Im Kino
Die schlimmsten Männer der Welt
Die Filmkolumne. Von Jochen Werner
05.02.2025. Auch Sexroboter lassen sich hacken. Mit unbeabsichtigten Nebenwirkungen allerdings. Drew Hancocks nur sacht garstiger feministischer Science-Fiction-Horrorfilm "Companion - Die perfekte Begleitung" hat das Zeug zum klassischen Crowd-Pleaser.
Man hat zugegeben ein bisschen Angst in den ersten Minuten. Angst, es könne sich um einen jener Filme handeln, die alles, was sie an Twists und Turns zu enthüllen haben, schon in den Trailer und die Werbekampagne stecken und dann auf der Leinwand so tun, als wüsste nicht jeder im Kinosaal, worauf das ganze Spiel hinausläuft. Die "Stepford Wives"-Paraphrase "Don't Worry, Darling" - die auch sonst ein paar Schnittmengen mit Drew Hancocks Regiedebüt "Companion - Die perfekte Begleitung" hat - war so ein Fall; ein Film, der durchaus elegant zwei Stunden lang um den heißen Brei herum erzählte und am Ende eine Enthüllung zelebrierte, die keine mehr sein durfte, weil die PR-Abteilung bereits Monate zuvor angeteasert hatte, was der Film bemüht, aber vergeblich im narrativen Zwielicht zu belassen versuchte.
Auch hier gibt es einen solchen, zentralen Plot Point, der von Anfang an auf der Hand liegt. Man hofft innig, dass Regisseur Hancock uns diesen nicht als langwierig aufgebauten Twist im Schlussdrittel präsentieren wird und ist dann sehr erleichtert, dass zumindest in dieser Hinsicht bereits in den ersten 20 Minuten enthüllt wird, was es zu enthüllen gilt. Im Folgenden darf sich "Companion" einer ganzen Reihe zusätzlicher Plotkapriolen hingeben - die auch nicht immer komplett unvorhersehbar sind, aber derart temporeich und spielfreudig durchdekliniert werden, dass man sich gern 97 Minuten lang auf diese sacht garstige, oft ziemlich lustige Übung in feministischem Science-Fiction-Horror einlässt.
Dabei fängt alles erstmal so romantisch an. Eine Begegnung im Supermarkt, ein lustiges Missgeschick - eine dieser Kennenlerngeschichten, die Menschen in Hollywoodfilmen haben, weil sich Menschen in Hollywoodfilmen für gewöhnlich nicht auf Tinder kennenlernen. Dass an der Idylle etwas faul ist (und die Erinnerung einfach eine zu gute Geschichte ist, um wahr zu sein), wird jedoch bald klar, die tatsächlich erste Begegnung von Iris (Sophie Thatcher) und Josh (Jack Quaid) wird nachgereicht und stellt sich als sehr, sehr viel prosaischer heraus. Denn Iris ist eine Androidin, die serienmäßig als willfährige Beziehungs- und Sexualpartnerin für alleinstehende Männer hergestellt wird - ein "Fuckbot", wie Josh wenig charmant formuliert. Sie selbst weiß allerdings nichts davon, und alles, was sie zu wissen und wollen glaubt, ist bloß ein Programm.

Es handelt sich nicht unbedingt um Spoiler, dies hier zu verraten, denn all das bildet lediglich die Prämisse von "Companion". Wenn alle Karten auf den Tisch gelegt sind, fängt das böse Spiel erst richtig an. Denn jedes Programm lässt sich hacken, und auch wenn es zunächst so ausschaut, als ließen sich die Eingriffe in die Software bequem zum eigenen Vorteil ausnutzen, zeitigen sie doch bald (mehr oder weniger) unkalkulierbare Nebeneffekte …
"Companion" ist vielleicht der erste Killerroboterfilm der Kinogeschichte, bei dem wir konsequent Partei für die mörderische Androidin ergreifen dürfen und sollen. Diese durchaus erfolgreiche Perspektivverschiebung hat mit einem Besetzungscoup auf der (gar nicht mal so) menschlichen Seite des Ensembles zu tun: Jack Quaid gibt den nur kurz als romantischen Held camouflierten Schmierlappen mit derart sleaziger Verve, dass einem der Gedanke auf einmal ganz reizvoll erscheint, die Familie Quaid könne jetzt fortan darauf abonniert sein, die schlimmsten Männer der Welt zu spielen. Hinter der großen Altersrolle von Papa Dennis Quaid in Coralie Fargéats "The Substance" - pretty girls should always smile! - muss sich der ihm wie aus dem Gesicht geschnittene Sohn in Sachen überheblicher Schmierigkeit jedenfalls nicht verstecken.
"I'm a decent guy", so lässt dieser Josh einmal verlauten, zwischen all den grauenhaften Dingen, die er den Robotern und Menschen um sich herum antut, und natürlich ist er einer derer, die das auch so meinen. In diesem Moment wird die Verwandtschaft zu einem weiteren jener feministischen Re-Tellings klassischer Genretropen deutlich, die seit einigen Jahren schon ein eigenes Subgenre des Horrorkinos bilden. Denn auch die Opfer der Rächerin in Emerald Fennells Rape&Revenge-Film "Promising Young Woman" beteuerten ja im Brustton der Überzeugung, sie seien die netten Jungs. Zoe Kravitz' noch einmal deutlich gemeinerer, wohl auch klügerer "Blink Twice" kommt ebenfalls in den Sinn - eine weitere feministische Rachefantasie. An dessen Kaltschnäuzigkeit reicht zwar nichts in "Companion" heran, aber das macht nichts. Hancocks Film schlägt als schwarze Komödie einen anderen Weg ein, und als solche funktioniert er ziemlich gut - gerade auch, weil er seinen Stoff temporeich in komplett ausreichenden 97 Minuten erzählt.

Allein in diesem Gestus der Verdichtung steckt dieser Tage beinahe ein Hauch von Klassizismus - wie überhaupt "Companion" einen Impuls geben könnte, dem bereits allzu lange in Legacy Sequels, Reboots, Prequels, Shared Universes festgefahrenen Hollywood-Kino einen neuen Kickstart zu verpassen. Ausgerechnet der vielgescholtene, mitunter gar offen gehasste Warner-Bros-Executive David Zaslav ist es, der das gewagteste Jahresprogramm eines großen Hollywoodstudios seit einer gefühlten Ewigkeit zu verantworten hat. Ein Programm, dass vorrangig aus Originalstoffen unterschiedlicher Genres besteht, die keine Intellectual Properties adaptieren und verschiedenste zuletzt schmerzlich abhanden gekommene Genres wieder auf die Kinoleinwand holen - ein vielversprechender Schritt, nach all den müden Superhelden-Spinoffs, die Zaslav mitunter mit der Kettensäge abgeräumt hat.
Man kann dieser Strategie nur Erfolg wünschen in diesem Kinojahr 2025, in dem gefühlt so viel auf dem Spiel steht in Hollywood wie lange nicht. Denn das Kino befindet sich in einer Phase des Umbruchs, das ist immer schwieriger zu übersehen. Die Erfolgsrezepte der letzten zehn, fünfzehn Jahre sind schal und fad geworden, das Publikum dürstet spürbar nach Neuem. Auch wenn es selbst vielleicht noch nicht so genau weiß, wonach genau. Warum auch nicht: Es wäre schließlich nicht das erste Mal in der langen Geschichte des amerikanischen Kinos, dass etwas zusammenbricht, von dem alle eine Weile lang dachten, es währe ewig.
"Companion" ist gewiss nicht die Art Film, die wie eine Bombe einschlägt, und danach ist nichts mehr, wie es war. Es ist aber ein Film, der ein kleiner Baustein in einem beginnenden Neuaufbau sein könnte - nicht mehr, aber erst recht nicht weniger als ein klassischer Crowdpleaser, ein smart inszeniertes Stück Genrekino, das damit zufrieden ist, einfach bloß anderthalb gute Kinostunden zu versprechen. Man kann freilich nur hoffen, dass nicht nächste Woche ein "Companion"-Cinematic-Universe angekündigt wird…
Jochen Werner
Companion - USA 2025 - Regie: Drew Hancock - Darsteller: Sophie Thatcher, Jack Quaid, Lukas Gage, Megan Suri u.a. - Laufzeit: 97 Minuten.
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