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23.01.2025. Die Filmkritiker begrüßen mit Matthew Rankin, der in "Universal Language" iranisches Exilkino nach Winnipeg holt, einen neuen Hoffnungsträger des Weltkinos. Der Tagesspiegel erlebt in Berlin mit Werken aus Odessa eine Lehrstunde europäischer Kunstgeschichte. Hyperallergic sieht sich in Oslo von der norwegischen Malerin Else Hagen von Wolken feministischer Angst umhüllt . Die Auswahl zum Theatertreffen 2025 teilt die Gemüter: Radikal, meint die SZ, die soziale Apathie greift ins Ästhetische über, zürnt die Welt.
"Universal Language" von Matthew Rankin Der kanadische Filmemacher MatthewRankin "trägt die Lynchsche Fackel eines ganz persönlichen Surrealismus sehr behutsam weiter", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR zum Kinostart von Rankins "Universal Language", einer sehr persönlichen wie eigenwilligen Liebeserklärung an seine Heimatstadt Winnipeg. Gelungen ist Rankin damit "eine Perle am Wegesrand der Filmgeschichte", die auch deshalb verblüfft, weil in Winnipeg hier ausnahmsweise alle Farsi sprechen, die Achtziger wieder angebrochen zu sein scheinen und Rankin sich auch ansonsten der Mittel des iranischen Exilkinos bedient. "Das Besondere an Rankins poetischenIrritationen liegt darin, wie behutsam und doch wirkungssicher er mit ihnen hantiert, dabei frei von jeder Herablassung. Wenn sich Rankin überhaupt über etwas amüsiert, dann ist es ein spezifisch kanadischer Minderwertigkeitskomplex über die vermeintliche Provinzialität. Staunenswert und wirklich lynchhaft ist vor allem, wie Rankin hundert hinreißende Ideen in einen zusammenhängenden filmischen Erzählstrang webt, ohne sich in Kleinteiligkeit zu verlieren."
Dieser Film bietet die "Gelegenheit, einen neuen Hoffnungsträger des Weltkinos kennenzulernen", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ, "einen tatsächlich verschrobenen, keineswegs aber mittelmäßigen Visionär", der sich tief vor AbbasKiarostami verneigt. "Zugleich wird dessen Inspiration aber weitergedacht. Denn es geht nicht nur darum, den trügerisch einfachen Neorealismus, den das iranische Kino nach der Revolution unter den Bedingungen der Zensur weiter entwickelte, nach Kanada zu importieren. Rankin sucht nach einer Form, wie man in einem komplizierten Land von Identität erzählen kann."
"Wenn 'Universal Language' die Vermessung einer Stadt ist (Unwirtlichkeit, Überdimensionen etc.)", schreibt Stefanie Diekmann im Perlentaucher, dann "ist es zugleich eine Liebeserklärung, die weniger dem Winnipeg des Real Life als der Möglichkeit eines Ortes gilt, der mehr als eine Stadt enthält, mehr als eine Welt und eine Sprache, und der ohne das Prinzip der Diaspora in keinem Fall zu denken ist."
Außerdem: Dietrich Leder schwärmt in seiner Filmdienst-Kolumne von DominikGrafs aktuellem "Polizeiruf"-Thriller "Jenseits des Rechts" (hier in der Mediathek, mehr dazu bereits hier): "Selten war ein klassischer Whodunit so konsequent zu Ende erzählt und zugleich ad absurdum geführt." Hanns-Georg Rodek spricht für die Welt mit EdgarReitz über dessen "Filmstunde_23" (mehr zu dem Film hier). Jörg Taszman spricht für den Filmdienst mit dem Regisseur und Drehbuchautor MatthieuDelaporte über seine Dumas-Adaption "Der Graf von Montechristo". Urs Bühler porträtiert in der NZZ die Casterin CorinnaGlaus.
Besprochen werden die zweite Staffel des Apple-Erfolgs "Severance" (taz), MorganNevilles Biopic "Piece by Piece" über PharrellWilliams (taz), RichPeppiatts irische Rap-Komödie "Kneecap" (Freitag) und die ARD-Serie "A Better Place" (FAZ).
Judith von Sternburg berichtet in der FR von einem Vortrag von UljanaWolf über Lyrik. Im Tagesspiegel-Fragebogen gibt die Comiczeichnerin Aimée de Jongh Auskunft über ihre Arbeit. Patrick Bahners schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Comiczeichner JulesFeiffer.
Besprochen werden unter anderem JenniferDowns "Körper aus Licht" (Perlentaucher), UrsulaKrechels "Sehr geehrte Frau Ministerin" (FAZ) und SiegfriedLenz' "Dringende Durchsage" mit Erzählungen (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Gabriel von Max, Licht!, Anfang der 1870er Jahre. Odesa Museum für Westliche und Östliche Kunst / Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin / Eigentum des Museums für Westliche und Östliche Kunst Odesa. Foto: Christoph Schmidt Die Ausstellung "Von Odesa nach Berlin. Europäische Malerei des 16. bis 19. Jahrhunderts" in der Berliner Gemäldegalerie, die in Sicherheit gebrachte Werke aus dem Odessa Museum neben Werken der Sammlung zeigt, ist nicht nur ein "politisches Bekenntnis zur bedrohten Kultur in der Ukraine", hält Nicola Kuhn im Tagesspiegel fest. Sie wird auch zur "Lehrstunde europäischer Kunstgeschichte": "Die Paarung zweier Gemälde von Bernardo Strozzi ... demonstriert, wie viel dieser italienische Maler von Caravaggio lernte, dessen Dreiviertel-Figur und Helldunkel-Regie er übernahm. Bei dieser Begegnung stammt das frühere Werk aus Odessa, eine Ecce-Homo-Darstellung (um 1625), bei der das Inkarnat des leidenden Christus im Zentrum erstrahlt. Als Kontrast dazu reißt der Scherge neben ihm seinen Mund voll schwarz verfaulter Zähne auf. Auf dem Berliner Strozzi-Bild - 'Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers' - steht neben der Hauptfigur an seiner Stelle ein junges Mädchen mit glühenden Backen, das gedankenvoll auf den abgeschlagenen Schädel schaut."
Weitere Artikel: Auf Monopolwürdigt Ingo Arend die Ausstellung "Anlatı Gücü İttifakı / Narrative Power Alliance" im Barın Han in Istanbul, die der immer aggressiveren Anti-Gender-Stimmung in der Türkeiqueere Kunst entgegensetzt. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Henry van de Velde: "Reform of Life" in den Kunstsammlungen am Theaterplatz und im Henry van de Velde Museum in Chemnitz (Monopol) und Refik Anadols Ausstellung "Glacier Dreams" im Kunsthaus Zürich, in der der türkische Künstler Kunst, KI und Klimakrise zusammenbringt (NZZ).
Die Jury des Berliner Theatertreffens hat die zehn "bemerkenswertesten" Stücke aus 738 Inszenierungen der vergangenen zwölf Monate gekürt, mit dem letzten René-Pollesch-Stück "Ja nichts ist ok" (unsere Resümees) und Florentina Holzingers Hindemith-Bearbeitung "Sancta" (unsere Resümees) ist die Volksbühne gleich zweimal vertreten. In der SZ begrüßt Peter Laudenbach die vielfältige Auswahl: "Alle sind sie ziemlich eigenwillig und auf je unterschiedliche Weise radikal, sei es in der emotionalen Ungeschütztheit, sei es in der Freude an Exzess und Grenzüberschreitung." Welt-Kritiker Jakob Hayner zürnt hingegen: Alles ziemlich in sich gekehrt, die großen Konflikte bleiben außen vor, meint er: "Die soziale Apathie greift ins Ästhetische über. Wo bleiben die Wiederbelebungsmaßnahmen? Die Pressekonferenz zum diesjährigen Theatertreffen erweckt den Eindruck, dass man sich nicht genötigt sieht, dem Publikum groß entgegenzukommen. Fürs Rahmenprogramm wird ein Ehemaligentreffen aus den vergangenen Jahrzehnten des hauseigenen Internationalen Forums in Aussicht gestellt. Das wirkt ausgesprochen selbstbezogen." In der nachtkritikkommentiert Christian Rakow die Auswahl.
Szene aus "Echo 72. Israel in München". Bild: Sandra Then Für die Zeit besucht Christine Lemke-Matway den jüdischen Komponisten Michael Wertmüller, bei den Proben zu seiner sechsten Oper "Echo 72. Israel in München" über das Olympia-Attentat, die am kommenden Samstag am Staatstheater Hannover uraufgeführt wird. Die Oper konzentriert sich auf die Sicht der Opfer: "Die Figuren im Stück heißen 'Ein Trainer', 'Eine Fechterin' oder 'Ein Polizist', sie bleiben abstrakt, verweigern jede Psychologie. Abstrakt ist auch Schimmelpfennigs Libretto, stellt halb poetische, halb lapidare Betrachtungen zu 'Theorie und Praxis' der jeweiligen Sportarten an. Narrativ zusammengeschnürt wird der Textkörper von einer Sprechrolle, der 'Klage', die die Ereignisse am 5. September 1972 im olympischen Dorf in München rapportiert und skandiert. Auf der Bühne verkörpert die junge schwarze Sängerin Idunnu Münch die 'Klage', im Video - und diese Bild- und Soundkarambolage ist zweifellos eine der stärksten Szenen des Abends - übernimmt die Schauspielerin Corinna Harfouch die Partie und grüßt als Dagmar-Berghoff-Verschnitt von einem körnig flimmernden Fernsehschirm. Wertmüllers Partitur vollzieht die Bewegung einer Schlinge nach, die sich immer fester zuzieht. Diese Oper rennt musikalisch, emotional, politisch 90 Minuten lang gegen die Wand. Schüsse knallen, eine Totenglocke läutet, Riffs jaulen."
Weitere Artikel: Irene Bazinger freut sich in der FAZ auf den Hildegard-Knef-Abend "Noch da! 100 Jahr, blondes Haar" von Ulrich Michael Heissig aka Irmgard Knef. In der tazfasst sich Michael Bartsch an den Kopf: Am Mittwoch erhielt Georg Genoux, Leiter des soziotheatralen Zentrum Thespis einen der beiden Förderpreise zum Lessingpreis, gleichzeitig strich der Sächsische Freistaat dem Theater sämtliche Förderungen. Regine Müller staunt bei VAN, dass das Theater an der Wien nach zwei Jahren Generalsanierung den Betrieb schon wieder aufnehmen kann.
Besprochen werden Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" am Staatstheater Meiningen (FAZ), Tatjana Gürbacas Inszenierung der Berlioz-Oper "Die Trojaner" an der Oper Graz (FAZ), Amelie von Godins Inszenierung "Schimmernde Schluchten" nach Anais Clerc an den Bühnen Bern (nachtkritik), Christian Thausings Inszenierung der Johann-Strauss-Operette "Das Spitzentuch der Königin" am Theater an der Wien (NZZ) und Silvia Costas Inszenierung der Stockhausen-Oper "Montag aus Licht" an der Opéra de Lille (VAN, mehr hier).
Manuel Brug berichtet in der Welt vom Protest der Komponisten aus Klassik und Neuer Musik gegen den Plan der GEMA, beim Verteilen der Tantiemen auf E-Musik keine besondere Rücksicht mehr zu nehmen (mehr dazu bereits hier). Bislang war es so, dass Aufführungen ernster Musik gegenüber Unterhaltungsmusik etwas mehr vergütet wurden. Fällt dies, heißt das: "Alle sollen die gleichen Anteile je nach Aufführungshäufigkeit bekommen. Das heißt, die, die ohnehin schon sehr viel haben, bekommen noch mehr." Bislang kommen bei E-Komponisten geschätzt "im Durchschnitt 4000 Euro aus Tantiemen und 10.000 aus anderen Schlüsselkriterien an. Sollten diese Zuwendungen wegfallen oder sich drastisch reduzieren, wird es für manche eng, die nicht in der schmalen Blase der Neuen Musik geschmacklich angesagt sind und auskömmlich mit Aufträgen, Residenzen und Professuren ausgestattet werden."
Weitere Artikel: Merle Krafeld spricht für VAN mit dem Komponisten BertholdTuercke über dessen am Holocaust-Gedenktag unter dem Dirigat von VladimirJurowski uraufgeführtes Stück "Aus Geigen Stimmen", das er eigens für die Sammlung "Violins of Hope" geschrieben hat, welche aus Instrumenten von Holocaust-Überlebenden zusammengesetzt ist. Albrecht Selge berichtet in VAN vom Luzerner Festival Le Piano Symphonique mit Konzerten von unter anderem MarthaArgerich und EvgenyKissin (mehr dazu bereits hier), Stephanie Grimm stellt in der taz die Arbeit des Vokalensembles Bodies der Musikerin KatFrankie vor. Yelizaveta Landenberger porträtiert für die taz den Musiker AlanCourtis und dessen experimentelle Rockband Reynols. Frederik Hanssen verzweifelt im Tagesspiegel über das Klassikprogramm vom Berliner Sender Radio 3, dem früheren RBB Kulturradio. Harry Nutt (FR) und Karl Gedlicka (Standard) schreiben Nachrufe auf GarthHudson von TheBand.
Besprochen werden ein neues Album von FranzFerdinand (FR), das neue Countryalbum von RingoStarr (NZZ) und ein Konzert des EnsembleModern (FR).
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