Efeu - Die Kulturrundschau

Fieberdelirien aus der Serienproduktion

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28.04.2025. Die FAZ erinnert Rieke Süßkows Inszenierung von Jean Genets "Zofen" daran, wie radikal fremd die Avantgarde mal war, die FR findet sie eher dekorativ. Die Zivilisation ist ins Wanken geraten, lernt die FAZ von den Klimawandel dokumentierenden Fotografien in der Kunsthalle München. Backstage Classical unterhält sich mit der israelischen Sopranistin Chen Reiss über den wachsenden Antisemitismus in der E-Musik-Szene. Ist der Schweizer Pass eine Design-Ikone, möchte der Tages-Anzeiger wissen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2025 finden Sie hier

Bühne

"Die Zofen" in Frankfurt. Foto: Jessica Schäfer.

Jan Wiele freut sich in der FAZ, dass Rieke Süßkows Inszenierung von Jean Genets "Die Zofen" am Schauspiel Frankfurt sich dem zeitgenössischen Drang widersetzt, alles aktualisieren zu müssen. Die zwei Dienerinnen, die sich gegen ihre Herrin zur Wehr setzen, spielen unter Masken auf einer Bühne, die aussieht "wie eine expressionistische Schrankwand. In Lila. Aus den sich quietschend öffnenden Türen purzeln die Zofen-Gnome, und manchmal werden sie auch brutal in den Schrank zurückgesteckt. Oder verschwinden in einer Falltür, unter der sich ein gluckernder Schlund auftut. Visuell und akustisch grotesk, gibt die Vorführung eine Ahnung davon, wie avantgardistische Kunst in der frühen Moderne verstörte, zusätzlich ruft sie einige im Bildgedächtnis verankerte Schock-Märchenelemente auf, von F.W. Murnau bis zu David Lynch (wobei die Perücke der Herrin eher an frühe Folgen von 'Raumschiff Enterprise' erinnert)."

Judith Sternburg sieht das in der FR ganz anders: "Man könnte darin eine Verweigerung der Regie sehen, sich auf eine von einem Mann auf Frauenfiguren projizierte Lüsternheit einzulassen. Aber vor allem dient die ganze Maskerade doch dazu, neckische Spotlights auf das nächste dekorative Requisit zu werfen, das im lilafarbenen Aufbau platziert wurde. Ein Aufbau, der allen Ernstes auch eine Verkaufsfläche sein könnte. Als die drei Spielerinnen zum Schlussapplaus die Masken abnehmen und man Linder, Corovic und Wolf ins Gesicht sieht, bekommt man eine Ahnung davon, was man verpasst hat."

"Gesamtkunstwerk pur" ist Christian Friedels Inszenierung von Stanislaw Lems "Solaris" am Schauspiel Frankfurt für Nachtkritiker Jan Tussing. Der Roman, auf dem das Stück basiert, setzt sich vor allem mit den Wissenschaftlern auseinander, die den rätselhaften Planeten Solaris erforschen, dabei aber auch dem Menschsein auf den Grund gehen, erklärt er: "Friedel verwebt die existentiellen Fragen des Romans nach den Grenzen menschlichen Denkens zu einer perspektivreichen Erzählung. Er schafft mit seinem anspruchsvollen Video- und Lichtspektakel (Video: Clemens Walter, Licht: Marcel Heyde) traumartige Szenen, die einem Hollywoodfilm in nichts nachstehen. Und die eigens für diesen Abend komponierte elektronische Musik seiner Band 'Woods of Birnam' schafft eine soghafte Dynamik. Wummernde Musik, trommelartige Wirbel und ein sphärischer Klangteppich tragen die Handlung." Auch taz-Kritiker Björn Hayer erlebt "Momente von ekstatischer Kraft", vermisst aber Ideen. Weitere Besprechungen in FAZ und FR.

Besprochen werden außerdem Frank Castorfs siebenstündige Inszenierung von Büchners "Dantons Tod" am Staatsschauspiel Dresden (FAZ, Peter Laudenbach ist in der SZ mäßig beeindruckt: "Wenn man lange nach Mitternacht etwas erschöpft aus dem Theater taumelt, hat man zwar wieder mal durchaus beeindruckt eines der Fieberdelirien aus der Serienproduktion der Castorf-Factory bestaunt, aber was den Regisseur diesmal am verhandelten Stoff interessiert haben könnte, bleibt diffus und oberflächlich") "One Love" mit Choreografien von Andrew Skeels und Martin Harriague am Nationaltheater Mannheim (FR), Falk Richters und Anouk van Dijks "A Perfect Sky" am Schauspielhaus Hamburg (Nachtkritik) und "Tristan (und Isolde)", geschrieben und inszeniert von Nele Jahnke, an den Münchner Kammerspielen (Nachtkritik).
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Literatur

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Mit "Atom" hat Steffen Kopetzky einen Spionageroman rund um den Wettlauf zur Atombombe während des Zweiten Weltkriegs geschrieben. Bert Rebhandl unterhält sich im Standard mit dem Schriftsteller über das Buch - auch mit Blick auf die Drohungen Putins: "Die Amerikaner haben das Modell des Mad Man entwickelt - ein Verhalten, das die Psychologen des Kreml glauben lassen sollte, der US-Präsident sei verrückt, und es könnte sein, dass er wirklich auf den Knopf drückt. Nixon hat versucht, Mad Man zu sein und so zu tun, als wäre ein Krieg doch eine reale Gefahr. Putin, Medwedew und andere spielen diese Rolle als ein Instrument in der Kriegsführung, damit wir Angst bekommen und kuschen. Wenn die Russische Föderation Atomwaffen einsetzt, sind wir in einer anderen Welt, die sich niemand vorstellen kann. Es ist undenkbar, dass das ungesühnt bliebe. Also sollten wir weniger auf die Atomwaffen blicken, sondern auf die Wirklichkeit: Der Krieg in der Ukraine wird konventionell geführt."

Weitere Artikel: Jakob Koch meldet in der FR, dass die Bestsellerautorin Alexandra Fröhlich auf ihrem Hausboot in Hamburg tot aufgefunden wurde - die Ermittler gehen von einem Gewaltverbrechen aus, laut Kate Connolly im Guardian soll Fröhlich erschossen worden sein. In einem Essay für die Welt blickt die Schriftstellerin Felicitas Hoppe auf die Päpste ihres Lebens zurück. Roger Abrahams unterhält sich für die Welt mit der niederländischen Schriftstellerin Sacha Bronwasser.

Besprochen werden unter anderem Christoph Heins "Das Narrenschiff" (Standard), neue Bücher von Heike Geißler (Standard), Sarah Bernsteins "Übung in Gehorsam" (Tsp), Elisa Hovens "Dunkle Momente" (FR), Thomas Brezinas "Liebe ist niemals normal" (Standard), Taina Tervonens "Die Reparatur der Lebenden. Zwei Frauen in Bosnien-Herzegowina auf der Suche nach den Ermordeten des Krieges" (NZZ) und neue Kinderbücher, darunter Iron Tazz' und Martin Stanevs "Raus in die Natur" (FAZ).
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Design

Martin Fischer vom Tages-Anzeiger staunt beim Blick in seinen Social-Media-Feed: Der 2022 neu eingeführte Schweizer Pass wird auf den Plattformen als Design-Meisterleistung, gar als "Kunstwerk" gefeiert. Hinter der Gestaltung steckt die Agentur Retinaa, die in diesem Video erklärt, was sie sich dabei gedacht hat:


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Stichwörter: Schweiz, Pass, Social Media

Film

Stefan Trinks gratuliert in der FAZ dem Animationsfilmkünstler William Kentridge zum Siebzigsten. Besprochen werden der Apple-Neunteiler "Your Friends & Neighbors" mit dem aus "Mad Men" bekannten Jon Hamm (NZZ) und die in einer kanadischen Inuitgemeinde spielende Netflixserie "North of North" (taz).
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Stichwörter: Kentridge, William

Kunst

Olaf Otto Becker, Point 660, 2, 08/2008 67°09'04″N, 50°01'58″W, Höhe 360m, 2008, aus der Serie Above Zero. © Olaf Otto Becker


Dass es mit unserer Zivilisation bald vorbei sein könnte, sieht FAZ-Kritiker Hannes Hintermeier in der Kunsthalle München, wo die seit 2018 auf Weltreise befindliche Wanderausstellung "Civilisation. Wie wir heute leben" Fotografien vom Klimawandel zeigt: "240 Bilder von 110 Fotografen, wenig bekannten, aber auch sehr bekannten. Der Großteil kann auch als Appell an den Betrachter gelesen werden: Prüfe dich, inwieweit du Mitverursacher und Nutznießer bist. Denn der Mensch vergeht im Anthropozän, und dazu braucht er Rohstoffe für die Handyproduktion. Edward Burtynsky dokumentiert etwa den Preis, den der Lithium-Abbau in der chilenischen Atacama-Wüste fordert. Die Becken schimmern in aparten Grün-, Gelb- und Silbertönen, geben auf den ersten Blick ihren toxischen Charakter nicht preis, sondern wirken wie ein überdimensionaler Malkasten inmitten einer steinigen Ebene."

Weiteres: Die taz porträtiert den samischen Künstler Anders Sunna, der in Schweden Debatten um Identität und Rechte von Minderheiten angestoßen hat. Die FAZ gratuliert dem südafrikanischen Künstler William Kentridge zum 70. Geburtstag. Ebenfalls in der FAZ schüttelt Ursula Scheer den Kopf ob der Bestrebungen Donald Trumps, einen Skulpturenpark mit 250 "amerikanischen Helden" bauen zu lassen.
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Musik

Im Podcast von Backstage Classical spricht die israelische Sopranistin Chen Reiss über ein wachsendes Gefühl der Unsicherheit: "Wir erleben Antisemitismus überall", sagt sie und "spricht von unsicheren und instabilen Zeiten, besonders für Juden. Die Künstlerin, deren Großeltern 1939 aus Europa fliehen mussten, empfindet die Gegenwart als besorgniserregend und weiß nicht, wohin man diesmal fliehen solle. Selbst Deutschland, das sie einst als sicher empfand, könne sie heute nicht mehr als solches bezeichnen. ... Während Kollegen meist aufgeschlossen seien, zeigten sich einige Veranstalter zurückhaltend. 'Einige Veranstalter sind vorsichtig geworden, ein jüdisches Programm zu planen', so Reiss. Die Furcht gelte Demonstrationen oder Empörung des Publikums. Manche hätten ihr offen gesagt, dass ihr Projekt 'Jewish Vienna' zwar fabelhaft sei, sie angesichts des politischen Umfelds aber lieber etwas anderes singen solle."

Jan Brachmann hat sich für die FAZ mit dem Dirigenten und für Air France fliegenden Piloten Daniel Harding unterhalten. Der sieht in seiner zweiten Tätigkeit eine Art Ausgleichssport, der mit der Musik wechselwirkt: "Wenn man in der Musik die Katastrophen vermeiden will, vermeidet man auch die Schönheit. Das Fliegen rückt für mich die Wahrnehmung dafür zurecht, was in der Musik wirklich und ernsthaft schiefgehen könnte. Schiefgehen im Konzert bedeutet für mich, nichts zu versuchen. Aber etwas zu versuchen und dann an die Grenzen der eigenen Kraft zu gelangen, das ist in der Musik kein Fehler. Das Fliegen dreht sich dagegen immer ums genaue Verstehen von Risiken und darum, eine Strategie zu entwickeln, niemals in Situationen zu gelangen, aus denen man nicht sicher herauskommt."

Weitere Artikel: Joachim Hentschel berichtet in der SZ von Aufregungen in der Palästina-Szene, weil Kneecap von großen deutschen Musikfestivals wieder ausgeladen wurde, nachdem die irische Band beim Coachella-Festival mit stumpf-rustikalen Parolen zum Hass gegen Israel aufgerufen hatte und außerdem britischen Behörden zufolge im Verdacht steht, auf Konzerten auch für die Hamas und die Hisbollah geworben zu haben. Michael Ernst resümiert für die FAZ die Messiaen-Tage in Görlitz. Aldo Keel blickt für die NZZ auf die grönländische Rock- und Rapszene. Viele Musikfestivals können sich die Gagen von großen Popstars nicht mehr leisten, berichtet Martin Fischer im Tages-Anzeiger. Samir H. Köck porträtiert für die Presse das wienerische Popduo Lusterboden.
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