Efeu - Die Kulturrundschau
Zwischen Weisheit und Größenwahn
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19.02.2025. Die Filmkritiker feiern auf der Berlinale Richard Linklaters "Blue Moon" - die FAZ ist entzückt davon, wie Ethan Hawke hier mit Worten tanzt. Die taz sieht in Berlin in Matt Copsons laser-animierter Oper "Coming of Age" zu, wie ein Baby mit süßen Knopfaugen alles niederbrennt. Claus Leggewie berichtet im Perlentaucher von einem Solidaritätsabend für Boualem Sansal in Paris. Die SZ fühlt sich in einer umstrittenen römischen Futurismus-Ausstellung an Katholikentagskitsch erinnert. Einen vogelartig staksenden Faun lernt die FR dank Choreografin Liliana Barros im Staatstheater Wiesbaden kennen.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
19.02.2025
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Kunst

Das KW Institute of Contemporary Art, Berlin, hat eine neue Leiterin: Emma Enderby, die sich nun mit vier parallel laufenden Ausstellungen vorstellt, die Werke von jungen Gegenwartskünstlern präsentieren. Unter anderem ist, berichtet Sophie Jung in der taz, eine "laseranimierte Oper" namens "Coming of Age. Age of Coming. Of Coming Age" des Briten Matt Copson zu sehen: "Nur ein Baby taucht auf Copsons sonst schwarzer Bühne auf. Der Kopf überzeichnet groß, süße Knopfaugen, räsoniert das Kleinkind singend im gläsernen Ton eines tatsächlichen Knabensoprans über die menschliche Existenz, Schaffen und Geschaffensein; 'Ich schaffe Großes / Ich bin eine große Schöpfung' singt das Kind auf Englisch, schwankt auf Copsons zitternden Lichtumrissen in einfachen Farben zwischen der Weisheit und dem Größenwahn kindlicher Unwissenheit hin und her, spielt mit einem Streichholz, brennt alles nieder, weint, pinkelt. Man wird hineingezogen in diesen drolligen Existenzialismus, das Laser-Anime ist Immersion in totaler Reduktion."
Auch Thomas Wochnik macht sich auf ins KW. Er begeistert sich, wie wir im Tagesspiegel lesen, vor allem für Jessica Ekomanes Klanginstallation "Antechamber". Wobei er klarstellt: "Voraussetzung ist, dass man sich in der Installation Zeit lässt. Es ist ein wenig so, als wären die neun Lautsprecher einzelne, im Warteraum Wartende. Und als hätte, wie etwa im Wartesaal beim Arzt, jeder seinen eigenen inneren Rhythmus. Nur, dass diese Rhythmen hier hörbar sind, einander überlagern, den Raum akustisch ausloten. Bewegt man sich durch dieses polyrhythmische Meer hindurch, verschieben sich unentwegt die Akzente und Richtungen - und mit ihnen auch die eigene Wahrnehmung von Dauer."
Peter Richter spaziert für die SZ durch die die Schau "Il Tempo del Futurismo" in der Galleria Nazionale d'Arte Moderna e Contemporanea in Rom, die bereits vor der Eröffnung für Schlagzeilen sorgte, weil Teile des Kuratoriums gefeuert wurden und auch zahlreiche ursprünglich eingeplante Ausstellungsstücke aus verschiedenen Gründen nicht den Weg in den Ausstellungssaal fanden (siehe hier). Ziel war eine Re-Italienisierung des Futurismus, erläutert Richter, außerdem sollten die intellektuellen Verbindungen zwischen futuristischen Künstlern und dem Faschismus möglichst wenig thematisiert werden. Das Ergebnis ist dementsprechend: "Wer sich an andere Ausstellungen zu dem Thema erinnert, reibt sich die Augen über so viel gut gelaunte Unbeschwertheit", meint Richter. Wo in anderen Futurismus-Ausstellungen "die Wolken von Faschismus, Krieg, Gewalt und Tod über allem hängen", läuft in der aktuellen Römischen alles "auf bemerkenswerten Katholikentagskitsch hinaus."
Besprochen werden die Schau "Kosmos Kandinsky" im Potsdamer Museum Barberini (FAZ), "Precious Okoyomon. One Either Loves Oneself or Knows Oneself" im Kunsthaus Bregenz (Welt), die Ausstellung "Illusion - Traum-Identität-Wirklichkeit" in der Hamburger Kunsthalle (taz), Nicole Heinzels Einzelausstellung "frgmntd lmnts / lmntl frgmnts" in der Berliner Galerie kajetan (taz) und die Liliane Lijn gewidmete Schau "Arise Alive" im Wiener Mumok (Tagesspiegel).
Literatur

Auch Kamel Daoud, der auch zum Berliner Abend erwartet wird, ist zur Zeit starken Pressionen ausgesetzt. Vor einigen Tagen kam die Meldung, dass er nun in Frankreich eine gerichtliche Vorladung erhalten hat. Daoud erzählt in seinem Roman "Houris", für den er im Herbst den Prix Goncourt erhalten hat, die Geschichte einer jungen Frau, der bei einem islamistischen Messerattentat im "Schwarzen Jahrzehnt" die Kehle schwer verletzt wurde. In Algerien hat sich direkt nach Erscheinen die junge Frau Saâda Arbane gemeldet, der Ähnliches widerfahren ist und die auch mit Daoud bekannt war - sie war Patientin bei seiner Frau, die Psychotherapeutin ist. Sie hat nun also auch in Frankreich juristische Schritte eingeleitet. Das Internetmagazin Médiapart hat dazu eine Recherche vorgelegt.
Die Frage ist allerdings, ob ihr ihre Geschichte "gehört". Im Roman ist die Figur stark literarisiert. Die Heldin Aube ist wie eine Führerin durch eine Welt von Schattengestalten, die nicht sprechen können und nicht sprechen dürfen. Hintergrund ist ein algerisches Versöhnungsgesetz, durch das das Regime die Islamisten rehabilitierte, während die kaum abgefundenen Opfer gesetzlich zum Schweigen gezwungen sind. Eine wirkliche Aufarbeitung des "Schwarzen Jahrzehnts", in dem sich Islamisten und Regime auf dem Rücken der Bevölkerung bekriegten, gibt es nicht. Die Opferzahl der barbarischen Gewalt dieser Jahre wird meistens auf 200.000 geschätzt. In Le Point verteidigt die Übersetzerin und Essayistin Bérengère Viennot den Schriftsteller: "Wer nicht schreibt, denkt vielleicht, dass ein Roman aus dem Nichts entsteht, dass die Fantasie von einer absoluten Leere ausgeht, die nichts mit dem Leben zu tun hat. Alle Schriftsteller lassen sich von der Realität inspirieren, um eine fiktive Welt zu erschaffen. Kamel Daoud erzählt keine völlig fiktionale Geschichte, die auf absolut imaginären Fakten beruht, die sich in einem Land ereignet haben, das es nicht gibt. Er geht vom Sprungbrett der Realität mit ihrem politischen Rahmen und ihren besonderen Anekdoten aus, um eine Erzählung vorzulegen, die er erfindet."
Weitere Artikel: Marion Löhndorf schreibt in der NZZ über die Vorwürfe sexuellen Missbrauchs gegen den Fantasy-Autor Neil Gaiman. Im Tagesspiegel-Fragebogen gibt Comiczeichnerin Barbara Stok Auskunft über ihre Arbeit. In der FAZ gratuliert Sandra Kegel der Schriftstellerin Siri Hustvedt zum 70. Geburtstag.
Besprochen werden unter anderem Nina Bussmanns "Drei Wochen im August" (NZZ), Chaim Nachman Bialiks "Wildwuchs" (Welt), Silke Maier-Witts RAF-Erinnerungen "Ich dachte, bis dahin bin ich tot" (Welt), Daniel Glattauers "In einem Zug" (FAZ) und Jan Snelas "Ja, Schnecke, ja" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bühne

Das Stadttheater Gießen bringt unter der Regie Carmen C. Kruses die selten aufgeführte Rossini-Oper "Moses in Ägypten" auf die Bühne. Judith von Sternburg zeigt sich in der FR vor allem von der musikalischen Leistung angetan. Besonders brilliert ein "Liebespaar, für das Ensemblemitglied Annika Gerhards den makellosen, fein silbrigen Sopranpart liefert und der äußerst jugendlich wirkende, wie ein fescher K-Pop-Star daherkommende Gasttenor Eric Jongyoung Kim sich in der brutalen Rossini-Tenorpartie als Prinz Osiride wenig Blößen gibt. Immer noch zu erleben, dass hier Menschen alles geben und keine geölten Maschinen, gehört zum Vergnügen einer Oper dazu, erst recht wenn solche Klangschönheit das Ergebnis ist."
Ebenfalls in der FR bespricht Sylvia Staude den Tanzabend "Chronicles" am Staatstheater Wiesbaden. Gut gefällt ihr, wie Claude Debussys "L'Apres-midi d'un faune" in Ballett übersetzt wird. Choreografin "Liliana Barros zeigt freilich keinen sexy und selbstbewussten Faun, sondern einen ein bisschen verstörten, vogelartig staksenden und suchenden. So zart verschachtelt wie kurios sind seine Handbewegungen. Der für diese Rolle perfekte, extrem langgliedrige Ramon John trägt zwar einen Glitzerbody, dazu aber halblange Turnhosen und klobige Turnschuhe (Kostüm: Barros). Drei später dazukommende Kollegen heben, stützen und schieben ihn auch mal. Ein hübsch rätselhafter, immer wieder auch tierchenhafter Faun; selbst wenn es eine Nymphe gäbe in dieser Choreografie, würde er ihr wohl nicht nachstellen."
Außerdem: Michael Wurmitzer beschäftigt sich in seiner Standard-Glosse mit dem teils ziemlich angestaubten Repertoireprogramm der Wiener Staatsoper. Esther Slevogt empfiehlt auf nachtkritik, wieder einmal die Theatertheorie Peter Szondis zu lesen. Ulrich Seidler interviewt für die Berliner Zeitung den angehenden neuen Volksbühnen-Chef Matthias Lilienthal.
Besprochen werden Lilja Rupprechts Inszenierung von Martin Crimps "Angriffe auf Anne" an der Berliner Schaubühne (taz, "Spiel mit hoher Geschwindigkeit"), die beiden am Wiener Burgtheater aufgeführten Marius-von-Mayenburg-Stücke "Egal" und "Ellen Babić" in einer Doppelbesprechung (SZ, "rasanter Edelboulevard"), "Fürst*in Ninetta" im Wiener Dianabad, die Disco-Version einer Johann-Strauß-Operette (Standard, "eine Inszenierung, die zugleich berauscht und verstört"), Gustav Holsts "Savitri" und Arnold Schönbergs "Erwartung" am Staatstheater Saarbrücken in einer Doppelbesprechung (nmz, "Die Kombination hat durch die Werkwahl mehr Kontrastschärfe als durch die Inszenierung"), Ethel Smyths Oper "Standrecht" am Staatstheater Schwerin (nmz, "vielseitig, lebhaft und klangschön") und Ewald Palmetshofers "König Arthur" (Standard, "viel hilft hier eher weniger als viel").
Film

Mit Richard Linklaters "Blue Moon" feierte gestern ein echter Crowd- und Kritiker-Pleaser Premiere im Berlinale-Wettbewerb: An nur einem Abend und in einer Bar erzählt der maßgeblich von Ethan Hawke getragene Film die tragische Lebensgeschichte des Hollywood-Musicaltexters Lorenz Hart, eines flamboyanten, mal charmanten, mal gallig sarkastischen Meister des Wortes und ungeliebten Liebhabers der Schönheit. Es ist "ein Parforceritt für den Schauspieler, Hawke legt einem diesen eloquenten Kerl mit seinen mal brillanten, mal ordinären Sprüchen ans Herz", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. "Schwer, sich dem ein wenig abgehalfterten, aber immer noch sprühenden Charme dieses kleinen Mannes mit dem schütteren, akkurat gescheitelten Haar zu entziehen." Dieser Film "ist eine elegante, altmodische Tragikomödie, man denkt an die Filmtheaterspiele eines Alain Resnais, an das New-York-Flair des früheren Woody Allen."
Dieser von Hawke verkörperte Hart "erzählt eigentlich nicht - er tanzt", schreibt Andreas Kilb in der FAZ. "Er tanzt mit Worten, er führt ein Einpersonendrama auf, dessen Autor, Komponist und Hauptdarsteller er selbst ist und dessen Gesangseinlagen aus den Musicals stammen, die er gemeinsam mit Richard Rodgers geschrieben hat." Linklater verlegt seinen Film "ganz nach innen, in die holzgetäfelte Zeitlosigkeit der Bar, wo keine Kulissen den Blick der Kamera stören und alles auf die Worte, die Gesten, die Gesichter der Darsteller ankommt. Und Ethan Hawke ... macht seine Sache großartig, er spielt Hart mit so viel nervöser Zartheit und funkensprühende Verzweiflung, dass man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll über dieses Genie, dessen Zeit vorbei ist."
Inga Barthels stellt im Tagesspiegel fest, dass mit Mary Bronsteins "If I Had Legs I'd Kick You" (mehr dazu bereits hier) und Johanna Moders "Mother's Baby" (mehr dazu im Standard) gleich zwei Filme im Wettbewerb die Frage stellen: "Was, wenn manche Menschen einfach nicht fürs Muttersein geschaffen sind?" Daniel Kothenschulte zeigt sich in der FR von Bronsteins Film über eine Psychotherapeutin, deren Leben nach allen Regeln der Kunst an die Wand kracht, sehr begeistert: "Dem sich ständig verengenden Lebensraum entspricht der Filmstil eines sich stetig verdichtenden Kammerspiels, Rose Byrne trägt dabei jede Szene. Bei aller Beklemmung entwickelt Bronsteins Film aber auch einen überraschenden Humor und einen Sinn für die befreiende Wirkung echter Groteske. Es ist ein Punk-Album von einem Film. ... Gegen einen Goldenen Bären dafür würden wir nicht protestieren."
Der Filmdienst dokumentiert Lars Henrik Gass' beim Ökumenischen Empfang auf der Berlinale gehaltene Rede, in der sich der Filmhistoriker vehement gegen die Politisierung von Filmfestivals und insbesondere der Berlinale als Podium für Agitation richtet: "Zum Problem für die demokratische Willensbildung wird Politisierung, wenn Minderheiten nicht nur ihr Recht auf Gehör ausüben, sondern die Mehrheit durch den Mob unter Druck setzen, Willen erpressen wollen. Der Mob ist, wie Hannah Arendt sagt, die 'Karikatur' des Volkes, sein Affekt. ... Unter dem Zwang zur Vereindeutigung, unter Konformitätsdruck tritt der ehemals universalistische Anspruch von Filmfestivals hinter einem naiven Verständnis von Engagement zurück. Gesellschaftliche Spaltung geht heute von der Kultur aus, die sie einmal verhindern sollte. Ganz offenbar gehört es im Kulturbetrieb zum guten Ton, etwas gegen Israel zu haben, und das kann man nur so richtig mitteilen, wenn man dafür öffentliche Förderung erhält. Artikel 5 der Verfassung garantiert aber nicht ein Recht auf staatliche Förderung - darüber entscheiden Rahmenbedingungen der Förderer -, sondern die Freiheit der Kunstausübung. Die hervorgehobene Stellung der Kunstfreiheit in Artikel 5 der Verfassung ist nur dann begründ- und haltbar, wenn Kunstfreiheit nicht in den Dienst von Ideologisierung gestellt wird." Im Artechock-Podcast spricht Rüdiger Suchsland mit Gass über dessen Vortrag.
Mehr von der Berlinale: Wolfgang Hamdorf spricht für den Filmdienst mit dem deutschen Regisseur Burhan Qurbani über dessen (in der taz besprochenen) Film "Kein Tier. So Wild", für den er Shakespeares "Richard III." in die Welt arabischer Clans in Berlin versetzt. Es ist eine Berlinale über Generationenkonflikte, stellt Thomas Hummitzsch auf Intellectures fest.
Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Vivian Qus Wettbewerbsfilm "Girls on Wire" (taz), Frédéric Hambaleks Wettbewerbsfilm "Was Marielle weiß" (taz, critic.de, mehr dazu bereits hier), Guillaume Ribots "Je n'avais que le néant" über die Dreharbeiten zu Claude Lanzmanns "Shoah" (Tsp), Filme über den 7. Oktober (FAZ, Standard, FD), Marcin Wierzchowskis "Das Deutsche Volk" über den rechtsextremen Terroranschlag in Hanau (Intellectures), Gianluca und Massimiliano De Serios Dokumentarfilm "Canone effimero" (taz), Ido Fluks "Köln 75" über Keith Jarretts "Köln Concert" (taz) und Emilie Blichfeldts Horrorfilm "The Ugly Stepsister" (critic.de).
Und für die schnellen Kurzeindrücke vom Festival: Der Kritikerspiegel auf critic.de, der Berlinale-Schwerpunkt bei Artechock und die SMS vom Cargo-Team.
Jenseits der Berlinale: Pascal Blum blickt im Tagesanzeiger auf aktuelle Oscar-Kontroversen. In der FAZ gratuliert Dietmar Dath Jeff Daniels zum 70. Geburtstag. Besprochen werden die dritte Staffel des Serienphänomens "The White Lotus" (NZZ) und die im ZDF gezeigte Zombie-Serie "Generation Z" (FAZ).
Musik
Ralf-Thomas Lindner berichtet in der NMZ ausführlich vom Hamburger Musikfestival Visions. Markus Poschner wird neuer Chefdirigent des RSO Wien, meldet Ljubiša Tošić im Standard. Im Standard gratuliert Karl Fluch dem österreichischen Country-Blues-Musiker Al Cook zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden Albertine Sarges' neues Album "Girl Missing" (Tsp) und neue Popveröffentlichungen, darunter Merebas Album "The Breeze Grew a Fire" (Standard).
Besprochen werden Albertine Sarges' neues Album "Girl Missing" (Tsp) und neue Popveröffentlichungen, darunter Merebas Album "The Breeze Grew a Fire" (Standard).
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