Efeu - Die Kulturrundschau

Dichterisch, frei, wild

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10.02.2025. SZ und taz rollen mit einer Inszenierung von Roberto Ciulli am Theater an der Ruhr den Mordfall Pier Paolo Pasolini neu auf. Die taz findet es außerdem schlimm, dass die Transschauspielerin Karla Sofía Gascón wegen zehn Jahrer alter Tweets von aller Welt fallen gelassen wird. Der Tagesspiegel gibt sich in der Kunsthalle Hamburg malerischen Illusionen hin. Die FAZ lauscht Rolf Kühns letzter, kurz vor seinem Tod im Jahr 2022 entstandenen Studioaufnahme "Fearless".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2025 finden Sie hier

Bühne

Szene aus "Pasolini. Io so." am Theater an der Ruhr. Foto: Franziska Götzen

"Nicht weniger mutig als sein illustrer Vorläufer und Bruder im Geiste" ist der Regisseur Roberto Ciulli, der im Theater an der Ruhr ein Stück über Pier Paolo Pasolini inszeniert hat, findet SZ-Kritiker Martin Krumbholz. Dabei beleuchtet Ciulli auch die immer noch nicht aufgeklärten Umstände des brutalen Mordes an dem Filmemacher und legt nahe, dass es sich um eine politische Tat gehandelt haben könnte. Wie soll man so etwas in zwei Stunden auf eine Theaterbühne bringen, fragt sich der Kritiker. Aber: es funktioniert: "Es beginnt stocknüchtern: Vier Spieler und eine Spielerin sitzen auf Stühlen frontal zum Publikum und deklamieren, so muss man es nennen, einige Essentials zur Vor- und Nachgeschichte des Mordes, aus Originaldokumenten montiert (...) Ein Engel erscheint plötzlich und tanzt irritierend schön, indem er sich minutenlang um die eigene Achse dreht. Ciulli liebt solche ein wenig kryptischen Einsprengsel, die sein Theater immer schon in andere, abgehobene Dimensionen befördert haben. Er liebt auch die bewundernswerte Schauspielerin Eva Mattes, die, in Bauerntracht gekleidet, zwei bemerkenswerte, fast etwas bizarre Auftritte hat. Schließlich ist dieser Abend ein Requiem, und das Unerklärlich-Schöne gehört ebenso dazu wie der staubtrockene Nachruf."

Eine sehr aktuelle Dimension hat das Stück außerdem, wie Dorothea Marcus in der taz festhält: "Wie Botschaften aus dem Jenseits und Kommentare zur Gegenwart wirkt das zuweilen: Pasolini spricht davon, wie viel er 'weiß' (io so), droht, konkrete Namen zu nennen und beschreibt einen mörderisch faschistisch-neoliberalen Komplex aus 'Willkür, Wahnsinn und Geheimnis'. Aktueller klingen seine Worte, als man es sich je hätte träumen lassen."

In der FAZ macht sich Wiebke Hüster Gedanken über die neue Volksbühnenintendanz (mehr bereits hier): Mit Florentina Holzinger und Marlene Monteiro Freitas hat man sich für zwei Choreografinnen und Tänzerinnen entschieden, die unterschiedlicher nicht sein könnten, so Hüster. Holzingers "sexy bildungsunterfüttertem Feminismus" kann die Kritikerin wenig abgewinnen, aber "Monteiro Freitas, die in Lissabon lebt und mit ihrem Tanzensemble Compass arbeitet, ist eine phantastisch wandlungsfähige und ausdrucksstarke Darstellerin ihrer eigenen Gedanken. Sie kommuniziert mit ihrem Publikum auf unterschiedlichen Ebenen. Es wirkt nie, als folge sie einem ideologischen Konzept, einem Programm. Ihr Auftreten wirkt dichterisch, frei, wild, es riskiert, phasenweise idiosynkratisch zu sein. Holzingers oberflächliche, plakative Kritik etwa am klassischen Ballett als einem Spielfeld der Zurichtung vor allem weiblicher Körper hat das Tanztheater seit den Siebzigerjahren oft genug thematisiert, das wäre so gar nicht das explizite Problem von Monteiro Freitas."

Besprochen werden Zaza Muchemwas Inszenierung ihres Stücks "Das vierte Verhör" am Theater Krefeld (nachtkritik), Adrian Figueroas Inszenierung von Dawn Kings Stück "Alles wie es sein soll" am Schauspiel Essen (nachtkritik), Leonie Böhms Inszenierung von "Fräulein Else" frei nach Arthur Schnitzler am Volkstheater Wien (nachtkritik), Peter Carps Inszenierung von Theresia Walsers Stück "Die Erwartung" am Theater Freiburg (nachtkritik), Falk Richters Inszenierung von Shakespeares "König Lear" am Schauspiel Stuttgart (nachtkritik), Annika Nitschs Inszenierung von Domenico Cimarosas Oper "Der Operndirektor" am Nationaltheater Mannheim (taz), Claus Guths Inszenierung der Strauss-Oper "Die Liebe der Danae" an der  Bayerischen Staatsoper (SZ) und Christina Tscharyiskis Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" am Schauspiel Frankfurt (FR, FAZ).
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Film

Dass Karla Sofía Gascón als oscarnominierter Star in Jacques Audiards "Emilia Pérez" (unsere Kritik) nun wegen teils zehn Jahre alter Tweets von der Social-Media-Öffentlichkeit geschlachtet, von Netflix in den USA im Stich gelassen und vom Regisseur öffentlich getadelt wird, geht tazlerin Doris Akrap richtig gegen den Strich. "Das Allererstaunlichste ist, dass ausgerechnet 'Emilia Perez' von der Unmöglichkeit handelt, der eigenen Vergangenheit zu entkommen. ... Dass Audiard, der sich diesen Plot ja so ausgedacht hat, seiner Hauptdarstellerin nun wegen ein paar dummen Tweets, die sie nicht mal verteidigt, derart in den Rücken fällt (...) ist der größte Skandal in dieser Geschichte. Hat er vergessen, was die Botschaft seines eigenen Films ist? ... Wegen irgendeines Schrotts auf Twitter so zu tun, als sei das kurz vor einem Verbrechen gegen die Menschheit, und ständig zu fordern, sich zu distanzieren, sobald irgendwas nicht ganz okay ist, scheint inzwischen zu einem Bild vom Menschen geführt zu haben, das in 'Emilia Perez' unter anderem anhand der Schönheits-OP-Industrie kritisiert wird: Perfektion. Der Fall Gascón ist ein groteskes und trauriges Beispiel dafür."

Außerdem: Das Team von critic.de gibt Tipps zur Berlinale. Besprochen werden Drew Hancocks "Companion" (Standard, unsere Kritik), Pablo Larraíns "Maria" mit Angelina Jolie als Maria Callas (Jungle World, unser Resümee), Luca Guadagninos Burroughs-Verfilmung "Queer" mit Daniel Craig (NZZ, unsere Kritik), Beat Oswalds schweizerischer Dokumentarfilm "Tamina" über das Verhältnis zwischen Wolf und Mensch (NZZ), Jamie Roberts' ZDF-Doku "Der Feind in den Wäldern - Ostfront Ukraine" (FAZ) und die ARD-Polizeiserie "Spuren" (BLZ).
Archiv: Film

Literatur

Tazler Sebastian Moll stößt im Werk von Alice Munro auf Spuren, die darauf hindeuten, dass die Literaturnobelpreisträgerin die sexuellen Übergriffe ihres Gatten auf ihre Tochter durchaus literarisch verarbeitet haben könnte: "Man kann diese Geschichten, wie jedes Kunstwerk, als unabhängige Stücke Literatur lesen. Jahrzehntelang wurden sie auch so behandelt, solange Alice Munro in der Öffentlichkeit den Schein eines intakten Privatlebens aufrechterhielt. Nach den Enthüllungen ihrer Tochter ist es freilich schwer geworden, sie vom Leben losgelöst zu sehen."

Weitere Artikel: Lothar Müller befasst sich in der SZ mit einem neu gefundenen Briefwechsel zwischen Rainer Maria Rilke und Sigmund Freud. In den online nachgereichten "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Michael Pilz daran, wie Stanislaw Lem im Alter infolge eines Zuckerschocks stürzte und sich dabei so sehr am Kopf verletzte, dass er beträchtliche Mengen Blut verlor.

Besprochen werden unter anderem Julia Schochs "Wild nach einem wilden Traum" (Standard), Amir Tibons "Die Tore von Gaza. Eine Geschichte von Terror, Tod, Überleben und Hoffnung" (Standard), Niviaq Korneliussens "Das Tal der Blumen" (NZZ), Ottmar Ettes "Mein Name sei Amo" (Tsp), Sara Gmuers "Achtzehnter Stock" (NZZ), Suzumi Suzukis "Die Gabe" (FR) und Ines Habich-Milovićs "Dein Vater hat die Taschen voller Kirschen" (Presse). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Mathias Mayer über Platons "Epigramm auf den Tod Dions":

"Tränen spannen die Moiren als Gabe schon Ilions Frauen
und der Hekabe zu, als sie das Leben erblickt..."
Archiv: Literatur
Stichwörter: Munro, Alice, Lem, Stanislaw

Kunst

Gerrit Dou, "Alte Frau mit Kerze", 1661, Wallraff Richartz-Museum &. Fondation Corboud. Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln.

Überwältigt von der Fülle an "Früchten, Getier und Gardinen" und anderen "Requisiten der Augentäuscherei" steht  Tagesspiegel-Kritikerin Nicola Kuhn in der Kunsthalle Hamburg. Eine Ausstellung widmet sich illusionistischer Malerei aus unterschiedlichen Epochen. Da gibt es Rebhühner, Totenschädel und viele sehr realistisch gemalte Trauben, aber auch faszinierende Aussichten: "Während Friedrich Wasmann um 1833 aus seiner Kammer tief ins idyllische Anienetal blickt, breitetet sich um 1928-30 vor Xaver Fuhr eine nächtliche Stadt aus, durchschnitten von Gleisen. Fast anarchisch drängt sich das gelbliche Blattwerk einer Zimmerpflanze dazwischen, als würde die Natur ihr Recht zurückfordern. Drinnen, draußen - das Bild wird zur Schwelle der Realitäten. Delaunay übermalte 1912 in seinem Fensterbild, das im Zentrum den Eiffelturm zeigt, gleich den Rahmen mit. Bei dem Rembrandt-Schüler Gerrit Dou beugt sich eine alte Frau mit flackernder Kerze so weit über den Sims, dass sie den Betrachterraum zu beleuchten scheint. Die größte Illusion aber besteht darin, dass wir glauben, sie brennt."

Besprochen werden außerdem die Ausstellung über die DDR-Moderne "Im Dialog" im Museum Das Minsk in Potsdam (FR), die Ausstellung "24-2=2022" mit Werken der ukrainischen Künstlerinnen Alevtina Kakhidze und Renata Rara Kaminska in der St.-Matthäus-Kirche in Berlin (taz) und die Ausstellung "Gordon Matta-Clark: '(Ex)Urban Futures of the Recent Past'" in der Galerie Thomas Schulte (taz)
Archiv: Kunst

Musik

Mit "Fearless" erschien vor kurzem Rolf Kühns letzte, kurz vor seinem Tod im Jahr 2022 entstandene Studioaufnahme. Den "rhythmischen Vorwärtsdrang und die fließende Eleganz der Tongebung", die man auch aus den vorangegangenen Arbeiten des hochbetagten Klarinettisten kennt, vermisst FAZ-Kritiker Wolfgang Sandner zwar ein wenig. Stattdessen gibt es  "kurze Staccato-Phrasen, unvermittelte Klangfarbenwechsel, abrupt einsetzende Pausen, angetippte, aber nicht ausgeführte musikalische Ideen. Manches in diesen Kompositionen trägt Züge moderner Klassik bis hin zu atonalem Experimentalklang statt jazzmäßiger Expressivität. ... Frank Chastenier am Klavier, Lisa Wulff am Bass oder Tupac Mantilla am Schlagzeug halten sich meist respektvoll zurück, fügen dem bisweilen seltsamen melodischen Flackern der Klarinette aber fein ausgehorchte Interpunktionen hinzu. In jeder Klanggeste ahnt man, wie sehr Rolf Kühns letzte Studioproduktion Fragment bleiben musste. Es wirkt gerade so, als habe der improvisierende Komponist ohne alle Bitterkeit sagen wollen: Wer bin ich, dass ich jetzt noch ein vollkommenes Kunstwerk hinterlassen soll?"



Für die SZ plaudert Jakob Biazza mit Roland Kaiser über dies und das und über das Gendern, mit dem Kaiser kein Problem hat: "Es gibt eben nicht nur Mann und Frau. Punkt. Menschen sind offensichtlich vielschichtiger und haben entsprechend vielschichtige Gefühle und Bedürfnisse - und die müssen wir zulassen. Auch sprachlich. ... Ich war immer überzeugt, dass die Freiheit eines Menschen erst dort endet, wo die Freiheit eines anderen beginnt. Warum sollte es mich also stören, wenn sich jemand als dieses oder jenes identifiziert. Ist mir doch egal. Jeder Jeck ist anders."

Außerdem: Für die Welt porträtiert Jan Küveler Pete Doherty. Besprochen werden eim Konzert von Alligatoah (Tsp), ein Lesungs-Konzert von Ilona Haberkamp zu Ehren der Jazzpianistin Jutta Hipp (FR), Larkin Poes Album "Bloom" (FAZ), der Dokumentarfilm "Mutiny in Heaven" über Nick Cave und die Band Birthday Party (SZ).

Und dann noch die (leider nicht einbindbare) Super-Bowl-Show von Kendrick Lamar aus der letzten Nacht, mit Samuel Jackson als Uncle Sam.
Archiv: Musik