Efeu - Die Kulturrundschau

Er stottert sich durch den Begriff 'Kultur'

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.01.2025. Die Filmkritiker blicken auf Brady Corbets episches Gemälde "The Brutalist": Die Welt sieht hier auch ein zaghaftes Plädoyer für den Zionismus. Der Tagesspiegel setzt sich im Berliner Haus der Kunst in ein riesiges Nest aus bunten Kabelbindern. Ebenfalls im Tagesspiegel spricht Edouard Louis über Schuld und Hass auf seine Mutter. Die NZZ staunt in Hamburg, wie Gordon Kampe eine Putin-Rede erlkönighaft in ihre Einzelteile zerlegt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.01.2025 finden Sie hier

Film

Adrien Brody in "The Brutalist"

Mit zehn Nominierungen geht Brady Corbets im 70mm-Vistavision-Verfahren gedrehtes, dreieinhalbstündiges Epos "The Brutalist" als einer der großen Favoriten ins Oscarrennen. Der Film erzählt (lose nach dem Vorbild der Lebensgeschichte von Marcel Breuer) die Geschichte eines von Adrien Brody gespielten, jüdisch-ungarischen Architekten, der den Nazis nur knapp entkommt und in die USA flieht. "Corbet fächert ein riesiges Gemälde auf", schreibt Perlentaucher Patrick Holzapfel, "in dem sich an W.G. Sebald erinnernde Traumatakorridore in einer kollektiven Malaise verlieren, die Prinzipien brutalistischer Nachkriegsbaukunst auf die filmische Form und das Gesicht Adrien Brodys gegossen werden, die Kompromisslosigkeit eines genialistischen Künstlers, die Erfahrung von Fremdheit, der korrupte Traum einer Freiheit in den USA und die falschen Versprechen des Kapitalismus sich in einem riesigen Klotz vermengen, der vor allem sein eigenes Gewicht bewundert. ... Wie bei manch brutalistischem Bauwerk wähnt man sich an der Türschwelle einer unendlich komplexen Struktur, nur um festzustellen, dass sich dahinter nichts befindet, als die Schonungslosigkeit und Potenz massiven Betons."

Der Film ist "ein Kompositum", schreibt Alan Posener in der Welt. "Eine Untersuchung der Schwierigkeiten des Neuanfangs; eine Kritik der Abhängigkeit der Kunst vom Geld; eine Feier des Immigranten und seines Genies; eine Verteidigung des Brutalismus; ein Plädoyer für den Zionismus. Er ist aber all dies nur in Ansätzen, so als habe er Angst, irgendeinem dieser Themen allzu intensiv nachzugehen. Und es ist diese Verzagtheit, die letztlich den Film so lang macht. Weniger wäre mehr gewesen." Rüdiger Suchsland hält alldem auf Artechock mit einem sehr detaillierten Longread entschieden dagegen: Dies "ist am Ende ein Film, der in der alptraumhaften Dunkelheit Europas und des europäischen Zivilisationsbruchs wurzelt. Moderne und Klassik sind auch hier kein Gegensatz sondern ineinander verschränkt. Corbets Ehrgeiz, ein kultiviertes, geduldiges und scharfsinniges Epos in einer von Ignoranz und Aufmerksamkeitsdefiziten geprägten Zeit ins Kino zu bringen, ist unverkennbar." Weitere Kritiken schreiben Daniel Kothenschulte (FR) und Andreas Kilb (FAZ).

Kinky Bilder im Mainstream: "Babygirl" von Halina Reijn

Ausgerechnnet bei Antonio Banderas kommt Nicole Kidman in Halina Reijns "Babygirl" in sexueller Hinsicht das große Gähnen. Als sich ihr die Möglichkeit einer BDSM-Affäre mit einem halb so jungen Praktikanten ergibt, fügt sie sich bald dem Spiel von Dominanz und Unterwerfung. "So ganz ernst nehmen lässt sich diese Geschichte einer BDSM-Beziehung freilich nicht", wägt Kamil Moll im Perlentaucher ab. "Zu beliebig scheint das Verhältnis zwischen Dom Samuel und Sub Romy. ... Dafür leistet der Film etwas, was anderen Filmen zuletzt nicht mehr gelungen ist und möglicherweise wertvoller sein dürfte: Er macht kinky Bilder mainstreamfähiger und allgegenwärtiger." Tazlerin Arabella Wintermayr ist von diesem Versuch, das zuletzt sehr brach liegende Genre des  Erotikthrillers zu aktualisieren, nicht überzeugt: Zwar gibt sich die Regisseurin alle Mühe "um sich sowohl das Prädikat 'emanzipatorisch besonders wertvoll' als auch 'erotisch' zu verdienen. Tatsächlich aber ist ihr Film letztlich weder das eine noch das andere. Das liegt vor allem an Reijns spürbarem Bemühen, bloß alles richtig zu machen. Kopflastigkeit erstickt Leidenschaft - und in 'Babygirl' wirkt vieles konstruiert, vor allem die Figurenzeichnungen. ... Im Grunde bedient Halina Reijn vor allem eine plumpe 'Girlboss'-Mentalität."

Diese Romy "bleibt eine Frau, der alle gesellschaftlichen Widersprüche ihres Geschlechtes eingeschrieben sind", schreibt Kira Kramer in der FAZ: "Schön sein zu müssen, während sie arbeitet wie ein Tier, sexuell verfügbar sein zu müssen, auch wenn ihr nicht danach ist, sich zu kümmern, obgleich das Gegenüber erwachsen ist. Dass es Kidman gelingt, diese Gleichzeitigkeit aus Stärke und Verletzlichkeit, Lust und Sorge, Liebhaberin und Mutter zu balancieren, ist der eigentliche Clou von Reijns Film." Weitere Kritiken in der Berliner Zeitung, im Standard und auf Artechock.

Rüdiger Suchsland resümiert auf Artechock das auf deutschen Nachwuchs spezialisierte Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken. Sehr zurecht hat die Filmkritik-Jury Laura Laabs' "Rote Sterne überm Feld" (unser Resümee) ausgezeichnet, schreibt er (die Laudatio hielt übrigens Perlentaucher-Kritikerin Katrin Doerksen). Umso ärgerlicher findet er, dass die Hauptjury die Qualitäten dieses Films nicht erkennen wollte. "Auch war die Auswahl in Saarbrücken so gestaltet, dass 'Rote Sterne...' ein Außenseiter-Film bleibt, ein ästhetisches Ausnahmeprogramm in einem Programm, das inhaltistisch und privatistisch daherkam. ... Filme mit einem Form-Bewusstsein gibt es fast gar keine, sondern es gibt immer wieder den mittleren Realismus, immer wieder diese Fernsehspielhaftigkeit des deutschen Kinofilms."

Außerdem: Georg Seeßlen schreibt auf Zeit Online eine Nachruf auf Horst Janson. Pascal Blum resümiert für den Tages-Anzeiger die Solothurner Filmtage. Besprochen werden Alexander Horwarths Essayfilm "Henry Fonda for President" (FR), Mo Harawes "The Village Next to Paradise" (taz), Désirée Nosbuschs Regiedebüt "Poison" (Tsp, FD), Dougal Wilsons Kinderfilm "Paddington in Peru" (Artechock) und der Arte-Doku-Fünfteiler "Mafiajäger" (taz). Außerdem werfen Tagesspiegel und Filmdienst einen Blick auf die Filmstarts der Woche.
Archiv: Film

Kunst

Bild: Kerstin Flake, Fake Spaces: 03, C-Print, 2006. © Kerstin Flake

Eine Schau der besonderen Art erlebt Gunda Bartels (Tagesspiegel) mit der Ausstellung "States of Uncertain Domesticities" im Haus Kunst Mitte in Berlin, die sich ganz dem Thema Zuhause widmet: "Konkret und abstrakt zugleich mutet … die Installation 'Nestbau' der Bilderhauerin Liz Bachhuber an. Sie ist ein echter Hingucker. Das riesige Nest, das Bachhuber aus Birkenreisern gewunden hat, ist groß genug, um ein Kind aufzunehmen. Wie praktisch, dass darunter auch gleich ein stählerner Laufstall installiert ist. Seltsam nur, dass das Nest, bei dessen Anblick man sich gleich an Gaston Bachelards Klassiker 'Poetik des Raumes' erinnert fühlt, von bunten Kabelbindern zusammengehalten wird. Das Heim als Ort der Geborgenheit, des Schutzes, der unversehens zum Gefängnis werden kann. Auch für die osteuropäischen Pflegerinnen, die im Video 'Caregivers' von Libia Castro und Ólafur Ólafsson italienischen Familien die Pflegearbeit abnehmen. Solche Botschaften fügen sich nahtlos in die brüchigen Häuslichkeitsszenarien. Aber auch eine späte Wiedergutmachung, wie ein Video der Künstlerin Selma Selman. Sie entwirft in 'A Pink Room of Her Own', inspiriert von Virginia Woolf, ein Zimmer für ihre Mutter, die mit zwölf Jahren zwangsverheiratet wurde und nie ein eigenes besaß."

Eliza Goodpasture (Guardian) macht im RWA Bristol eine tolle Entdeckung: Erstmals seit ihrem Tod wird dort die Avantgarde-Künstlerin Paule Vezelay ausgestellt, die im Kreis von Pablo Picasso, Wassily Kandinsky, Sophie Taeuber-Arp und Jean Arp oder Joan Miro ein ganz eigenes Werk schuf: "Ihre Linien im Raum-Serien umfassen ihre Zeit in Paris und ihre Rückkehr nach England. Diese Arbeiten verbinden Skulptur und Malerei, oft mit Fäden, die über eine Leinwand gespannt sind, um eine Art Reliefskulptur zu schaffen, die an der Wand hängt. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie ihre anderen abstrakten Bilder, aber eine nähere Untersuchung zeigt ihre Dreidimensionalität. Der Ausdruck 'Linien im Raum' scheint Vézelays künstlerisches Ethos schön zu fassen: Ihre Werke kehren alle zu dieser Grundidee zurück."

Weitere Artikel: Nach Notre-Dame nun der Pariser Louvre: Emmanuel Macron hat angekündigt, "einen internationalen Architektenwettbewerb ausschreiben zu wollen, um den Louvre 'neu zu denken, zu restaurieren und zu vergrößern'. Nicht mehr als sechs Jahre soll die Bauzeit dauern, meldet unter anderem Martina Meister in der Welt: "2031 werde Frankreich die 'Neue Renaissance des Louvre' feiern".

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Ruth Wolf-Rehfeldt in der Berliner Galerie ChertLüdde (Zeit), eine Ausstellung mit Fotografien der ehemaligen Chefredakteurin der deutschen Vogue, Angelica Blechschmidt im Berliner Chateau Royal (taz), die Liliane Lijn-Ausstellung "Arise Alive" im Wiener Mumok (taz, mehr hier), die Ausstellung "Nachts" des Berghain-Türstehers Mischa Fanghaenel in der Berliner Fotografiska (Tsp).
Archiv: Kunst

Bühne

Szene aus "Die Kreide im Mund des Wolfs". Foto: Jörg Landsberg

In der Welt seufzt Manuel Brug: Nicht nur Tobias Kratzer hat an der Deutschen Oper Berlin seine Strauss-Opern-Trilogie mit "Die Frau ohne Schatten" beendet (unser Resümee), auch der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov brachte mit "Ariadne auf Naxos" am gleichen Tag die letzte von drei Strauss-Opern auf die Bühne der Hamburgischen Staatsoper - und alle Inszenierungen setzen statt auf Mythos auf pure Selbstbespiegelung. Dabei eignet sich die Oper hervorragend zur Auseinandersetzung mit der Gegenwart, wie Eleonore Büning (NZZ) nicht nur in Lydia Steiers Hamburger Inszenierung der Wertheim-Oper "Echo 72. Israel in München" (unser Resümee) feststellt. Am gleichen Haus, allerdings auf der Studiobühne, inszenierte Intendant Georges Delnon Gordon Kampes Stück "Die Kreide im Mund des Wolfs", in der er Putins Hausmeister, gesungen von Georg Nigl, Putins Rede, die er im September 2001 vor dem Deutschen Bundestag gehalten hat, singen lässt: "Die Worte sind Hohlformeln, sie verheddern sich in Loops, zerlegen sich in Silben, Vokale, Konsonanten. Virtuos taucht Nigls Stimme ein ins Innerste der Sprache und deckt auf, was in Wahrheit gemeint ist. Er stottert sich durch den Begriff 'Kultur', erstickt am ersten Buchstaben von 'Zivilisation', schraubt sich beim Wort 'Frieden' erlkönighaft in Koloraturhöhen. Die Interaktion mit den Musikern, souverän koordiniert von Tim Anderson, entwickelt sich geradezu haptisch, der rasende Hausmeister ist bald nicht mehr zum Totlachen, sondern zum Fürchten."

Szene aus "Tartuffe". Foto: Tommy Hetzel

Ebenfalls in der Welt ist Jakob Hayner derweil ganz hingerissen, wenn Barbara Frey am Wiener Burgtheater die Molière-Oper "Tartuffe" mit einer Prise David Lynch und in fantastischer Besetzung mit Bibiana Beglau als Tartuffe inszeniert: "Frey zeigt in ihrer klugen Inszenierung das Wesen der Heuchelei: Tartuffe ist nicht jener Betrüger, der die ehrbaren Bürger täuscht und über den Tisch zieht, sondern diese Welt will getäuscht sein. Es ist ein Band des Begehrens, das Orgon und Tartuffe verbindet. Sie fallen sich innig küssend in die Arme. Der Heuchler und der Moralist sind ein Paar, sie gehören zusammen. In einer Szene sehen wir Beglau in ihrem einfachen schwarzen Kostüm zur Klaviermusik tanzen, selbstvergessen und souverän, geradezu siegesgewiss. Ihr Tartuffe weiß, wie die moralische Kommunikation funktioniert und glaubt gerade deswegen nicht daran. Und er weiß auch, dass sein Spiel in einer Welt voller Tartuffes aussichtslos wäre, weil er Leute wie Orgon braucht: naive Moralgläubige."

Weitere Artikel: SZ und nachtkritik sprechen mit Stefanie und Christoph Siegmann, die für 1500 Euro eine Nacht im Berliner Ensemble ersteigert haben: Eine Protestaktion des Hauses gegen die Berliner Sparmaßnahmen. Ebenfalls in der SZ überlegt Egbert Tholl, wie Katharina Wagner die durch Einzelspenden zusammengekommene zusätzliche eine Million Euro für die Bayreuther Festspiele einsetzen könnte. In der taz befürchtet Jens Fischer das Aus des Tanzfestivals Bremen.

Besprochen wird Christoph von Bernuths Inszenierung der vergessenen Oper "Phèdre" von Jean-Baptiste Lemoyne lässt am Staatstheater Karlsruhe (FR).
Archiv: Bühne

Literatur

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In seinem neuen Roman "Monique bricht aus" erzählt Édouard Louis davon, wie seine Mutter nach der Trennung von seinem Vater erneut in einer gewalttätigen Beziehung landete und sich abermals davon befreite - auch mit seiner Hilfe, wie er im Tagesspiegel-Gespräch mit Adrian Schulz verrät. Dabei war das Verhältnis zwischen ihm und seiner Mutter alles andere als unbelastet: "Das Ende von Eddy", seine Abrechnung mit seiner Mutter, machte ihn vor zehn Jahren als Autor berühmt. "Als ich selbst Kind war, ging meine Mutter sehr hart mit mir um. Sie litt unter der Situation, in die mein Vater sie zwang. ... Das machte sie aggressiv. Und das bekam ich zu spüren. Sie fragte mich ständig: Warum bist du nicht normal? Warum benimmst du dich wie eine Schwuchtel? Warum bist du kein echter Junge? Ich hasste sie. ... Sie war tief verletzt. Sie kam aus ihrem Dorf in Nordfrankreich nach Paris und konfrontierte mich auf einer Lesung in einer Buchhandlung. Sie trat im Fernsehen auf und sagte, alles sei eine Lüge. Natürlich nicht, alles war wahr! Dennoch fühlte ich mich schuldig. Gewalt wird auf eine seltsame Art weitergegeben: Mein Vater war gewalttätig zu ihr, deshalb war sie es zu mir, und deshalb war ich es später zu ihr."

Weiteres: Sonja Zekri porträtiert in der SZ den Schriftsteller Behzad Karim Khani. Besprochen werden die große Berliner Ausstellung "Uderzo - Von Asterix bis Zaubertrank" (Tsp), Max Annas' Thriller "Tanz im Dunkel" (FR), neue Comics, Bücher und Ausstellungen mit und über Superhelden (taz), Bernd Pfarrs Comic "Alex der Rabe" (FAZ.net), neue Rilke-Biografien von Manfred Koch und Sandra Richter (FAZ) und Jonas Lüschers "Verzauberte Vorbestimmung" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Musik

Lotte Thaler resümiert in der FAZ das Heidelberger Streichquartettfest, wo der Komponist Helmut Lachenmann geehrt wurde. Für die Zeit hat Tobias Lentzler Achim Reichel besucht. Frederik Hanssen freut sich im Tagesspiegel über die künstlerische Entwicklung des Pianisten Jan Lisiecki. Thomas Groetz schreibt in VAN einen Nachruf auf den Pianisten Herbert Henck. Besprochen werden Michael Köhlmeiers Buch "Die Gitarre" (online nachgereicht von der FAZ) und das neue Album von den Veils (Standard).

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Stichwörter: Lachenmann, Helmut