Efeu - Die Kulturrundschau
Mindestens drei Promille Blutalkohol
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02.04.2025. Heute vor hundert Jahren wurde Hans Rosenthal geboren. Das ZDF würdigt den Moderator mit einem Biopic von Oliver Haffner, das die Welt als Momentaufnahme eines Lands im Umbruch empfiehlt. Mohammad Rasoulof wird weiter Filme über den Iran und die Lügen des Regimes machen, berichtet er der FAZ, zur Not von Deutschland aus. Die deutschen PEN-Dependancen sollen amerikanischen Autoren Asyl anbieten, schlägt Nora Gomringer ebenfalls in der FAZ vor. Nacktheit und geistliche Musik passen erstaunlich gut zusammen, lernt die FR in einem humorvollen Tanzstück von Emese Cuhorka und Csaba Molnár.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
02.04.2025
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Film

Heute vor hundert Jahren wurde Hans Rosenthal geboren. Der Ermordung durch die Nazis entging er, indem er sich zwei Jahre lang in einer Berliner Gartenlaube versteckte, später wurde er der Quizmaster der Nation, der biedere Heiterkeit in die deutschen Wohnstuben brachte. Von seinen "zwei Leben" (so der Titel seiner Autobiografie) wussten die meisten Nachkriegsdeutschen viele Jahre nichts. Das ZDF würdigt den Moderator nun mit einem TV-Film, der vor allem auf die Umstände der 75. "Dalli Dalli"-Jubiläumssendung am 9. November 1978 (ebenfalls hier in der Mediathek) fokussiert: Mit seinen Bitten, den Live-Termin zu verschieben, weil er bei der ersten Gedenkveranstaltung zum 9. November 1938 unter Teilnahme deutscher Politiker anwesend sein möchte, stieß Rosenthal bei der damaligen ZDF-Führungsetage auf eine Wand aus Unverständnis und Ignoranz. Oliver Haffners "'Rosenthal' ist, was Biopics im besten Fall sind, nicht nur die Geschichte eines Menschen allein", schreibt Elmar Krekeler in der Welt. Der Film "ist ein Gesellschaftsporträt, Ausschnittvergrößerung, Momentaufnahme eines Landes im Umbruch" und zudem "nicht nur der Tapeten, der Möbel, der furchterregenden Krawatten wegen eine Zeitkapsel. Ein gar nicht ferner Spiegel des Gesellschaftsdiskurses und der Geschlechterverhältnisse, eine Warnung an alle, die meinen, die damals gängige, machistische Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen hätte Menschen früher glücklich gemacht."
Dem Schauspieler "Florian Lukas gelingt es, die öffentliche Figur des Moderators, der sein bekanntes Lächeln jederzeit einschalten kann, ebenso gut zu erfassen wie den privaten Menschen, der sich immer wieder an seine Leidenszeit und an den ermordeten Bruder erinnert und dadurch für einen Moment wie gelähmt wirkt", lobt Dietrich Leder im Filmdienst. Für ihn ist "Rosenthal" neben dem Essayfilm "Kulenkampffs Schuhe" von 2018 "ein weiterer verdienstvoller Versuch, Fernsehgeschichte als politische, soziale und ästhetische Geschichte im Fernsehen selbst zu schreiben".
Allerdings ist der Film zunächst lediglich im Netz zu sehen. Einlass ins lineare Programm erhält er erst in fünf Tagen. Zu Rosenthals heutigem Geburtstag strahlt das ZDF zur besten Sendezeit dann doch lieber Fußball aus.
Andreas Kilb berichtet in der FAZ von einer Berliner Veranstaltung mit Mohammad Rasoulof, der seit seiner Flucht aus dem Iran im deutschen Exil lebt und an dem Abend Einblick in seine Arbeit gab. Als er 2010 zum ersten Mal vom Teheraner Regime verurteilt wurde, erzählte der Regisseur, "sei ihm klar geworden, dass er mit den poetisch verschlüsselten Filmen, durch die er bekannt geworden war, nicht weitermachen konnte. Stattdessen wollte er die iranische Wirklichkeit so zeigen, wie sie war" - was Rasoulof auch mit immer drastischeren Filmausschnitten belegte. "Zwar sei politische Kunst in Iran schlecht angesehen, aber Schönheit, die aus der Verleugnung der Realität entstünde, sei eine Lüge." Ähnlich wie das Regime selbst eine Lüge ist: Die Idee zu seinem jüngsten, oscarnominierten Film (unsere Kritik) kam ihm im Evin-Gefängnis, als sich Beamte ihm in ihrer Zerrissenheit offenbarten. "Das Regime, sagt Rasoulof, funktioniert im Alltag längst nicht mehr, nur haben es viele noch nicht gemerkt. Deshalb wird er weiter Filme über Iran machen. Selbst wenn er sie in Deutschland drehen muss."
Weitere Artikel: Andreas Busche wirft im Tagesspiegel Schlaglichter aufs Programm des Festivals Achtung Berlin, das heute beginnt. David Steinitz staunt in der SZ über den Wagemut von Sam Mendes, der demnächst mit den Dreharbeiten zu seinen sage und schreibe vier Beatles-Filmen - für jeden Beatle je einen - beginnt, die 2028 gleichzeitig in die Kinos kommen sollen und für die er sich Zugriff auf den kompletten Rechtekatalog der Band gesichert hat. Ronald Pohl erinnert im Standard an Harald Juhnke, der vor 20 Jahren gestorben ist. Die Agenturen melden, dass der Schauspieler Val Kilmer im Alter von nur 65 Jahren einer Lungenentzündung erlegen ist.
Besprochen werden Ron Howards "Eden" (taz, FAZ), die auf Sky gezeigte Mockumentary "St. Denis Medical" über ein fiktives Krankenhaus in den USA (taz), Muschas einmalig in Berlin wieder gezeigter 80s-Punk-Kultfilm "Decoder" (taz), Luzia Schmids Dokumentarfilm "Ich will alles" über Hildegard Knef (SZ) und Fleur Fortunes "The Assessment" (SZ).
Kunst
Die Innsbrucker Galerie Innsitu präsentiert Fotografien der vor den Nazis geflohenen Wiener Jüdin Gerti Deutsch, die in der Nachkriegszeit Karriere als Fotojournalistin machte. Ivona Jelčić hat sich die Schau für den Standard angeschaut und erfreut sich vor allem am "Gespür der Fotografin für Bildaufbau, Proportion, Licht und Raum. Gerti Deutsch erweist sich auch dort als scharfsinnige Beobachterin, wo traditionelle und moderne Lebenswelten unmittelbar aufeinandertreffen: Auf einer Japan-Reise 1960 entstehen Aufnahmen vom dörflichen Leben und von modernen Großstadtmenschen, von Fischmärkten und vom Architekten Kenzō Tange. Selbst als sie in Japan nach einem Unfall im Krankenhaus landet, legt sie die Kamera nicht aus der Hand und dokumentiert Wartezimmerszenen und die eigene Behandlung."
Außerdem: Die Letzte Generation wird den deutschen Pavillon in Venedig 2026 mitbespielen, meldet monopol. Martin Zips macht sich in der SZ Gedanken über Kunststilimitation Marke ChatGPT.
Besprochen werden Kathrin Linkersdorffs Ausstellung "Microverse" im Haus am Kleistpark, Berlin (taz) und die Schau "Frau in Blau. Oskar Kokoschka und Alma Mahler" im Essener Museum Folkwang (FAZ).
Außerdem: Die Letzte Generation wird den deutschen Pavillon in Venedig 2026 mitbespielen, meldet monopol. Martin Zips macht sich in der SZ Gedanken über Kunststilimitation Marke ChatGPT.
Besprochen werden Kathrin Linkersdorffs Ausstellung "Microverse" im Haus am Kleistpark, Berlin (taz) und die Schau "Frau in Blau. Oskar Kokoschka und Alma Mahler" im Essener Museum Folkwang (FAZ).
Bühne

Burgtheater - Herr Puntila und sein Knecht Matti.
Bruno Cathomas, Annamária Láng © Tommy Hetzel
"Brecht hätte es gefallen" - so resümiert Martin Lhotzky in der FAZ eine gelungene Aufführung des "Herr Puntila und sein Knecht Matti" am Wiener Burgtheater. Die von Antú Romero Nunes verantwortete Inszenierung überzeugt dank einer "teils atemberaubend" gestalteten Kulisse (Matthias Koch) sowie einer hervorragenden Besetzung: "Überzeugend besoffen kommt Bruno Cathomas als Puntila auf die Bühne, muss nicht einmal lallen, um den Unterschied zwischen mindestens drei Promille Blutalkohol und maximal einem Promille deutlich zu machen. Gruseliger wird er, wenn er den nüchternen Kapitalisten spielt. Da fährt er schon mal eine Art Gabelstapler zu wortwörtlich ungeahnter Höhe auf, er freilich immer ganz oben, um das 'gemeine Volk', das im angeheiterten Zustand nur aus Freunden, Kumpels und Brüdern besteht, eindrücklich zu erniedrigen." Marie-Luise Stockinger als Eva wiederum "trippelt wie eine Pantomimin mit ausufernd-schlenkernden Armen und Beinen durch die Szene".
Wenig an haben die Tänzerinnen und Tänzer des Stücks "Masterwork For Six Dancers" von Emese Cuhorka und Csaba Molnár, das Marcus Hladek für die FR beim Tanzmainz-Festival begutachtet hat: "Fast bis splitternackte Tänzerinnen und Tänzer - und gleich darauf womöglich geistliche Musik? Das hatte was." Insgesamt hat sich der Resezensent gut amüsiert mit diesem humorvollen Stück: "Allmählich variierten sich Bewegungsrepertoire und Bilder so, dass es einem postmodernen Marsch durch die Kulturgeschichte glich: altägyptischer Blick auf den Menschen als Pose hier, Anriss indischen Tempeltanzes dort, Kavallerieattacke zwischen Friedrich dem Großen und Wildwest in einem späteren Bild. Ein Hauch Asien oder Spanien kam im übergroßen Fächer zum Tragen, hinter dem sich ein Paar der intimen Nähe erfreute, an anderer Stelle dann diverse Stöcke, die ihrem Tänzer etwas Vogelscheuchenhaftes gaben oder andere zum Staksen brachten."
Außerdem: Der Tagesanzeiger berichtet von einer russischen Balletttruppe, die in Schweden unter falscher, nämlich ukrainischer, Flagge auftrat. Ein Aprilscherz der nachtkritik sorgt für Ärger, berichtet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung; beim Berliner Ensemble kann man über die fingierte Nachricht, das Haus plane, seine Maskenabteilung abzuschaffen, nicht lachen. Ester Slevogt teilt uns in der nachtkritik mit, bei welchen Themen Kritiker mit murrenden Kommentatoren unter den Artikeln zu rechnen haben. Besprochen wird Beat Furrers Oper "Das große Feuer" am Opernhaus Zürich unter der Regie von Tatjana Gürbaca (van).
Literatur
Mit größtem Schmerz erinnert sich die Autorin Nora Gomringer in der FAZ an ihre von Glück erfüllten Jahre in den USA und mag einfach nicht fassen, wie Trump als Elefant im Porzellanladen das Land binnen kürzester Zeit in Trümmer legt. Einreisen will sie dort vorerst nicht mehr - weil sie dieser Führungsriege kein Geld in den Rachen werfen will und weil sie fürchtet, für diese Meinung an der Grenze ohnehin nicht mehr durchgelassen zu werden. Und sie sorgt sich um ihre Kolleginnen und Kollegen vor Ort: PEN Deutschland und PEN Berlin möchte sie "vorschlagen, Asyl für amerikanische Autorinnen und Autoren anzubieten, allein um die viel zu verzagte, viel zu stille, wie es scheint tief verängstigte Riege der Intellektuellen der USA wieder an die Mikrofone zu bekommen. Flüstern wir ihnen konspirativ zu, was sie an der Freiheitsstatue den Rest der Welt bisher lesen ließen, die berühmten Zeilen aus dem Gedicht 'The New Coloussus' von Emma Lazarus: 'Gebt mir eure verzagten, eure armen, / eure zusammengedrängten Massen, die sich danach sehnen, frei zu atmen.'"
Außerdem: Arno Widmann erinnert in der FR an Casanova, der vor 300 Jahren geboren wurde. Im Tagesspiegel-Fragebogen gibt die Mangazeichnerin Kamome Shirahama über sich und ihre Arbeit Auskunft. Besprochen werden unter anderem Helene Hegemanns "Striker" (NZZ), Ismail Kadares "Der Anruf. Untersuchungen" (NZZ), Simon Ravens "Die Überlebenden" (online nachgereicht von der FAZ), Fernando Aramburus "Der Junge" (FR), Claudia Piñeiros Kriminalroman "Die Zeit der Fliegen" (FR), Urszula Honeks "Die weißen Nächte" (FAZ) und Kaveh Akbars "Märtyrer!" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Außerdem: Arno Widmann erinnert in der FR an Casanova, der vor 300 Jahren geboren wurde. Im Tagesspiegel-Fragebogen gibt die Mangazeichnerin Kamome Shirahama über sich und ihre Arbeit Auskunft. Besprochen werden unter anderem Helene Hegemanns "Striker" (NZZ), Ismail Kadares "Der Anruf. Untersuchungen" (NZZ), Simon Ravens "Die Überlebenden" (online nachgereicht von der FAZ), Fernando Aramburus "Der Junge" (FR), Claudia Piñeiros Kriminalroman "Die Zeit der Fliegen" (FR), Urszula Honeks "Die weißen Nächte" (FAZ) und Kaveh Akbars "Märtyrer!" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Architektur

Museum für moderne Kunst, Frankfurt. Architekt: Hans Hollein
© Eva K. Lizenz: CC BY-NC-ND 3.0
Das Pariser Centre Pompidou widmet dem österreichischen Architekten Hans Hollein eine Werkschau. Ulf Meyer hat sie sich für die NZZ angeschaut und entdeckt ein Werk, das immer schon zwischen Baukunst und bildender Kunst situiert war: "Hollein plädierte für eine Architektur, die frei ist von den 'Zwängen des Funktionalismus', wie er es nannte. Er pfropfte in seinen Entwürfen, ohne zu zögern, das Archaische auf das Hochtechnologische. Seine 'reine und absolute' Architektur oszilliert zwischen Kunst und Skulptur. (...) In seinem Manifest 'Alles ist Architektur' (1968) erweiterte er den Architekturbegriff so entscheidend wie sein Freund Joseph Beuys es in der bildenden Kunst propagiert hatte. So entwarf Hollein eine aufblasbare Kapsel als 'mobiles Ein-Mann-Büro', die dem modernen Nomaden an jedem Ort der Welt einen nur symbolisch abgeschiedenen Ort beschert. Heute sind Plastik und Klimatisierung in der Architektur verpönt, aber das Thema der ortlosen, vorgefertigten Minigebäude treibt Architekten immer noch um." In der Schweiz durfte Hollein allerdings nicht bauen, seufzt Meyer. Dafür war dessen Architektur wohl zu eigenwillig.
Musik
Flappsig-dümmliche Moderationen, gespickt mit Fehlern und offensichtlichen Ahnungslosigkeiten: Der Musikwissenschaftler Laurenz Lütteken ärgert sich in der FAZ grün und blau über den Niedergang der Klassik in den öffentlich-rechtlichen Kulturwellen, die dort zum großen Teil nur noch als erbauliches Häppchen und Feigenblatt stattfindet - derweil, wie etwa im Fall des jüngst neu strukturierten Radio 3 des RBB, das Publikum aktuellen Messungen zufolge in Scharen Reißaus nimmt. Zu erleben ist in den Programmen "eine bemerkenswert stabile Mischung aus Ignoranz und Nonchalance. ... Bei der Verteidigung der Gebührenfinanzierung werden gerne große Argumente bemüht, von der Demokratieabgabe bis zum Kulturauftrag, der immerhin staatsvertraglich fixiert ist. Im Bereich der Musik wird angesichts solcher Befunde jedoch unklar, welche konkrete Rolle ein solcher 'Auftrag' eigentlich noch spielt." Doch wenn "den öffentlichen Musiksendern der Mut und der Wille abhandenkommen, für die 'klassische' Musik einzutreten, dafür, dass ihre Ansprüche eine unabsehbare Bereicherung sind, dann brechen allerdings finstere Zeiten an - in einer Welt, die derzeit die Herausforderung durch gerade diese Musik so nötig hat wie lange nicht."
Weiteres: Nachdem eine Investmentfirma, die für BDS-Begriffe zu viel mit Israel zu tun hat, das DJ-Livestream-Format Boiler Room aufgekauft hat, hetzen propalästinensche Aktivisten gegen die Plattform, die sich allerdings selbst stets propalästinensch positioniert hat und dies auch weiterhin tut, berichtet Nicholas Potter in der taz. Besprochen werden unter anderem ein Wiener Konzert des Royal Concertgebouw Orchestra unter Klaus Mäkelä (Standard), das neue Album der Indieband Black Country, New Road (SZ) und "Wien", ein neues Konzeptalbum von Andreas Dorau (taz).
Weiteres: Nachdem eine Investmentfirma, die für BDS-Begriffe zu viel mit Israel zu tun hat, das DJ-Livestream-Format Boiler Room aufgekauft hat, hetzen propalästinensche Aktivisten gegen die Plattform, die sich allerdings selbst stets propalästinensch positioniert hat und dies auch weiterhin tut, berichtet Nicholas Potter in der taz. Besprochen werden unter anderem ein Wiener Konzert des Royal Concertgebouw Orchestra unter Klaus Mäkelä (Standard), das neue Album der Indieband Black Country, New Road (SZ) und "Wien", ein neues Konzeptalbum von Andreas Dorau (taz).
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