Edouard Louis

Monique bricht aus

Roman
Cover: Monique bricht aus
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025
ISBN 9783103975581
Gebunden, 160 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Sonja Finck. "Ich habe mich von deinem Vater befreit und dachte, jetzt wird alles besser." Édouard Louis kehrt zur Geschichte seiner Mutter zurück. Zu einer Frau, die sich schon einmal befreit hat. Von Alkohol, Gewalt und Scham, vom Schweigen. Und deren Geschichte sich zu wiederholen droht, als sie eines Nachts den Sohn anruft, während ihr neuer Partner sie im Hintergrund rüde beschimpft. Schritt für Schritt plant der Sohn mit ihr den Ausbruch, ein neuer Anfang gelingt, aber wie geht das Leben weiter, wenn man Freiheit nie gelernt hat? "Monique bricht aus" ist ein einfühlsames und zartes Porträt einer Mutter, die für ihre Selbstbestimmung kämpft, und eines Sohnes, der sich mit ihr verbündet. Zweier Menschen, die sich einander annähern und behutsam beginnen, eine gemeinsame neue Geschichte zu schreiben.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.04.2025

Rezensent Andreas Platthaus nähert sich dem jüngsten Mutter-Buch von Edouard Louis auf besondere Weise: Er erkennt darin nicht zuletzt ein Psychogramm des französischen Schriftstellers. Verschiedene Schlüsselszenen macht Platthaus hier aus. Zum einen jene, als Louis' Mutter auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses umjubelt wurde, wo Falk Richter Louis' ersten Mutter-Roman "Die Freiheit einer Frau" inszeniert hatte. Für den Kritiker ist aber gar nicht primär die Befreiung der Frau aus dem Patriarchat, die in erster Linie im aktuellen Roman im Vordergrund steht. Vielmehr erkennt er in jener Szene, in der Louis mit seiner Mutter nach der Hamburger-Premiere in einem McDonalds einkehrt, die eigene "Integrationsgeschichte" des Autors, der in früheren Werken noch seinen zwecks Distinktion angeeigneten "Ekel" gegenüber Fastfoodrestaurants äußerte. Für Platthaus ist dieses Buch, das Louis' "Heimkehr" andeutet daher auch das "literarisch bessere" Buch als "Die Freiheit einer Frau".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.02.2025

Ein vernichtendes Urteil fällt Rezensent Roman Bucheli über den neuen Roman von Édouard Louis. Nicht mehr als einen "Groschenroman" kann er im zweiten Buch sehen, das Louis über seine Mutter geschrieben hat. Nachdem sie sich in Paris mit einem Mann wiederfindet, der wie ihr erster trinkt und gewalttätig ist, eilt der Sohn zur "heroischen" Befreiung, so Bucheli. Den (für Bucheli zweifelhaften) Höhepunkt findet die Handlung als Louis' Vorgängerroman "Die Freiheit einer Frau" in einem Theater in Berlin aufgeführt wird, die Mutter ist anwesend. So ganz genau sagt uns Bucheli nicht, was ihn gar so sehr am Text stört, es wird aber sehr deutlich, dass die Autofiktion nicht zu seinen Lieblings-Genres gehört.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 11.02.2025

Rezensentin Meike Feßmann hält es für eine schöne, anrührende Geste, wie Edouard Louis die als Kind erfahrene Vernachlässigung umkehrt, indem er sich intensiv mit dem Leben seiner Mutter befasst. Auch in seinem neuen Buch geht es um sie. Sie verlässt das dritte Mal einen gewaltbereiten Alkoholiker und der Sohn hilft ihr dabei. Feßmann wartet auf eine erneute Katastrophe, doch die bleibt aus. Ein Wunder nennt sie, was stattdessen geschieht. Vom Sohn mit Begriffen wie Scham, Freiheit, Glück erfasst, schafft die Mutter den Ausbruch aus den Verhältnissen, erklärt die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 03.02.2025

Wer Édouard Louis' ältere Bücher kennt, dem wird im neuen viel bekannt vorkommen, glaubt Rezensentin Judith von Sternburg, die von der Lektüre gleichwohl trotzdem angetan ist. Unter anderem begegnen wir, so Sternburg, der Mutter des Erzählers wieder, die, wie sich herausstellt, nicht glücklich geworden ist, seitdem sie vor einem brutalen Mann nach Paris geflohen ist - auch ihr neuer Freund erweist sich als Säufer und Schläger. Louis will seiner Mutter helfen, aber er bleibt dabei auf sich selbst bezogen, was er im Buch auch reflektiert, so Sternburg. Zu den wiederkehrenden Themen aus älteren Louis-Büchern zählen die Geschichte des Vaters, der die Familie quälte und selbst einem unmenschlichen Gesundheitssystem zum Opfer fiel sowie Armutserfahrungen in der Kindheit des Autors, zählt die Rezensentin auf. Sonja Finck übersetzt das so gut, dass man beim Lesen gar nicht an die Übersetzungsarbeit denkt,  lobt Sternburg. Ein starkes Buch hat Louis geschrieben, schließt die Rezension, insbesondere im Insistieren auf Fragen des Sozialen.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 01.02.2025

Kein "bedeutendes", aber ein "rührendes" Buch hat Édouard Louis über seine Mutter geschrieben, findet Rezensent Tilman Krause. Generell scheint der Kritiker kein Fan der Literatur à la "Selbsterfahrung aus dem Prekariat" zu sein, auch mit Louis' Selbstanklagen und der ihn in vorigen Büchern umtreibenden Frage nach dem "Klassenverrat" kann er wenig anfangen. Schön, dass Louis hier immerhin mal eine erfreuliche Geschichte erzählt, so Krause, und zwar den Ausbruch seiner Mutter aus ihrem alten Leben. Das ist auch der Grund, warum dem Kritiker das Buch dann doch ganz gerne gelesen hat: wie sowohl der Sohn als auch Schriftsteller-Kollege Didier Éribon die Mutter bei ihrem Neubeginn unterstützen und diese am Ende auch noch einen kleinen Starmoment hat, das findet Krause dann doch mitreißend und berührend. Im Gegensatz zu vorherigen Texten auf jeden Fall erfrischend, so das Urteil.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 01.02.2025

Edouard Louis schreibt schon zum zweiten Mal über die Flucht seiner Mutter aus den Fängen eines Alkoholikers, so Rezensent David Hinzmann, nach seinem Vater hatte sie wieder einen gewalttätigen Mann geheiratet - was nach freier Entscheidung klingt, ist aber, wie Louis zeigt, bedingt durch die Strukturen einer patriarchalen Gesellschaft. Finanzielle Fragen spielen eine Rolle, seine Mutter hat keine Rentenansprüche, aber auch emotionale Gewalt, wobei sich der Autor auch selbst reflektiert und zur Debatte stellt, inwiefern seine Bücher über seine prekären Familienverhältnisse geschadet haben, wie Hinzmann betont. Die Situation der Mutter wird dabei zum "einigenden Familienprojekt", für ihre Rettung schließt er sich wieder mit seiner Schwester zusammen - dabei kommen viele Beispiele für ihr Zusammenleben zusammen, die für den Kritiker allerdings weitestgehend beliebig wirken und enttäuschen. Ihm gefällt aber, wie er schließt, die "karge, reduzierte Sprache", die er bei Louis kennt und schätzt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 29.01.2025

Edouard Louis erscheint nicht gerade als Sympath nach der Lektüre von Johanna Adorjans Kritik. Einmal mehr wendet sich der französische Starautor seiner Mutter zu, die nach dem Ausbruch aus ihrer Ehe wieder an einen Mann gerät, der trinkt und sie beschimpft. Sie wendet sich weinend an den Sohn,  der ihre "Flucht", wie er schreibt, von Athen aus digital organisiert: Er trackt ihr Autofahrt durch Paris zu seiner Adresse, wo Didier Eribon der Mutter die Tür öffnet, Essen lässt er ihr ebenfalls per Handy dorthin liefern, selbst Möbel suchen sie virtuell zusammen aus. Das ist aber nicht das, was die Kritikerin am meisten stört: Vielmehr nervt es sie, dass es in dem Roman einmal mehr um niemand anderen geht als um Louis selbst: Auch der Aktionismus, mit dem er der Mutter nun hilft, scheint laut Adorjan nur das schlechte Gewissen des Autors darüber, dass er das Elend der Familie für den eigenen Ruhm ausstellte, zu beruhigen. Zudem würde sich die Rezensentin wünschen, dass Louis endlich mal die Bourdieu-Brille absetzt: Nicht jeder gewaltätige Mann wird nur aufgrund von Umständen zu einem "leitenden Körper für Gewalt", nicht jede Frau bleibt nur aus Geldnot in einer unglücklichen Beziehung, gibt die Kritikerin dem Schriftsteller mit auf den Weg. Und wenn Louis sich schließlich dafür feiert, dass Falk Richter sein erstes Mutterbuch mit Eva Matthes in der Hauptrolle auf die Bühne des Hamburger Schauspielhauses (eine Kathedrale") bringen will, ruft ihm Adorjan eine jüdische Weisheit zu: "Mach dich nicht so klein, so groß bist du nicht!".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.01.2025

Édouard Louis bildet für den Rezensenten Tobias Rüther gemeinsam mit Didier Eribon die intellektuelle Speerspitze Frankreichs, beide haben mehrfach über die Zusammenhänge zwischen Armut, Bildung und dem Leben ihrer Mütter geschrieben. In diesem neuen Buch von Louis geht es um ein Thema, das auch angesichts des Falls Pélicot aktueller nicht sein könnte, die Mutter Monique flieht ein zweites Mal vor einem gewalttätigen Ehemann, sie ruft ihren Sohn an, der ihr hilft, finanziell und organisatorisch. Und der, berichtet Rüther, aus dieser Flucht und aus diesen unendlich vielen kleinen Szenen, aus denen sie zusammengesetzt ist, "globale" Erkenntnisse über Armut und Gewalt und die Erbarmungslosigkeit von beidem ableitet, eine Schreibweise von "szenischer Prosa" zu "peinlich genauen" Diagnosen seines Herkunftsmilieus, die sich für den Autor bewährt hat. Wie seine Mutter  mit wenig Geld in ein neues Leben startet, erinnert den Kritiker an Virginia Woolfs Diktum vom "eigenen Zimmer", das als emanzipatorisches  Motto auch rund 100 Jahre später noch Gültigkeit hat, wie er schließt.

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