Efeu - Die Kulturrundschau

So hell und hoffnungsvoll

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.04.2025. Paolo Sorrentinos "Parthenope" ist eine filmische Liebeserklärung an Neapel und an die Schönheit schöner Frauen, in der alles ein bisschen zu üppig geraten ist, wie die taz findet. Wenn Stephen Lawless am Theater Lübeck Wagner inszeniert, wird nicht mehr aus Liebe gestorben, staunt van. Synchronsprecher europaweit schlagen Alarm, berichtet die SZ: KI bedroht ihre Arbeit. Die Welt flaniert in Karlsruhe durch eine Medienkunst-Ausstellung und meint: die klassischen Künste sind irgendwie sinnlicher. Musiker, die sich als Rebellen inszenieren, bringen uns nicht weiter, meint der Jazzer Wynton Marsalis im NZZ-Gespräch.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.04.2025 finden Sie hier

Bühne

Theater Lübeck: Tristan und Isolde. Foto: Jochen Quast

Albrecht Selge besucht zwei Opernaufführungen am Theater Lübeck und staunt auf van: beide super! Da wäre zum einen "Tristan und Isolde" unter der Regie von Stephen Lawless, der Wagners Werk konzentriert und ohne Spirenzchen auf die Bühne bringt: "Ans Sterben durch Liebe glaubt die Inszenierung nicht, Isolde singt ihr großes Finale mit Händen in den Manteltaschen - und muss danach erst den Todestrank schlucken. Lena Kutzner macht auch dies darstellerisch eindringlich, so wie in der ganzen Aufführung die genaue Figurenführung eine psychologische Präzision schafft, manchmal fast, als wär's Ibsen oder Tschechow. Auch der emotionalen Nähe zwischen Tristan und Kurwenal im dritten Aufzug wird hier mal wirklich Raum gegeben, sogar Umarmungen sind erlaubt."

Aber Lübeck kann nicht nur Wagner, sondern auch Anti-Wagner, freut sich Selge. Aufgeführt wird nämlich parallel noch Frank Martins Tristan-Variation "Der Zaubertrank Le vin herbé". Ein selten gezeigtes Stück, und auch hier überzeugt die von Jennifer Toelstede verantwortete szenische Umsetzung. Die Musik ist sowieso über jeden Zweifel erhaben: "Wollte man bei Wagner nach Verwandtschaften mit Martins Komposition suchen, wären klanglich am ehesten die ersten trüben Takte des Vorspiels zum dritten Aufzug zu nennen, bevor dort die Bläser einsetzen. Denn Martins 'Le vin herbé' verbleibt mit nur sieben Streichern sowie Klavier konsequent in einer Sphäre des unablässigen Seufzens, das manchmal zu Wellen wird. Statt Berauschung entsteht Andacht; und aus der Andacht eine andere Ebene von emotionaler Teilnahme am Los dieser Liebesleidenden, die nun schon so lange, lange tot sind."

Weitere Artikel: Atif Mohammed Nour Hussein berichtet auf nachtkritik von einem politischen Puppentheaterspiel in den USA. Weiterhin setzt die nachtkritik ihr listicle zu den Top 100 Theaterabenden des 21. Jahrhunderts fort, diesmal sind die Plätze 50 bis 21 dran. Und schließlich weist Michael Wolf im nachtkritik-Spiralblock auf ein interessantes Experiment des Stadttheaters Konstanz mit einer Art kollektiven Intendanz hin. Im Standard porträtiert Margarete Affenzeller den Schauspieler und Autor Thiemo Strutzenberger. Joans Kähler besucht für die taz die Gesprächsreihe "Maschinenraum der Zukunft" am Hamburger Schauspielhaus, die sich mit dem Thema KI beschäftigt. Ebenfalls in der taz bespricht Katja Kollmann ein Buch über Erwin Piscator.
Archiv: Bühne

Film

Deutsche Synchronsprecherinnen und -sprecher protestieren vehement gegen den Einsatz von KI, der ihre Arbeit nahezu überflüssig zu machen drohe - und reihen sich damit in einen Protest ein, der sich gerade in ganz Europa organisiert. Erste Dammrisse sind bereits zu beobachten, schreiben Kathleen Hildebrand und David Steinitz in der SZ. Die 2024 gegründete deutsche Firma Audio Innovation Lab (AIL) etwa "bietet laut Web-Auftritt 'kosteneffizient und rechtssicher' auch KI-Synchro an". Einer der drei Gründer des AIL, der Jurist Stefan Sporn, "prognostiziert, 'dass KI-Synchronisationen bereits in ein, zwei Jahren akzeptiert und etabliert sein werden'. ... Einen Spielfilm mit KI zu synchronisieren, könne zwischen 20 und 50 Prozent günstiger sein als der klassische Weg." Und "auch wenn die Technik noch verbessert werden müsse, habe die KI einen unschlagbaren Vorteil: Man könne für die Synchronisation die Stimme des Originalschauspielers verwenden, der sich selbst, dank KI, in 'jeder Sprache dieser Welt' sprechen könne. ... Dass Schauspielerinnen und Schauspieler ihre Stimmen für diese Option vertraglich zur Verfügung stellen, passiere teils schon jetzt."

Die Wechselwirkung der Schönheit: "Parthenope" von Paolo Sorrentino

Auf Paolo Sorrentinos neuen Film "Parthenope" - eine Liebeserklärung an die Geschichte Neapels, aber auch an die Schönheit schöner Frauen - kamen wir bereits an dieser Stelle zu sprechen. Heute liefern die Feuilletons nach. "Ein eigenartiges Biest von einem Film" sah tazlerin Barbara Schweizerhof. Die Bilder kommen "stets mit dem Gestus daher, dem Publikum einen Schatz zu präsentieren", doch "alles ist immer ein bisschen zu üppig." Und spätestens wenn Celeste Dalla Porta als Titelfigur aus dem Meer in den Film tritt, kennt die hungrige Kamera kaum ein Halten mehr. Der Regisseur "interessiert sich weniger für das Innenleben seiner Hauptfigur als für Wechselwirkung, die ihre Schönheit auf ihre Umgebung hat. ... Fast scheint es so, als würde sich sein eigener Blick angesichts der Schönheit seiner Hauptdarstellerin verkrümmen und verzerren. Aber letztlich bezwingt er den Fluch, indem er die Blicke der anderen auf Parthenope bloßstellt. Dabei entstehen Vignetten, die manchmal wie Werbefotografie daherkommen, aber dank ihrer sorgfältigen Ausstattung mit Epochen-Details in Kleidern, Frisuren und Körperhaltungen eine große atmosphärische Dichte annehmen."

Er "würde sich von diesem Film so gern einwickeln lassen", gesteht Andreas Kilb in seiner online nachgereichten FAZ-Kritik. Doch "diesmal hat es Paolo Sorrentino mit dem filmischen Belcanto übertrieben. Das Fest der Dekadenz, das in 'La grande bellezza' stets geschickt zwischen Entlarvung und Überhöhung oszillierte, geht mit 'Parthenope' in seine ranzige Phase: Die Jugend, die der Film an der Grenze zum Werbe-Kitsch beschwört, ist eine Fantasie alter Männer." Im Standard bekräftigt Bert Rebhandl seine bereits in der FAS geäußerte, skeptische Position.

Weitere Artikel: Marie-Luise Goldmann (Welt) und David Steinitz (SZ) resümieren das Ende der dritten Staffel der HBO-Serie "White Lotus". Die Welt hat Elmar Krekelers Porträt der Schauspielerin Jasmin Tabatabai online nachgereicht.

Besprochen werden Tzeli Hadjidimitrious Dokumentarfilm "Lesvia" über lesbischen Tourismus auf Lesbos (Tsp), Luzia Schmids Dokumentarfilm "Ich will alles" über Hildegard Knef (FAZ),  Sebastian Fritzschs "Der Wald in mir" (Zeit Online), die ARD-Mini-Serie "Das zweite Attentat" (Tsp, FR), die Apple-Serie "The Studio", in der sich Seth Rogen über Hollywood amüsiert (Jungle World), der von 3sat online gestellte Film "Anne Frank. Tagebuch einer Jugendlichen" (FAZ), die vierte Staffel der Netflix-Serie "How to Seel Drugs Online (Fast)" (FAZ) und Jia Zhangkes "Caught By the Tides", der in Deutschland erst Mitte Mai startet (NZZ).
Archiv: Film

Literatur

Simon Strauß ist im FAZ-Kommentar ganz ergriffen von dem, was Peter Handke in seinem großen NZZ-Gespräch (unser Resümee) über Traurigkeit sagt. Besprochen werden unter anderem Emmanuel Carrères "Ich lebe und ihr seid tot" über den SF-Autor Philip K. Dick (NZZ), der von Sergej Lebedew herausgegebene Band "Nein! Stimmen aus Russland gegen den Krieg" (NZZ), Roberto Savianos "Treue. Liebe, Begehren und Verrat - Die Frauen in der Mafia" (Welt), Franzobels "Hundert Wörter für Schnee" (FR), Georgi Demidows "Zwei Staatsanwälte" (Zeit Online), die Jubiläumsausstellung des Charles Dickens Museum in London zum hundertjährigen Bestehen (FAZ), Nenad Veličkovićs "Nachtgäste" (FAZ) und Albert von Schirndings "War ich da? Von Ankünften und Abschieden" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Lebedew, Sergej

Kunst

Bill Viola - Stations, 1994, Videoinstallation, Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe © Bill Viola; Foto © ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe.

Hans-Joachim Müller spaziert für die Welt durch die Medienkunst-Schau "The Story That Never Ends. Die Sammlung des ZKM" im Zentrum für Kunst und Medien, Karlsruhe. Er fragt sich, ob nicht nur Alltagselektronik allzu schnell altert, sondern vielleicht auch, eben, Medienkunst. Der Vergleich mit klassischen Kunstformen fällt jedenfalls nicht immer schmeichelhaft aus: "Nicht selten fällt die medientechnische Problemlösung unverkennbar hinter die bezwingende Sinnlichkeit der klassischen Künste zurück. Das lässt sich nicht zuletzt am Körperthema beobachten. Wenn man an die mitunter schmerzhafte Leibnähe einer Performance von Tino Seghal oder Anne Imhof denkt, dann muten die motorgetriebenen Kleiderpuppen der Ursula Neugebauer wie hübsches Spiel an. Aber vielleicht ist es ja auch nicht fair, angesichts der unglaublich diffizilen Innereien dieser Techno-Kunst an ihrer mitunter etwas dürftigen Erscheinung Anstoß zu nehmen."

Jennifer Braun hat sich die Schau für monopol ebenfalls angeschaut. Unter anderem glaubt man am ZKM an das Potential von Medienkunst, Medienkompetenz zu vermitteln, lernt sie. "Ein optimistischer Ansatz, aber sicher kein naiver. Der Themenschwerpunkt 'Kritik und Utopie' beleuchtet unter anderem, wie Künstlerinnen und Künstler schon seit Jahrzehnten vorausahnend thematisierten, was heute als Cyberfaschismus Form annimmt. Lynn Hershman Leesons interaktives Gewehr 'America's Finest' (1993-94) bietet den Nervenkitzel, Menschen anzuvisieren - egal ob Soldat oder Kind - und gefahrlos abzudrücken. Ob man dies nochmal machen will, sobald der eigene Hinterkopf ins Visier gerät, ist einem selbst überlassen."

Weitere Artikel: Ingo Arend unterhält sich auf Monopol mit der Kuratorin Defne Ayas über Kunst und Protest in der Türkei und Deutschland. Weiterhin sammelt monopol sechs Stimmen aus der zeitgenössischen Kunst zu Leigh Bowerys Werk und dessen Erbe. Im Standard schreibt Olga Kronsteiger über den Stand der Dinge im bayrischen NS-Raubkunst-Skandal (siehe auch hier) und geht dabei insbesondere auf den Umgang mit den Erben Alfred Flechtheims, eines jüdischen Kunsthändlers, ein. Endlich komplett freigelegt ist nun ein Frühwerk Gerhard Richters im Dresdener Hygiene-Museum, berichtet unter anderem der Standard. Ebenfalls im Standard bespricht Ronald Pohl einen von Matthias Naumann herausgegebenen Sammelband zu Antisemitismus im Kunstbetrieb ("Verkehrte Welt: Die besonders lauthals ihren Abscheu gegen Israel artikulieren, beklagen am bittersten, sie kämen wenigstens in Deutschland zu wenig oder gar nicht zu Wort").

Besprochen werden außerdem eine große Sammlungspräsentation des Berliner Brücke-Museums (FR) mit zahlreichen Meisterwerken des Expressionismus und die Ausstellung "21 x 21 Die Ruhr Kunst Museen auf dem Hügel" in der Essener Villa Hügel (monopol).
Archiv: Kunst

Architektur

Die Synagoge im Münchner Glockenbachviertel war das letzte Gebäude seiner Art, das vor der Machtübernahme Hitlers in Deutschland errichtet wurde. Mehr oder weniger durch Zufall überlebte es die Naziherrschaft und den Zweiten Weltkrieg, wurde aber später lange sich selbst und dem Verfall überlassen. Das soll sich nun ändern. Nils Minkmar berichtet in der SZ vom Stand der Restaurierungsarbeiten. Messen lassen müssen sie sich an der herausragenden Qualität des Originalbaus: "Mit besonderen Licht- und Farbeffekten, die den Raum auf eine Weise inszenieren, die weit über die schlechte Zeit seiner Entstehung hinausweisen. (Architekt Gustav) Meyerstein hatte auch in Tel Aviv an der Weißen Siedlung gearbeitet, und an manchen Ecken seines Gebäudes fühlt man sich dorthin transportiert; so hell und hoffnungsvoll fühlt es sich an, obwohl es für das München der Dreißigerjahre gedacht war. Dieser kühnen Vision gilt es nun, gerecht zu werden." Ein Meilenstein ist nun laut Minkmar erreicht: der Prachtvorhang für die Thorarollen, der aus originalen Arbeiten von Gunta Stölzl besteht, wurden geliefert.

Ebenfalls in der SZ macht sich Gerhard Matzig Gedanken über die Proteste von Klimaschützern gegen Zementproduktion. Verstehen kann er die Aktivisten schon, der Ruf des Zements als Klimakiller ist alles in allem verdient; allein, ein wenig schlägt sein Herz schon auch für den Rohstoff: "Von der Zementkuppel des Pantheons in Rom aus der Zeit Kaiser Hadrians bis zu den fantastischen Betonschöpfungen der Moderne sind Zement und Beton nicht wegzudenken aus der Welt des Bauens."
Archiv: Architektur

Musik

Dmitri Schostakowitsch © Roger & Renate Rössing, credit Deutsche Fotothek, Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE
Im Mai würdigt das Gewandhaus in Leipzig Schostakowitsch mit einer großen Werkschau. Im August jährt sich der Tod des Komponisten zum fünfzigsten Mal. Jan Brachmann spricht in der FAZ mit dem künstlerischen Leiter des Festivals, Tobias Niederschlag, unter anderem über Schostakowitschs künstlerisch wechselhafte Biografie, die zwischen Repression und Affirmation changiert. "Es gibt bei ihm den offenen Widerstand, der aber in der Schublade verschwindet; den latenten Widerstand, der sich aber maskiert und verkannt werden kann. Und es gibt Werke, die erstaunlich wenig kritisch sind, die das System affirmativ stützen. Ob alle diese Propagandawerke nur deshalb geschrieben werden mussten, um sich im Regime nach der Diffamierung zu rehabilitieren, weiß ich nicht." Auch gibt es schwärmerische Lenin-Ehrerbietungen. Diese "werden sicher nicht ohne Grund selten aufgeführt. Sie werfen erhebliche Fragen auf. Doch man muss sie spielen, wenn man die Entwicklung eines Komponisten zeigen will. Die Zwanziger- und frühen Dreißigerjahre ließen in der Sowjetunion viele Experimente zu, bei denen Schostakowitsch die Musik westlicher Avantgarden in sich aufsaugen konnte, was danach nicht mehr möglich war. Aber die zeitgeschichtlichen Kontexte blieben dabei nicht außerhalb der Kunst. Zehn Jahre danach hätte Schostakowitsch solch eine plakative Leninverehrung wohl nicht mehr komponiert."

Der Jazzmusiker Wynton Marsalis steht musikalisch eher für Traditionspflege als fürs davonflatternde Experiment. Am Rande des Zürcher Konzerts mit seinem Jazz at Lincoln Center Orchestra bot sich NZZ-Kritiker Ueli Bernays die Möglichkeit zum Gespräch. Dass man mit Musik "irgendeine Rebellion anzetteln" will, beäugt Marsalis skeptisch. Zwar "wollten einige Jazzmusiker auch Rebellen sein. Aber schauen Sie mal, was haben uns die Tausende von Rebellen des Rock'n'Roll gebracht? Was bringen uns die Rebellen des Hip-Hop? ... Hören Sie auf die Texte! Die sind meist simpel und primitiv. ... Wenn nun schwarze Musiker primitive, destruktive Ideen transportieren, die für die Black Community enorm schädlich sind, werden sie vom weißen Publikum immer unterstützt. ... Rapper schaden der Black Community." Auch von der Kritik an kultureller Aneignung hält er nicht viel: "Es ist ein stupides Konzept. Es ist eine Idee, die von den tatsächlichen Formen des Rassismus ablenkt. Um sich mit dem konkreten Rassismus zu beschäftigen, sollte man sich mit afroamerikanischen Künstlern wie Duke Ellington, Charlie Parker oder John Coltrane auseinandersetzen."

Weitere Artikel: In der SZ gratuliert Jakob Biazza dem Schlagzeuger Steve Gadd zum 80. Geburtstag. Besprochen werden ein Auftritt von Natalie Tenenbaum in Wien (Standard), das neue Album von DJ Koze (Standard), das neue Album von Trombone Attraction (Presse), Konrad Paul Liessmanns Buch "Der Plattenspieler" (FAZ) und Chris Imlers neues Album "The Internet Will Break My Heart" (taz).

Archiv: Musik