala vergnügt zu, wie sich Mönche auf der Bühne prügeln. Die FR summt in einer Ausstellung in Wiesbaden mit der Biene durch die Kunstgeschichte.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2025 finden Sie hier

Architektur

Niklas Maak teilt in der FAZ Impressionen von der 19. Architekturbiennale in Venedig. Vom deutschen Pavillon ist der Kritiker schwer beeindruckt: Das Thema Klimwandel wird hier nicht anhand neutraler Statistiken verhandelt, sondern "wie ein Thriller". Man kann sogar am eigenen Leib erfahren, wie sich städtische Überhitzung auf den Körper auswirkt: "Solarstromgeneratoren auf dem Dach betreiben eine Heizanlage, die eine von Metall- und Glasfassaden gesäumte Straße bei Sommerhitze simuliert, man kann sich selbst auf Wärmekamerabildern beobachten, wie man einen knallroten Kopf bekommt und die Farbe eines gekochten Hummers annimmt." Aber, die Kuratoren Nicola Borgmann, Elisabeth Endres, Gabriele Kiefer und Daniele Santucci zeigen Maak auch, wie es anders sein kann: "Im linken Raum sieht man Lösungen; dort weht dank offener Fenster ein kühler Wind, man kann unter hohen Hainbuchen sitzen, unter denen es, wie eine Legende an der Wand erklärt, bis zu zehn Grad kühler ist als auf einem leeren Platz; dazu gebe ein Baum bis zu 400 Liter Wasser an seine Umgebung als feuchten Dunst ab."

Auch Peter Richter ist in der SZ überzeugt vom deutschen Konzept. In der Hauptausstellung, die der Architekt Carlo Ratti kuratiert hat, bekommt er außerdem eine Fülle an Ideen zum Städtebau der Zukunft serviert: "Konkret zeigt Carlo Ratti Bautechniken und Materialien, die der Natur abgeschaut sind. Da sind Steine, die von Bakterien zum Dampfen gebracht werden, da schwimmen Wäldchen auf Booten in der Lagune, und da sind ganze Armeen von 3-D-Druckern am Werk, die Häuschen auf Dächer aufpfropfen, Plastik recyceln, historische Steinmetztechniken schneller hinkriegen als Steinmetze. Roboter surren, künstliche Intelligenzen lernen vor sich hin, aber auch die hängende Brücke der Waldbeschützer vom Hambacher Forst hängt hier, als soziale Protestarchitektur."
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Kunst

Lucas Cranach d. Ä., Venus mit Amor als Honigdieb, 1527, Schwerin, Staatliche Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern. Foto: Museum Wiesbaden / Bernd Fickert
"Bild um Bild eine Köstlichkeit" staunt FR-Kritikerin Judith von Sternburg in der Ausstellung "Honiggelb" im Museum Wiesbaden, in der sie "mit der Biene durch die Jahrhunderte der Kunst und Kultur flanieren" kann. Sie lernt hier zum Beispiel "den ersten Imker kennen, Aristaios, der auf Cornelis Corts Kupferstich als sehnige, weitgehend unbekleidete Renaissanceschönheit mit seinen Körben hantiert (...) Der Bedeutungswandel der Biene frappiert. In der Abteilung 'Vorbild und Warnung' ein Prachtstück der Schau, Lucas Cranach des Älteren 'Venus und Amor als Honigdieb'. Alle Augen werden auf der unverschämt attraktiven Venus liegen, deren komplizierte Körperhaltung ganz lässig wirken. Unten klagt der kleine Amor, der nach einer Wabe gegrapscht hat und nun wohl gestochen worden ist. Das göttliche Kleinkind jammert, hat aber noch den Nerv, Stand- und Spielbein zu präsentieren."
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Stichwörter: Bienen, Cranach, Lucas

Literatur

Die deutsch-algerische Autorin Naila Chikhi appelliert im Perlentaucher an die neue Bundesregierung, ein Zeichen für Boualem Sansal zu setzen: "Algerien ist heute das deutlichste Beispiel für das Bündnis dezidiert linker, aus dem Antikolonialismus hervorgegangener Bewegungen mit dem Islamismus. Dieser 'Islamogauchisme' strahlt mit großer Wirkung nach Frankreich und Europa aus. Deshalb ist es für Europa nicht nur eine humanitäre Pflicht, Algerien beizustehen - es liegt in seinem ureigensten Interesse."

Nicht allen Verlagen und Lektoren ist das genehm, aber Schriftsteller dürfen sich auch weiterhin über die deutsche Rechtschreibung und Kommasetzung hinwegsetzen, berichtet Matthias Heine in der Welt. Dies hat der Rat für deutsche Rechtschreibung vor kurzem festgestellt, nachdem die Interessengemeinschaft österreichischer Autorinnen und Autoren diesen um ein Urteil erbeten hatte, weil ihr die Auseinandersetzungen mit den Verlagen allmählich zu bunt wurden. "Autoren, die mit Lektoren hadern, können sich auf diese Entscheidung berufen. Vorausgesetzt, sie schaffen es, ihre Verlage davon zu überzeugen, dass das, was sie schreiben, Literatur ist", denn für Zeitungstexte, Sachtexte, Schulen und Behörden gilt diese Liberalität keineswegs.

Weiteres: Lars von Törne gibt im Tagesspiegel Tipps zum Gratis-Comictag, der morgen stattfindet. Besprochen werden unter anderem Annie Ernauxs "Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus" (NZZ), Manfred Kochs Rilke-Biografie (Standard), Rie Qudans "Tokyo Sympathy Tower" (FR) und Ulli Lusts Comic "Die Frau als Mensch" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Film

Trumps irrsinnige Ankündigung, 100 Prozent Zoll auf im Ausland gedrehte Filme erheben zu wollen, "spricht von der Ahnungslosigkeit des Mannes, der sie in die Welt gesetzt hat", seufzt Hanns-Georg Rodek in der Welt. Zwar stimmt der Befund, dass in den USA immer weniger gedreht wird, aber "wenn all die Arbeiten, die Hollywood aus Kostengründen ins billigere Ausland auslagert, ins Inland zurückkommen, werden sie dort ja nicht billiger - es sei denn, das amerikanische Lohnniveau würde sinken. ... Die einzig mögliche Lösung würde darin bestehen, das Produkt - also den Film - zu verteuern. Das wiederum wäre fatal, denn es haben sich Alternativen zu Hollywood entwickelt. ... Die Einnahmen amerikanischer Filme stammen heute schon zu zwischen 50 und 70 Prozent aus dem Ausland. Die Konkurrenz würde sich die Hände reiben, wenn US-Filme wesentlich teurer würden."

In der Kritik am neuen Kulturstaatsminister Wolfram Weimer überwiegen "Erbsenzählerei, moralisierende Reflexe und eine destruktive Energie, von der man sich wenigstens 10 Prozent im Umgang mit Weimers Vorgängerin Claudia Roth gewünscht hätte", findet Rüdiger Suchsland auf Artechock. Ihm fehlen konkrete Vorschläge für die Zukunft - und macht daher selber zumindest filmpolitische: "Eine der ersten Amtshandlungen ... sollte es sein, die vom Bund vergebenen (Bundes-)Filmpreise erstens wieder zu dotieren, und zwar möglichst noch besser als im letzten Mal mit Geldern aus seiner Amtsschatulle. Zweitens wäre es wünschenswert, die Vergabe und die Ausrichtung des Filmpreises der 'Deutschen Filmakademie' wegzunehmen. Der Preis müsste wieder durch eine kompetente Jury nach rein ästhetischen Kriterien vergeben werden." Mehr zu Weimer in 9punkt.

Weitere Artikel: Ingrid Weidner gibt auf Artechock einen Überblick zum 40. Dok.fest in München, während ihre Kollegin Dunja Bialas die Geschichte des Festivals im Wandel der Zeit in den Blick nimmt. In seiner "Cinema Moralia"-Kolumne für Artechock konkretisiert Rüdiger Suchsland sein Unbehagen damit, dass die Leitung des Dok.fests ohne Ausschreibung festgelegt wurde und die strellvertrende Leitung die Ehefrau des alten Leiters ist. Joachim Hentschel spricht für die SZ mit Steven Soderbergh über dessen Thriller "Black Bag", die Zeit hat unterdessen Dirk Peitz' Gespräch mit dem Regisseur online nachgereicht. Die Welt hat Jan Küvelers Gespräch mit Jan-Ole Gerster, dessen (auf Artechock besprochener) Thriller "Islands" aktuell im Kino läuft, online nachgereicht. Esther Buss war für den Filmdienst bei den Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen. Artechock resümiert zahlreiche Festvials: Eckhard Haschen war bei der Dokumentarfilmwoche in Hamburg, Katrin Hillgruber bei Crossing Europe in Linz und Paula Ruppert und Dunja Bialas bei GoEast in Wiesbaden. Marius Nobach empfiehlt im Filmdienst die Hommage Vittorio de Sica des Berliner Kino Arsenals und schreibt hier einen Nachruf auf den Dokumentarfilmer Hans Andreas Guttner, der als einer der ersten Filme über Gastarbeiter in Deutschland drehte. Philipp Bovermann porträtiert für die SZ die Castingdirektorin An Dorthe Braker.

Besprochen werden Dag Johan Haugeruds Berlinale-Gewinner "Oslo Stories: Träume" (Tsp, mehr dazu hier), Burhan Qurbanis "Kein Tier. So Wild" (Zeit Online, Artechock, mehr dazu hier), Lou Yes "An Unfinished Film" (Artechock), Rúnar Rúnarssons "Wenn das Licht zerbricht" (Artechock), Sarah Winkenstettes "Grüße vom Mars" (Artechock) und Thomas Woschitz' vorerst nur in Österreich startender Film "The Million Dollar Bet" (Presse, Standard).
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Bühne

Szene aus "Der Name der Rose" an der Mailänder Scala. Credits: Brescia e Amisano

Reinhard J. Brembeck trifft für die SZ den Komponisten Francesco Filidei, der Umberto Ecos mittelalterlichen Krimi "Der Name der Rose" für die Mailänder Scala vertont hat. "Grandios vergnüglich" funktioniere Filideis Vorhaben, "die beiden großen Tendenzen der italienischen Musik nach 1945 zu verbinden, das Schlagerfestival von San Remo und die Nachkriegsavantgarde", jubelt Brembeck, der außerdem seine Freude an der Fülle von Referenzen hat, die Filidei hier einbaut: "Natürlich gibt es mönchische Mittelaltergesänge, schließlich tagen in dem von Morden heimgesuchten Kloster auch zwei Delegationen, um die Vorherrschaft von Papst oder Kaiser zu klären. Was natürlich schief geht, aber unweigerlich an Trump und Putin oder Xi denken lässt. Musikalisch, das fällt wohl nur dem belustigten Kenner auf, baut Filidei in diese Szene das berühmte 'Sederunt principes' des Perotin ein und lässt die Szene in einer Prügelei von Geistlichen enden. Was wiederum die Prügelfuge aus Wagners 'Meistersingern' evoziert und die Hoffnung, dass es beim derzeitigen Konklave in der Sixtinischen Kapelle weniger handgreiflich zugeht."

Am Hamburg Ballett herrscht schlechte Stimmtung: Fünf der elf Ersten Solisten und 36 der 63 Tänzerinnen und Tänzer haben wegen des neuen Intendanten Demis Volpi schon gekündigt, berichtet Peter Laudenbach in der SZ. Die Belegschaft hat nun einen Brandbrief an Kultursenator Carsten Brosda geschrieben, in dem die Kommunikation bemängelt sowie mangelndes "künstlerisches Niveau" und ein "toxisches Arbeitsklima" beklagt wird, zitiert Brembeck, der skeptisch ist: "Dass nicht jeder Neumeier-Star glücklich über den Wechsel ist, muss nicht allein am neuen Intendanten liegen. In den Kündigungen der fünf Solisten liegt für Volpi auch eine Chance der behutsamen Neuausrichtung der Compagnie. Das ist nicht nur legitim, es ist eine seiner Aufgaben. Ob das künstlerisch gelingt, muss sich auf der Bühne, in den Ballettaufführungen zeigen. Sie und der Anklang, den sie beim Publikum finden, entscheiden über Erfolg und Misserfolg der Intendanz Volpis, nicht Protestbriefe aus dem Ensemble."

Besprochen werden Eike Weinreichs Inszenierung des Stücks "Volpone - oder der Kampf ums Überleben", das im Rahmen des Projekts "New Hamburg" Obdachlosigkeit thematisiert (taz) und Schorsch Kameruns Stück "House of Resistance" am Schauspiel Duisburg (taz).
Archiv: Bühne

Musik

Tazler Gregor Kessler kommt bei der Aussprache von Tristwch Y Fenywod über den "lateralen Frikativ" zwar nicht hinweg. Dass das walisische Folk-Trio nun auch in Deutschland für ein paar Konzerte auf Stippvisite vorbeikommt, freut ihn aber dennoch ganz ungemein. Die Zeichen stehen auf "okkulter Düsternis. ... Druidischer Avant-Folk, hypnotische Trance, vorgetragen von drei queeren Künstlerinnen mit dezidiert antifaschistischer und feministischer Haltung. Mit 'Schmerz der Frauen' lässt sich der Bandname übersetzen. Ferch Lisbeth leitet ihn von der inhärenten Melancholie ihrer weiblichen Erfahrung her und meint damit ein universelles feminines Leid, das sie erst zum Komponieren gebracht hat." Der walisische Schriftsteller "Dylan Thomas fordert die Dunkelheit heraus und setzt ihr Erkenntnis und Schöpfung entgegen. Tristwch Y Fenywod tun mit ihrem dunkel-glühenden Gothicsound Vergleichbares. Ihre Klangsignatur hat etwas Altes, ohne dabei altertümlich zu klingen, etwas folkloristisches, ohne einen Hauch Folk zu spielen. Mysteriöser Fairytale-Noir. Ein Begräbnis-Marsch aus J.R.R. Tolkiens Songbook."



Außerdem: Lars Fleischmann porträtiert für die taz die Kölner Saxofonistin Theresia Philipp, die seit Anfang des Jahres das Bundesjazzorchester leitet. Jürgen Kesting gratuliert in der FAZ der Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter zum 70. Geburtstag. Besprochen wird ein Auftritt von Richard Thompson in Hamburg (FAZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: Folk, Tristwch Y Fenywod, Wales