Efeu - Die Kulturrundschau

Spiegeleier für alle

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.05.2025. Ausstellungen, die Stadt und das Zeitgeschehen fließen für die Kunstkritiker beim Gallery Weekend in Berlin ineinander, während sie Champagnerkorken knallen hören und in die Zelle eines russischen Straflagers blicken. "Ich stehe nie auf der Seite der Autoritäten", versichert die Autorin Rachel Kushner in der NZZ. Milo Rau erklärt der Welt seine Republik der Liebe. Die Literarische Welt durchforstet Joan Didions Nachlass. Die taz fordert mehr Tantiemen für U-Musik.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2025 finden Sie hier

Kunst

Gestern startete das Gallery Weekend in Berlin. Viel russische Kunst ist zu sehen, zum Beispiel von Nadja Tolokonnikowa oder der "Bruderschaft der neuen Holzköpfe", einer Performergruppe aus Sankt Petersburg oder eine Ausstellung von Aktivisten und Künstlern rund um das in Russland verbotene Nachrichtenportal Meduza im Kunstraum Kreuzberg, erzählt Peter Richter in der SZ. Aber es geht natürlich auch ums Verkaufen: "Der kapitalismuskritische Vibe der vielen Demonstrationen, die an diesem Tag die Wege der Kunstbetriebsmenschen kreuzen, steht natürlich immer in einem gewissen Kontrast zu deren kommerziellen Nöten und Wünschen, die mit einer hochkarätigen Schaufensterausstellung (von Karin Sander bis Christian Jankowski) im Kaufhaus des Westens, KaDeWe, diesmal sogar einen symbolischen Ausdruck bekommen haben. Und während die einen mit grimmigen 'Ihr da oben'-Parolen auf Fahrraddemos Richtung Villenviertel radeln, knallen in der Kunstsammlung der Deutschen Bank absolut buchstäblich die Korken, denn Julian Charrière zeigt dort, als Kollateral-Event, eine Show, die vom Champagnerhaus Ruinart gesponsert wird - mit deren Produkt allerdings auch elementar zu tun hat: Es geht darin um die Korallen in dem Meer, das einst die Gegend der Champagne bedeckte, dem teuren terroir sozusagen erst seine Würze verlieh."

Die "Bruderschaft der neuen Holzköpfe" suchen Lücken im System. Foto: Alexander Lyashko/@societeberlin / Galerie BQ


Eine wunderbare Entdeckung - neben dem Werk der Künstlerin Elisabeth Schrader, Mutter von Maria, in der Stedi-Stiftung - sind für FAS-Kritiker Niklas Maak die schon oben erwähnten "Holzköpfe" aus St. Petersburg, die zwischen 1996 und 2002 rund hundert Performances veranstalteten, denen die Galerie BQ eine Ausstellung widmet: "Der zerfallende Ostblock hinterließ ein Vakuum, in dem, wie die Berliner Schau zeigt, eine besonders wilde, gut gelaunte russische Freiheit möglich wurde: Die Performer der 'Bruderschaft der Neuen Holzköpfe' posierten in Erdgruben, die im Bürgersteig aufgerissen wurden und die an einen rechteckigen Gordon Matta Clark erinnern, schossen einen Pfeil mit der Aufschrift 'Exit' durch die Kuppel einer reaktionären Kirche, machten sich in Nacktvideos über Männerbilder lustig, zerhackten Mobiliar, zündeten es an und brieten auf der Straße über dem Feuer Spiegeleier für alle."

Nadja Tolokonnikowa, Foto: Pussy Riot
Nadja Tolokonnikowa hat die Zelle nachgebaut, in der sie im russischen Arbeitslager in Mordowinien saß. Sie wäre gern zu ihrer Ausstellung bei Nagel Draxler nach Berlin gereist, hat sich aber nicht getraut, weil Russland sie auf eine internationale Fahndungsliste gesetzt hat, und sie nicht weiß, wer sie ausliefern würde, erzählt sie im Interview mit der FAS. Sie versuche ständig, neue Medien auszuprobieren, sagt sie, aber sie performe auch noch. Zuletzt habe sie eine Protestperformance mit Studentinnen der University of Houston organisiert: "Gegen diese Zensur-Atmosphäre in den USA gerade... Wir wollten einfach zeigen, dass es in diesem repressiven Klima an den Universitäten schon reicht, wenn man als eine Gruppe von Frauen mit einem kryptischen Banner - eine Hommage an das 'Ideale Banner' des sowjetischen Künstlerduos Komar und Melamid - still zusammensteht, um als unerwünschter Protest wahrgenommen zu werden."

Mehr zum Gallery Weekend in der Welt, wo Gesine Borcherdt einen Rundgang vorschlägt, und im Tagesspiegel, wo Birgit Rieger über eine Christoph-Schlingensief-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie schreibt.

© Woodman Family Foundation / Bildrecht, Wien 2025

Peter Truschner bespricht in seinem Perlentaucher-Fotolot die große Francesca-Woodman-Ausstellung in der Wiener Albertina und porträtiert sie als eine Pionierin künstlerisch-fotografischer Selbstreflexion: "Auf die Frage einer Freundin, warum sie sich selbst so häufig und noch dazu nackt zum Gegenstand ihrer Fotografie macht, hat Woodman lakonisch geantwortet: 'Es ist eine Frage der Bequemlichkeit. Ich bin immer verfügbar.' Das ist natürlich mehr kokett als wahr. Wenn man von der Materie nicht völlig unbeleckt ist..., bräuchte man nicht zu wissen, was ein wiederum anderer Freund über Woodman gesagt hat: dass sie wahrscheinlich die Werke aller maßgeblichen Künstler und Künstlerinnen des 15. und 16. Jahrhunderts kannte."

Weiteres: Marcus Woeller unterhält sich für die Welt mit dem Künstlerpaar Neo Rauch und Rosa Loy über ihre Ausstellungen zum zwanzigsten Geburtstag der Leipziger Baumwollspinnerei. Katharina Rustler spricht für den Standard mit der Wissenschaftlerin Kate Crawford, die beim neuen Kunstfestival Vienna Digital Cultures als Rednerin auftritt, über die Gefahren eines unüberlegten Umgangs mit KI.
Archiv: Kunst

Literatur

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"Ich stehe nie auf der Seite der Autoritäten", sagt die amerikanische Autorin Rachel Kushner im NZZ-Gespräch mit David Signer über ihren Roman "See der Schöpfung", der von der Begegnung einer früheren CIA-Spionin namens Sadie Smith mit einer Landkommune in Frankreich handelt. Ein Buch also über das entfremdete Verhältnis zwischen den USA und Europa? Es gehe ihr um "Spaltungen, die sich ebenso innerhalb Europas und Amerikas auftun". Zu Beginn "verkörpert Sadie amerikanische, hyperindividualistische Brutalität", doch "ich möchte Amerika nicht dämonisieren, wie das Europäer gelegentlich tun. Der Mix all der verschiedenen Leute und der Kult um die ungezügelte Autonomie haben zu einer faszinierenden Kultur geführt, denken wir allein an die afroamerikanischen Innovationen wie Jazz oder Hip-Hop - gefährlich und lebendig. Das ist der freiheitliche Spirit von 'jeder für sich'. Bei den Franzosen gibt es klarere Vorstellungen, wie man sich verhalten und in die Gemeinschaft einfügen muss."

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Seit Joan Didions Nachlass in der New York Public Library für Bibliotheksmitglieder zugänglich ist, bilden sich dort in schöner Regelmäßigkeit kleine, verschworene Gemeinschaften, die die in rauen Mengen vorhandenen Habseligkeiten der Schriftstellerin durchsehen, berichtet Hannes Stein in der Literarischen Welt. Dass man in den Dokumenten mitunter auf sehr private Details stößt, führt dann aber doch zu sanftem Unbehagen. "Schließlich liest man die Briefe fremder Leute, man schnüffelt in ihren Geheimnissen herum, man schaut ihnen quasi ins Gehirn. ... Solche Gedanken passen zur Debatte, die in Amerika gerade um Didions 'Notes to John' geführt wird", das auf Tagebuchnotizen zu ihren Psychotherapiesitzungen um 2000 basiert. "Die Meinungen darüber, ob derartige Notizen veröffentlicht werden sollten, gehen selbst im Kreis von Didions engsten Weggefährten auseinander." Aber "die gute Nachricht ist, dass Joan Didion auch dann enigmatisch bleibt, wenn all ihre Notizbücher entziffert sind. In ihren Essays und Reportagen ist sie eigentlich nur als Stimme gegenwärtig, eine leicht spöttische Stimme, der nichts Menschliches fremd ist. Was das Wesen dieser Stimme ausgemacht hat, wird auch der nicht ergründen, der alle 336 Kartons dieser Sammlung durchgearbeitet hat." Vulture präsentiert ein paar Fundstücke aus dem Nachlass.

Bernadette Conrad berichtet in der Literarischen Welt aus Budapest, wo der deutsche Literaturdozent und Autor Wilhelm Droste ein Literaturcafé nach dem nächsten eröffnet und damit eine traditionsreiche Kultur aufrecht erhält: "Ist es Nostalgie? Sehnsucht nach Zeiten, die man sich heiler vorstellt als heute? 'Gerade nicht! Ich rette Dinge aus der Vergangenheit, die zukunftsfähig sind', sagt Droste."

Weiteres: Durs Grünbein erzählt im Literarischen Leben der FAZ von sich in der dritten Person und seinem Aufenthalt in Rom, als der Papst starb. In der FAS erzählt Celina Euchner von ihren Erfahrungen bei einem Buchclub in New York, bei dem es allen Beteiligten inklusive ihr selbst "offenbar unglaublich leicht fiel, sich zu öffnen. ... Sind Lesezirkel also Selbsthilfegruppen?" Im Literaturfeature von Dlf Kultur befasst sich Sabine Voss mit neuen Romanen über das Ende des Zweiten Weltkriegs.

Besprochen werden unter anderem Christine Wunnickes "Wachs" (taz), Nicolás Ferraros Krimi "Ámbar" (taz), Luz' Comic "Zwei weibliche Halbackte" (Intellectures), die von Oswald Burghardt zusammengestellte Anthologie "Dichtung der Verdammten" mit ukrainischer Lyrik (FR), Mario Wurmitzers "Tiny House" (Jungle World), Ludwig Fels' Selbstporträt "Ein Sonntag mit mir und Bier" (NZZ), Susanne Kaisers Kriminalroman "Riot Girl" (FR), Sophie Hungers "Walzer für Niemand" (FAS), Antonio Pigafettas "An Bord mit Magellan. Bericht über die erste Reise rund um die Welt 1519-1522" (FAZ), Rachel Kushners "See der Schöpfung" (LitWelt) und Elin Anna Labbas "Das Echo der Sommer" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.

In der Frankfurter Anthologie schreibt Claus Leggewie über Bertolt Brechts "Das Waschen / C.N.":

"Als ich dir vor Jahren zeigte
Wie du dich waschen solltest in der Frühe
Mit Eisstückchen im Wasser ..."
Archiv: Literatur

Film

Terry Gilliams in den Achtzigern entstandener Klassiker "Brazil" war seinerzeit eine spitz überzeichnete Satire in Gewand eines Science-Fiction-Films, doch heute beschreibt der Film "allzu deutlich die nun herrschende Realität in Donald Trumps Amerika", meint Ibrahim Quraishi in der taz. "Was diesen Vergleich so beunruhigend macht, ist nicht nur der Zusammenbruch juristischer Verfahren, sondern die Erosion der Realität selbst."

Weiteres: Jan Küveler spricht für die WamS mit dem Regisseur Jan-Ole Gerster über seinen neuen Thriller "Islands". Im Musikfeuilleton des Dlf Kultur widmet sich Georg Beck der Entstehung von Hanns Eislers Filmmusik zu Alain Resnais' "Nacht und Nebel".

Besprochen werden Albert Serras Stierkampf-Dokumentarfilm "Nachmittage der Einsamkeit" (taz, unsere Kritik), Jan Henrik Stahlbergs "Muxmäuschenstill X" (Zeit Online, SZ), die von Arte online gestellte, britische Serie "Unschuldig - Mr. Bates gegen die Post" mit Toby Jones (FD), der neue "Marvel"-Blockbuster "Thunderbolts" (Tsp) und eine Arte-Doku über den Einfluss von Steven Spielbergs "Der weiße Hai" auf die Filmgeschichte (taz).

Archiv: Film

Bühne

"Republik der Liebe" ist das Motto der diesjährigen Wiener Festwochen. Mit Hippies hat das nichts zu tun, versichert Leiter Milo Rau, der sich im Burgtheater mit Jakob Hayner (Welt) getroffen hat, denn Liebe habe, "weil sie alles auflöst, einen Hang zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen ... Ich bringe Themen auf die Bühne, die im Zentrum der Gesellschaft stehen", sagt Rau, der schon mit Linksterroristen, AfD-Politiker, Ulf Poschard, Rammstein und Otto Muehl gearbeitet hat. "Wir sitzen in einem Garderobenraum, um uns herum hängen Kostüme auf Stangen. Bei Raus erster Ausgabe im vergangenen Jahr ging es um einen Rückblick auf die Corona-Maßnahmen, um Rechtspopulismus und Linksaktivismus - Selbstanklage inbegriffen. Er begreift das Theater als Arena einer 'res publica', einer öffentlichen Angelegenheit. 'Ich habe mir Meinungen ausführlich angehört, wo ich in einer Talkshow abschalten würde, weil ich sage, dass ich die schon kenne', sagt Rau. 'Das gelingt im Theater besser als im medialen Diskurs.' Auch die Beteiligten würden dem Theater ein Vertrauen schenken, das die Medien immer seltener genießen, und zwar, weil das Theater einen 'regelgesteuerten Raum' für Auseinandersetzungen bieten könne." Wer sich gern aufregt oder debattiert, findet in diesem Jahr Anlass zum Beispiel bei dem Stück "Drei mal links ist rechts", dem "Prozess Pelicot" oder Elfriede Jelineks "Burgtheater".

Besprochen werden Bizets "Perlenfischer" bei den Wiesbadener Maifestspielen (FR)
Archiv: Bühne

Musik

In seiner taz-Kolumne dreht Detlef Diederichsen den Spieß in der Debatte um die GEMA-Tantiemen für E- und U-Musik um: Dass Helmut Lachenmann in VAN (unser Resümee) der E-Musik die Rolle des ästhetischen Antriebsmotor für das Neue und der U-Musik lediglich die Position einer Sachwalterin des Bestehenden im Namen der Zerstreuung zuweist, hält er für eine allzu grobe Gegenüberstellung. "Dass spätestens seit den 1960er Jahren diese Erweiterungen auch und gerade in musikalischen Bereichen stattfinden, die aus der Popmusik hervorgegangen sind, dass es hier - wie auch im Jazz - eine breite Front experimentierender Musiker gibt, die zu den Extratöpfen der E-Musik-Klasse keinen Zugang haben, ignoriert diese Position. Womöglich absichtlich, denn wenn der Inhalt der Töpfe auf mehr Köpfe verteilt wird, bleibt für den Einzelnen weniger."

Außerdem: Dierk Saathoff bespricht in der Jungle World Reto Caduffs Kino-Dokumentarfilm "Einfach machen!" über Frauen in der frühen deutschen Punkszene. Jan Brachmann berichtet für die FAZ von der Schubertiade in Hohenems. Thilo Komma-Pöllath spricht für die FAS mit Suzanne Vega, die aktuell ein Comebackalbum veröffentlicht hat. Wir hören rein:

Archiv: Musik
Stichwörter: Gema, E-Musik, U-Musik, Tantiemen