Efeu - Die Kulturrundschau

Possierliche Raupenmonster

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17.02.2025. Halbzeit bei der Berlinale: Die FR ist noch nicht zufrieden, macht aber Bong Joon-Hos Science-Fiction-Farce "Mickey 17", in dem Robert Pattinson es mit einer Trump-Karikatur im Weltall aufnehmen muss, als stärksten Film aus. Der Tagesspiegel feiert derweil Bruno Forzanis "Reflections in a Dead Diamond", eine irrlichternde Hommage an das Eurospy-Genre der Sechziger. Die FAZ wird mit Mark-Anthony Turnages Oper "Festen" in eine düstere Familienfeier hineingezogen. Die SZ entdeckt in der Londoner Courtauld Gallery einen Picasso hinter dem Picasso.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2025 finden Sie hier

Film

Jessica Chastain als "Achillesferse" in Michel Francos "Dreams"

Der Berlinale-Wettbewerb nähert sich der Halbzeit. FR-Kritiker Daniel Kothenschulte ist bislang nicht zufrieden: Mit Bong Joon-Hos Science-Fiction-Farce "Mickey 17", in dem der einstige Teenie-Star Robert Pattinson als Klon seines Klons seines Klons es mit einer Trump-Karikatur im Weltall (und possierlichen Raupenmonstern) aufnehmen muss, lief der seiner Meinung nach bislang stärkste Film des Festivals (und überdies auch "die beste dystopische Komödie seit Kubricks 'Dr. Seltsam'") gar nicht im Wettbewerb, sondern nebenan im "Berlinale Special". Enttäuschend hingegen Michel Francos Wettbewerbsfilm "Dreams", in dem Jessica Chastain ihre Prominenz nutzt, um auf das Schicksal mexikanischer Flüchtlinge in den USA aufmerksam zu machen: "Es gibt kaum Zwischentöne, die das Abgleiten ins klassische Rachedrama auffangen könnten." Anders tazlerin Arabella Wintermayer, die dem dem Film und dessen "klug konstruierten Szenen" etwas abgewinnen kann: "Im Schatten von Trumps zweiter Amtszeit besticht 'Dreams' letztlich nicht nur als präzises Beziehungsdrama, sondern auch durch seine beklemmende Aktualität." Lukas Foerster seufzt resignierend auf critic.de: "Der autorenfilmerischen Arithmetik entkommt man auch im Beischlaf nicht."

Andreas Kilb von der FAZ sieht in der Besetzung des Films dessen "Achillesferse": "Chastain muss den Film fast allein tragen. Das gelingt ihr eindrucksvoll, aber 'Dreams' hinkt dennoch auf einem Bein ins Ziel. Insofern ist Francos Film ein gutes Beispiel für das Dilemma des politischen Kinos, mit dem sich die Berlinale gern schmückt: Entweder wird es von Profis gespielt, die himmelweit über dem Elend schweben, das sie darstellen, oder es macht mit der Authentizität ernst und landet beim Amateurtheater. Vielleicht hatte Jean-Luc Godard doch nicht so unrecht mit seinem Satz, man solle aufhören, politische Filme zu drehen, und lieber alle Filme politisch machen."

Ungehemmte Lust am Kino: "Reflection in a Dead Diamond" von Hélène Cattet und Bruno Forzani

Andreas Busche feiert derweil im Tagesspiegel Hélène Cattets und Bruno Forzanis Wettbewerbsfilm "Reflections in a Dead Diamond", eine irrlichternde Hommage an das Eurospy-Genre der Sechziger mit den Mitteln des Experimentalkinos. Hier "blühen die Metaebenen. Der in die Jahre gekommene John D (die italienische B-Movie-Ikone Fabio Testi) verbringt seinen Lebensabend auf der Terrasse eines Luxushotels an der Côte d'Azur und trauert besseren Zeiten nach. Die manifestieren sich allmählich in einem wilden Pastiche aus Erinnerungen, Fantastereien und Comic-Gewaltausbrüchen, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Delirium aufgehoben sind. ... Ziemlich durchgeknallt ist das Ganze, mit Ideen (und Blutfontänen) für zwei Filme - und einem tollen Giallo-Soundtrack (unter anderem Ennio Morricone)."

Benedikt Guntentaler von Artechock hat ebenfalls seine helle Freude an diesem "schönen Film, der die ungehemmte Lust am Kino, an all seinen Versatzstücken repräsentiert; der Oper, dem Comic, den Modemagazinen, der Innenarchitektur, dem Schauspiel, der Malerei etc. pp. Es ist ein wunderbares Ergehen in sich Selbst, gelebte Kinogeschichte sozusagen. Ob der Film selbst Teil der selbigen wird ist wohl zu bezweifeln. Vielmehr nimmt er eine der komfortabelsten und seltensten Positionen ein: Er wird zum Nebencharakter in seiner eigenen Geschichte." Nur Nostalgie also? Keineswegs! "Im Blick zurück auf die Filmgeschichte suchen Cattet und Forzani stets nach Bildern für die Gegenwart des Kinos", schwärmt Kamil Moll auf Filmstarts.

Mehr vom Festival: Im CulturMag schreiben Katrin Doerksen (hier) und Thomas Groh (dort) Berlinale-Logbuch. Im Filmdienst resümiert Felicitas Kleiner die Filme der letzten Berlinale-Tage. Inga Barthels berichtet im Tagesspiegel von der Pressekonferenz zu Bong Joon-Hos "Mickey 17" mit Robert Pattinson (besprochen in taz, auf critic.de, bei Intellectures und in der Welt). Kira Taszman spricht für die taz mit dem Filmemacher Denis Côté, dessen Dokumentarfilm "Paul" im Panorama läuft.

Aus dem Festivalprogramm besprochen werden Léonor Serailles Wettbewerbsfilm "Ari" (Tsp), neue Dokumentarfilme über die Ukraine von Eva Neymann und Witaly Mansky (Tsp), Ina Weisses "Zikaden" mit Nina Hoss und Saskia Rosendahl (Tsp), Luzia Schmids Porträtfilm über Hildegard Knef (critic.de), Yiwen Caos vollständig mit KI entwickelter Film "What's Next?" (Tsp), Anna Muylaerts "A melhor mãe do mundo" (taz), Emilie Blichfeldts Horrorfilm "The Ugly Stepsister" (Tsp), Ido Fluks "Köln 75" über die Entstehung von Keith Jarrets "Köln Concert" (Tsp), Jan-Ole Gersters "Islands" (Welt) und Tom Shovals "A Letter to David" (FAZ, SZ, mehr dazu bereits hier).

Der Kritikerspiegel auf critic.de füllt sich weiter mit Ratings. Artechock schickt Kurzkritiken. Und das Cargo-Team schreibt fleißig SMS aus dem Kino.

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Auch abseits der Berlinale findet noch Kino statt: Besprochen werden Karoline Herfurths Dramakomödie "Wunderschöner" (Zeit Online, unsere Kritik), die dritte Staffel von "The White Lotus" (FAZ) und Julius Onahs neuer "Captain America"-Superheldenfilm (NZZ).
Archiv: Film

Bühne

Szene aus "Festen" an der Royal Opera. Foto: Marc Brenner.

Ein "dichtes, ausgefeiltes Ensemblestück" bekommt FAZ-Kritikerin Gina Thomas im Königlichen Opernhaus in London serviert. Die Kritikerin staunt nicht schlecht: Mark-Anthony Turnage hat aus Thomas Vinterbergs Kult-Film "Das Fest" eine Oper konzipiert. Das widerspricht zwar nicht nur einem der "Dogma-95"-Prinzipien, nach denen Vinterbergs Film gedreht ist (zum Beispiel "keine untermalende Musik"). Dafür gelingt es dem Regisseur laut Thomas hervorragend, die düstere Geschichte über eine Familienfeier, auf der der jahrelange Missbrauch der Kinder durch den Vater aufgedeckt wird, auf die Bühne zu bringen: "Trotz der hochkarätigen Besetzung nimmt niemand eine Starrolle ein. Alle glänzen auch in den kleinsten Partien, wie der des von John Tomlinson verkörperten Großvaters, der die Pointe seiner schmuddeligen Anekdote nicht mehr zusammenkriegt, oder Susan Bickley als dessen Frau, die mit einem verträumten Volkslied vom Horror ablenken will. Turnage hat ein dichtes, ausgefeiltes Ensemblestück komponiert, dem er in einem hundert Minuten dauernden Fluss jazziger Rhythmen, mokanter Kontrapunkte und ominös anschwellender Passagen für ganzes Orchester dramatische Intensität verleiht."

Im Guardian ist Andrew Clements ebenfalls restlos begeistert und attestiert "makelloses dramatisches und musikalisches Tempo": Drehbuchautor Lee Hall hat einen straffen, schnörkellosen Text zur Verfügung gestellt, in dem kein Wort verschwendet wird, so dass die schreckliche Geschichte, die sich beim Abendessen zum sechzigsten Geburtstag des Hotelbesitzers Helge abspielt, von einer Familie, die durch Kindesmissbrauch zutiefst gezeichnet ist und von einem Selbstmord heimgesucht wird, in einer einzigen 95-minütigen Spanne präsentiert wird, die vom ersten bis zum letzten Moment packt, bewegt und entsetzt."

Weitere Artikel: nachtkritiker Janis El-Bira fragt sich, warum die Theater so gern Georg Büchners "Woyzeck" spielen. Verena Harzer besucht für die taz das Berliner Kostümkollektiv, das Theaterkostüme neu aufbereitet.

Besprochen werden Sapier Hellers Inszenierung von Hanoch Levins Komödie "Dingens" am Schauspiel Frankfurt (FR), K.D. Schmidts Inszenierung von Philip Glass' Oper "The Fall of the House of Usher" am Staatstheater Mainz (FR), Lorenz Noltings Inszenierung von "Oklahoma" inspiriert von Franz Kafka am Thalia Theater Hamburg (nachtkritik), Mizgin Bilmens Inszenierung von Georg Büchners "Woyzeck" am Badischen Staatstheater Karlsruhe (nachtkritik), Thomas Jonigks Doppelinszenierung von Marius von Mayenburgs Stücken "Egal" und "Ellen Babić" am Akademietheater Wien (nachtkritik) und Kurdwin Ayubs Inszenierung ihres Stücks "Weiße Witwe" an der Berliner Volksbühne (taz).
Archiv: Bühne

Literatur

Unsere Kritikerumfrage nach den prägendsten deutschsprachigen Büchern des letzten Vierteljahrhunderts geht weiter (hier der Überblick über alle bisherigen Beiträge). Aktuell antwortet uns Marie Schmidt und nennt Bücher von Max Goldt, Angelika Klüssendorf, Jonas Lüscher, Emine Sevgi Özdamar und Clemens J. Setz, in dessen Büchern es für Schmidt "eine für mich völlig neue Wahrnehmung der Welt und der Wahrnehmung selbst gibt. Wahrscheinlich viel zu genau und sensibel für das brutal durch unser aller Gehirne rotierende Internetzeitalter, aber genau damit, mit merkwürdig codierten, unterschiedlich durchlässigen Mensch-Mensch- und Mensch-Maschinen-Schnittstellen immer beschäftigt. Wenn ich sagen müsste, wer der oder die ultimative Schriftsteller:in meiner Generation ist, wäre es Setz."

Weiteres: In ihrem Blog singt Katja Kollmann ein Loblied aufs antiquarisch gefundene Buch und insbesondere dessen Gestaltung: "Oft erzählt die Gestaltung der Bücher, die Cover-Motive, die Grafik, die Typografie, nämlich gleich etwas mit." Anja Reich spricht für die Berliner Zeitung mit dem Schriftsteller Jakob Hein. Marcus Hladek resümiert für die FR den Shortlist-Abend des Literaturpreises "Wortmeldungen". Gerhard Strejcek erinnert im Standard daran, als Thomas Mann 1936 erfolglos beim österreichischen Kanzler vorsprach, um die österreichische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Ebenfalls im Standard wünscht sich Ronald Pohl im Thomas-Mann-Jahr mehr Aufmerksamkeit für Heinrich Mann. In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Rüdiger Görner über Caspar David Friedrichs "Bleich und ernst blickt durch dunkle Wolken". In der FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten" legt uns Gerhard Stadelmaier Arthur Schnitzlers Zeitungssatire "Fink und Fliederbusch" ans Herz.

Besprochen werden unter anderem Mieko Kanais "Leichter Schwindel" (Freitag), Michael Köhlmeiers "Die Verdorbenen" (Standard), Colm Tóibíns "Long Island" (Standard), Christina Hesselholdts "Venezianisches Idyll" (NZZ), Aldous Huxleys "Along the Road" mit Reisereportagen (Standard) und neue Hörbücher, darunter die Hörausgabe der von Daniel Kehlmann herausgegebenen Sammlung von Gedichten von Mascha Kaléko (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Kunst

Henri de Toulouse-Lautrec (1864 - 1901), The Clown Cha-U-Kao, 1895. Image: The Swiss Confederation, Federal Office of Culture, Oskar Reinhart Collection "Am Römerholz", Winterthur

In der Londoner Courtauld Gallery dürfen erstmalig Bilder aus der Winterthurer Sammlung des Schweizers Oskar Reinhart ausgestellt werden, die seit Jahrzehnten dem Verleih-Verbot des Sammlers unterlagen, berichtet Michael Neudecker in der SZ. Echte Meisterwerke sind dabei, von Goya bis Henri Toulouse-Lautrec. Auch ein Bild des 19-jährigen Picasso ist dabei, der 1901 ein Porträt seines Freundes Mateu Fernández de Soto malte, das ein Überraschung bereit hielt: "An der Wand hinter de Soto sind rote Farbtupfer zu sehen, die dem Bild einerseits Tiefe geben, andererseits aber vermuten ließen, dass womöglich etwas dahinter läge. Der Sammlung in Winterthur fehlen Technik und Mittel für eine Untersuchung, die Galerie von Reinharts altem Zeitgenossen Courtauld aber verfügt darüber. Das Bild wurde also untersucht, und: Zum Vorschein kam eine Frau. Hinter dem Picasso liegt noch ein zweiter Picasso."

Dass der amerikanische Künstler Gary Hill ein echter "Videopionier" war, davon kann sich tazlerin Bettina Maria Brosowsky in einer Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg überzeugen. "In 'The Psychedelic Gedankenexperiment' etwa, einer Installation von 2011, wurde ein Text zur bewusstseinserweiternden Kunsterfahrung durch LSD rückwärts eingesprochen und dann vorwärts laufend abgespielt: eine akustische Kakophonie, nur bedingt dem Verständnis einer Aussage dienend. Dazu operiert ein verwirrter Wissenschaftler an frei im Raum schwebenden Molekülen, auch das ohne plausible Effizienz, während die Zuschauer auf kippelnden, ultraleichten Styroporhockern verharren dürfen. Ein unterhaltsam narrativer, ja fast ein Slapstick-Charakter scheint dem Setting dann doch eigen."
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Musik

Rahel Zingg berichtet in der NZZ von Turbulenzen hinter den Kulissen des Lucerne Festivals, wo sich zwei langjährige Mäzene aus der Förderung zurückziehen, weil ihre Personalienwünsche für den Stiftungsrat nicht umgesetzt wurden - damit verliert das Festival einen "mittleren sechsstelligen Betrag pro Jahr, wie Insider schätzen. ... Sibylle und Christoph M. Müller steht es frei, ihre Gelder zu streichen. Dass sie mit dem Rückzug des Sponsorings gedroht und ihre Unterstützung an Bedingungen geknüpft haben, ist ein schwer nachvollziehbares Manöver. Das Lucerne Festival reagierte mit einer Stellungnahme. Die finanzielle Lage sei solid."

Außerdem: Albrecht Selge resümiert in der Welt das Zürcher Festival Le Piano Symphonique. In der Jungle World beerdigt Kolja Podkowik von der Antilopen Gang Punk. Marc Beise berichtet in der SZ vom Schlagerfestival in Sanremo, das wie jedes Jahr ganz Italien in seinen Bann gezogen hat - gewonnen hat Olly mit dem Song "Balorda Nostalgia":

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Stichwörter: Lucerne Festival, San Remo